Von den Zeitlosen lernen

 

Die hier im Weiteren genannten Zeitlosen stehen nur beispielhaft für etliche weitere, die mehr oder weniger bekannt sind. Sie alle sind keine geschichtslosen Gestalten. Sie wurden geboren, hatten Eltern, eine Sprache, eine umgebende Landschaft, ein Klima, ein Handwerk, ein religiöses Umfeld. Sie kannten die Moden ihrer Epoche, die Zwänge ihrer Gesellschaft, die Begrenzungen ihres Alltags. Und doch scheint all das – wenn man ihre Schriften, Spuren oder stillen Wirkungen betrachtet – wie ein dünner Schleier über etwas Tieferem zu liegen.

Zeitlose sind Menschen, deren innere Orientierung so sehr aus einer anderen Quelle schöpfte, dass die Umstände ihres Jahrhunderts und des Ortes ihres Lebens wie Randnotizen erscheinen. Ihre Präsenz, ihre Schau berühren etwas, das nicht von gestern ist und nicht von morgen, sondern aus einer Quelle, die immer zugänglich war und ist. Das macht sie nicht unirdisch, sondern ungewöhnlich geerdet: Sie sind vollständig in ihrer Zeit, aber sie ragen – zumindest anteilig – über sie hinaus.

Man könnte sagen, sie lebten aus und in einer Wirklichkeit, die nicht vom Kalender abhängt. Ihre Einsichten wirken, als wären sie gestern gefunden worden, obwohl sie in einem Kloster des 12. Jahrhunderts, in einer Hütte des 3. Jahrhunderts oder in einem Garten des 21. Jahrhunderts formuliert wurden. Was sie sehen, sagen oder andeuten, scheint nicht zu altern. Es ist, als würde sich an ihnen zeigen, dass Wahrheit – wenn sie klar genug gesehen wird – keinen Zeitstempel trägt.

Die Zeitlosen sprechen in den wesentlichen Dingen, die sie zu sagen haben, nicht im Jargon ihrer Epoche. Sie sprechen aus einer Tiefe, die sich in jedem Jahrhundert gleich anhört. Manchmal erscheinen sie deshalb fremd – nicht weil sie aus einer anderen Kultur kommen, sondern weil sie die gängigen Selbstverständlichkeiten ihrer Epoche nicht anklingen ließen.

Sie gehören weder zu den „Modernen“ noch zu den „Alten“. Sie gehören einer anderen Kategorie an: derjenigen, die das Wesentliche berühren, und das Wesentliche erkennt man wieder, egal wann man lebt. Wenn ein Text aus dem Jahr 300 oder 1300 oder 2025 dieselbe innere Bewegung auslöst oder dieselbe Weite, dann ist man wahrscheinlich einem Zeitlosen begegnet.

Dass es sie bereits vor uns übermittelten Berichten und an heute vergessenen Orten gab, liegt nahe. Überlieferung ist aber ohnehin lückenhaft; sie bewahrt nicht das Tiefgründige. Viele Zeitlose waren wohl zu leise, zu unspektakulär, zu wenig bereit, im Vordergrund zu erscheinen. Sie hinterließen manchmal Spuren, aber nicht oft Schriften. Manche flackern nur in einem Satz eines Schülers auf. Manche gar nicht – außer im stillen Nachglanz ihres Wirkens oder in märchenhaften Anklängen.

Zeitlosigkeit ist keine Eigenschaft, die man sich aneignet. Sie ist eher eine Folge dessen, dass jemand das Zeitgebundene wirklich durchschaut hat. Wer die Muster seiner Epoche erkennt, kann sie hinter sich lassen. Er lebt mitten darin – aber weil er nicht an die Vorstellungen seines Jahrhunderts gebunden ist, kann er etwas berühren, das durch Jahrhunderte hindurch unverändert bleibt.

Die Zeitlosen sind also keine Legenden, sondern Menschen. Nur dass ihr Blick – manchmal, vielleicht nur für einen Augenblick – frei wurde von der Enge ihrer Zeit. Und dieses Frei-Werden wirkt in jeder Epoche gleich gegenwärtig.

So könnte man sagen: Zeitlos wird, wer wirklich gegenwärtig ist. Wer auf das Wirkliche hört und das Eigentliche so klar sieht, dass es aus jeder Zeit herüberleuchtet, als wäre es heute gesprochen.