Zeus und der Esel

 

Eine Fabel über Last, Wunsch und Maß

 

 

Es war zur Zeit, da die Götter noch manchmal unter den Menschen wandelten. Ein grauer Esel trug Holz über einen Pfad, der aus Felsen, Steinen und Hitze bestand. Der Stock pfiff, die Fliegen bissen, der Schweiß brannte in den Augen. Als die Kuppe des Hügels erreicht war, blieb der Esel stehen. Er hob den Kopf, so hoch es der Knotenstrick erlaubte, und sprach nicht mit Worten, sondern mit einem langen, vom Zwerchfell aufsteigenden Laut, der zugleich Klage und Frage war. Die Luft trug ihn nach oben.

Zeus hörte. Nicht, weil der Ton laut war, sondern weil darin nichts Verstelltes lag. Er rief Hermes, den mit den leichten Sandalen: „Geh hinab und sieh, was der Langmütige begehrt. Prüfe auch, ob sein Wunsch Grund hat oder nur Wind ist.“

Hermes kam in Gestalt eines Wanderers mit einem ledernen Wasserschlauch. Er ging ein Stück neben dem Esel her und fragte: „Wohin, Freund?“

„Wohin man mich treibt“, brummte der Esel. „Ich trage, was man mir auflegt.“

„Und was wünschst du?“

„Einen Herrn, der leichter lädt. Ein Leben, das nicht nur Schläge kennt. Ist das so viel?“

Hermes sah die Striemen, die alten und die frischen. „Nicht viel,“ sagte er, „aber manches, was klein scheint, hat tiefe Wurzeln.“

Er nickte gegen den Himmel, und als am Abend der Handel im Dorf gemacht war, wechselte der Esel den Besitzer.

Sein neuer Herr war ein Gerber. Anfangs klang das verheißungsvoll: Häute und Bündel statt Holzstämme und schwere Karren. Doch bald roch das Leben nach Laugen und Rauch, und die Lasten wurden nicht leichter, nur anders verteilt. Der Gerber schlug aus dem Handgelenk, nicht aus der Schulter, aber er schlug auch mit Worten. Einmal, als der Esel an einer Pfütze stehen blieb, fasste der Mann ihm grob an die Lefzen und sagte nur halb im Spaß: „Wenn du alt wirst, taugt deine Haut noch.“

Der Esel verstand mehr, als der Mensch meinte. Nachts träumte er. Er sah drei Frauen an einem dunklen Ufer, die Fäden zogen: Die eine spann, die zweite maß, die dritte schnitt. „Wir sind nicht grausam“, sagte die, die maß, „wir sind genau.“

„Und was ist mit Gnade?“ fragte der Esel.

„Gnade gibt es“, sagte die, die schnitt, „aber für die, die Maß lernen.“

Am Morgen trug der Esel weiter. Er begegnete einem Pferd, glatt wie poliertes Holz, mit einer Mähne, in der der Wind spielte. Es zog den Streitwagen eines Adligen, leicht und stolz. Als sie Seite an Seite an einem Brunnen tranken, fragte der Esel: „Ist dein Los leichter als meines?“

Das Pferd schnaubte: „Leichter? Wir fliegen, wenn sie kämpfen, wir stürzen, wenn sie verlieren. Bei uns zählt ein Schritt, der nicht zittert. Deine Lasten sind stumpf; unsere sind scharf.“

Der Esel schwieg. Lasten haben verschiedene Namen.

Wieder hob er in der Abendglut seinen Blick. „Zeus“, sagte er diesmal klarer, „ich bat um einen anderen Herrn und habe bekommen, was schlimmer schmeckt. Warum gibst du, was wehtut?“

Da zogen fern die Wolken zusammen, doch es donnerte nicht. Stattdessen stand plötzlich ein alter Mann am Wegrand, mit ruhigen, gelben Augen. Keiner im Dorf kannte ihn; Hunde bellten nicht. „Warum trägst du?“ fragte der Alte.

„Weil ich nicht wählen kann“, sagte der Esel.

„Du wählst jeden Schritt“, erwiderte der Alte. „Nicht den Pfad vielleicht, aber den Schritt. Den Atem. Wo du den Rücken rund machst, wo du ihn trägst wie einen Bogen. Ob du vor dem Schlag zuckst oder deine Muskeln vorher spannst. Ob du beim Trinken gierig schnaubst oder wartest, bis die Zunge wie Wasser wird. Der Herr sieht nur deine Haut. Du kannst mehr als Haut sein.“

Der Esel dachte daran, wie er gewöhnlich zog: Hastig, gegen den Zügel, im Widerstand. Er merkte, wie viel Kraft im „Dagegen“ verloren ging. Am nächsten Tag probierte er etwas, das kein Zauber war: Er setzte früher an, senkte die Hüfte, atmete lang durch die Nase, bevor das Tau straff wurde. Er blieb vor jeder Schwelle kurz stehen, spürte das Gewicht auf den Schultern, ließ es durch die Flanken in die Hinterhand sinken, vorsichtig, geduldig. Das Holzknarren, das er kannte, war hier ein anderes: das Knistern der Gerbergestelle, das Rauschen der trocknenden Häute im Wind. Aber die Physik des Tragens war dieselbe.

Der Gerber staunte, weil die Lasten plötzlich pünktlich ankamen, ohne gebrochene Riemen. Sein Arm ruhte mehr, sein Zorn fand weniger Anlass. Er sagte es nicht, weil Menschen selten sagen, was sie nur unbewusst merken, doch sein Schlag wurde seltener. Ein Kind aus dem Nachbarhaus begann, dem Esel am Abend die Ohren zu kraulen, weil der Esel nicht mehr nach Bissigkeit roch, sondern nach müder Ruhe. Kleine Dinge, aber der Tag hatte nun Fugen.

Nach drei Monden kehrte Hermes als Wanderer zurück. „Nun, Freund, ist dein Los leichter geworden?“

Der Esel überlegte. „Manches nicht. Die Häute sind schwer, der Rauch brennt. Aber ich kenne jetzt meinen Schritt, und er trägt mich durch den Tag, nicht nur die Last. Das ist etwas.“

„Du hast gelernt, was du selbst bestimmen kannst“, sagte Hermes, „und was nicht. Zeus ist nicht der Händler deiner Wünsche, er ist das Maß, das dich prüft. Manchmal ändert er den Herrn, damit du den Träger erkennst.“

In jener Nacht träumte der Esel noch einmal von den drei Frauen am Ufer. „Maß“, sagte die, die schnitt, „ist kein kleiner Gott. Es ist eine Kunst.“

„Und Gnade?“ fragte der Esel.

„Gnade kommt zu denen, die Maß üben, ohne stolz zu werden“, antwortete die, die maß, und legte einen Finger auf die Spule, bis sie die rechte Dicke hatte.

Am Morgen stand der Gerber lange neben dem Esel, legte die Hand auf dessen Hals und sagte leise, fast verlegen: „Altes Tier, du machst mich ruhiger.“ Er holte einen breiteren Gurt, der nicht schnitt, und strich das Fell dort, wo die alten Striemen waren. Das Kind lachte; der Tag roch nach Leder, aber auch nach Brot.

Ob Zeus gelacht hat, weiß niemand. Götter lachen selten am Ende. Doch wer genau hinsah, erkannte im Staub des Hofes eine Spur, die so leicht war, als hätte sie ein Schuh mit gefiederten Riemen gemacht.