Ein Dialog mit Huang-Po
Dreigespräch am Rand des Einen
Auftakt
Schüler: „Meister, ich habe viel gehört von ‚freiem Geist‘, ‚Grund‘, ‚Einheit‘, ‚Nichtsuchen‘. Bei dir, Huang Po, scheint die Lehre fast brutal einfach zu sein. Auch bei anderen heißt es ähnlich,
dass alles, was nötig ist, schon da sei. Ich verstehe das nicht. Wenn alles da ist – warum sehe ich es nicht?“
Huang Po: „Es gibt nichts zu suchen. Wenn ihr etwas sucht, geht ihr vom Weg ab.“
Meister letzter Hand: „Man sieht nur das, worauf man schaut. Du schaust auf deine Vorstellungen.“
Der Schüler sucht Halt
Schüler: „Wenn ich nichts suchen soll, bleibt dann nicht eine Art Lähmung? Ich brauche doch Orientierung, sonst verliere ich jeden Halt.“
Huang Po: „Wer den Buddha sucht, verfehlt den Buddha.“ Er blickt den Schüler an, als wäre das Gesagte bereits genug.
Meister letzter Hand: „Der Halt, den du suchst, ist die Lähmung. Du willst dich an etwas festhalten, das du vorher erfunden hast. Das Wirkliche hält dich – nicht umgekehrt.“
Schüler: „Aber ich fühle mich getrennt vom Grund. Als wäre da ein Abstand.“
Huang Po: „Der Eine Geist ist der Buddha, und außerhalb des Einen Geistes gibt es keinen Buddha und keine Wesen.“
Meister letzter Hand: „Trennung ist ein Gedanke. Wirklichkeit kennt sie nicht.“
Der Schüler fragt nach einer Methode
Schüler: „Wenn ich das verstehe, brauche ich eine Praxis, die mich dahin führt. Was soll ich tun?“
Huang Po: „Wenn ihr euch hinsetzt und auf den Geist schaut, so ist das gut. Doch macht euch daraus keine Arbeit.“
Schüler: „Keine Arbeit? Aber ohne Arbeit geschieht nichts.“
Huang Po: „Der Geist kann nicht durch Geist erreicht werden. Wenn der Geist nach dem Geist sucht, ist das der größte Irrtum.“
Meister letzter Hand: „Du willst etwas tun, damit etwas geschieht. Aber das, was geschieht, geschieht, weil es geschieht – nicht weil du es tust. Wenn du dich still setzt, lass die Idee fallen,
dass du ruhiger werden willst, klarer werden willst, tiefer werden willst. Sitzen ist genug. Klarheit entsteht nicht durch Absichten, sondern durch die Abwesenheit von Absichten.“
Schüler: „Dann ist Praxis nur Gegenwärtigkeit?“
Meister letzter Hand: „Nicht nur. Praxis ist das Aufhören des Widerstands. Es ist die Bereitschaft, das Wirkliche zuzulassen – nicht auszudenken.“
Das Ich tritt dazwischen
Schüler: „Ich höre, was ihr sagt. Aber da ist immer dieses Ich. Es fühlt sich an, als wäre es der Kern meines Lebens. Ich weiß, dass es ein Konstrukt sein soll – aber es fühlt sich nicht so
an.“
Huang Po: „Was du ‚Ich‘ nennst, ist nur eine Welle auf dem Meer des Geistes.“
Schüler: „Aber es ist doch meine Welle.“
Huang Po: (Er lächelt kaum merklich.) „Es gibt kein Ich, das erwachen könnte.“
Meister letzter Hand: „Die Welle sagt ‚meine‘. Das Meer sagt nichts. Wenn du hören willst, was wahr ist, hör auf das, was nichts sagt.“
Schüler: „Aber wie löst man ein Ich auf, das sich so fest anfühlt?“
Huang Po hätte wohl gesagt: „Nimm ihm die Aufmerksamkeit. Es löst sich, wenn du es nicht ständig nährst.“
Meister letzter Hand: „Das Ich ist wie ein Geräusch im eigenen Kopf. Es entsteht nicht, weil es da sein muss, sondern weil man ihm lauscht.“
Der Schüler zweifelt an seinem Fortschritt
Schüler: „Ich praktiziere seit Jahren – und manchmal scheint es, als würde ich rückwärts gehen. Ist es normal, dass es dunkler wird, bevor es klar wird?“
Huang Po: „Ihr redet viel davon, den Weg finden zu wollen – doch wenn man euch begegnet, schlaft ihr tief und fest.“
Schüler: „Das klingt nicht sehr tröstlich.“
Huang Po: „Das Erwachen geschieht plötzlich. Es ist wie ein Licht, das im Dunkel entzündet wird.“
Meister letzter Hand: „Dunkelheit ist kein Rückschritt. Sie ist nur fehlendes Licht. Und Licht ist nichts, das du erzeugst – es ist etwas, das sichtbar wird, sobald du die Hand vom Schalter
nimmst.“
Schüler: „Der Schalter ist das Ich?“
Meister letzter Hand: „Der Schalter ist jede Form von Wollen. Auch das Wollen, nicht mehr zu wollen.“
Der Schüler möchte die Welt besser verstehen
Schüler: „Ich höre, dass Welt und Geist nicht getrennt sind. Aber wenn ich auf die Welt schaue – voller Lärm, Konflikte, Missverständnisse – sehe ich keinen Einen Geist.“
Huang Po: „All die Dinge, die du siehst – Berge, Flüsse, Häuser, Menschen – sind der Eine Geist.“
Schüler: „Auch Lärm? Auch Streit?“
Huang Po: „Der Geist ist in Bewegung nicht weniger als in Stille.“
Meister letzter Hand: „Die Welt ist nicht das Problem. Die Art, wie du schaust, ist das Problem. Die Welt ist übervoll von Hinweisen auf das Wirkliche. Der Mensch sieht sie nicht, weil er in sich
selbst sucht.“
Schüler: „Wie kann ich im Lärm sehen, was ich in der Stille kaum erkenne?“
Meister letzter Hand: „Indem du aufhörst, zwischen Lärm und Stille zu unterscheiden, was die Wirklichkeit angeht.“
Der Schüler fragt nach einem Lehrer
Schüler: „Wie wichtig ist ein Lehrer? Ist ohne Lehrer überhaupt ein Weg möglich?“
Huang Po: „Der Lehrer und der Schüler sind im Wesen gleich. Nur die Gedanken unterscheiden sie.“ Und: „Der Lehrer zeigt nichts, gibt nichts, überträgt nichts.“
Schüler: „Dann brauche ich keinen?“
Huang Po: „Er entfernt nur das Hindernis.“
Meister letzter Hand: „Ein Lehrer ist nicht nötig, solange du nichts suchst. Er ist nötig, solange du suchst. Er ist das Licht hinter dir, das sichtbar macht, dass der Schatten vor dir von deiner
eigenen Gestalt kommt.“
Schüler: „Und wenn ich keinen Lehrer finde?“
Meister letzter Hand: „Dann wird die Welt selbst dein Lehrer. Das Leben ist großzügig mit Spiegeln.“
Der Schüler glaubt, zu verstehen – und versteht doch nicht
Schüler: „Ich glaube, ich beginne zu verstehen. Der Eine Geist ist der Grund. Das Ich ist die Verwechslung. Die Welt ist Ausdruck. Suchen verhindert das Finden. Das Erwachen ist plötzlich. Ich
sollte nicht greifen, nicht erwarten, nicht interpretieren.“
Huang Po: „Worte sind nur Hinweise. Wer an ihnen haftet, ertrinkt.“
Schüler: „Also verstehe ich doch nicht?“
Huang Po: „‚Buddha‘ ist ein Wort. Was du bist, liegt jenseits der Worte.“
Meister letzter Hand: „Verstehen ist nicht das Problem. Festhalten am Verstehen ist das Problem. Der Geist liebt Muster. Das Wirkliche ist kein Muster.“
Schüler: „Dann bleibt nichts.“
Meister letzter Hand: „Das Nichts, das bleibt, ist nicht leer. Es ist Raum. Es ist Freiheit.“
Der Schüler fürchtet den Verlust
Schüler: „Wenn ich das Ich loslasse – verliere ich dann mich selbst?“
Huang Po: „Aufgeben heißt nicht verlieren. Aufgeben heißt sehen.“
Meister letzter Hand: „Du verlierst nur das Bild, nicht den Seher. Du verlierst nur die Verwechslung, nicht das Leben. Das, was du bist, stirbt nicht, wenn die Vorstellung von dir fällt. Es wird
sichtbar.“
Schüler: „Aber der Gedanke, ‚ich bin niemand‘, ist beängstigend.“
Meister letzter Hand: „Der Gedanke ‚ich bin jemand‘ ist ebenso beängstigend – du hast dich nur daran gewöhnt.“
Huang Po hätte wohl gesagt: „Wenn du niemand bist, bist du der Eine.“
Die letzte Frage
Schüler: „Wenn alles wahr ist, was ihr sagt – wie erkenne ich das Wirkliche?“
Huang Po antwortet fast flüsternd, aber klar: „Gib den Erkennenden auf, und es gibt nichts mehr zu erkennen.“
Schüler: „Das verstehe ich nicht.“
Huang Po: „Wenn du aufhörst, der Erkennende zu sein, wirst du erkennen.“
Meister letzter Hand: „Der Blick, der erkennt, ist selbst der Grund. Das, was sucht, ist das Gesuchte. Das, was fragt, ist die Antwort. Das, was du bist, ist das, was du finden willst. Wenn der
Erkennende still wird, bleibt nur das Erkennen – und das ist die Wirklichkeit.“
Das stille Ende des Weges
Schüler: „Dann gibt es am Ende keine Einsicht, sondern nur das, was schon da war?“
Huang Po: „Nichts fehlt dir. Du erkennst es nur nicht.“
Meister letzter Hand: „Der Weg endet nicht in einer Erkenntnis. Er endet darin, dass derjenige, der Erkenntnis forderte, verschwindet. Dann bleibt nur das, was immer da war: der Eine Grund, der
eine Geist, das stille Zentrum im Menschen selbst.“
Schüler: „Dann bin ich schon angekommen?“
Meister letzter Hand: „Du warst nie fort.“