Ein Dialog mit Marguerite Porete

 

Im Hof eines Begardenhauses

 

 

Mann: „Man hat mir gesagt, du sprichst von einer Freiheit, die selbst fromme Menschen erschreckt. Ich wollte hören, was du wirklich meinst.“

 

Marguerite: „Was hast du denn gehört?“

 

Mann: „Dass du lehrst, der Mensch müsse nichts mehr wollen. Nicht einmal Gott.“

 

Marguerite: „Das ist richtig verstanden und doch leicht missverstanden. Sage mir zuerst: Warum willst du Gott?“

 

Mann: „Weil er gut ist. Weil er rettet. Weil er Sinn gibt.“

 

Marguerite: „Dann willst du etwas von ihm. Und solange du etwas willst, stehst du noch außerhalb.“

 

Mann: „Aber ist Wollen nicht der Anfang jeder Suche?“

 

Marguerite: „Ja. Und wie jede Leiter ist es etwas, das man benutzt – und dann zurücklässt.“

 

Mann: „Zurücklassen? Auch Tugend? Auch Gehorsam?“

 

Marguerite: „Solange du sie brauchst, halte sie fest. Aber verwechsel sie nicht mit dem Ziel.“

 

Mann: „Und was ist das Ziel?“

 

Marguerite: „Dass niemand mehr da ist, der etwas erreichen will.“

 

Mann: „Das klingt nach Auflösung. Nach Verlust des Selbst.“

 

Marguerite: „Es ist der Verlust dessen, was du für dich hältst.“

 

Mann: „Und was bleibt?“

 

Marguerite: „Das, was nie getrennt war.“

 

Mann: „Du sprichst in Rätseln.“

 

Marguerite: „Weil klare Worte dich zu schnell zufrieden machen würden.“

 

Mann: „Ich fürchte, ohne Wollen würde ich träge werden. Gleichgültig.“

 

Marguerite: „Gleichgültig wird nur, wer noch etwas festhält und es nicht bekommt. Die freie Seele

handelt – aber nicht mehr aus Mangel.“

 

Mann: „Und die Gebote? Die Lehre der Kirche?“

 

Marguerite: „Sie sind gut für den Weg. Aber sie können nicht tragen, was sie selbst nicht sind.“

 

Mann: „Du stellst dich damit über sie.“

 

Marguerite: „Nein. Ich gehe dorthin, wo sie nicht mehr nötig sind.“

 

Mann: „Und wenn jemand diesen Ort nur glaubt erreicht zu haben? Wenn er sich täuscht?“

 

Marguerite: „Dann wird er sich selbst verraten – durch Angst, durch Rechtfertigung, durch Härte.“

 

Mann: „Und du? Hast du keine Angst?“

 

Marguerite: „Angst gehört dem Ich, das noch etwas zu verlieren hat.“

 

Mann: „Man sagt, deine Worte seien gefährlich.“

 

Marguerite: „Nicht meine Worte. Die Freiheit, auf die sie hinweisen.“

 

Mann: „Und wenn diese Freiheit dich das Leben kostet?“

 

Marguerite: „Dann nimmt sie mir nichts. Denn was frei ist, kann nicht verbrannt werden.“

 

Mann: „Was soll ich tun, wenn ich diesen Weg gehen will?“

 

Marguerite: „Gehe treu, solange du noch gehen musst. Und sei bereit, stehenzubleiben, wenn

Gehen dich nicht weiterführt.“

 

Mann: „Und wenn ich Gott suche?“

 

Marguerite: „Dann suche ihn so lange, bis du merkst, dass er nicht gesucht werden will.“

 

Mann: „Und dann?“

 

Marguerite: „Dann wirst du still. Und diese Stille wird dich lehren.“

 

Mann: „Ich weiß nicht, ob ich das wagen kann.“

 

Marguerite: „Das weiß niemand vorher. Darum ist es Freiheit.“