Eden
Im Deutschen sind „Eden“ und „Erde“ klanglich recht ähnlich, und spirituell gesehen geht die Ähnlichkeit noch viel weiter. Beide Begriffe verweisen nicht nur auf einen Ort, sondern auf eine
bestimmte Weise, in der Welt zu sein. Laurie Anderson sagte einst: „Paradise is exactly like where you are right now... only much, much better.“ Damit hat sie den Nagel so ziemlich auf den Kopf
getroffen. Das Paradies ist kein fernes Jenseits, sondern eine veränderte Qualität des Hierseins – dieselbe Welt, anders erfahren.
Freilich müssen das anfängliche Paradies und das mögliche Paradies unterschieden werden. Das anfängliche Paradies innerhalb der Welten der Trennung war nicht nur Freude und frei von Leid. Es war
aber ein Ort frei von der Erkenntnis dieser Tatsache. Leid, Begrenzung und Verletzlichkeit waren bereits angelegt, doch sie waren noch nicht bewusst. Der Mensch lebte ganz im Augenblick – ohne
Schwelgen oder Fürchten in Vergangenheit und Zukunft. Zeit wurde erlebt, aber nicht reflektiert. Erfahrung geschah, ohne dass sie gedeutet wurde.
Dieses anfängliche Paradies war kein Zustand höherer Einsicht, sondern ein Zustand vor der Einsicht. Es war kein Ziel, sondern ein Ausgangspunkt. Nicht Weisheit kennzeichnete ihn, sondern
Unmittelbarkeit. Nicht Klarheit, sondern Ungetrenntheit. Erst mit der Möglichkeit zur Erkenntnis konnte auch das Paradies als Paradies erkannt – und damit verloren – werden.
Als die evolutionären Prozesse auf „Eden“ (Erden) unseres Wissens nach über Jahrmilliarden erstmals physische Vehikel bereitstellten, die potenziell erkenntnisfähig waren, „schuf Gott den
Menschen“. Das heißt, er ließ Erzengelwesen aus der ungeteilten Vielheit seiner selbst oder aus vorbereitenden psychonoetischen Bereichen innerhalb der Trennungswelten inkarnieren – einzeln ins
Fleisch einzelner grobstofflicher Körper herabsteigen. Damit begann ein radikaler Übergang: Bewusstsein sollte sich nicht mehr nur ausdrücken, sondern sich selbst erkennen.
Unser Wissen ist in dieser Sache allerdings begrenzt. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob es nicht rezente Tierarten gibt – Keas, Bonobos, Delfine, Elefanten –, die bereits die Schwelle
überschritten haben, die sie zu potenziellen oder tatsächlichen Vehikeln für zu individuierende Erzengelwesen macht. Noch weniger wissen wir, ob nicht in der Vergangenheit unter den
ausgestorbenen Arten – immerhin 99,8 Prozent aller jemals auf Eden existierenden Arten – schon solche Wesen gegeben hat. Die Menschwerdung
erscheint so weniger als singuläres Ereignis denn als Kulminationspunkt eines langen, tastenden Prozesses.
Laut Bibel kündigte Gott den ersten Menschen auf Eden an, dass sie, falls sie vom Baum der Erkenntnis essen würden, „gewisslich an dem Tage sterben würden“. Dieses „gewisslich“ muss nicht heißen,
dass sie sicher am selben Tage physisch sterben würden. Es könnte auch bedeuten, dass sie an diesem Tage die Gewissheit erlangen würden, dass sie sterben würden. Gewissheit im Sinne von
Erkenntnis. Nicht der Tod selbst, sondern das Wissen um den Tod wäre demnach die eigentliche Zäsur.
Mit dem Essen vom Baum der Erkenntnis war der Mensch aus dem anfänglichen paradiesischen Zustand herausgefallen. Nicht ein Erzengel mit flammendem Schwert vertrieb ihn, sondern die „Erkenntnis
von Gut und Böse“ selbst beendete seinen Aufenthalt im Paradies. Der Mensch verlor die Fähigkeit, im Paradies zu sein, weil er nun wusste, dass es auch Nicht-Paradies gibt. Und zugleich hatte er
noch nicht die Fähigkeit, zu erkennen, dass er im möglichen Paradies blieb.
In Wirklichkeit war seine Erkenntnis in den Trennungswelten von Anfang an fehlgeleitet. Er hatte nicht Erkenntnis erlangt, sondern lediglich Erkenntnisfähigkeit. Diese Fähigkeit war roh, ungeübt
und notwendigerweise fehleranfällig. Ohne Erfahrung in den Trennungswelten musste der Mensch zwangsläufig irren. Erkenntnis ohne Erfahrung ist Projektion. Unterscheidung ohne Übersicht ist
Verzerrung.
Der Mensch erkannte sich als nicht eins mit der Umwelt. Diese Erkenntnis war funktional, aber nicht wahr. Er bezog Gut und Böse nicht auf das System, innerhalb dessen er sich als Teil bewegte,
sondern auf sich selbst. Er wurde sich selbst zum Maßstab. Alles seiner „Erkenntnis“ Zugängliche wurde danach beurteilt, ob es für ihn gut oder böse sei, angenehm oder unangenehm, erwünscht oder
unerwünscht. So entstand eine erste Ordnung – aber eine zutiefst relative.
Darüber hinaus war der Mensch durch seine relative Schwächlichkeit von Anfang an ein soziales Wesen. Er konnte nicht allein bestehen. Schutz, Nahrung, Fortpflanzung und Weitergabe von Wissen
waren ohne andere kaum möglich. Dadurch befand er sich dauerhaft in einem externen Konkurrenzkampf um Sozialstatus und die daraus folgenden Vor- und Nachteile, zugleich aber auch in einer
Solidargemeinschaft, in der es so etwas wie Gemeinwohl gab. Kooperation und Rivalität wuchsen aus derselben Wurzel.
In der Sorge um das persönliche Wohl und um das Wohl der Gruppe, mit der er seinen Lebensraum teilte, lassen sich die Keime jener grundlegenden Orientierungen erkennen, die später spirituell
weiter ausgearbeitet werden sollten. Diese Keime waren jedoch von Anfang an stark durch fehlende und falsche Erkenntnis vergiftet. Das Gute erschien als das Angenehme, das Nützliche, das
Vorteilhafte. Das Schlechte als das Schmerzvolle, das Anstrengende, das Bedrohliche.
Die sinnlichen Eindrücke wurden so zum Maßstab dessen, was gut oder schlecht sei. Doch sie sind dafür ungeeignet. Eine objektivere Erkenntnis wächst erst mit der Fähigkeit des Menschen, sich
selbst aus dem Spiel herauszunehmen – sich nicht mehr als Mittelpunkt, sondern als Teil zu verstehen. Andernfalls würde man immer Zucker essen, weil er süß ist, und niemals Sport treiben, weil er
anstrengend ist.
Auf dieser frühen Bewusstseins- und Erkenntnisstufe bleibt eine tiefere Wahrheitssuche weitgehend unrepräsentiert. Und selbst dort, wo Erkenntnis kurz aufblitzt – in Staunen, Zweifel oder
Grenzerfahrungen –, wird sie sofort den unmittelbaren Bedürfnissen und sozialen Dynamiken untergeordnet. Erst viel später, historisch wie individuell, beginnt der lange und fragile Prozess, in
dem Erkenntnis sich von Nutzen und Vorteil löst und zu einer eigenen Instanz wird.
Erst hier öffnet sich die Möglichkeit eines anderen Paradieses. Nicht eines verlorenen, sondern eines erkannten. Nicht eines jenseits der Welt, sondern eines mitten in ihr.