Ein Dialog mit Meister Eckhart
Über Freiheit, Grund und das Lassen
Schülerin: „Meister, ich habe viel gelesen, vieles gehört, vieles versucht. Je mehr ich lerne, desto unruhiger werde ich. Manchmal fürchte ich, dass die vielen Wege mich eher von Gott entfernen
als mir helfen, mich ihm zu nähern. Gibt es einen Weg, der freier ist als all die Formen?“
Meister: „Ja. Es gibt ihn. Aber er ist kein besonderer Weg. Er ist das Fallenlassen aller Wege, bis nur noch der Grund übrig bleibt.“
Schülerin: „Ich verstehe das nicht. Sind nicht die Wege das, was uns näher bringt?“
Meister: „Wenn sie dich näher bringen, lass sie. Wenn sie dich binden, lass sie fallen. Formen sind wie Brücken – gut, solange du noch nicht drüben bist. Aber wer trägt eine Brücke mit sich
herum, wenn er das Ufer erreicht hat?“
Schülerin: „Doch wie weiß ich, ob ich drüben bin?“
Meister: „Wenn du nicht mehr fragst, ob du drüben bist. Der Grund erkennt sich selbst, ohne Fragen.“
Die Last der Vorstellungen
Schülerin: „Ich merke, wie viele Vorstellungen ich von Gott habe. Ich bete zu Bildern. Ich denke in Begriffen. Ich halte an Formen fest. Aber wenn ich sie loslasse, bleibt mir nichts. Ist das
nicht gefährlich?“
Meister: „Nein. Gefährlich ist nur das, was du festhältst.“
Schülerin: „Und was bleibt, wenn ich alles loslasse?“
Meister: „Das Wirkliche. Dafür musst du leer werden.“
Schülerin: „Aber die Leere macht mir Angst.“
Meister: „Die Angst ist der Wächter der Schwelle. Sie bewahrt das Heilige vor Unbereiten. Geh durch sie hindurch, und du wirst sehen: Sie war nur ein Schatten.“
Die Notwendigkeit der Freiheit
Schülerin: „Warum ist freie Spiritualität notwendig? Reicht es nicht, einen festen Weg zu gehen?“
Meister: „Ein fester Weg trägt nur, solange du ihn brauchst. Aber die Wahrheit bindet sich nicht an Formen. Gott ist nicht traditionell, er ist gegenwärtig. Was gegenwärtig ist, verlangt ein
gegenwärtiges Herz.“
Schülerin: „Also muss ich loslassen, was andere mich gelehrt haben?“
Meister: „Nicht verwerfen – die Tiefe verstehen. Nicht zerstören – durchsichtig machen.“
Schülerin: „Und was bleibt?“
Meister: „Ein Herz, das direkt empfängt. Ohne Vermittlung. Ohne historische Last.“
Der Grund im Menschen
Schülerin: „Du sagst oft ‚Grund‘. Was ist dieser Grund?“
Meister: „Der Ort in dir, an dem du selbst nicht mehr zwischen dir und Gott stehst. Er ist nicht erreichbar durch Denken, sondern durch Lassen.“
Schülerin: „Und die Religionen?“
Meister: „Sie bewahren Weginformationen – wie alte Karten. Doch der Wanderer muss den Weg selbst gehen. Karten sind nicht das Gehen.“
Schülerin: „Also kann Religion helfen?“
Meister: „Sie kann hinweisen. Aber nur der Grund kann verwandeln.“
Die Geburt Gottes in der Seele
Schülerin: „Was geschieht, wenn ich den Grund gefunden habe?“
Meister: „Nichts Besonderes. Und zugleich das Größte. In dieser Tiefe wird Gott in dir geboren – nicht als Gedanke, sondern als Wirklichkeit.“
Schülerin: „Und was muss ich dafür tun?“
Meister: „Werde still. Werde leer. Werde einfach.“
Schülerin: „Das klingt schwer.“
Meister: „Es ist schwer, solange du noch tun willst. Es wird leicht, sobald du lässt.“
Der freie Mensch
Schülerin: „Wie lebt ein Mensch, der so frei geworden ist?“
Meister: „Er wirkt, ohne verstrickt zu sein. Er liebt, ohne zu besitzen. Er handelt, ohne sich mit dem Handeln zu identifizieren. Er steht im Strom des Wirklichen, ohne sich daraus eine Religion
zu machen.“
Schülerin: „Und was ist seine Frömmigkeit?“
Meister: „Stille. Klarheit. Wirklichkeit.“
Schülerin: „Und seine Lehre?“
Meister: „Dass niemand etwas zu tun hat außer eines: alles Überflüssige zu lassen, damit das Notwendige geschehen kann.“
Was bleibt
Schülerin: „Meister, was bleibt mir nun zu tun?“
Meister: „Nimm deinen Weg, aber halte dich nicht daran fest. Nimm deine Bilder, aber glaub ihnen nicht. Nimm deine Übungen, aber werde nicht ihr Knecht. Suche den Grund – und wenn du ihn gefunden
hast, sieh ein, dass er immer da war.“
Schülerin: „Und wenn ich wieder verliere, was ich gefunden habe?“
Meister: „Dann fang still von vorn an. Der Grund geht nie verloren – nur deine Aufmerksamkeit wandert. Kehre zum Grund zurück. Immer wieder.“