Ein Gespräch zwischen Kallistos und Ignatios Xanthopoulos

 

Über das himmlische Licht

 

 

Die Nacht war bereits weit fortgeschritten. Über den Dächern Konstantinopels standen die Sterne klar und unbewegt. In ihrer Zelle brannte nur eine kleine Öllampe. Kallistos saß auf einem niedrigen Schemel und flocht schweigend ein Stück Schnur. Ignatios hatte die Schriftrolle vor sich ausgebreitet, an der sie seit Wochen arbeiteten. Lange sprach keiner. Schließlich legte Ignatios die Feder beiseite. „Bruder, oft kommen Menschen zu uns und fragen nach den höchsten Dingen. Sie wollen von Schauungen hören, von Licht und Verzückung. Kaum einer fragt nach Geduld, Demut oder Aufmerksamkeit.“

Kallistos lächelte. „Weil die Menschen die Früchte lieben und die Wurzeln vergessen.“

„Und doch“, sagte Ignatios, „ist das Verlangen nach Gott selbst etwas Gutes.“

„Gewiss. Aber viele wollen Gott besitzen, bevor sie gelernt haben, sich selbst nicht mehr zu besitzen.“

Ignatios nickte langsam. „Dann besteht der Weg zunächst aus Verzicht?“

„Nicht nur. Verzicht allein macht keinen Heiligen. Ein Mensch kann vieles aufgeben und dennoch voller Stolz sein. Der Weg besteht darin, alles auf Gott hin zu ordnen.“

Wieder entstand eine Pause. Von draußen drang entfernt das Bellen eines Hundes herein. „Manchmal“, sagte Ignatios, „frage ich mich, warum der Herr den Weg so verborgen gemacht hat. Wäre es nicht leichter, wenn jeder seine Gegenwart unmittelbar spüren könnte?“

Kallistos legte die Arbeit aus der Hand. „Wenn ein König seine Schätze offen auf die Straße legt, werden sie von Dieben geraubt. Die größten Gaben werden verborgen aufbewahrt. So ist es auch mit der Gegenwart Gottes.“

„Also verbirgt Gott sich absichtlich?“

„Vielleicht verbirgt er sich nicht. Vielleicht sind wir nur voller Lärm.“

Ignatios dachte darüber nach. „Dann besteht die Askese weniger darin, etwas zu erreichen, als vielmehr darin, etwas zum Schweigen zu bringen?“

„Ja. Die Leidenschaften schreien. Die Einbildung spricht ohne Unterlass. Die Erinnerungen ziehen an uns. Die Sorgen der Zukunft rufen nach Aufmerksamkeit. Mitten in diesem Marktgeschrei ist die Stimme Gottes kaum zu hören.“

„Und wenn der Lärm verstummt?“

„Dann entdeckt der Mensch, dass Gott die ganze Zeit gegenwärtig war.“

Ignatios blickte in die Flamme der Lampe. „Viele Brüder kämpfen gegen ihre Gedanken und werden entmutigt. Sie glauben, sie hätten versagt, weil die Gedanken immer wiederkehren.“

„Das ist ein häufiger Irrtum“, antwortete Kallistos. „Der Sieg besteht nicht darin, niemals Gedanken zu haben. Solange wir leben, werden Gedanken kommen. Der Sieg besteht darin, ihnen nicht automatisch zu folgen.“

„Wie einem Händler auf dem Markt?“

„Genau. Du hörst seine Stimme, aber du musst nichts kaufen.“

Ignatios lachte leise. „Wenn das die Menschen verstehen würden, würde ihnen viel Leid erspart.“

„Der Feind gewinnt oft nicht durch große Sünden, sondern durch kleine Gespräche. Ein Gedanke klopft an. Wir öffnen die Tür. Dann setzen wir uns mit ihm an den Tisch. Schließlich geben wir ihm das ganze Haus.“

„Und was sollen wir stattdessen tun?“

„Den Namen Jesu festhalten.“

Ignatios sah auf. „Meinst du wirklich, dass ein so einfaches Gebet genügt?“

„Nicht die Worte wirken das Wunder. Der Herr wirkt es. Aber die Worte helfen dem Geist, bei ihm zu bleiben.“

„Manchmal erscheint mir die Einfachheit dieses Weges beinahe zu schlicht.“

„Das Evangelium selbst ist schlicht.“

„Und doch schwer.“

„Ja. Weil der Mensch kompliziert sein möchte.“

Die beiden schwiegen erneut. Nach einiger Zeit sagte Ignatios: „Bruder, was ist nach all den Jahren das Wichtigste, das du gelernt hast?“

Kallistos antwortete nicht sofort. Die Lampe knisterte leise. „Dass Demut nicht eine Tugend unter anderen ist.“

„Was ist sie dann?“

„Sie ist der Boden, auf dem alle anderen Tugenden wachsen. Ohne sie wird selbst das Gebet zur Eitelkeit und das Fasten zum Stolz.“

„Und wie erkennt man, ob man Demut besitzt?“

„Sobald man glaubt, sie zu besitzen, hat man sie wahrscheinlich verloren.“

Ignatios lächelte. „Dann bleibt uns nur, immer neu anzufangen.“

„Ja.“

„Jeden Tag?“

„Jede Stunde.“

Ignatios senkte den Blick. „Manchmal erscheint mir der Weg endlos.“

„Er ist endlos.“

„Wie meinst du das?“

„Selbst die Engel gelangen niemals an ein Ende Gottes. Wie sollte der Mensch es können? Jede Stufe offenbart eine weitere. Jede Nähe eröffnet eine tiefere Nähe.“

„Dann ist Vollkommenheit keine Grenze?“

„Nein. Sie ist eine immerwährende Bewegung in Gott hinein.“

Draußen begann irgendwo ein Hahn zu krähen. Die Nacht neigte sich ihrem Ende zu. Ignatios rollte die Schrift zusammen. „Wenn die Brüder uns fragen, was das Ziel des geistlichen Lebens ist, was sollen wir ihnen antworten?“

Kallistos erhob sich langsam. „Sage ihnen: Reinige dein Herz, rufe den Namen des Herrn an, liebe Gott mehr als dich selbst und deinen Nächsten wie dich selbst. Alles andere wird sich daraus ergeben.“

„Und wenn sie nach den großen Geheimnissen fragen?“

Kallistos öffnete die Tür der Zelle. Der erste Schimmer des Morgens lag über der Stadt. „Dann sage ihnen, dass das größte Geheimnis nicht darin besteht, das himmlische Licht zu sehen.“

„Sondern?“

„So zu werden, dass man es ertragen kann.“

Darauf gingen beide schweigend zur Frühmesse. Die Lampe brannte noch einen Augenblick weiter und erlosch dann von selbst.