Mahd
Er hat die Worfschaufel in seiner Hand, um seine Tenne durch und durch zu reinigen und den Weizen in seine Scheune zu sammeln; die Spreu aber wird er mit unauslöschlichem Feuer verbrennen.
(Lukas 3,17)
Einst weilte Bruder Laterne anlässlich einer Mahd (mehrtägige Übungseinheit) in einer Tenne (Übungshaus) der Gemeinschaft, um mit seiner hoch entwickelten Geschicktheit der Mittel beim Worfeln zu
helfen. Die Tenne lag etwas erhöht, der Wind ging gut durch die offenen Luken, und wenn sich am Abend die Luft abkühlte, hörte man das leise Singen der Halme, die draußen zum Trocknen lagen.
Drinnen roch es nach Holz, Schweiß und einer Spur Räucherwerk, das man zum Beginn jeder Übung verbrannte – nicht als Zeremonie, sondern als Symbol: Alles Rauch, alles vergeht, und doch bleibt
etwas Klareres, wenn der Wind durchfährt.
Die anwesenden Suchenden waren befragt und in Gruppen aufgeteilt worden. Bruder Laterne tat dies nicht nach Sympathie oder äußerer Gefälligkeit. Er hörte zu, wie man das eigene Atmen hört, und
sah, wo die Hand schon loslassen konnte und wo sie noch klammerte. Die erste Gruppe war so weit, dass sie beim ruhigen Verweilen nicht mehr über Form und Außenwirkung reflektierte, sondern sich
dem Bemerken und Loslassen innerer Zustände widmete. Sie saßen, gingen, lagen – nicht, um eine Figur zu geben, sondern um das Unnötige abfallen zu lassen. Wenn ein Gedanke erschien, merkten sie
ihn; wenn eine Empfindung pulsierte, ließen sie sie durch. Diese Gruppe übergab der Meister den guten Menschen, erfahrenen Begleiterinnen und Begleitern, die wenig redeten, viel sahen und
rechtzeitig ein Zeichen gaben, wenn jemand im Eigenwillen stecken blieb oder im Ehrgeiz zu hart atmete.
Die zweite Gruppe arbeitete daran, persönliche Trennung zu überwinden, indem sie ihre Aufmerksamkeit ununterschieden auf innere und äußere Phänomene richtete und den Radius ihrer Wahrnehmungen
beständig größer hielt als den eigenen. Nicht mehr: „Hier innen ich, dort außen Welt“, sondern: „Hier Phänomen, dort Phänomen – alles im selben Raum aufgehoben.“ Sie übten am Klang einer Glocke,
der im Ohr entsteht und in der Ferne verlischt; an der Wärme des Tees, die Zunge, Becher, Luft und Hand gemeinsam wärmt; am Schritt, der Bodenkontakt und Leere zugleich ist. Auch diese Gruppe
blieb in den Händen der guten Menschen. Bruder Laterne beobachtete sie jedoch von Zeit zu Zeit mit großer Aufmerksamkeit – wie ein Landwirt prüft, ob der Wind recht steht, bevor er die Schaufel
führt.
Alles stand im Zeichen der Mahd, und das Worfeln war mehr als Metapher: Es war Arbeitsanweisung. Wenn der Wind günstig war, öffnete man die schweren Türen, hob mit geübtem Schwung Körner, Spelzen
und Halme hoch und ließ den Strom der Luft unterscheiden, wozu das Auge zu langsam ist. Das Schwere fällt, das Leichte fliegt. So auch in der Übung. Das Schwere – schlichte Gegenwärtigkeit und
nüchterne Klarheit – sank wie Weizen. Das Leichte – Rechtfertigung, Bild, Selbstbespiegelung – flog wie Spreu.
Manch einen aus der zweiten Gruppe ließ der Meister zu sich bringen und sprach mit ihm. Es geschah nicht nach Plan, sondern nach Wetterlage des Geistes. Ein junger Mann, die Hände noch warm von
einer Gehmeditation, berichtete, wie es ihm zeitweise gelang, einen Vorgeschmack davon zu erhaschen, wie es sein würde, die Trennung dauerhaft aufzuheben. „Es ist, als weite sich der Blick“,
sagte er, „und das, was ich sonst ‚ich‘ nenne, wird zum Rand eines Kreises, der keinen Mittelpunkt mehr braucht.“ Der Meister nickte nicht und widersprach nicht. Er fragte, wie dieses Aufheben
aussehe, wie es sich anfühle, wie der Suchende es sich vorstelle und worauf die zugrunde liegende Trennung beruhe – nicht, um Worte zu prüfen, sondern um die feine Spreu der Vorstellungen in den
Wind zu geben.
Eine Frau mittleren Alters, deren Aufmerksamkeit oft in Verantwortung für andere glitt, sprach von einem Moment beim Abwasch. „Das Wasser, der Teller, die Haut – es war eins“, sagte sie und
errötete über die Schlichtheit des Bildes. Bruder Laterne fragte: „Wer hat den Teller gespürt?“ – Sie hielt inne. „Niemand, und doch war da Spüren.“ – „Gut“, sagte er. „Wenn später jemand fragt:
‚Wer hat dir geholfen?‘, antworte: ‚Das Wasser.‘“ Sie lachte und weinte zugleich. Die Trennung zwischen hoch und niedrig, heilig und profan, übte sich in der Tenne zwischen Besen, Eimern und dem
Knistern der Strohseile.
Ein anderer Sucher sprach begeistert von Augenblicken, in denen die Trennung zu vergehen schien. Seine Worte flossen rasch, wie zu dicht geschüttete Körner. Da gab ihm Bruder Laterne – nicht
grob, eher wie man eine schlafende Frage anstupst – einen sanften Stoß vor die Brust und fragte: „Gibt es denn eine Trennung?“ Die Hand war schon wieder still; die Frage blieb stehen wie Staub im
Licht. Der Sucher schwieg. Man sah, wie das Denken nach einer bekannten Antwort griff. Dann erhellte Verstehen sein Gesicht. Gleich darauf senkte sich ein tieferes Begreifen – als fiele das Korn
in den eigenen Grund. Er lachte, nicht aus Spott, sondern aus Erleichterung, verneigte sich dankend und kehrte ruhig zu seiner Gruppe zurück. Sein Gesicht leuchtete die restliche Zeit zwischen
den anderen – wie eine Laterne, die von innen brennt, ohne Docht und Öl zu verbrauchen.
In den Pausen erklärte der Meister das Worfeln mit einfachen Bildern. Er hob eine Handvoll Getreide, blies sacht dagegen und ließ die Suchenden sehen, wie das Schwere fällt. „Wir sind nicht hier,
um den Wind zu machen“, sagte er, „sondern um die Schaufel richtig zu halten. Der Wind weht, wo er will. Unsere Kunst ist, nichts zu verdecken und nichts festzuhalten.“ Er zeigte auf einen Haufen
Spreu. „Nicht böses Material“, sagte er, „nur leichter als nötig. Dankbar entsorgen.“ Ein älterer Schüler, der früher alles kommentieren musste, schwieg und lächelte. Er begriff, dass rechte
Übung nicht in Formulierungen besteht, sondern im rechten Gewicht.
Die erste Gruppe arbeitete an der Zartheit des Loslassens. Ein junger Mensch hatte die Gewohnheit, jede auftauchende Emotion sofort „loszulassen“, als sei Loslassen ein Griff. Bruder Laterne
setzte sich neben ihn, ohne zu sprechen, und ließ die Stille so dicht werden, dass man das Flattern eines Insekts hörte. Nach einer Weile sagte er leise: „Lass das Loslassen los.“ Der junge
Mensch blinzelte – und man sah, wie er zum ersten Mal nicht handelte, sondern aufhörte zu handeln. Die Erregung fiel nicht, weil er sie wegdrückte, sondern weil niemand mehr da war, der sie
hielt. Auch das ist Worfeln: nicht Gefühle bekämpfen, sondern die Hand öffnen, in der sie liegen.
Andere meinten, die Trennung lasse sich mit Entschlossenheit bekämpfen. Bruder Laterne führte sie vor die offene Luke. „Siehst du den Staub in der Sonne?“ – „Ja.“ – „Greif ihn.“ Der Schüler griff
ins Leere. Beide lachten. „Genau so“, sagte der Meister. „Greifst du nach der Trennung, greifst du ein Konstrukt. Öffnest du die Hand, fällt, was Gewicht hat.“
Oft kehrten die Gruppen abends gemeinsam die Halle. Es war Teil der Übung. Kehrst du den Boden oder dein Bild? Hebst du Stroh auf oder dich? Ein Sucher fegte einmal so eifrig, dass Staubwolken
aufstiegen und andere husten mussten. Bruder Laterne nahm ihm den Besen nicht ab. Er öffnete nur die Tür weiter. Der Wind tat das Nötige. Der Eifrige hielt inne und lächelte entschuldigend.
„Weniger Held, mehr Durchzug“, sagte der Meister, und die Gruppe kicherte. Humor – recht dosiert – ist eine scharfe Schaufel gegen die Spreu der Wichtigkeit.
Die Gespräche mit der zweiten Gruppe blieben konkret. Eine Suchende sagte: „Ich halte meinen Wahrnehmungsradius größer als mich – doch manchmal wird auch das ein Tun, ein heimlicher Anspruch.“
Bruder Laterne nickte. „Nimm den Anspruch als weiteres Phänomen in den großen Kreis. Er ist nichts Besonderes. Lass ihn mitlaufen, bis er müde wird.“ – „Und wenn er nicht müde wird?“ – „Dann
wirst du müde“, sagte er freundlich. „Ruh dich in der Weite aus.“ Es klang wie ein Scherz und war keiner. Er zeigte auf eine Bank, auf der ein abgewetzter Mantel lag. „Siehst du? Der Mantel ist
auch da. Niemand wirft ihn hinaus, um Platz für die Weite zu schaffen. Die Weite macht Platz für den Mantel.“
Mehrmals am Tag wurde draußen tatsächlich geworfelt. Die Körner sprangen, die Spreu flog, der Wind trug, was nicht gebraucht wurde, hinaus. Die Jüngeren liebten das feine Prasseln, die Älteren
die Ordnung, die zurückblieb: Haufen hier, Haufen dort, Wege dazwischen. Ordnung war kein Ziel und doch eine Folge. So ist es mit der Übung: Wer sie zum Ziel macht, verliert sie. Wer sie als
Folge zulässt, findet sich geordnet.
Ein Sucher fragte: „Wenn die Trennung wirklich nicht ist – warum erlebe ich sie so heftig?“ Bruder Laterne hob ein Korn und eine Spreu. „Beide fühlst du“, sagte er, „aber nur eines nährt dich.
Das andere füllt den Mund und gibt doch nichts her.“ – „Soll ich die Spreu verachten?“ – „Verachten ist neue Spreu.“ – „Ignorieren?“ – „Auch Spreu.“ – „Was dann?“ – „Wissen, was was ist, und den
Wind arbeiten lassen.“ Der Sucher seufzte – und sein Seufzen war schon Wind.
Nachts stand Bruder Laterne manchmal allein in der Tenne. Er legte die Hand an die Pfosten und spürte die gespeicherte Wärme des Tages. Dann wurde er sehr still. Wer ihn sah, hätte denken können,
er bete. Vielleicht betete er. Vielleicht stand er auch wie der Landwirt, der mit der Schaufel in der Hand wartet, bis der Wind aus der rechten Richtung kommt. Er tat wenig, und doch geschah
viel. Im Morgengrauen begann das Worfeln von Neuem – draußen mit Körnern, drinnen mit Gewohnheiten.
Gegen Ende der Mahd wurden die Gespräche kürzer und die Blicke länger. Worte sind nützlich, solange sie fallen wie Körner und nicht aufgewirbelt werden wie Spreu. Einmal setzte sich Bruder
Laterne mitten unter die zweite Gruppe und schwieg mit ihnen. Nach einer Weile hob er die Hand und berührte die Luft vor seiner Brust, als wiederholte er die Frage vom ersten Tag: „Gibt es denn
eine Trennung?“ Niemand antwortete laut. Einige lächelten, eine weinte, einer gähnte, zwei schauten auf ihre Hände und wussten nicht recht, warum es sie rührte. Der Wind ging durch die Halle und
ließ die kleinen Spelzen tanzen. Es war, als nicke die ganze Tenne.
Am letzten Abend kamen alle zusammen. Man trank Tee, aß Brot und hörte das Knacken des Holzes im Ofen. Wer wollte, durfte sprechen, doch es gab keine Pflicht. Ein Junger stand auf und verbeugte
sich unbeholfen. „Ich dachte, ich müsste etwas erreichen. Stattdessen habe ich vieles verloren. Das macht mir weniger Angst, als ich befürchtet hatte.“ Eine Ältere nickte. „Ich dachte, ich müsste
mich auflösen. Stattdessen löst sich nur das Feste, das mir im Weg stand.“ Eine Dritte sagte nichts, sie legte nur ihre Hand auf den Tisch und ließ sie dort, als wollte sie zeigen: Auch eine Hand
kann wahrhaftig sein.
Als die Türen ein letztes Mal geöffnet wurden und der Abendwind die Halle durchzog, stand Bruder Laterne an der Schwelle und sah in die nun sauberen Felder. Er schaute nicht triumphierend, nicht
wehmütig, sondern wie einer, der die Arbeit der Jahreszeit anerkennt. Er wusste: Nach der Mahd kommt das Pflügen, nach dem Pflügen das Säen. Der Rhythmus endet nicht, weil eine Übungseinheit
endet. Wer heute Weizen ist, war gestern Halm; wer morgen Brot ist, ist heute Korn. Er wandte sich den Gesichtern zu, die ihn ansahen – nicht als Mittelpunkt, sondern als jemanden, der die
Worfschaufel recht zu halten wusste.
„Eine gute Ernte“, sagte der Meister. Niemand suchte ein anderes Wort. Wer dabei war, verstand: Die gute Ernte war nicht Stolz auf ein Ergebnis, sondern Einverständnis mit dem Wind.