Ein Dialog mit Attar
Die Heimkehr des Suchenden
Ein Schüler fragte Attar: „Meister, warum scheint Gott so fern? Ich bete, ich lese, ich denke über die Wahrheit nach, und doch bleibt etwas zwischen mir und Ihm. Manchmal glaube ich sogar, Er
habe mich verlassen.“
Attar antwortete: „Wenn ein Mann die Sonne sucht, während er mit geschlossenen Augen umherläuft, wer ist dann von wem getrennt? Ist die Sonne fern, oder sind seine Augen verschlossen?“
Der Schüler sagte: „Dann bin ich also selbst die Ursache der Trennung?“
Attar lächelte. „Nicht du. Aber das, was du für dich hältst. Du hast ein Haus aus Gedanken gebaut und sitzt darin wie ein Gefangener. Du hast Wände errichtet aus Hoffnungen, Ängsten,
Erinnerungen, Plänen, Urteilen und Wünschen. Dann blickst du aus einem kleinen Fenster und fragst, warum die Welt so eng geworden ist.“
„Aber sind diese Dinge nicht Teil meines Lebens?“
„Gewiss. Doch sie sind nicht dein Wesen. Der Reisende verwechselt oft seinen Proviant mit dem Ziel seiner Reise.“
Der Schüler schwieg eine Weile und fragte dann: „Leidet der Mensch also an seinen Gedanken?“
„Nicht an den Gedanken selbst. Er leidet daran, dass er ihnen glaubt. Er leidet daran, dass er sich an sie bindet. Der Gedanke ist wie ein Vogel, der über den Himmel zieht. Das Leiden beginnt
erst, wenn du versuchst, ihn einzufangen und in einen Käfig zu sperren.“
„Und Gott? Wo ist Gott in all dem?“
Attar antwortete: „Du sprichst von Gott, als wäre Er ein Gegenstand, den man verlieren könnte. Als läge Er irgendwo hinter dem nächsten Berg oder hinter dem letzten Stern. Aber wie könnte der
verloren gehen, in dem alles lebt? Wie könnte der fern sein, der näher ist als dein eigener Atem?“
Der Schüler sagte: „Wenn das so ist, warum erfahren wir diese Nähe nicht?“
Attar hob einen Stein vom Boden auf. „Wenn dieser Stein auf deiner Brust liegt, spürst du sein Gewicht. Wenn hundert Steine auf deiner Brust liegen, spürst du kaum noch etwas anderes. Die
Menschen tragen ganze Berge mit sich herum. Berge aus Begierde. Berge aus Angst. Berge aus Stolz. Berge aus Selbstbildern. Und unter all diesen Lasten fragen sie, warum sie die Leichtigkeit
Gottes nicht spüren.“
„Dann muss ich die Berge loswerden?“
„Du musst erkennen, dass du sie trägst.“
„Ist das nicht dasselbe?“
„Nein. Wer gegen seine Last kämpft, bindet sich oft nur noch stärker an sie. Wer sie wirklich sieht, beginnt sie loszulassen. Das Licht vertreibt die Dunkelheit nicht durch Kampf. Es erscheint
einfach.“
Der Schüler dachte lange nach. „Im Buch der Leiden sprichst du oft von Schmerz, Verlust und Sehnsucht. Sind diese Dinge also nicht Hindernisse?“
Attar antwortete: „Manche Hindernisse sind aus Gold, manche aus Eisen. Die aus Gold sind oft gefährlicher. Reichtum, Ansehen, Selbstzufriedenheit, Gelehrsamkeit – all dies kann den Menschen
einschläfern. Das Leid aber besitzt manchmal die Macht, ihn aufzuwecken. Darum ist nicht jedes Leid ein Feind. Manches Leid ist ein Bote.“
„Ein Bote?“
„Ja. Es zeigt dir die Stelle, an der du noch festhältst. Der Schmerz verrät die Bindung. Wenn nichts festgehalten wird, was könnte dann verletzt werden?“
„Soll man also das Leiden suchen?“
„Nein. Wer das Leiden sucht, hat nur ein neues Götzenbild erschaffen. Suche weder das Leiden noch das Vergnügen. Suche die Wahrheit. Und die Wahrheit wird dir zeigen, was abgelegt werden
muss.“
Der Schüler fragte: „Was bleibt übrig, wenn alles abgelegt wurde?“
Attar schaute ihn lange an. „Diese Frage kann nur der stellen, der noch glaubt, etwas zu verlieren.“
„Und verliere ich nichts?“
„Der Tropfen verliert den Tropfen. Aber er entdeckt das Meer.“
„Und das Ich?“
„Das Ich verliert seine Herrschaft. Es verliert seine Träume von Getrenntheit. Es verliert seine eingebildete Wichtigkeit. Doch was wirklich ist, geht nicht verloren.“
Der Schüler sagte: „Ich beginne zu verstehen. Der Mensch leidet also nicht an der Abwesenheit Gottes.“
„Nein.“
„Er leidet an allem, was er zwischen sich und Gott gestellt hat.“
„Ja.“
„Und wenn diese Hindernisse fallen?“
Attar lächelte. „Dann geschieht etwas Merkwürdiges. Der Suchende entdeckt, dass er niemals wirklich von Gott getrennt war. Er erkennt, dass die lange Reise durch Wüsten und Täler ihn nicht zu
Gott geführt hat. Sie hat nur die Schleier entfernt, die seine Sicht verdeckten.“
„Und das Ziel?“
„Das Ziel war am Anfang da.“
„Und die Suche?“
„Die Suche war der Weg, auf dem du gelernt hast, es zu sehen.“
Der Schüler senkte den Kopf.
Nach einer langen Stille sagte Attar: „Die meisten Menschen bitten Gott, näher zu kommen. Der Weise bittet darum, dass das verschwinde, was dazwischensteht. Denn Gott muss keinen Schritt tun. Der
Mensch ist es, der aufhören muss, vor Ihm davonzulaufen.“