Baum der Erkenntnis
Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: „Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du gewisslich sterben!“
(1. Mose 2,16–17, Schlachter 2000)
Unmissverständlich, deutlich – wir wissen alle, was gemeint ist. Was passiert aber im weiteren Verlauf der Geschichte? Zuerst isst Eva von dem Baum, danach auch Adam. Kein Wort mehr von „am
selben Tage sterben“. Die beiden fliegen aus dem Paradies. Er arbeitet im Schweiße seines Angesichts, sie gebiert unter Schmerzen, beide ziehen Kain und Abel groß und sterben dann am Ende ihrer
Tage.
Eine plumpe Lüge Gottes? Ein psychologischer Trick des Herrn, durch ein Verbot seine beiden Untermieter auch garantiert dazu zu bringen, von dem Baum der Erkenntnis zu kosten? Oder eine etwas
eigenwillige Darstellung einer einfachen, aber tiefer liegenden Wahrheit?
Bis zum Essen des Apfels lebten Adam und Eva eine tierhafte Existenz im „Paradies“. Die Dinge waren ihnen je nach Neigung angenehm oder unangenehm, und sie verhielten sich dementsprechend suchend
oder vermeidend. Gut oder böse in einem absoluten Sinne über die persönlichen Bedürfnisse hinaus nahmen sie nicht wahr. Sie waren auch, wie die Tiere, zwar nicht unsterblich, aber sich ihrer
Sterblichkeit gänzlich unbewusst. Hierin lag ihre „Unsterblichkeit“. Ein paradiesischer Zustand, solange das Meiden unangenehmer Dinge funktionierte. Ein gänzlich sorgloses Leben in den Tag
hinein.
Wir müssen hier überlegen, was Erkenntnis heißt. Die Schlange preist Eva die Effekte des Apfelessens an und sagt: „An dem Tag, da ihr davon esst, werden euch die Augen geöffnet, und ihr werdet
sein wie Gott und werdet erkennen, was gut und böse ist!“¹
Die Erkenntnisfähigkeit unterscheidet im Idealfall den Menschen vom Tier. Eigentlich bedeutet Menschsein aber, dass wir uns schrittweise von der Tierexistenz zum Wie-Gott-Sein entwickeln. Kein
Quantensprung, sondern eine nach und nach sich vollziehende Modifikation auf ein Ziel hin. Das Essen des Apfels ist demnach nicht die Lösung des Problems, sondern symbolisch die
Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns auf den Weg machen können. Wie weit sind wir denn auf diesem Weg? Wie bewusst sind wir? Wie sehr erkennen wir? Den Tod beispielsweise verdrängen wir doch
auch heute noch die meiste Zeit völlig.
Eine alte gnostische Interpretation des „Paradiesgeschehens“ deutet die ganze Geschichte um. Der Gott, der die Menschen im Paradies erschafft und hält, ist in dieser Deutung der Demiurg – ein
untergeordnetes Schöpferwesen, das eine mit vielfältigen Mängeln behaftete materielle Welt geschaffen hat und die mit dem göttlichen Funken gesegneten Menschen darin gefangen halten will. Die
Schlange hingegen ist ein Bote des wahrhaft höchsten Gottes jenseits der Welten der Trennung. Sie weist dem Menschen durch die vom Demiurgen verbotene Erkenntnis (Gnosis) den Weg aus den
materiellen Beschränkungen.
Wir sagen hier vielleicht: Oh Gott, das ist ja schlimmster Dualismus. Doch ist es nicht genau ein solcher Dualismus, wenn wir von Gott und Teufel ausgehen? Ist der Teufel keine Gegenmacht, die
sich ohne Wissen eines allwissenden Gottes im Paradies einschleichen konnte? Oder hat Gott es gewusst und zugelassen? Viel Raum für eigenes Nachdenken.
Jedenfalls ist für Adam und Eva die mit dem Essen des Apfels eintretende Vertreibung aus dem Paradies keine objektive Verschlechterung der Situation, wenn wir „Paradies“ als einen inneren Zustand
lesen. Sie wird jedoch von den Menschen zunächst – und in vielem bis heute – als subjektive Verschlechterung angesehen. Am Anfang unseres Weges aus der Gefangenschaft in den materiellen Welten
und tierhaften Zuständen sehnen wir uns noch oft zurück nach Unbewusstheit und animalischem „Einklang“ mit den Trennungswelten – und am Anfang befinden wir uns wohl immer noch. Die unangenehmen
Seiten möchten wir gerne wieder ausblenden, aber das geht einfach nicht mehr. Einen Abstieg gibt es nicht. Unsere einzige Hoffnung auf Erlösung liegt im Aufstieg. Mit dem Verlassen des Paradieses
haben wir, so erstaunlich das klingen mag, einen wichtigen Schritt in Richtung Erlösung getan.