Madame Guyon
Ein Gespräch über das innere Gebet
Schülerin: „Madame, ich habe gebetet, wie man es mich lehrte – mit Worten, mit Gedanken, mit Bildern. Doch je mehr ich mich bemühe, desto unruhiger werde ich. Ist das mein Versagen?“
Madame Guyon: „Nein. Es ist ein Zeichen, dass du beginnst zu hören. Unruhe entsteht oft dort, wo das Ich noch arbeitet und merkt, dass seine Mittel nicht ausreichen.“
Schülerin: „Aber soll ich mich nicht anstrengen? Sollte das Gebet nicht gesammelt, aufmerksam, bewusst sein?“
Madame Guyon: „Aufmerksamkeit, ja. Anstrengung, nein. Es gibt eine Aufmerksamkeit, die greift, und eine, die offen bleibt. Das innere Gebet beginnt dort, wo du aufhörst, etwas festhalten zu
wollen.“
Schülerin: „Wenn ich nichts tue, zerstreuen sich meine Gedanken. Dann ist da Leere oder Müdigkeit.“
Madame Guyon: „Die Gedanken zerstreuen sich nicht, weil du zu wenig tust, sondern weil du sie nicht mehr beschäftigst. Lass sie ziehen. Auch Müdigkeit darf da sein. Gott verlangt keine Wachheit
des Willens, sondern Offenheit des Herzens.“
Schülerin: „Und wenn ich nichts empfinde? Keine Nähe, keinen Trost, kein inneres Licht?“
Madame Guyon: „Dann bist du dem Gebet oft näher, als du glaubst. Solange du nach Empfindung suchst, suchst du etwas für dich. Gott kommt nicht als Gefühl, sondern als Wirklichkeit.“
Schülerin: „Das macht mir Angst. Wenn ich nichts habe, woran ich mich halte, verliere ich mich.“
Madame Guyon: „Du verlierst nur das, was dich bisher festgehalten hat. Was du wirklich bist, geht nicht verloren. Es wird stiller.“
Schülerin: „Also soll ich auch den Wunsch nach Gott loslassen?“
Madame Guyon: „Nicht gewaltsam. Lass ihn ruhig da sein – und lass ihn ebenso ruhen. Gott ist näher als dein Wunsch nach ihm.“
Schülerin: „Aber ist das nicht gefährlich? Kann man sich dabei nicht täuschen oder träge werden?“
Madame Guyon: „Gefährlich ist nicht das Lassen, sondern das Festhalten. Trägheit entsteht aus Gleichgültigkeit. Das innere Gebet aber macht feinfühlig. Wer wirklich still wird, wird nicht
kalt.“
Schülerin: „Und was bleibt dann vom Glauben? Von Lehre, Übung, Moral?“
Madame Guyon: „Sie verlieren nicht ihren Platz, aber ihren Thron. Sie dienen, sie herrschen nicht. Was aus der Stille kommt, trägt weiter als das, was aus Anstrengung geboren wird.“
Schülerin: „Ich fürchte, dass ich nichts erreiche.“
Madame Guyon: „Im inneren Gebet gibt es nichts zu erreichen. Nur zu lassen, was sich von selbst zeigt.“
Schülerin: „Und wenn Leiden kommt? Trockenheit, Zweifel, Dunkelheit?“
Madame Guyon: „Dann bleib einfach da. Auch Dunkelheit ist ein Ort Gottes, wenn du sie nicht vertreibst. Gott wirkt nicht immer als Licht, oft als Klärung.“
Schülerin: „Was soll ich also konkret tun, wenn ich bete?“
Madame Guyon: „Setze dich innerlich vor Gott. Sage nichts, erwarte nichts, verteidige nichts. Wenn Gedanken kommen, lass sie gehen. Wenn Stille kommt, bleib. Wenn Unruhe kommt, bleib
ebenfalls.“
Schülerin: „Das klingt sehr einfach.“
Madame Guyon: „Einfach, ja. Aber nicht leicht. Das Schwerste ist, sich selbst nicht ständig dazwischenzustellen.“
Schülerin: „Und woran erkenne ich, dass Gott wirkt?“
Madame Guyon: „Du erkennst es nicht zuerst im Gebet, sondern im Leben. Weniger Härte. Weniger Angst. Mehr Geduld. Mehr Wirklichkeit.“
Schülerin: „Dann ist das Gebet kein besonderer Zustand?“
Madame Guyon: „Nein. Es wird allmählich zur Weise des Daseins.“
Schülerin: „Und wenn ich falle, unruhig werde, wieder will?“
Madame Guyon: „Dann kehre einfach zurück zum inneren Gebet. Ohne Urteil.“