17 Pferde
Ein schönes Sterben ehrt das ganze Leben.
(Francesco Petrarca, 1304–1374)
Im 15. Jahrhundert lebte nahe dem heutigen Marienhafe ein Pferdehändler namens Focko, der drei schon erwachsene Söhne hatte. Seine Frau war einige Jahre zuvor gestorben, und nun fühlte auch der
Händler sein Ende nahen. Zu diesem Zeitpunkt besaß er gerade siebzehn Pferde, von denen er einige für die Zucht benutzen wollte und einige für den Verkauf vorgesehen hatte. Focko liebte seine
drei Söhne alle gleich, aber wichtiger, als seine siebzehn Pferde zu gleichen Teilen zu vererben (was bei siebzehn Pferden ohne Blutvergießen ohnehin eine schwierige Angelegenheit geworden wäre),
war ihm, seinen Söhnen noch eine wichtige Lehre mit auf den Lebensweg zu geben. Also verfasste er sein Testament, verabschiedete sich von Freunden und Nachbarn, ließ den Pfarrer kommen und
entschlüpfte dann bald nach Erhalt der Sterbesakramente seinem irdischen Leib.
Als das Testament verlesen wurde, staunten die Söhne des Pferdehändlers nicht schlecht, denn ihr Vater hatte dem Ältesten die Hälfte der Pferde vererbt, dem mittleren Sohn ein Drittel und dem
Jüngsten ein Neuntel. Die Söhne rechneten hin und her. Sie überlegten und überlegten. Beinahe stritten sie sich sogar. Selbstverständlich kam für sie nicht infrage, Pferde zu töten, denn
Pferdefleisch war sehr viel weniger wert als ein gesundes, lebendes Tier – und alle Pferde waren in bester Form.
Glücklicherweise kam einmal im Jahr ein weiser Mann durch die Gegend geritten. Und wie es die Vorsehung so wollte, kam dieser alte Meister gerade im Moment der größten Verzweiflung der Söhne am
Hofe des verstorbenen Pferdehändlers vorbei und klopfte an ihre Tür, um um ein Nachtlager zu bitten. Hocherfreut wurde er eingelassen, und kaum hatte er seinen schweren Mantel und seinen Hut
abgelegt und seine Hände gewaschen, bestürmten die drei Söhne den Alten schon mit ihren Fragen.
Nachdem der weise Mann sich die ganze Geschichte angehört hatte, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er blickte die Söhne der Reihe nach an und sagte dann: „Ich werde euer Problem
morgen früh lösen. Ich bin nicht hungrig, aber müde und würde mich gerne für die Nacht in die von euch freundlich zur Verfügung gestellte Kammer zurückziehen.“
Das wurde ihm bedauernd, aber bereitwillig gewährt, und am nächsten Morgen baten ihn die Brüder zeitig zum Frühstück, denn sie waren sehr gespannt auf die Lösung des Alten. Nachdem er sich
gesättigt hatte, lehnte er sich zurück und sprach: „Nehmt einfach mein Pferd dazu, dann könnt ihr den Willen eures Vaters ganz leicht erfüllen.“
Die drei Brüder schwiegen einen Augenblick betreten. Dann taten sie es zumindest erst einmal in Gedanken. Tatsächlich war jetzt alles sehr leicht. Sie wiesen dem ältesten Bruder neun Pferde zu,
dem zweitältesten sechs Pferde und dem Jüngsten zwei. Der weise Alte lächelte wieder. Dann verabschiedete er sich, holte sein Pferd aus dem Stall und sattelte es. Trotz seines Alters schwang er
sich recht flüssig hinauf, winkte den Brüdern, die mit ihm das Haus verlassen hatten und jetzt ebenfalls lächelten, und ritt vom Hof – nicht ohne zuvor seinen Besuch im nächsten Jahr angekündigt
zu haben.
Aufgabe: Fasse einmal in wenigen Sätzen zusammen, worin die Leistung der "Meister" im Umgang mit unseren Schwierigkeiten eigentlich besteht. Was geben sie uns? Was können sie uns
geben? Was nehmen sie uns? Nehmen sie etwas?
1. Versuch
Meister machen uns deutlich, dass man geben kann, ohne dabei etwas zu verlieren – und dass man dabei etwas gewinnen kann, auch wenn man das vorher nicht erkennt. Sie machen uns durch ihr Tun
oder Nichttun etwas klar, weil sie wie ein blanker Spiegel sind, in dem wir auf uns und unser Tun zurückgeworfen werden.
Mit dem Schwert kann der gordische Knoten nur zerschlagen, aber nicht gelöst werden. Weil keiner der Brüder bereit war, etwas von dem ihm zustehenden Teil abzugeben, konnte keine Lösung für
das Problem gefunden werden – obwohl hinterher deutlich wird, dass die Lösung mit den gegebenen Rahmenbedingungen ganz einfach ist, wenn man sie von der anderen Seite (von sich weg)
denkt.
Die Leistung der Meister liegt wahrscheinlich darin, dass sie uns durch ihr Sein zwingen, uns mit dem Wesentlichen zu beschäftigen. Sie geben uns Ausrichtung, indem sie sich geben können,
ohne ein Selbst zu haben, das dem im Weg steht. Damit machen sie sich zum Beispiel für das, was möglich ist und wir (noch) nicht sehen oder leben können. Sie handeln aus reiner Liebe und Freude,
auch wenn die diesbezüglichen Handlungen für uns gar nicht nach Liebe und Freude aussehen müssen. Sie ziehen uns allein durch das Gesehenwerden und ihre Existenz auf eine höhere Ebene. Sie
handeln nicht hektisch oder überstürzt, weil sie den unverstellten Blick auf die reine Notwendigkeit und das Erkennen haben. Ihre Leistung besteht darin, uns auf etwas zu verweisen, das mehr ist
als 1 + 1 = 2. Sie geben uns eine Richtung, zwingen uns, uns mit dem Kern der Sache zu beschäftigen. Sie zeigen uns, dass man mit nur einem Pferd viel erreichen kann – und es dabei nicht
verliert. Sie haben uns im Blick.
Die Geschichte zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen, aber ich kann es nicht erklären. :-)
2. Versuch
Ich glaube, unsere Schwierigkeiten bestehen hauptsächlich darin, unsere Probleme – oder die Dinge ganz allgemein – nicht aus einer übergeordneten Sichtweise zu betrachten, sondern sie nur in
einer unserer Alltagspersönlichkeit entsprechenden, eingeschränkten Weise wahrzunehmen.
Das äußert sich in vielfältiger Art und Weise: Wir sind in Situationen oft emotional involviert und dadurch nicht in der Lage, die Dinge klar zu sehen. Daher auch die Empfehlung, die tägliche
Innenschau am Abend mit Abstand zu betrachten. Ein weiteres Beispiel wäre das Phänomen der „Betriebsblindheit“ – wir sind so in uns selbst gefangen, dass wir den Balken in unserem Auge nicht
wahrnehmen können. Eine externe oder übergeordnete Betrachtung würde hier leicht Abhilfe schaffen.
Am besten jedoch kommt es in der „Welt über der Welt“ zum Ausdruck, worum es hier geht: Die Meister helfen uns, eine höhere Sicht der Dinge zu erlangen, um aus dieser neuen Position heraus
neu bewerten zu können. Leider geben sie uns ihre Einsichten nicht direkt, sondern immer nur so kleine Hilfen, dass wir letztlich durch eigenes Nachdenken und Kontemplieren die Erkenntnis selbst
erarbeiten müssen. Das hält dann natürlich auch viel besser und wirkt nachhaltiger. Insofern ist es nachvollziehbar, dass wir nur mit kleinen Hinweisen gefüttert werden und so zur neuen
Sichtweise hingeführt werden.
Ich glaube, darin begründet sich auch der diffuse Schrecken (wie du es einmal bezeichnet hast), der damit einhergeht: Durch die vagen Andeutungen weiß man nie, was sie wirklich meinen, und
man hat unterschwellig die Befürchtung, die Botschaft nicht zu verstehen und damit ihre Erwartungen nicht zu erfüllen. Es ist eine Form der Versagensangst.
Was nehmen sie uns?
Sie nehmen uns im Endeffekt unsere beschränkte Sicht der Dinge – und damit auch die Illusionen, die wir über uns selbst hegen. Stück für Stück entfernen sie die Schleier, die die Wahrheit
verhüllen, damit wir uns letztlich selbst erkennen können.
3. Versuch
Die Meister nehmen uns das Hängen am toten Buchstaben und demonstrieren uns die Freiheit, zu tanzen und dabei dennoch den Geist eines Gebotes zu erfüllen. Dass dabei noch Opfer (unter den
Pferden) vermieden werden und alle beteiligten Erben besser dastehen, bestätigt diese Vorgehensweise.
Denn nach den Buchstaben des Testamentes erhielte der erste Sohn acht Pferde und ein halbes totes Pferd, der zweite Sohn fünf Pferde und zwei Drittel eines toten Pferdes, und der Jüngste
bekäme ein Pferd und acht Neuntel eines toten Pferdes. Zudem blieben auch noch rund neunzehn Zwanzigstel eines toten Pferdes übrig, die niemand kriegen würde und die also irgendwo vergammeln
müssten. Nur vierzehn von siebzehn Pferden kämen mit dem Leben davon!
Nach der Intervention des Meisters – die in einer kindereinfachen Lösung des Problems besteht – leben alle Pferde, und jeder der Brüder hat ein gesundes Tier mehr. Und auch der Meister hat
keinen Verlust, aber karmische Pluspunkte und, tausendmal wichtiger, den Spaß an der Sache und das Vergnügen des Teilens.
4. Versuch
Was geben sie uns?
Meister geben angemessen – den aktuellen Entwicklungsstand des jeweiligen Schülers oder Hilfesuchenden beachtend. Sie geben uns die Möglichkeit, für einen Augenblick unsere Probleme aus ihrer
Warte zu durchschauen, zu überblicken und gegebenenfalls zu lösen.
Was können sie uns geben?
Sie können uns nur das geben, was wir zu empfangen bereit sind und was wir vom „Karma-Stand“ her empfangen dürfen.
Was nehmen sie uns?
Sie nehmen uns einen Teil der schweren Strecke ab, den wir sonst durch leidvolle Erfahrung selbst beschreiten müssten. An den Punkt, zu dem sie uns – in Zusammenarbeit mit göttlicher Gnade –
führen, wären wir früher oder später auch allein gelangt.
Nehmen sie etwas?
Die Belohnung für die Meister ist die Freude, die Mitmenschen wachsen zu sehen und sie – in Verbindung mit göttlicher Gnade und Liebe – vor unnützem Leid bewahrt zu haben. Da Freude und Liebe
unendlich sind, wäre der Begriff „nehmen“ im Sinne von Umverteilen oder Aneignen hier unpassend.
5. Versuch
Spirituell entwickelte Menschen, wahre Meister, geben uns etwas, womit es uns gelingt, unsere Schwierigkeiten selbst zu lösen.
In der Geschichte gab der weise Mann den Söhnen sein Pferd, das zur Lösung des Problems nötig war. Aber das Pferd wurde nicht „verbraucht“, „verletzt“ oder „getötet“ – es blieb am Ende
übrig.
Die Meister geben uns also etwas, das genutzt werden kann, sich aber nicht verbraucht und am Ende erhalten bleibt.
Das kann Inspiration, Erkenntnis, Vertrauen, Hoffnung, Zuversicht oder Gelassenheit sein – je nach der Geschicktheit der Mittel, denn die Meister wissen genau, was wir brauchen. In der
Geschichte hätte zum Beispiel ein Schaf nichts genutzt; es musste ein Pferd sein, damit die Söhne ihr Problem lösen konnten. Solche Gaben helfen uns, anders mit unseren Schwierigkeiten umzugehen,
sodass wir unsere Probleme selbst auflösen können. Oder die Meister schenken uns eine neue Perspektive, mit der wir unsere Schwierigkeiten anders betrachten können.
Nach der Auflösung unserer Probleme sind Inspiration, Hoffnung, Zuversicht und ähnliche Qualitäten nicht zerstört oder verbraucht. Sie bleiben und können weiter genutzt werden. In der
Geschichte nimmt der weise Mann sein Pferd wieder mit – er hat es wieder zur Verfügung. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass Lernprozesse immer wechselseitig sind. Der Meister kann die
Inspiration, die Hoffnung oder die Erkenntnisse, die von den Schülern genutzt und dann „übrig sind“, selbst wieder aufnehmen und bildlich gesprochen „weiterziehen“.
Nehmen uns die Meister etwas?
Indirekt ja. Dadurch, dass wir Erkenntnis, Vertrauen oder Zuversicht gewinnen, können wir unsere Ängste und Hoffnungslosigkeit loslassen – jene Anteile, die uns in unseren Schwierigkeiten
festhalten und uns hindern, sie zu lösen.
Letztlich müssen wir unsere Probleme selbst bewältigen. In der Geschichte teilt der weise Mann die Pferde nicht für die Söhne auf, aber er gibt ihnen etwas – sein Pferd –, womit sie die
Aufgabe selbst gerecht erfüllen können. Das, was wir von den Meistern empfangen, kann uns ungemein dabei helfen, die eigenen Knoten zu lösen.
Auch für die spirituelle Praxis gilt das: Wir erhalten Motivation und Vertrauen von den Meistern, weil sie eine tiefere Ahnung davon haben, wofür bestimmte Übungen gut sind. Üben müssen wir
jedoch selbst. Das eigene Üben kann uns niemand abnehmen – aber die innere Anregung dazu können wir sehr wohl von jenen empfangen, die uns vorausgegangen sind.
Schlusswort
Wir haben hier fünf Betrachtungen zum Thema „17 Pferde“. Jeder einzelne Text ist gut – und darüber hinaus erkennen wir deutlich, dass es Parallelen und Unterschiede gibt. Gerade in diesen
Unterschieden liegt der Wert der Arbeit in einem spirituellen Kreis. Parallelen bestätigen, Unterschiede zeigen übersehene Aspekte auf, und selbst scheinbare Widersprüche sind lediglich
perspektivische Ergänzungen zum eigenen Standpunkt.
Man könnte nun noch einen Schritt weitergehen und zu jeder einzelnen Betrachtung Kommentare schreiben – und dann wiederum die Kommentare mit Anmerkungen versehen. Solche Vorgehensweisen hat
es historisch oft gegeben. Nach und nach entstünde daraus ein ganzes Buch voller lehrreicher Texte.
Man könnte zwar einwenden, alles sei schon in der Basisgeschichte enthalten – in dem Moment, da wir die Intention des Textes zu verstehen glauben und uns vielleicht, ohne es recht erklären zu
können, durch die Inspiration lächeln sehen. Doch auch das wäre nur eine Ebene.
Denn ob jemand sein Aha-Erlebnis in der unmittelbaren Geschichte, in einer Anmerkung oder gar in der „Anmerkung zur Anmerkung“ hat – der Weg führt immer zum selben Ziel: zur erlösenden
Erkenntnis, zum 18. Pferd.
Als spiritueller Kreis bemühen wir uns, die ganze Bandbreite an Inspirationsmöglichkeiten abzudecken – ohne dabei zu vergessen, worum es im Kern geht. Darauf zu verzichten, hieße, ins
Schriftgelehrtentum zu verfallen. Sich auf nur eine Ebene zu beschränken, wäre bereits der erste Schritt in Richtung Sekte.