Der Census der Boni

 

Die Frage ist weniger das Wann und das Wie als die, was wir tun müssen, um uns darauf vorzubereiten.

 

 (Das Buch der drei Ringe)

 

 

Vorstellungen von Endzeit und Weltenbrand, Untergang und Katastrophe hat es im religiösen Zusammenhang und auch individuell schon immer gegeben. Abgesehen von den reinen materialistischen Katastrophentheorien, bei denen Vulkanausbrüche, Kometen oder Ähnliches die Lebensgrundlage der Menschheit zerstören, laufen viele religiöse Endzeitvorstellungen darauf hinaus, dass zwischen den wahrhaft Gläubigen der jeweiligen Religion und den jeweiligen „Ungläubigen“ unterschieden wird. Die einen gehen ins Paradies oder Ähnliches ein und die anderen fahren zur Hölle oder in die Vernichtung. Ganz klar dienen solche Auffassungen der Abgrenzung, der Disziplinierung der Gläubigen und nicht zuletzt dem Aufblähen der Egos der Anhänger. Hinter dem Donner der Verkündigungen arbeiten meist sehr irdische Mechanismen: Zugehörigkeit stiften, Angst verwalten, Verhalten normieren. Wer Angst hat, gehorcht leichter; wer sich erwählt wähnt, fühlt sich im Recht. So wechseln metaphysische Bilder ihre Funktion und werden sozialpsychologische Werkzeuge.

 

Eine Steigerung des Disziplinierungsaspektes ist die Terminvorgabe. Beliebt sind hier runde Jahreszahlen. Man denke an die Hysterie um das Jahr 1000 in Europa oder an die Verunsicherung des Jahres 2000 auf der ganzen Welt. Auch das jüngere Rauschen um 2012 war weniger eine Schau künftiger Welten als eine Projektionsfläche gegenwärtiger Befürchtungen. Sehr beliebt auch bei Sekten, deren Mitglieder unruhig werden oder davonzulaufen beginnen: „In fünf Jahren geht die Welt unter!“ Und schon bleiben die Leute sicherheitshalber zumindest noch so lange bei der Stange. Und in fünf Jahren gibt es dann andere Prophezeiungen. Der verschobene Termin rettet die Fassade: Die Erwartung wird nicht überprüft, sondern verlängert. Die Uhr tickt – und dient als Taktgeber der Loyalität.

 

Auch unter spirituell orientierten Menschen und noch mehr der ESG gibt es endzeitähnliche Vorstellungen. Dort sind sie allerdings eher relativer als absoluter Natur. Das heißt, das erwartete „Ende“ wird mehr wie das Ende eines Schuljahres gesehen. Danach folgt ein weiteres Schuljahr, einige werden versetzt und einige müssen das Jahr wiederholen. Ein konkreter Zeitpunkt wird nicht genannt. Für das Leben der Menschen auf der Erde könnten die Ereignisse jedoch trotzdem recht drastisch sein. In bestimmten Kreisen wird dieser sogenannte Census (Zensus) als nicht besonders fern eingestuft. Zu dieser Annahme führen sorgfältige Beobachtungen der Menschheit und ihres Verhaltens: Beschleunigungen, Verdichtungen, Überforderungen – aber auch eine Zunahme an Einsicht, Mitgefühl und Verantwortungsbereitschaft. Nicht Donnerworte zählen, sondern die Summe kleiner Entscheidungen im Alltag.

 

Versuchen wir, die Vorstellungen etwas genauer zu beschreiben. Wir betrachten die Erde als einen Klassenraum und die Menschheit als eine Gruppe von Schülern mit einem bestimmten Lernziel. Das bisher sichtbare Universum ist – bei einer ganz grob über den Daumen gepeilten Galaxienzahl von 100 Milliarden mit durchschnittlich 100 Milliarden Sternen pro Galaxie – mit reichlich Lebensräumen für „Menschheiten“ ausgestattet. Also mit vielen, vielen Klassenräumen. Dabei ist es fast gleichgültig, ob wir pro hundert Sonnen eine intelligent belebte Welt annehmen, pro zehntausend Sonnen eine, pro hundert Millionen Sonnen eine oder auch nur eine alle hundert Galaxien – es bleibt immer noch eine Menge übrig. Das Bild entkrampft: Die Bühne ist groß, der Lehrplan lang, die Räume zahlreich. Ein Versagen hier ist nicht das Ende von allem, so wie ein Bestehen dort nicht das Ende des Lernens ist.

 

Wir nehmen an, dass die irdische Menschheit nicht besonders weit entwickelt ist. Vielleicht sind wir in der zweiten oder dritten Klasse. Dass die Schulung der früheren Klassen hier erfolgte, ist vorstellbar. Einige sagen beispielsweise, dass die Neandertalerkultur die vorausgehende Klasse gewesen sei. Mit dem Erreichen des Klassenzieles wären die Menschen dann nicht mehr als Neandertaler inkarniert, sondern als Homo sapiens. Demzufolge wären die Neandertaler zwar physisch ausgestorben, wären aber inhaltlich schlicht in den modernen Menschen umgestiegen. Neandertaler waren ebenso „Gefährte“ für unsere höheren Selbste, wie Homo sapiens es ist. In diesem Fall wäre also der Klassenraum umgewidmet worden. Statt beispielsweise einer ersten Klasse wäre dann irgendwann eine zweite Klasse im gleichen Klassenraum unterrichtet worden. So erklärt sich, warum die Spuren der Frühzeit enden, ohne dass das Lernen endet: Räume wechseln die Stufe, nicht die Sinnrichtung.


Das muss nicht zwangsläufig so sein und wird für das jetzt anstehende „Schuljahresende“ von vielen der „SpirGem“ (ESG) auch anders erwartet. Wir vermuten, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit diesmal zu einer wirklichen Versetzung der Absolventen kommen wird. Beim bevorstehenden „Census der Boni“ – also die „Zählung der Guten“ – wird nur eine prozentual kleine Gruppe der Menschheit in die nächsthöhere Klasse versetzt werden. Eine theoretische Überlegung spricht von fünf Prozent der Menschen, von denen wiederum nur fünf Prozent mit einem klaren Einserdurchschnitt die Klasse wechseln. Der überwiegende Rest muss die Klasse wiederholen, und zwar im gleichen Klassenraum, den er vorher in einen schlimmen Zustand versetzt hat – dann aber wahrscheinlich mit drastisch reduzierter Zahl von Sitzplätzen. Konkret würde das heißen, dass man nach dem jeweiligen Tod länger warten müsste, bis wieder ein Platz für eine Inkarnation frei wird. Wenn also nach einem kulturellen und umweltbezogenen Zusammenbruch nur noch fünf Millionen oder auch hundert Millionen Menschen gleichzeitig auf der Erde im Fleische wandeln, aber 5,5 Milliarden Schüler vor der Tür auf einen Platz warten, dann dauert es von Inkarnation zu Inkarnation recht lange. So war es aber auch schon vor 5 000 Jahren, mehr noch vor 20 000 Jahren. Kein Grund zur Panik also. Vielleicht werden die Lebensbedingungen – anders als vor 20 000 Jahren, als zumindest die Natur sauber und intakt war – auch so schwierig, dass Wartezeiten willkommen sein werden. Immerhin müssen wir bei nachgewiesenem Nicht-Wissen-Wollen von erhöhtem karmischen Druck ausgehen. Nicht der Stoff ist schwer, sondern der Widerstand gegen das Lernen macht ihn schwer.

 

Wer oder was entscheidet bei diesem Zensus? Kein zorniger Prüfer mit roter Tinte, sondern das eigene höhere Selbst in Übereinstimmung mit Gesetzmäßigkeiten, die sich in jeder Weltstufe ähnlich zeigen: Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst, Bereitschaft zur Verantwortung, Fähigkeit zu Mitgefühl bei gleichzeitiger Klarheit sowie eine gewisse Beherrschung der eigenen Triebe und Denkgewohnheiten. „Gut“ im Sinn der Boni meint nicht moralische Makellosigkeit, sondern Lernfähigkeit und -willigkeit bezüglich der Klassenziele, eine stabile Ausrichtung zum Ganzen. Die Noten entstehen aus tausend kleinen Prüfungen: Wie gehst du mit Macht um, die niemand kontrolliert? Was tust du, wenn niemand zuschaut? Wie reagierst du, wenn das Bild von dir selbst bedroht ist? Die Zeugnisse schreiben unsere Entscheidungen, nicht unsere Absichten.

 

Die beim Zensus als gut Beurteilten werden also wahrscheinlich in einen anderen Klassenraum versetzt – sei es, dass sie in eine vorhandene höhere Klasse integriert werden, sei es, dass sie einen neuen, bisher ungenutzten Klassenraum zur Verfügung gestellt bekommen. Einige aber (oder auch viele) werden bleiben, um als Lehrende (Impulsgeber) für die Menschheit auf der Erde zu wirken. Lehrende, nicht Herrschende: Hilfe zur Selbsthilfe, Orientierung durch Beispiel, nicht durch Druck. Auch das gehört zur Entwicklung: zu dienen, ohne sich unentbehrlich zu machen; zu führen, ohne zu fesseln.

 

Wichtig ist uns klarzustellen, dass wir hier nicht von einem Space-Exodus mit Raumschiffen sprechen. Wir gehen davon aus, dass der Kosmos physischem Reisen verschlossen ist. Durch die Pforte des Todes ist allerdings jeder Platz im Universum leicht erreichbar. Zwölf Milliarden Lichtjahre entfernt zu inkarnieren, ist nicht schwieriger als zwei Häuser weiter. Genauso wenig wie wir hier von fremden Raumreisenden abgeholt werden, werden wir selbst je im Körper zu anderen Sonnen aufbrechen. Der Aufwand ist einfach unüberwindlich groß.

 

Die spirituelle Entwicklung macht allerdings möglicherweise irgendwann auf dem Entwicklungsweg auch direktes „Raumreisen“ möglich. Sobald man grobstoffliche und psychonoetische Körper vom höheren Selbst aus entstehen lassen kann, kann man das auch überall tun. Man dematerialisiert und rematerialisiert einfach, wo man möchte – praktisch eine Inkarnation aus reinem Wollen und in einem erwachsenen Körper. Interessante Vorstellung. Ob es irgendeinen Grund geben wird, das zu tun, sehen wir dann. Bis dahin gilt: nicht die Kilometer zählen, sondern die Qualität der Gegenwart. Der nächste Schritt ist immer hier.

 

Manche meinen auch, die „Nicht-so-Guten“ werden versetzt und die Boni bleiben und heilen die Welt. Denkbar! Oder Gott könnte mit einem Fingerschnippen, das dann objektiv zehntausend oder fünf Millionen Jahre dauert, die Erde wieder neu werden lassen. Bei Gott wäre sogar eine echte Sekunde denkbar – oder nicht? Das Prinzip der Einfachheit spricht aber im Grunde gegen diese Annahmen. Die unwilligen Verwüster bleiben hier und werden mit den Resultaten ihres Tuns konfrontiert. Die Boni ziehen weiter – dorthin, wo ihre nächste Aufgabe wartet. Was könnte diese Aufgabe sein? Die Beherrschung und die relative Überwindung der Naturgesetze? Was ist hier die Aufgabe? Die Überwindung der Egofixierung sowie die relative Beherrschung der Alltagspersönlichkeit vom höheren Selbst aus. Also dann mal los. Der Census der Boni läuft bereits.


Und was heißt „Vorbereitung“ konkret – jenseits von Schauermärchen und Terminlisten? Weniger spekulieren, mehr üben. Weniger Zeichen am Himmel deuten, mehr Zeichen im eigenen Herzen lesen. Einfaches Handwerkszeug: Ordnung in Gedanken (unterscheiden lernen zwischen Tatsache, Deutung, Emotion), Ordnung im Fühlen (Mitgefühl ohne Selbstauflösung), Ordnung im Handeln (Verlässlichkeit, Maß, Verantwortung für Folgen). Reduktion unnötiger Verstrickung, Pflege von Wahrhaftigkeit in Beziehungen, ehrlicher Umgang mit Schuld und Irrtum. Das alles sind keine heroischen Taten, sondern stille, wiederholte Entscheidungen. Wer so arbeitet, macht sich nicht „würdig“ im Sinne einer Aufnahmeprüfung, sondern kompatibel mit einer Lernumgebung, die weniger Streit mit dem eigenen Schatten kennt.