Ein Dialog mit Pseudo-Dionysius

 

Gott jenseits aller Begriffe

 

 

Schülerin: „Meister, ich habe viel gelesen über Gott – über seine Güte, seine Macht, seine Liebe. Doch je mehr ich lese, desto ferner scheint er mir. Ist das der richtige Weg?“


Pseudo-Dionysius: „Es ist ein notwendiger Weg, aber kein letzter. Worte sind wie Stufen. Sie helfen dir aufzusteigen – doch sie sind nicht das Ziel.“

Schülerin: „Soll ich also aufhören, von Gott zu sprechen?“


Pseudo-Dionysius: „Nicht zu früh. Wer die Sprache verlässt, bevor er sie durchschritten hat, verliert sich. Aber wer in ihr wohnen bleibt, verfehlt, wohin sie weist.“

Schülerin: „Man sagt, Gott sei gut und gerecht. Ist das falsch?“


Pseudo-Dionysius: „Es ist nicht falsch – aber es ist nicht genug. Wenn du sagst, Gott sei gut, sprichst du aus der Welt der Dinge. Gott aber ist nicht gut wie etwas gut ist. Darum muss jedes Wort wieder zurückgenommen werden.“

Schülerin: „Warum muss es zurückgenommen werden?“


Pseudo-Dionysius: „Weil jedes Wort begrenzt. Was du benennst, stellst du vor dich. Gott aber ist nicht vor dir. Er ist der Grund, in dem du stehst.“

Schülerin: „Wenn ich alles zurücknehme – was bleibt dann?“


Pseudo-Dionysius: „Offene Weite. Du nennst sie Nichtwissen, weil dein Denken dort nichts mehr greifen kann.“

Schülerin: „Dieses Nichtwissen macht mir Angst. Es fühlt sich an wie Dunkel.“


Pseudo-Dionysius: „Es ist Dunkel – aber nicht aus Mangel. Es ist Dunkel aus Überfülle. Wie das Licht der Sonne, das das Auge blendet, weil es zu hell ist.“

Schülerin: „Wie soll ich mich in diesem Dunkel verhalten?“


Pseudo-Dionysius: „Nicht handeln, sondern lassen. Nicht suchen, sondern still werden. Alles, was du über Gott denkst, lege sanft beiseite – auch das Gute, auch das Wahre.“

Schülerin: „Auch das Heilige?“


Pseudo-Dionysius: „Gerade das Heilige. Denn nichts bindet so sehr wie das, was wir für heilig halten.“

Schülerin: „Und die Gebete, die Formen, die Lehren?“


Pseudo-Dionysius: „Sie tragen dich bis an die Schwelle. Aber keiner trägt seine Leiter mit sich, wenn er das Dach erreicht hat.“

Schülerin: „Werde ich Gott dann erkennen?“


Pseudo-Dionysius: „Nicht so, wie du etwas erkennst. Du wirst aufhören zu unterscheiden zwischen dem, der sucht, und dem, was gesucht wird.“

Schülerin: „Ist das nicht gefährlich?“


Pseudo-Dionysius: „Für das Ich – ja. Für die Wahrheit – nicht.“

Schülerin: „Was bleibt am Ende dieses Weges?“


Pseudo-Dionysius: „Schweigen. Und in diesem Schweigen eine Nähe, die kein Wort je sagen könnte.“

Schülerin: „Und wenn ich zweifle?“


Pseudo-Dionysius: „Zweifel ist ein guter Wächter. Er bewahrt dich davor, aus Gott einen Besitz zu machen.“

Schülerin: „Dann ist das Nichtwissen kein Scheitern?“


Pseudo-Dionysius: „Es ist der Beginn des Wissens, das kein Wissen mehr ist.“