Fariduddin Attar (etwa 1145 bis 1221)

 

Mystiker der Gottesfreundschaft

 

 

Fariduddin Attar, meist einfach Attar genannt, gehört zu den bedeutendsten Mystikern und Dichtern des persischen Sufismus. Sein vollständiger Name lautete Abu Hamid Muhammad ibn Abu Bakr Ibrahim. Er wurde vermutlich um 1145 in der Stadt Nishapur im Nordosten des heutigen Iran geboren und starb wahrscheinlich zwischen 1220 und 1221 während der mongolischen Eroberungen.

Über sein Leben ist nur vergleichsweise wenig mit Sicherheit bekannt. Wie bei vielen mittelalterlichen Mystikern vermischen sich historische Tatsachen und spätere Legenden. Das meiste, was wir über ihn wissen, stammt aus seinen eigenen Schriften sowie aus späteren Berichten von Sufi-Autoren.

Der Beiname „Attar“ bedeutet „Parfümhändler“ oder „Apotheker“. Wahrscheinlich arbeitete er lange Zeit in der Apotheke seines Vaters oder führte später eine eigene. Dort kam er täglich mit Kranken, Leidenden und Sterbenden in Berührung. Die Begegnung mit menschlichem Leid und Vergänglichkeit scheint einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht zu haben und könnte seinen spirituellen Weg entscheidend geprägt haben.

Einer bekannten Überlieferung zufolge wurde Attar durch die Begegnung mit einem Derwisch aufgerüttelt. Der Bettelmönch fragte ihn, wie er denn zu sterben gedenke. Als Attar dies als unverschämte Frage zurückwies, legte sich der Derwisch auf den Boden, sprach ein Gebet und starb. Ob diese Geschichte historisch ist, lässt sich nicht feststellen, doch sie spiegelt das zentrale Thema von Attars Werk wider: die Erkenntnis der Vergänglichkeit und die Suche nach Gott.

Attar schloss sich dem Sufismus an und widmete sich zunehmend dem spirituellen Leben. Er unternahm vermutlich Reisen nach Irak, Syrien, Saudi-Arabien und möglicherweise anderen Regionen der islamischen Welt. Historiker sind sich allerdings nicht sicher, wie umfangreich diese Reisen tatsächlich waren.

Sein literarisches Werk ist gewaltig. Ihm werden über hundert Schriften zugeschrieben, auch wenn nicht alle authentisch sein dürften. Zu seinen wichtigsten Werken gehören:

- Die Vogelgespräche (Mantiq at-Tair)
- Das Buch der Leiden
- Das Buch der Geheimnisse
- Das Göttliche Buch
- Gedenkbuch der Gottesfreunde

Besonders berühmt wurde Attar durch die „Vogelgespräche“. Darin machen sich die Vögel der Welt auf die Suche nach ihrem König, dem Simurgh. Nach zahlreichen Prüfungen erreichen nur dreißig Vögel das Ziel und erkennen schließlich, dass der gesuchte König und ihr eigenes tiefstes Wesen eins sind. Diese Erzählung gilt als eines der größten Meisterwerke der Weltliteratur und als klassische Darstellung des mystischen Weges.

Attars Einfluss auf die islamische Mystik war enorm. Der große persische Dichter Dschalal ad-Din Rumi verehrte ihn ausdrücklich. Ein berühmter Ausspruch, der Rumi zugeschrieben wird, lautet: „Attar durchwanderte die sieben Städte der Liebe, wir befinden uns noch in einer einzigen Gasse.“ Ob dies wörtlich überliefert ist, ist unsicher, doch es verdeutlicht die hohe Wertschätzung.

Während der mongolischen Invasion unter Dschingis Khan wurde Nishapur verwüstet. Nach der verbreitetsten Überlieferung fiel Attar dabei den Eroberern zum Opfer. Eine Legende berichtet, ein mongolischer Soldat habe ihn gefangen genommen. Als jemand anbot, Attar für tausend Silberstücke freizukaufen, soll Attar gesagt haben, man solle noch warten, denn er sei mehr wert. Später bot jemand nur einen Sack Stroh. Da habe Attar gesagt, nun könne man ihn verkaufen, denn mehr sei sein irdischer Körper tatsächlich nicht wert. Daraufhin habe der Soldat ihn getötet. Auch diese Geschichte ist wahrscheinlich eher symbolisch als historisch.

Attars Bedeutung liegt nicht nur in seiner Dichtung, sondern auch in seiner Verbindung von spiritueller Tiefe, psychologischer Einsicht und erzählerischer Kraft. Seine Werke schildern immer wieder dieselbe Grundbewegung: Der Mensch sucht Gott außerhalb seiner selbst, bis er erkennt, dass die letzte Wirklichkeit nur durch die Überwindung des eigenen Ichs gefunden werden kann. Damit gehört Attar zu den wichtigsten Stimmen der gesamten mystischen Weltliteratur.

 

 

Das Buch der Leiden

 

Das Buch der Leiden (persisch: Muṣībat-nāma, „Buch der Heimsuchung“ oder „Buch der Bedrängnis“) ist eines der großen mystischen Werke von Fariduddin Attar. Es entstand vermutlich gegen Ende des 12. Jahrhunderts und gehört neben dem berühmteren Werk Die Konferenz der Vögel zu Attars wichtigsten Dichtungen.


Das Buch ist nicht nur ein Lehrgedicht, sondern eine große Sammlung von Geschichten, Gleichnissen und Begegnungen. Attar war ein Meister darin, tiefe spirituelle Einsichten nicht abstrakt zu erklären, sondern in kurze Erzählungen zu kleiden. Viele dieser Geschichten wirken zunächst einfach, entfalten aber nach längerem Nachdenken eine erstaunliche Tiefe.

Ein wiederkehrendes Motiv ist der Mensch, der etwas sucht, das er bereits besitzt. Ein Suchender durchwandert die Welt auf der Suche nach einem Schatz, nur um am Ende zu erkennen, dass der Schatz die ganze Zeit in seinem eigenen Haus verborgen lag. Attar verwendet dieses Motiv immer wieder in unterschiedlichen Variationen. Die äußere Suche ist notwendig, weil der Mensch die innere Wahrheit zunächst nicht erkennen kann. Doch gerade die lange Wanderung führt ihn schließlich zurück zu sich selbst.

Eine andere häufige Geschichte handelt von Menschen, die von ihren eigenen Vorstellungen gefangen gehalten werden. Ein Gelehrter sammelt Wissen und gewinnt Ansehen, erkennt aber irgendwann, dass sein Wissen ihn eher von Gott trennt als zu ihm führt. Er kennt tausend Begriffe, aber nicht die Wirklichkeit, auf die sie verweisen. Hier zeigt sich Attars Skepsis gegenüber rein intellektueller Spiritualität. Wissen ist nicht wertlos, aber es kann zu einem Gefängnis werden.

Besonders eindrucksvoll sind die Erzählungen über Liebende. Für Attar ist die Liebe eine Kraft, die stärker ist als Vernunft, Besitz, Ruhm oder religiöse Regeln. Der wahre Liebende verliert sein Interesse an sich selbst. Nicht weil er sich verachtet, sondern weil etwas Größeres ihn ergriffen hat. Viele Gestalten in Attars Geschichten erscheinen den Vernünftigen wie Narren, während sie in Wirklichkeit näher an der Wahrheit sind als die Klugen.

Immer wieder erzählt Attar von Königen und Bettlern. Der König steht dabei häufig für das Ich, das herrschen und kontrollieren will. Der Bettler symbolisiert den Menschen, der seine Bedürftigkeit erkannt hat. Nicht selten zeigt sich am Ende, dass der Bettler reicher ist als der König, weil er etwas besitzt, das mit Macht nicht erworben werden kann.

Ein weiteres wichtiges Motiv ist das Scheitern. In modernen spirituellen Büchern werden oft Erfolgsgeschichten erzählt. Bei Attar scheitern die Menschen ständig. Ein Asket erkennt, dass sein Fasten von Stolz durchsetzt war. Ein Gelehrter erkennt, dass sein Wissen Eitelkeit nährte. Ein Frommer erkennt, dass er mehr seine Frömmigkeit liebte als Gott. Solche Geschichten sollen nicht entmutigen. Sie sollen zeigen, dass die größten Hindernisse oft gerade in den Dingen liegen, die wir für unsere Stärken halten.

Besonders nahe an der apophatischen Tradition sind jene Erzählungen, in denen jede Antwort wieder zerfällt. Der Suchende erhält eine Erkenntnis, freut sich darüber und hält sie fest. Kurz darauf erkennt er, dass auch diese Erkenntnis nur ein weiterer Schleier ist. Wieder muss er loslassen. Dann folgt die nächste Einsicht, die wiederum losgelassen werden muss. So entsteht ein Blick, der an die christliche Wolke des Nichtwissens, an Pseudo-Dionysius oder an Meister Eckhart erinnert. Die Wahrheit wird nicht gefunden, indem immer mehr Begriffe angehäuft werden, sondern indem Schicht um Schicht der Anhaftung verschwindet.

Eine Geschichte, die Attar besonders liebt, handelt vom Tropfen und vom Meer. Der Tropfen fürchtet sich davor, seine Eigenständigkeit zu verlieren. Er möchte das Meer erkennen, aber Tropfen bleiben. Erst als er sich hingibt, erkennt er, dass er nie etwas anderes war als Wasser. Viele Sufis haben dieses Bild später aufgegriffen. Es beschreibt die Spannung zwischen individueller Identität und der Erfahrung einer größeren Wirklichkeit.

Überhaupt kreist das ganze Werk um einen Gedanken: Der Mensch glaubt, Gott sei fern, verborgen oder unerreichbar. Deshalb sucht er in der Welt, in Büchern, in Lehrern, in religiösen Praktiken und in außergewöhnlichen Erfahrungen. All das hat seinen Wert. Doch schließlich erkennt er, dass die eigentliche Entfernung nicht zwischen ihm und Gott besteht, sondern zwischen ihm und seiner eigenen Tiefe. Die Reise durch die Welt erweist sich am Ende als Reise nach innen.

Gerade deshalb wirkt das Buch der Leiden auf viele Leser ernster und philosophischer als die Konferenz der Vögel. Die Vögel ziehen gemeinsam aus und erleben ein großes Abenteuer. Im Buch der Leiden steht dagegen die Einsamkeit des Suchenden im Vordergrund. Er verliert eine Gewissheit nach der anderen. Was bleibt, ist zunächst Leere. Doch diese Leere erweist sich nicht als Verlust, sondern als Tor.