Hier das gefährlichste Tier der Welt, das jährlich aktiv oder passiv Millionen seiner eigenen Art und dazu noch Milliarden und Abermilliarden Tiere anderer Arten tötet - und ein 4-Meter-Bullenhai, der im Hintergrund vorbeischwimmt...
Reinkarnation im frühen Christentum
Ein Auszug aus dem Buch "REINKARNATION" von Ronald Zürrer (ISBN 3-907824-01-6)
Origenes von Alexandria
Aus den vorangegangenen Zitaten wird erneut deutlich, daß das Wissen um die Karma- und
Reinkarnationsgesetze zur Zeit Jesu noch selbstverständlich war und wohl auch zum
urchristlichen Gedankengut gehörte. Wir müssen uns daher an dieser Stelle fragen, wie es
dazu kam, daß dieses Wissen später verlorenging. Und wenn wir zur Beantwortung dieser
Frage die Geschichte des Reinkarnationsgedankens im Frühchristentum untersuchen
wollen, so müssen wir uns zunächst auch über die folgende wichtige Tatsache, die heute oft
vergessen wird, im klaren sein:
Das frühe Christentum kannte in den ersten Jahrhunderten nach Jesus noch keine festen
Lehrsätze (Dogmen), wie sie heute als unumstößliches Fundament der katholischen
Kirchenlehre gelten. Als Glaubensgrundlage dienten in erster Linie die Originalhandschriften
des Neuen Testaments, wobei zu beachten ist, daß es darin noch keine systematische
Aufstellung irgendwelcher Lehren und keine aus formulierten Abhandlungen über
irgendwelche Grundsätze in Religion und Philosophie gab, sondern nur fragmentarische
Erzählungen mit geringem Bemühen um eine chronologische Ordnung sowie kurze
Gespräche und Briefe. Daneben galten auch die etwas systematischeren Schriften der
Kirchenväter oder Kirchenlehrer als maßgeblich, welche jedoch die unterschiedlichsten
Themen behandelten und dabei durchaus nicht in allen Punkten übereinstimmten.
Unter dem Begriff der Kirche wurde auch noch keine feste Organisation oder Institution
verstanden, sondern sie stellte vielmehr eine lockere Gruppe oder Gemeinschaft derer dar,
die bestrebt waren, die von Jesus und seinen Anhängern verkündete Botschaft zu verstehen
und dementsprechend zu leben. Wichtig ist ebenfalls die Tatsache, daß es im Urchristentum
noch keine Trennung in eine griechische und eine römische Kirche gab und daß die ersten
großen Kirchenlehrer allesamt dem griechischen Kulturkreis entstammten und der im
Entstehen begriffenen christlichen Lehre folglich zuweilen eine deutlich griechische Prägung
gaben. (Die Streitigkeiten zwischen der römischen und der griechischen Kirche führten erst
später, im Jahre 1054, zum großen Schisma, d.h. zur Kirchenspaltung in die griechischorthodoxe
und römisch-katholische Kirche.)
In den ersten Jahrhunderten nach Jesus war die Entwicklung der Kirchenlehre also
maßgebend bestimmt von den theologischen Lehrsätzen, die von den führenden
Kirchengelehrten in speziellen Kirchenversammlungen festgelegt wurden. Doch je mehr sich
das aufstrebende Christentum in den kommenden Jahrhunderten zu einer wirtschaftlich und
politisch mächtigen Weltreligion entwickelte, desto mehr gingen auch viele der
ursprünglichen Grundgedanken verloren, und an ihre Stelle traten oft eher "weltliche"
Überlegungen - um es gelinde auszudrücken. Es ist daher augenscheinlich, daß uns
grundlegende theologische Untersuchungen unweigerlich ins Urchristentum führen, denn die
ersten Christen waren, wie sich zeigen wird, nicht nur zeitlich "näher bei Christus".
Diesen Sachverhalt möchten wir in der Folge am Beispiel der wohl herausragendsten und
einflußreichsten Persönlichkeit des Urchristentums illustrieren: Origenes von Alexandria
(185-254), dessen Name gerade im Zusammenhang mit dem Reinkarnationsgedanken
immer wieder genannt wird - und dies zurecht.
Origenes ist der erste und einer der größten Gelehrten und Bibelkenner, die das Christentum
je gekannt hat. Er war ein Wissenschaftler, der alle weltlichen Ehren der damaligen
griechischen Bildungswelt errungen hatte, und er ist außerdem der einzige, der die Lehre
des Christentums auch literarisch in Form eines geschlossenen philosophischen Systems
darstellte. Um alle seine Aussagen auf ein breites biblisches Fundament abzustützen,
erstellte er sich eine umfassende Textausgabe des Alten Testaments (die "Hexapla"), so daß
er seine Lehren immer auf diese Grundlage beziehen konnte. Er beherrschte neben der
griechischen Sprache auch Hebräisch (die Sprache der alttestamentarischen Urtexte), und
erlernte darüber hinaus sogar eigens die Muttersprache Jesu, Aramäisch, um auch die Texte
jener im Original lesen zu können, die Jesus persönlich gekannt und sein Leben und seine
Lehren schriftlich festgehalten hatten. Origenes kann also, ohne Übertreibung, als
Universalgelehrter von Weltrang bezeichnet werden. Er ist "Zeuge höchsten christlichen
Wissens und dessen überragender Lehrer. Seine literarische Hinterlassenschaft stellt bis ins
20. Jahrhundert die umfassendste und tiefste Erschließung der Bibel dar." (aus der
Einleitung des Buches "Origenes der Diamantene" von Robert Sträuli, 1987). Origenes war
zudem der Leiter der berühmten Katechetenschule von Alexandria (im heutigen Ägypten),
wo sich auch die größte Bibliothek des Altertums befand, mit der umfangreichsten
Schriftensammlung der gesamten damaligen Welt. Viele Fachkenner sind sich darüber einig,
daß sich mit größter Wahrscheinlichkeit dort auch zahlreiche vedische Originaltexte in
Sanskrit befanden, denn es herrschte bereits damals ein reger kultureller und
philosophischer Austausch zwischen den Gelehrten der griechischen, persischen und
indischen Hochkulturen. Diese höchst bedeutende Bibliothek wurde indes im Jahre 389 von
einem christlichen Glaubensfanatiker, dem Patriarchen Theophilus, in Brand gesteckt.
Durch diese bedauernswerte Tat wurde wertvollstes Wissen unwiederbringlich zerstört, was
die historische Forschung heute erheblich erschwert. Es ist jedoch wichtig zu beachten, daß
aufgrund dieser Tatsache keiner der späteren Kirchengelehrten nach Origenes solche
Voraussetzungen für seine wissenschaftliche Arbeit hatte wie Origenes - auch nicht jene, die
später versuchten, seine Lehren zu widerlegen.
Kurzum: Origenes hatte also Kenntnis sämtlicher verfügbaren Originaldokumente des
Christentums, sowohl der heiligen Schriften der Juden als auch der Evangelien und
Apostelbriefe und der heute als apokryph («unecht») bezeichneten Schriften, und er verfügte
außerdem über fundiertes Wissen der griechischen, persischen und vermutlich auch der
vedischen Philosophie. Er hatte Pythagoras, Platon und Plotin gelesen und war ein
persönlicher Schüler des großen Gelehrten Ammonius Sakkas aus Alexandria (175-242),
des Begründers der neuplatonischen Lehre.
Die umfassende Gelehrsamkeit des Origenes auf theologischem Gebiet veranlaßte den
damaligen Bischof von Alexandria, Demetrius, diesen einmaligen Sachkenner auf
Missionsreisen zu schicken, insbesondere wenn es darum ging, Meinungsstreitigkeiten unter
Theologen zu widerlegen. Wie erwähnt, vertraute er Origenes auch die Leitung der
blühenden Katechetenschule an, verlieh ihm also ein kirchliches Lehramt.
Der gleiche Bischof Demetrius aber war später auch der erste, der Origenes der Irrlehre
bezichtigte, wobei seiner Handlungsweise jedoch offensichtlich ein rein egoistisches Motiv,
nämlich gekränkte Eitelkeit und Neid, zugrunde lag: Als die Bischöfe in Caesarea (Palästina),
wo sich Origenes längere Zeit zu Lehrzwecken aufhielt, diesen aufgrund seiner Beliebtheit
und Gelehrsamkeit zum Presbyter (Priester) weihten, sah Demetrius darin einen Eingriff in
seine Rechte und veranlaßte in Origenes' Abwesenheit die Aberkennung seiner
Priesterwürde und seine Verbannung (dies im Jahre 231). Dieser "Fall Origenes" ist in der
christlichen Kirchengeschichte wahrscheinlich das erste Beispiel eines Konfliktes zwischen
einem unabhängigen christlichen Gelehrten und der Autorität der über ihm stehenden
kirchlichen Behörde - das erste Beispiel also für den Kampf um die Wahrheit gegen den
Kampf um die Macht im hierarchischen System. Leider, so muß man allerdings sagen, bei
weitem nicht das einzige und letzte.
In den folgenden Jahrhunderten wurden die Lehren dieses größten aller Kirchengelehrten,
der zu seinen Lebzeiten keinen Sachkenner gleichen Ranges gekannt hatte, immer wieder
der Häresie (Ketzerei) bezichtigt. Dennoch vertraten einige führende Theologen auch nach
Origenes' Tod weiterhin seine Ansichten, so daß die theologischen Streitigkeiten um seine
Lehren mit einem für die heutige Zeit unvorstellbaren Fanatismus ausgetragen wurden.
Weil, vor allem in Palästina, bis ins 6. Jahrhundert (also 300 Jahre nach seinem Tode)
teilweise bürgerkriegsähnliche Zustände unter den betroffenen Mönchsgruppen herrschten,
übergaben einige Origenes-Gegner dem im Jahre 542 in Palästina weilenden päpstlichen
Gesandten Pelagius eine Klageschrift an den herrschenden Kaiser Justinian I. in
Konstantinopel (Byzanz). Diese Schrift wie auch andere Motive führten in der Folge dazu,
daß die Lehren des Origenes offiziell aus der aufstrebenden christlichen Kirche verbannt
wurden. Wir werden im Anschluß noch auf den genauen Verlauf der Beseitigung seiner
Lehren zu sprechen kommen. Vorerst wollen wir aber diese sogenannt "ketzerischen"
Ansichten, die zu derartig tiefgehenden Streitigkeiten und zu solch blutigen
Auseinandersetzungen in der frühchristlichen Geschichte führten, etwas genauer betrachten.
Origenes' Lehre
Origenes verfaßte insgesamt rund 2000 Schriften, die später leider alle größtenteils zerstört
wurden. Seine bis in die heutige Zeit überlieferten Werke lagen zudem lange Zeit nicht im
Original, sondern nur in der lateinischen Übersetzung des Rufinus von Aquileja vor, der in
der Einleitung selbst zugibt, daß er bei der Übertragung vom Griechischen ins Lateinische
gezwungen war, gewisse Korrekturen im Sinne der kirchlichen Dogmen vorzunehmen. Erst
vor wenigen Jahrzehnten wurden in Ägypten einige Originale von Origenes' Schriften
gefunden, die sich in der Tat von der Übersetzungen des Rufinus an wichtigen Stellen
teilweilse deutlich unterscheiden. Dennoch können wir anhand der überlieferten Textstellen
die Grundzüge seiner Lehre skizzieren: Origenes lehrte, daß es eine Rangordnung unter den
Wissenschaften gebe, an deren Spitze nicht mehr die Philosophie, sondern vielmehr die
Theologie, die Wissenschaft über Gott, zu stehen habe: "Wenn die Söhne der Weltweisen
von Geometrie, Musik, Grammatik, Rhetorik und Astronomie sagen, sie seien die Mägde der
Philosophie, so können wir von der Philosophie in ihrem Verhältnis zur Theologie dasselbe
sagen." Folglich verlangte er von den Theologen, sämtliche verfügbaren alten
philosophischen und wissenschaftlichen Schriften zu kennen und durchzuarbeiten und allem
ein gerechtes Ohr zu leihen, wofür er selbst das beste Beispiel gab.
In seinen Lehren nimmt Origenes denn auch eine weitgehende, ja für die Kirchenmacht zu
weit gehende Verschmelzung christlicher mit neuplatonischen Gedanken vor. In seinem
Hauptwerk "De principiis" (Von den Grundlehren) beschrieb er, gleich den Neuplatonikern,
das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen (d.h. den Seelen) wie jenes zwischen der
Sonne und dem Glanz, der von ihr ausstrahlt - ein Vergleich übrigens, der sich, wie erwähnt,
bereits im vedischen Visnu Purana (1.22.53) findet. Jesus steht dabei als Gottes Sohn in
gleichem Abstand von beiden zwischen Gott und den Menschen als Vermittler.
Weiter lehrte Origenes, daß die gesamte Schöpfung - also sowohl die unvergängliche
spirituelle Welt als auch die zeitlich begrenzte körperliche (materielle) Welt - von Gott
geschaffen wurde und daß "kein Wesen existiert, das nicht von Ihm sein Dasein erhalten
hätte". Mit anderen Worten, alle Vernunftwesen (von Origenes Logika genannt) gehen ewig
aus Gott hervor und sind demzufolge selbst auch ewig, da sie mit Gott verwandt sind. Im
Urzustand waren alle Logika nichtmaterielle Wesen und gaben sich der unmittelbaren Schau
ihres gemeinsamen Vaters hin.
Interessant ist an dieser Stelle auch der Vergleich des zusammenhängenden Welt-, Gottes- und
Menschenbildes des Origenes mit den entsprechenden Aussagen der Bhagavad-gita, die
ihm, dem großen Gelehrten, aller Wahrscheinlichkeit nach bekannt war:
Gott sprach: Ich bin der Ursprung sowohl der spirituellen als auch der materiellen Welt. Alles geht von Mir aus. Die Weisen, die dies vollkommen verstanden haben, beschäftigen sich in
Meinem hingebungsvollen Dienst und verehren Mich von ganzem Herzen. (Bg. 10.8)
Alle Lebensformen werden durch Geburt in der materiellen Natur ermöglicht, und Ich bin der samengebende Vater. (Bg. 14.4)
Die individuellen Unterschiede zwischen den "himmlischen, irdischen oder unterirdischen
Wesen", so lehrte Origenes, sind erst durch den Fall, das Wegfallen von Gott, entstanden.
Grund und Ursache dieses Falles sind demnach nicht im Schöpfer zu suchen, sondern in
den Lebewesen selbst, da, wie er schreibt, "die Ursache der Verschiedenheit und
Mannigfaltigkeit unter den einzelnen Geschöpfen von ihren eigenen Bewegungen herrührt,
die teils lebhafter, teils träger sind, entsprechend ihrer Tugend und Schlechtigkeit, nicht aber
aus ungleicher Behandlung durch den Ordner der Welt." Auch hier ist die Parallele zur
vedischen Lehre der drei Erscheinungsweisen (Gunas) unübersehbar:
Die materielle Natur besteht aus drei Erscheinungsweisen - Tugend, Leidenschaft und Unwissenheit. Wenn das Lebewesen mit der Natur in Berührung kommt, wird es durch diese
Erscheinungsweisen bedingt. (Bg. 14.5)
Man sollte verstehen, daß die materielle Natur und die Lebewesen anfanglos sind. Ihre Umwandlungen und die Erscheinungsweisen der Materie sind Produkte der materiellen Natur. Die Natur
gilt als die Ursache aller materiellen Ursachen und Wirkungen, wohingegen das Lebewesen die Ursache der verschiedenen Leiden und Genüsse in dieser Welt ist. So folgt das Lebewesen in der
materiellen Natur den Wegen des Lebens und trifft mit Gut und Schlecht in den verschiedenen Lebensformen zusammen. (Bg. 13.20-22)
Gemäß Origenes ist bestimmend für den Ort, an dem sich ein Vernunftwesen aufgrund seiner "eigenen Bewegung" befindet, sein eigener freier Wille, den ihm der Schöpfer als größtes Geschenk
mitgegeben hat und durch den es der Seele möglich ist, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Er schreibt:
Denn der Schöpfer gewährte den Intelligenzen, die er schuf, willensbestimmte, freie Bewegungen, damit in ihnen eigenes Gut entstehe, da sie es mit ihrem eigenen Willen bewahrten. Doch
Trägheit, Überdruß an der Mühe, das Gute zu bewahren, und Abwendung und Nachlässigkeit gegenüber dem Besseren gaben den Anstoß zur Entfernung vom Guten.
Auch bei einem anderen großen Kirchengelehrten, dem frühen Dalmatier Hieronymos (347-
419), dessen größte Leistung die erste lateinische Bibelübersetzung (die "Vulgata") war,
vereinigen sich klassisch-griechische und biblische Überlieferungen. In seinen "Epistulae"
heißt es:
Alle körperlosen und unsichtbaren vernünftigen Geschöpfe gleiten, wenn sie in Nachlässigkeit verfallen, allmählich auf niedere Stufen herab und nehmen Körper an je nach Art der Orte, zu
denen sie herabsinken: zum Beispiel erst aus Äther, dann aus Luft, und wenn sie in die Nähe der Erde kommen, umgeben sie sich mit noch dichteren Körpern, um schließlich an menschliches
Fleisch gefesselt zu werden... Dabei wechselt der Mensch seinen Körper ebensooft, wie er seinen Wohnsitz beim Abstieg vom Himmel zur Erde wechselt.
Und in einem Brief an Demetrius schreibt Hieronymos, daß "die Reinkarnationslehre unter
den ersten Christen als geheime, den Laien nicht offenbarte Überlieferung behandelt und nur
den Auserlesenen erklärt wurde."
Aus diesen Zeugnissen geht hervor, daß sowohl Origenes als auch andere bedeutende
frühchristliche Theologen, Philosophen und Kirchenlehrer - so zum Beispiel auch Justinus
der Märtyrer (100-165), Tatian (2. Jhd.), Clemens von Alexandria (150-214), Gregorios von
Nyssa (334-395), Synesios von Kyrene (370 413) oder auch der Hl. Augustinus (354-430)
und der Bischof Nemesios von Emesa (um 400-450) - die Ansicht vertraten, daß die Seelen
der Menschen schon vor der Entstehung der materiellen Welt vorhanden waren. Mit anderen
Worten, all diese frühen Kirchenlehrer waren von der später so umstrittenen Präexistenz der
Seele vollständig überzeugt. Diese wiederum ist, wie bereits dargelegt, eine wichtige
Voraussetzung für die Reinkarnationslehre und wird außerdem durch die folgende Bibelstelle
bestätigt:
Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten
für die Völker habe ich dich bestimmt. (Jer 1,4-5)
In "De principiis" vertritt Origenes denn auch ganz direkt die Prinzipien von Karma und
Reinkarnation. Es heißt dort beispielsweise:
Wenn man wissen will, weshalb die menschliche Seele das eine Mal dem Guten gehorcht, das andere Mal dem Bösen, so hat man die Ursache in einem Leben zu suchen, das dem jetzigen Leben
voranging. Jeder von uns eilt der Vollkommenheit durch eine Aufeinanderfolge von Lebensläufen zu. Wir sind gebunden, stets neue und stets bessere Lebensläufe zu führen, sei es auf Erden,
sei es in anderen Welten. Unsere Hingabe an Gott, die uns von allem Übel reinigt, bedeutet das Ende unserer Wiedergeburt.
Und an einer anderen Stelle schreibt er:
Aufgrund einer Anziehung an das Böse nehmen bestimmte Seelen Körper an, zunächst einen menschlichen. Nachdem ihre Lebensspanne als Mensch dann abgelaufen ist, wechseln sie aufgrund
irrationaler Begierden in einen Tierkörper über, von wo sie auf die Ebene von Pflanzen sinken. Aus diesem Zustand erheben sie sich wieder, indem sie die gleichen Stufen durchlaufen, und
kehren zu ihren himmlischen Orten zurück.
Nach Origenes besteht also letztlich der Sinn und Zweck allen Lebens innerhalb der materiellen Welt darin, daß sich die Seelen durch viele Inkarnationen hindurch läutern und veredeln, bis
alle, durch Befolgen der Gebote Jesu und durch ihre Liebe und Hingabe zu Gott, schließlich wieder in die ewige Gemeinschaft Gottes gelangen: Denn Gott lenkt die Seelen nicht nur im
Hinblick auf die, sagen wir, fünfzig oder sechzig Jahre dieses irdischen Lebens, sondern auf die unendliche Ewigkeit; denn Er hat die geistige Substanz unvergänglich gemacht und Ihm
selbst verwandt, und die vernünftige Seele ist nicht von der Heilung ausgeschlossen, als wäre sie auf das Leben hier auf Erden beschränkt... Diese [Rückkehr zu Gott] muß man sich aber
nicht als ein plötzliches Geschehen vorstellen, sondern als ein allmähliches, stufenweise im Lauf von unzähligen und unendlich langen Zeiträumen sich vollziehendes, wobei der
Besserungsprozess langsam den einen nach dem anderen erfaßt; einige eilen voraus und streben rascher zur Höhe, andere folgen in kurzem Abstande, und wieder andere weit hinten; und so gibt
es zahllose Stufen von Fortschreitenden, die aus der Feindschaft zur Versöhnung mit Gott kommen, und am Ende steht der "letzte Feind", welcher der "Tod" genannt wird, und der ebenfalls
vernichtet wird, auf daß er nicht länger ein Feind sei.
Diese letzte Aussage bezieht sich auf die Bibelstelle 1 Kor 15,26, die Origenes wie folgt erklärt:
Die Vernichtung des letzten Feindes ist aber so zu verstehen, daß nicht seine von Gott geschaffene Substanz vergeht, sondern seine feindliche Willensrichtung, die nicht von Gott, sondern
von ihm selbst stammt. Er wird also vernichtet, nicht um künftig nicht zu sein, sondern um künftig nicht mehr "Feind" und "Tod" zu sein.
Auch gemäß der vedischen Theologie besteht die einzige Möglichkeit für die Seele, aus dem
Kreislauf der Seelenwanderung auszubrechen - also "den letzten Feind, welcher der Tod
genannt wird" zu bezwingen -, darin, daß sie sich von ihrer feindlichen Gesinnung Gott
gegenüber abwendet und sich Ihm wieder zuwendet:
Diejenigen, die Mich verehren, die all ihre Tätigkeiten Mir weihen, Mir ohne Abweichung hingegeben sind, sich im hingebungsvollen Dienst beschäftigen und immer über Mich meditieren, indem
sie ihren Geist fest auf Mich richten - sie befreie Ich sehr schnell aus dem Ozean von Geburt und Tod. (Bg. 12.6-7)
Die Beseitigung des Wissens um die Reinkarnation
Wie gesagt ist es höchst bedauerlich, daß das Gesamtwerk der Lehren Origenes' nicht mehr
in vollem Umfang und im Original vorliegt, sondern aus den Schriften anderer, die teilweise
seine Gegner waren, rekonstruiert werden mußte. Die Zeugnisse des Wissens um Karma
und Reinkarnation sind jedoch trotzdem noch so zahlreich, daß es verwundert, daß und wie
es gelingen konnte, sie später bis in die heutige Zeit als bedeutungslos hinzustellen oder zu
verschweigen.
Hier finden wir ein Beispiel dafür, wie viel die institutionalisierte Kirche im Laufe der Zeit vom
ursprünglichen Gedankengut wegschnitt und abtrennte, um ihr eigenes, enges,
selbstgeschaffenes Lehrgebäude zu errichten. Ja, sie beraubte das Christentum, dessen
Verwalter sie zu sein behauptet, um Teile des grundlegenden Wissens über die
Zusammenhänge, die den Unterweisungen Jesu Christi für die Menschheit erst Sinn geben.
Und die herausgebrochenen Teile dieses Fundaments wurden dann notdürftig mit blinden
Dogmen ersetzt.
Bei der exakten Untersuchung dieser Sachverhalte steht die heutige historische Wissenschaft vor dem Problem, daß zahlreiche Glaubensfanatiker der Vergangenheit oftmals bedenkenlos
historische Zeugnisse vernichtet und verfälscht haben und ihre Meinungsgegner nicht nur mit geistigen, sondern vor allem mit politischen oder kriegerischen Mitteln bekämpften. Der aus
einem solchen Kampf hervorgegangene Sieger pflegte dann seine Anschauung als die alleingültige Wahrheit zu verkünden. Will man daher heute feststellen, ob die Lehre der Reinkarnation
tatsächlich im Urchristentum enthalten war, muß man auch die politischen Hintergründe jener Zeit aufhellen.
Wie wir bereits ausführten, hatte das frühe Christentum in der Zeit des Origenes noch keine festen Dogmen gekannt, und unter dem Begriff der Kirche wurde noch keine feste Institution
verstanden. Die Entwicklung der Kirchenlehre war also hauptsächlich von gewissen theologischen Lehrsätzen bestimmt gewesen, die an Kirchenversammlungen festgelegt worden waren. Erst
nachdem das Christentum im 4. Jahrhundert römische Staatsreligion geworden war, entstanden die ersten Dogmen, wobei der Entstehung dieser kirchlichen Glaubenssätze bekanntlich keine
innere Systematik zugrunde lag. Sie wurden nicht als allgemeingültige Glaubenswahrheiten verfaßt, sondern waren ursprünglich Leitsätze zur Abwehr gewisser Glaubensauffassungen, die mit
kirchlichen Interessen nicht übereinstimmten und daher zu Irrlehren erklärt werden mußten.
Offiziell nach dem Konzil zu Nicaa (das erste große Konzil der Kirchengeschichte) im Jahre 325 - aber, wie anzunehmen ist, auch schon vorher - begann die bewußte Abänderung oder gar
Ausmerzung mißliebiger oder unverstandener Stellen in den Schriften des Neuen Testaments. Von kirchlichen Behörden eigens zu diesem Zwecke ernannte Correctores wurden bevollmächtigt,
Schrifttexte im Sinne dessen zu "korrigieren", was nach Ansicht der Machthaber als richtig galt. Es ist wahrscheinlich, daß in jener Zeit zahlreiche Stellen des Neuen Testaments, welche
die Reinkarnationslehre betrafen, entfernt wurden.
Diese Praxis wurde auch durch die folgenden drei ökumenischen Konzilien nicht aufgehalten - Konstantinopel (381), Ephesus (431) und Chalcedon (451). Im Gegenteil, diese arbeiteten Jesus
Christus immer klarer als den einzigen Erlöser unseres Zeitalters heraus und stellten jedem "wahren" Christen die Befreiung aus der Sterblichkeit des materiellen Körpers alleine durch das
Annehmen Christi und seiner Kirche! - in Aussicht. Dadurch wurde natürlich die Lehre der Reinkarnation zusehends verdrängt, da sie für den "wahren" Christen nicht mehr zutreffend (und
auch nicht mehr erwünscht) war, bis sie schließlich auf dem nächsten, dem fünften Konzil (Konstantinopel, 553) endgültig abgeschafft wurde.
Liest man die Geschichte der Konzilien und der Entstehung der Dogmen nach, muß man zudem feststellen, daß diese vielfach von heftigen Auseinandersetzungen über den rechten Glauben
begleitet war. Hierbei ging es meist nicht so sehr um die Grundsätze der Religion oder um das Wohl der Gläubigen, als vielmehr um die Führungsrolle und den Einfluß der Kirche. Da es sich
also letztlich um eine politische Entscheidung handelte, welche Auffassung sich durchsetzte, muß man davon ausgehen, daß in den Dogmen in erster Linie eigennützige kirchliche Interessen
ihren Niederschlag fanden. Die spätere Erklärung, bei der Entstehung der Dogmen habe der heilige Geist mitgewirkt oder sie seien gar von Gott offenbart, ist unter diesen Voraussetzungen
wenig glaubwürdig.
In diesem Umfeld müssen wir auch die Beseitigung des Wissens um die Reinkarnation betrachten, deren Verlauf im folgenden kurz dargestellt werden soll. Aus vielfältigen, zum Teil
machtpolitischen und zum Teil egoistisch-menschlichen Gründen waren also nach dem Tode des Origenes zahlreiche theologische Streitigkeiten um seine Lehren entbrannt, insbesondere auf dem
Gebiet der Eschatologie, der "Lehre von den letzten Dingen". Und weil Origenes als die überragende Gestalt der frühen Kirche überall anerkannt wurde - er galt als die Autorität
schlechthin, und Gegner wie Befürworter beriefen sich auf ihn -, verknüpfte man das Wissen um die Reinkarnation immer mehr mit seinem Namen.
Der Streit und die innerkirchlichen Intrigen um Origenes wurde im Verlauf der darauffolgenden Jahrhunderte immer heftiger und forderte immer dringender eine endgültige Entscheidung. So
kam es in der Mitte des 6. Jahrhunderts schließlich zu einem folgenschweren Ereignis, welches in der Konsequenz die Verdrängung und Beseitigung der Reinkarnationslehre aus dem
institutionalisierten Christentum auslöste.
Die Synode zu Konstantinopel (543)
Auf Drängen des byzantinischen Kaisers Justinian I. (527-565) wurde im Jahre 543 in Konstantinopel eine Synode der Ostkirche einberufen, die das erklärte Ziel hatte, die theologischen
Differenzen um die Lehren des Origenes (der 300 Jahre zuvor gelebt hatte!) ein für allemal zu beenden. Diese Lehren wurden, ohne Rücksicht auf die Haltung des damaligen römischen Papstes
Vigilius, durch die Synode mit neun Anathemata (Bannflüchen) belegt, wobei der für die Frage der Seelenpräexistenz und der Reinkarnation entscheidende erste Bannfluch lautet:
Wenn einer sagt oder meint, die Seelen der Menschen seien präexistent gewesen, insofern sie früher Geistwesen und heilige Mächte gewesen seien, es habe sie aber Überdruß ergriffen an der
Schau Gottes und sie hätten sich zum Schlechten gewendet, darum sei die göttliche Liebe in ihnen erkaltet ... und seien zur Strafe in Körper hinabgeschickt worden - der sei anathema
(verflucht).
Außerdem wurden (im neunten Bannfluch) auch all diejenigen verflucht, die nicht glauben würden, daß es eine ewige Bestrafung der Dämonen und gottlosen Menschen gebe. All diese
Verfluchungen geschahen auf die äußerst persönlich motivierte Anweisung von Kaiser Justinian (und dessen intriganter Gemahlin Theodora), der sich selbst als Oberherrn der Kirche verstand.
Über diesen zwielichtigen Kaiser schreibt der Historiker Georg Ostrogorsky in seiner "Geschichte des byzantinischen Staates" (in: "Handbuch der Altertumswissenschaft", 1963):
Auch als Christ blieb Justinian Römer, und die Idee einer Autonomie derm religiösen Sphäre war ihm völlig fremd. Päpste und Patriarchen behandelte er als seine Diener. In derselben Weise
wie er das Staatswesen leitete, dirigierte er auch das Kirchenleben, in jede Einzelheit der Kirchenverfassung persönlich eingreifend. (S. 65)
Noch deutlicher drücken es B. Altaner und A. Stuiber in "Patrologie - Leben, Schriften und Lehre der Kirchenväter" (1966) aus:
Mit terroristischer Politisierung der Theologie versuchte Justinian, die geistigen Anreger der Vergangenheit und Gegenwart zu verketzern, hatte aber auch den Ehrgeiz, selbst als
theologischer Schriftsteller zu glänzen. (S. 513)
Und Hermann Bauer schreibt in "Der Einfluß Ostroms" (1982): Umso leichter hatte es Kaiser Justinian, da in Rom Papst Vigilius residierte, der wegen der Ostgotengefahr auf militärische
Hilfe des Kaisers angewiesen war und darüber hinaus eine Marionette der Kaisergemahlin Theodora war, der er das Papstamt (537) letztlich verdankte. Die Persönlichkeit des Kaisers, die
allgemeine Kriegssituation im oströmischen Reich und dazu die drohende Gefahr, in Palästina durch origenistisch gesinnte Mönchsgruppen noch einer zusätzlichen innenpolitisch-religiösen
Kriegsfront gegenüberzustehen, diese Gründe gaben das politische Motiv zur Beseitigung des Wissens um die Reinkarnation.
Ein weiteres Motiv gab Justinians ehrgeizige und herrschsüchtige Frau Theodora. Sie war (nach Procopius) die Tochter eines Bärenwärters im Amphitheater von Byzanz gewesen. Ihren
kometenhaften Aufstieg zur Herrscherin des Reiches begann sie als Kurtisane. Um mit ihrer schändlichen Vergangenheit ganz zu brechen, ließ sie später als sittenstrenge Kaiserin 500 ihrer
ehemaligen Berufsgenossinnen mißhandeln und martern. Da sie nach den Gesetzen des Karma (die Origenes in seinen Schriften "De principiis" und "Contra Celsum" unmißverständlich bejaht
hatte) in einem späteren Leben für diese Greueltaten hätte büßen müssen, wirkte sie nun beim Kaiser darauf hin, die Wiedergeburtslehre einfach abzuschaffen. Von der Wirksamkeit dieser
Aufhebung durch einen "göttlichen Beschluß" muß sie ganz und gar überzeugt gewesen sein.
Aus welchen fragwürdigen Motiven auch immer - Tatsache ist, daß an der Synode der Ostkirche im Jahre 543 Origenes' Lehren verdammt wurden. Die Bannflüche wurden daraufhin unter dem
unnachgiebigen Druck Kaiser Justinians von sämtlichen Patriarchen unterzeichnet, einschließlich Papst Vigilius', der 544 eigens zu diesem Zwecke fast gewaltsam nach Konstantinopel
gebracht wurde. Mit ihrer Unterzeichnung reihte die Kirche den bedeutendsten und herausragendsten Theologen des frühen Christentums, Origenes, aus rein weltlichen Gründen unter die
ketzerischen Irrlehrer. Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß in der Folge in den kirchlichen Dokumenten aufs neue alles entfernt oder verändert wurde, was gegen diese dogmatischen Lehrsätze
sprach. Die heutige Geschichtsforschung muß sich also auf Stellen stützen, die offenbar übersehen wurden.
Das Konzil zu Konstantinopel (553): Ein historischer Irrtum
Origenes' Lehre von der Präexistenz und der Reinkarnation der Seele wurde dann zehn Jahre später, also 553, durch das fünfte ökumenische Konzil zu Konstantinopel nochmals verurteilt,
wobei inhaltlich ungefähr dieselben Bannflüche wie zehn Jahre zuvor ausgesprochen wurden. Dadurch wurde die Reinkarnationslehre offiziell zur "heidnischen Irrlehre" erklärt und rechtmäßig
abgeschafft, und somit ist es jedem gläubigen und kirchentreuen Christen seitdem strengstens verboten, an die Reinkarnation zu glauben... - Dies jedenfalls glauben bis zum heutigen Tage
praktisch alle Kirchenhistoriker sowie auch der überwiegende Teil der weltweiten Christenheit.
Tatsächlich aber fiel das urchristliche Wissen um die Reinkarnation im Jahre 553 einem fatalen historischen Irrtum zum Opfer. Denn die vermeintlich offizielle Verfluchung der
Wiedergeburtslehre war, wie oben beschrieben, lediglich auf eine persönlich motivierte Machtdemonstration des byzantinischen Kaisers Justinian zurückzuführen.
Entweder gingen bedeutende Teile der Konzilsakten, die den Fall Origenes betrafen, durch "Zufall" verloren oder wurden später aus irgendwelchen Gründen gefälscht, oder aber - was
wahrscheinlicher ist - es wurde an den acht offiziellen Konzilssitzungen über Origenes und seine Verfluchung gar nicht verhandelt! Denn die Sitzungen befaßten sich laut Protokoll
lediglich mit dem Streit um drei von Justinian als Ketzer bezeichnete Gelehrte (den sogenannten "drei Kapiteln"), gegen die der Kaiser schon vier Jahre zuvor ein Edikt erlassen hatte. Von
Origenes jedoch ist keine Rede. Auch die folgenden Päpste Pelagius I. (556-561), Pelagius II. (579-590) und Gregorius (590-604) reden vom fünften Konzil, ohne Origenes auch nur zu
erwähnen. Doch obwohl über Origenes in den Konzilssitzungen offenbar nicht verhandelt wurde, findet sich im 11. Canon des Konzils der folgende Bannfluch: Wer nicht verflucht... Origenes
samt seinen gottlosen Schriften und alle anderen Häretiker, welche verflucht sind von der heiligen katholischen und apostolischen Kirche..., der sei verflucht.
Vermutlich wurde dieser seltsame Bannfluch von Kaiser Justinian vor Eröffnung des Konzils den Patriarchen vorgelegt, die dann zur Unterzeichnung genötigt wurden.
Interessant ist auch, daß Papst Vigilius bewußt an keiner einzigen Sitzung teilnahm, obwohl er sich auf Geheiß des Kaisers während der fraglichen Zeit (5. Mai bis 2. Juni 553) in
Konstantinopel aufhielt. Aus diesem Grunde stand dem Konzil nicht wie üblich der Papst vor, sondern der Patriarch von Konstantinopel, Eutychius, ein treuer Diener Kaiser Justinians.
Ebenfalls interessant ist, daß von den anwesenden 165 Bischöfen nur einige wenige aus den Westländern zugelassen waren, während die anderen eine Teilnahme unter diesen Voraussetzungen
ablehnten. Das heißt: Das Konzil zu Konstantinopel war praktisch eine ganz persönliche Versammlung Kaiser Justinians, auf dem er mit seinen von ihm abhängigen Vasallen (gegen den Protest
des Papstes und der römischen Bischöfe) die Lehre von der Vorexistenz der Seele willkürlich mit Fluch und Bann belegte und damit der ursprünglich christlichen Lehre der Reinkarnation die
Grundlage entzog.
(Aufgrund der Tatsache, daß sich Papst Vigilius geweigert hatte, am Konzil zu Konstantinopel teilzunehmen, wird von einigen fortschrittlichen katholischen Gelehrten neuerdings bezweifelt,
ob dieses Konzil und die damaligen "Beschlüsse" überhaupt für die Katholiken kirchenrechtliche Gültigkeit besitzen, ob, mit anderen Worten, die Lehre von der Reinkarnation nicht nach wie
vor ein Teil des kirchlichen Gedankengutes sei...)
Das vierwöchige Konzil endete am 2. Juni 553, aber erst am 8. Dezember 553 unterzeichnete Papst Vigilius unter dem unnachgiebigen Druck des Kaisers und aus Angst vor der Exkommunikation
(!) und vor der Ernennung eines Gegenpapstes schließlich die Konzilsakte - vermutlich ohne etwas über die vorherigen Abmachungen gegen Origenes zu wissen. "Alles in allem also eine höchst
zweifelhafte Angelegenheit. Von Rechtmäßigkeit keine Spur!", schreibt Rudolf Passian in seinem Buch "Wiedergeburt - Ein Leben oder viele?" (S. 223).
Wer sich in kurzer Form über die Art, wie man Glaubensdifferenzen zu Zeiten der ersten fünf ökumenischen Konzilien auszutragen pflegte, informieren möchte dem sei die kleine Schrift von
Dr. jur. Robert Kehl, "Ein sonderbarer Heiliger Geist", empfohlen. Kehl fordert von den Kirchen, "wenn sie wieder glaubwürdig werden wollen", eine klare Distanzierung von jenen Konzilien
und den dort (vor dem Hintergrund von Terror und Intrigen) gefaßten Beschlüssen.
Der Reinkarnationsglaube ist nicht unchristlich
Der dubiose Bannfluch Kaiser Justinians 300 Jahre nach Origenes' Tod ist von der Kirche bis heute offiziell nicht revidiert worden. Im Gegenteil setzte sich die Überzeugung, der Fluch sei
ein Teil der gültigen Konzilsbeschlüsse, trotz aller Ungereimtheiten im Laufe der Jahrhunderte allmählich im Denken der Kirche fest. Dennoch bleibt es eine Tatsache, daß das vermeintliche
Verbot der Reinkarnationslehre, wenn wir es genauer betrachten, nichts weiter ist als ein Geschichtsirrtum ohne jede ökumenische Gültigkeit.
Oder anders ausgedrückt: Es ist den Christen nicht offiziell verboten, an Reinkarnation zu glauben! - Die Reinkarnationslehre ist dem Christentum durchaus nicht fremd, wohl aber dem
Kirchentum...
Denn später wurde die Reinkarnationslehre von der Kirche im Konzil zu Lyon (1274) und im Konzil zu Florenz (1439) erneut aufs schärfste verurteilt. Daraufhin wurden die Anhänger dieser
Lehre unerbittlich verfolgt und oft sogar hingerichtet. Das in diesem Zusammenhang wohl berühmteste Beispiel ist der bereits in Kapitel 5 erwähnte italienische Gelehrte und ehemalige
Dominikanermönch Giordano Bruno (1548-1600). Für sein philosophisches Bekenntnis zur Lehre der Seelenwanderung brachte man ihn im Jahre 1592 vor das christliche Inquisitionsgericht, das
ihn nach langer Gefangenschaft schließlich zum Feuertode verurteilte. Am 17. Februar 1600 wurde er auf dem Campo dei Fiori in Rom öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Als Gründe für diese Praxis wurden angegeben, daß der Reinkarnationsgedanke im Widerspruch zu verschiedenen christlichen Dogmen der Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen) stünde, so
zum Beispiel zum Dogma der Auferstehung des Leibes oder zur Grundlehre, daß sich in diesem einen Leben das Heil oder Unheil des Menschen entscheide und daß die Seele unmittelbar nach
diesem einen Erdenleben in den ewigen Himmel oder in die ewige Hölle gehe. Außerdem beinhalte sie von der Kirche verurteilte Meinungen wie die der anima separata (vom Leib unabhängige
Seele) oder der Präexistenz der Seele.
Erleuchtung für Anfänger - im Blog am 30. Juli 2016
Einleitung
Han-shan Te-ching war einer der großen Ch'an-Meister der Ming-Ära, einer Zeit, in der Ch'an und
die Ching-t'u-tsung (jap. Jodo-shu, Reines-Land-Schule) miteinander verschmolzen - ein Prozess,
an dem auch Han-shan mitwirkte. Hinweise darauf finden sich auch in diesem Text.
Er begann sein Studium des Buddhismus bereits mit 9 Jahren; als 19-jähriger erhielt er die
Ordination. Sein erstes Erwachen erfuhr er, als er die Lehre von der gegenseitigen Durchdringung
der Phänomene hörte, wie sie vom Avatamsaka Sutra gelehrt wird.
Han-shan war ein außerordentlich fruchtbarer Schriftsteller. Er kommentierte nicht nur die Schriften des buddhistischen Kanon, sondern auch konfuzianische und taoistische Schriften
(darunter Lao-tze und Chuang-tze).
Seine persönlichen Erfahrungen und Lehren wurden vor allem in "Das Traum- Wandern des großen Meisters Han-shan" überliefert, einem umfangreichen Werk von 55 Bänden. Der vorliegende Text
stammt aus dem zweiten Band; es handelte sich ursprünglich um Briefe an einen Laien. Der Titel stammt daher nicht aus dem Originaltext. Der Text wurde von Guo-gu Shi aus dem Chinesischen
ins Englische übersetzt.
Han-shan Te-ching ist nicht zu verwechseln mit dem Einsiedler Han-shan, der im 7. Jahrhundert auf dem Han-shan (Kalten Berg) lebte und dessen Gedichte in der berühmten Anthologie
Han-shanshih (Gedichte vom Kalten Berg) gesammelt wurden.
Grundlagen der Übung und Erleuchtung für Anfänger
Han-shan Te-ching (1546-1623)
Wie man übt und Erleuchtung erlangt
Was die Ursachen und Bedingungen dieser großen Angelegenheit betrifft, so ist so ist sie eigentlich in jedem vorhanden; sie ist bereits vollständig in dir, ohne Mangel. Die Schwierigkeit
ist, dass seit anfangslosen Zeiten Samen der Leidenschaft, täuschendes Denken, emotional bestimmte Begrifflichkeit und tief verwurzelte angewöhnte Neigungen dieses wunderbare Leuchten
verdunkelt haben. Du kannst es nicht tatsächlich erfassen, weil du in täuschenden Gedanken über Körper, Geist und die Welt gefangen bist; analysierend und grübelnd. Aus diesem Grund
wanderst du durch den Kreislauf von Geburt und Tod. Alle Erwachten und alten Meister sind jedoch in der Welt erschienen und haben zahllose Worte und förderliche Mittel gebraucht, um Ch’an
zu erklären und die Lehre zu verdeutlichen. Indem sie auf verschiedene Ausgangspositionen eingehen, sind alle diese förderlichen Mittel wie Werkzeuge, um unseren Geist des Anhaftens zu
zerschlagen und die Erkenntnis hervorzubringen, dass die Dinge oder das Ich keine wahre Substanz besitzen.
Was gemeinhin als Übung bekannt ist, heißt einfach, mit dem aktuellen Geisteszustand übereinzustimmen, um die täuschenden Gedanken und die Spuren der Gewohnheits-Neigungen zu läutern und
loszulassen. Darauf deine Anstrengungen zu richten wird Übung genannt. Wenn
innerhalb eines einzigen Augenblicks die täuschenden Gedanken plötzlich enden, wirst du deinen
eigenen Geist bis auf den Grund wahrnehmen und erkennen, dass er gewaltig und offen ist, hell und leuchtend - in sich vollkommen und vollständig. Dieser Zustand, Sein in ursprünglicher
Reinheit, bar jeder Dinglichkeit, wird Erleuchtung genannt. Getrennt von diesem Geist existiert kein spiritueller Fortschritt, keine Erleuchtung. Die Essenz deines Geistes ist wie ein
Spiegel und all die Zeichen täuschender Gedanken und des Haftens an Bedingungen sind verunreinigender Staub des Geistes. Deine begriffliche Auffassung von Erscheinungen ist dieser Staub
und dein emotional bestimmtes Bewusstsein die Verunreinigung. Wenn alle täuschenden Gedanken dahinschmelzen, wird sich die zu Grunde liegende Essenz aus eigenem Antrieb offenbaren. Wie
wenn die Verunreinigung durch Polieren entfernt wird, gewinnt der Spiegel seine Reinheit wieder. Das Selbe gilt für die Ausübung der Lehre.
Unsere Gewohnheiten, die Verunreinigungen, das Haften an einem Ich, durch Äonen angehäuft,
sind jedoch sehr fest und tief verwurzelt. Glücklicherweise kann aber durch die Führung eines guten spirituellen Freundes unsere innere Weisheit unser So-Sein beeinflussen, so dass diese
eingeborene Weisheit wachsen kann. Haben wir erkannt, dass Weisheit in uns selbst existiert, sind wir in der Lage, den Erleuchtungsgeist zu wecken und auf das Ziel des Loslassens von
Geburt und Tod hinzusteuern. Die Aufgabe, die durch zahllose Äonen entstandene Wurzel von Geburt und Tod auf einmal auszureißen, ist eine Angelegenheit, die Geschick erfordert. Wenn du
nicht jemand mit großer Stärke und großen Fähigkeiten bist, tapfer genug, eine solche Bürde anzunehmen und direkt und ohne das leiseste Zögern durchzudringen, dann wird es äußerst
schwierig sein. Einer der Alten sagte: "Diese Angelegenheit gleicht einem Mann, der zehntausend Feinden gegenübersteht." Dies sind keine falschen Worte.
Der Zugang zu Übung und Erleuchtung
Im Allgemeinen gesprochen gibt es in diesem Zeitalter des Verfalls der Lehre mehr Leute, die üben, als Leute, die tatsächlich Verwirklichung erfahren. Es gibt mehr Leute, die ihre
Mühen
verschwenden als solche, die Stärke erlangen. Warum ist dies so? Sie üben ihre Anstrengungen
nicht auf direkte Weise aus und kennen nicht die Abkürzung. Statt dessen füllen viele Leute
lediglich ihren Geist mit vergangenem Wissen von Wörtern und Sprachen wovon sie gehört haben, oder sie messen die Dinge mit dem Maßstab ihrer emotionalen Wertungen, oder sie unterdrücken
die täuschenden Gedanken, oder sie blenden sich selbst mit Visionen an den Tore ihrer Sinne. Diese Leute klammern sich an die Worte der Alten in ihrem Geist und halten sie für wirklich.
Darüber hinaus haften sie an diesen Worten als an eigener Sicht. Nichts wissen sie davon, dass nichts davon auch nur im Geringsten nützlich ist. Dies nennt man "nach dem Verständnis
Anderer greifen und den eigenen Zugang zur Erleuchtung verbergen".
Um dich der Übung zu widmen, musst du dich zuerst von Wissen und Verstehen lösen und mit
geeintem Geist all deine Anstrengung auf einen Gedanken richten. Hege in deinem Geist die feste Überzeugung, dass er ursprünglich rein und klar ist, ohne das geringste beständige Ding -
er ist strahlend und vollkommen und er durchdringt das Reich der Wahrheit. Eigentlich gibt es keinen Körper, keinen Geist, keine Welt, noch gibt es irgendwelche falschen Ansichten und
emotional bestimmte Begriffe. Gerade in diesem Augenblick ist dieser eine Gedanke selbst ungeboren. Alles, was sich nun vor Dir offenbart, ist nur Schein und ohne Substanz - es ist alles
Widerspiegelung des wahren Geistes. Arbeite auf diese Art, sie zu vernichten. Du solltest Deinen Geist fest ausrichten, um zu beobachten, wo die Gedanken entstehen und wo sie enden. Wenn
Du so übst - gleich, welche Arten von täuschenden Gedanken auftauchen; ein Schlag, und sie sind alle zerschmettert. Sie alle werden sich auflösen und verschwinden. Du solltest niemals
täuschenden Gedanken folgen oder sie bestehen lassen.
Meister Yong Jia hat uns ermahnt: "Man muss den verweilenden Geist abschneiden." Der Grund
dafür ist, dass der Erscheinungen wahrnehmende Geist der Täuschung ursprünglich ohne Wurzel
ist. Du solltest niemals einen täuschenden Gedanken für real halten und versuchen, in deinem
Herzen daran festzuhalten. Bemerke ihn, sowie er erscheint. Sowie du ihn bemerkst, wird er
verschwinden. Versuche nie, Gedanken zu unterdrücken sondern lasse sie zu, wie Du einen Kürbis beobachtest, der auf dem Wasser davon treibt.
Lass Körper, Geist und Welt beiseite und erzeuge einzig diesen einen Gedanken wie ein Schwert,
das den Himmel durchbohrt. Gleich, ob Buddha oder Mara erscheinen, schneide sie ab wie ein
Knäuel verwirrter Seidenfäden. Gebrauche geduldig all deine Anstrengung und Stärke um deinen
Geist bis an das äußerste Ende zu drängen. Was man "einen Geist, der korrektes Denken wahrer
Soheit aufrecht erhält" nennt, bedeutet, dass korrektes Denken Nicht-Denken ist. Wenn du in Lage bist, Nicht-Denken zu betrachten, steuerst du bereits auf die Weisheit aller Erwachten
zu.
Jene, die üben und erst kürzlich den Erleuchtungsgeist erzeugt haben, sollten von der Nur-Geist-
Lehre überzeugt sein. Der Erwachte hat gesagt: "Die drei Reiche der Existenz sind alle nur Geist
und die Myriaden von Dingen sind nichts als Bewusstsein". Die ganze buddhistische Lehre ist nur
eine Ausarbeitung dieser Zeilen, so dass es jedem möglich ist, in seiner Wirklichkeit die Lehre zu
finden, sie zu verstehen und Vertrauen in sie zu gewinnen. Was die Lehre über das Heilige und das Profane aussagt, so sind dies nur Pfade von Täuschung und Erweckung in deinem eigenen
Geist.
Außerhalb des Geistes kann es keine ursächliche Verknüpfung bei Tugend oder Laster geben. Deine Eigennatur ist wundersam. Sie ist etwas Natürliches und Spontanes; nichts, zu dem du
erwachen könntest. Was ist es also, worüber man sich täuscht? Täuschung bezieht sich nur auf dein Unwissen, dass der Geist eigentlich kein einziges Ding enthält und dass Körper, Geist und
Welt ursprünglich leer sind. Wegen diesem Hindernis gibt es Täuschung. Du hast immer den getäuscht denkenden Geist, der sich ständig erhebt und wieder dahin schwindet, für etwas
Wirkliches gehalten. Aus diesem Grund hast du auch die verschiedenen scheinbaren Umwandlungen und Erscheinungen in den Reichen der sechs Sinnesobjekte für etwas wirkliches gehalten. Wenn
du nun gewillt bist, deinen Geist zu erwecken, die Richtung zu ändern und den höheren Weg zu beschreiten, solltest du all deine früheren Ansichten und Einsichten von dir werfen. Auch
nicht das kleinste bisschen an intellektuellem Wissen oder Klugheit wird dir hier von Nutzen sein. Du musst nur Körper, Geist und Welt, die vor dir erscheinen, durchschauen und erkennen,
dass sie alle ohne Substanz sind. Wie imaginäre Spiegelungen - sie sind wie Bilder in einem Spiegel oder der Mond, im Wasser reflektiert. Höre alle Klänge und Stimmen wie Wind, der durch
die Bäume streicht; sieh alle Dinge als am Himmel treibende Wolken. Alles ist in beständigem Fluss; alles ist Schein und ohne Substanz. Nicht nur die Äußere Welt ist so, deine eigenen
täuschenden Gedanken, die durch Gefühle bestimmten Wertungen des Geistes, die Saat von Leidenschaften und gewohnheitsmäßigen Neigungen sowie alle Beunruhigungen sind ebenso ohne Grund und
ohne Substanz.
Wenn du dich so der Kontemplation widmen kannst, solltest du jedes Mal, wenn ein Gedanke
aufsteigt, seine Quelle finden. Erlaube ihm niemals, unbemerkt vorbeizuziehen. Lass dich nicht
irreführen! Wenn du auf diese Weise arbeitest, dann wirst du echte Übung durchführen. Versuche
nicht, dir eine abstrakte und intellektuelle Sicht davon zuzulegen oder irgendeine schlaue
Interpretation. Mehr noch, sogar nur über die Übung zu sprechen ist wirklich so etwas wie die letzte Möglichkeit. Nimm zum Beispiel den Gebrauch von Waffen: dies sind wirklich keine
glücksverheißenden Objekte. Aber sie werden als letzte Möglichkeit eingesetzt. Die Alten sprachen davon, Ch’an zu untersuchen oder das Hua-tou hervorzubringen. Dies sind ebenfalls letzte
Möglichkeiten. Obwohl es zahllose Gongans gibt, kannst du schon allein durch das Hua-tou "Wer rezitiert den Namen Buddhas?" ganz einfach Kraft inmitten irritierender Situationen
gewinnen.
Obwohl du auf einfache Weise Kraft aus ihm ziehen kannst, ist es nur ein Ziegelstein, um Türen
einzuschlagen. Irgendwann wirst du es fortwerfen müssen. Trotzdem, für nun musst du es benutzen.
Beabsichtigst du, für deine Übung ein Hua-Tou zu benutzen, musst du Vertrauen, Standhaftigkeit
und Ausdauer haben. Du darfst nicht im Geringsten zögerlich oder unsicher sein. Auch darfst du
nicht heute so und morgen so vorgehen. Du solltest dich nicht darum sorgen, keine Erleuchtung zu finden, noch solltest du das Gefühl haben, das dieses Hua-Tou nicht genug tiefgründig ist.
All diese Gedanken sind nur Hindernisse. Ich muss nun davon sprechen, so dass du keine Zweifel und keinen Argwohn aufsteigen lassen wirst, wenn du damit konfrontiert wirst.
Wenn du dein Kraftpotential nutzen kannst, wird dich die äußere Welt nicht beeinflussen. Jedoch
könnten in deinem Geist ohne Ursache viele wilde Ablenkungen aufsteigen. Manchmal brechen
Begierde und Wollust hervor, manchmal entsteht Rastlosigkeit. Zahlreiche Hindernisse können in
dir aufsteigen und dir das Gefühl körperlicher und geistiger Erschöpfung vermitteln. Du wirst nicht
wissen, was zu tun ist. Dies alles entsteht aus den karmischen Tendenzen, die sich seit zahllosen
Äonen in deinem Speicherbewusstsein angesammelt haben. Jetzt, dank deiner energischen Übung, werden sie alle hervorkommen. An diesem kritischen Punkt musst du in der Lage sein, sie zu
erkennen und zu durchschauen und zu überwinden. Lass dich nicht von ihnen kontrollieren und manipulieren; und vor allem, sieh sie niemals als etwas Wirkliches an. An diesem Punkt musst du
deine Entschlossenheit erneuern und deinen Mut und Eifer anfachen um dieses existentielle Anliegen der Erforschung des Hua-Tou voran zu bringen. Richte deine Aufmerksamkeit fest auf den
Punkt, an dem Gedanken entstehen, dränge stetig voran und frage dich: "Ursprünglich ist da nichts in mir, also woher kommen sie, was sind sie?" Du musst entschlossen sein, bis zum Grund
dieser Angelegenheit vorzudringen. Auf diese Art vorwärtsdrängen, alles beiseite räumen ohne die geringste Spur zu hinterlassen bis selbst die Dämonen und Geister in Tränen ausbrechen -
wenn du so üben kannst, wird dir ganz natürlich Gutes widerfahren.
Wenn du den einen Gedanken durchschlagen kannst, dann wird plötzlich alles täuschende Denken abgestreift sein. Du wirst dich fühlen wie eine Blume am Himmel, die keinen Schatten wirft
oder wie eine strahlende Sonne, die grenzenloses Licht aussendet oder ein klarer Teich, durchsichtig und rein. Nach dieser Erfahrung folgen unermessliche Gefühle von Licht und
Erleichterung sowie eine Empfindung von Befreiung. Dies ist ein Zeichen für die Erlangung von Kraft aus der Anfängerübung. Es ist nichts Wundersames oder Außerordentliches daran. Erfreue
dich nicht an und verweile nicht in dieser verführerischen Erfahrung. Wenn du dies tust, wird dich Mara in Gestalt von Freude besitzen und du wirst nur eine andere Art Hindernis gewonnen
haben.
Im Speicherbewusstsein sind deine tief verwurzelten angewöhnten Neigungen. Wenn deine Übung des Hua-Tou nicht wirkt oder du nicht in der Lage bist, deinen Geist zu betrachten und zu
erleuchten oder du einfach nicht die Fähigkeit hast, dich der Übung zu widmen, dann solltest du
Niederwerfungen üben, die Sutren lesen und Buße tun. Du kannst auch Mantren rezitieren, um das geheime Siegel der Erwachten zu empfangen, es wird deine Behinderungen verringern. Dies ist
so, weil alle geheimen Mantren die Siegel des Diamant-Geistes des Erwachten sind. Wenn du sie verwendest ist es, als hieltest du einen unzerstörbaren diamantenen Donnerkeil, der
alles
zerschmettern kann. Was immer sich ihm nähert wird zu Staub vernichtet. Die Essenz aller
esoterischen Lehren aller Buddhas und alten Meister ist in den Mantren enthalten. Daher wird
gesagt: "Alle Tathagatas der zehn Richtungen haben unübertreffliche und wahre, vollkommene
Erleuchtung durch solche Mantren erlangt." Obwohl die Erwachten dies klar gesagt haben, haben
die alten Meister der Übertragung aus Furcht, diese Worte könnten missverstanden werden, dieses Wissen geheim gehalten und diese Methode nicht verwendet. Jedenfalls, um aus der Verwendung
eines Mantras Kraft zu gewinnen, musst du es regelmäßig über einen langen, ausgedehnten Zeitraum üben. Und doch solltest du von seinem Gebrauch niemals übernatürliche Ergebnisse erwarten
oder nach ihnen suchen.
Erleuchtete Erkenntnis und Verwirklichte Erleuchtung
Es gibt jene, die zuerst erleuchtet sind und sich dann der Übung widmen und es gibt Andere, die
zuerst üben und dann erleuchtet werden. Auch gibt es einen Unterschied zwischen erleuchteter
Erkenntnis und verwirklichter Erleuchtung.
Erleuchtete Erkenntnis
Jene, die in ihrem Geist durch den Verstand Erleuchtung begreifen, nachdem sie die gesprochene Lehre der Erwachten und der alten Meister gehört haben, erreichen eine erleuchtete
Erkenntnis.
Meistens verfallen diese Leute auf Ansichten und Wissen. Konfrontiert mit allen Umständen
werden sie nicht in der Lage sein, von dem, was sie gelernt haben, Gebrauch zu machen. Ihr Geist und die äußeren Objekte stehen sich gegenüber. Es gibt weder Einheit noch Harmonie. So
stehen ihnen ständig Hindernisse im Weg. Man nennt es "Anschein der Weisheit", und es kommt nicht aus wahrer Übung.
Verwirklichte Erleuchtung
Verwirklichte Erleuchtung entsteht aus solider und ernsthafter Übung, wenn du eine Sackgasse
erreichst wo die Berge kahl und die Gewässer ausgetrocknet sind. Plötzlich hält ein Gedanke an und du wirst deinen eigenen Geist bis auf den Grund wahrnehmen. Dann wirst du dich fühlen,
als
hättest du deinen eigenen Vater an einem Kreuzweg erblickt - da gibt es keinen Zweifel. Es ist, wie wenn du selbst Wasser trinkst. Nur du kannst wissen, ob das Wasser kalt oder warm ist,
und du kannst es keinem durch Beschreibung vermitteln. Dies ist echte Übung und wahre Erleuchtung.
Hast du eine solche Erfahrung gemacht, kannst du sie in alle Lebensumstände integrieren und das Karma, das sich bereits manifestiert hat, den Strom deines Bewusstseins, dein getäuschtes
Denken und deine gefühlsbestimmte Begrifflichkeit reinigen und loslassen, bis alles in dem einen wahren Geist verschmilzt. Das ist verwirklichte Erleuchtung.
Dieser Zustand verwirklichter Erleuchtung kann weiter in seichte und tiefe Verwirklichung
unterteilt werden. Wenn du deine Anstrengungen auf die Wurzel richtest, den schwarzen Lackeimer zerschlägst und augenblicklich mit einem Sprung der Grube grundlegender Unwissenheit
entkommst, dann gibt es nichts, was du weiter lernen könntest. Das bedeutet, überlegene karmische Wurzeln zu haben. Deine Verwirklichung wird in der Tat tief sein. Die Tiefe der
Verwirklichung jener, die stufenweise üben, wird seicht sein. Erlaube dir niemals, dich auf die verwirrenden Erfahrungen einzulassen, die dich von deinen Sinnespforten erreichen. Warum?
Weil dein Speicherbewusstsein noch nicht zerschmettert ist; also wird alles, was du erfährst oder tust, durch Bewusstsein und Sinne geformt. Wenn du glaubst, dies sei wirklich, ist das,
wie einen Dieb mit dem eigenen Sohn zu verwechseln. Der Alte hat gesagt: "Jene, die sich der Übung widmen, wissen nicht, was wirklich ist, weil sie bis jetzt ihr Bewusstsein dafür
gehalten haben; was Narren für ihr ursprüngliches Gesicht halten, ist die grundlegende Ursache für Geburt und Tod." Dies ist die Sperre, die du überwinden musst.
Sogenannte plötzliche Erleuchtung und stufenweise Übung bezieht sich auf jemanden, der
vollständige Erleuchtung erfahren aber immer noch Reste gewohnheitsmäßiger Neigungen hat, die nicht unverzüglich gereinigt werden. Was diese Leute angeht, so müssen sie die Prinzipien der
Erleuchtung, die sie verwirklicht haben, umsetzen um allen Lebensumständen zu begegnen; und aus ihrer Kontemplation und lichtvollen Erkenntnis die Stärke erzeugen, die sie befähigt, ihren
Geist in schwierigen Situationen zu erfahren. Wenn ein Teil ihrer Erfahrungen in solchen Situationen in Übereinstimmung mit ihm ist, werden sie einen Teil des Dharmakaya verwirklicht
haben. Wenn sie einen Teil ihres täuschenden Denkens aufgelöst haben, ist dies der Grad, bis zu dem sich ihre grundlegende Weisheit manifestiert. Der kritische Punkt ist die nahtlose
Kontinuität der Übung. Am wirkungsvollsten ist das Üben in verschiedenen Situationen des tatsächlichen Lebens.
Sôto Kyôkai Shushôgi - im Blog am 02. August 2016
Die Bedeutung der Praxis–Verwirklichung in der Soto-Gemeinschaft
Seiran Ouchi, Takushu Takiya Zenji und Baisen Azegami Zenji
I. Allgemeine Einführung
1. Die wichtigste Angelegenheit für alle Buddhisten ist die gründliche Klärung der Bedeutung von
Geburt und Tod. Ist der Buddha innerhalb Geburt und Tod, gibt es Geburt und Tod nicht. Verstehe
einfach, dass Geburt und Tod in sich Nirvana sind; es gibt weder Geburt und Tod zu hassen noch
Nirvana zu erstreben. Dann werden wir zum ersten Mal befreit sein von Geburt und Tod. Dieses
Problem zu meistern, ist von höchster Wichtigkeit.
2. Es ist schwierig, als menschliches Wesen geboren zu werden; selten trifft man auf die Lehre
Buddhas. Jetzt, dank unserer guten Taten in der Vergangenheit, wurden wir nicht nur als Menschen geboren, wir sind auch auf die Lehre Buddhas gestoßen. Im Reich von Geburt und Tod ist
diese gute Geburt die Beste; lasst uns nicht unser wertvolles menschliches Leben vergeuden, indem wir es in unverantwortlicher Weise den Winden der Unbeständigkeit preisgeben.
3. Unbeständigkeit ist nicht verläßlich; wir wissen nicht, auf welche Seite der Straße der Tau
unseres vergänglichen Lebens fallen wird. Unsere Körper gehören nicht uns selbst, unser Leben
wandelt sich mit dem Vergehen der Tage und kann nicht auch nur für einen Moment angehalten
werden. Ist die rosenwangige Jugend einmal vergangen, finden wir nicht einmal ihre Spuren wieder.
Sorgfältiges Nachdenken zeigt, dass die meisten Dinge, einmal vergangen, uns nie wieder
begegnen. Im Angesicht der Unbeständigkeit gibt es keine Hilfe von Königen, Staatsmännern,
Verwandten, Dienern, Ehegatten, Kindern oder von Wohlstand. Wir müssen das Reich des Todes
allein betreten, nur begleitet von unserem guten und schlechten Karma.
4. Vermeide in dieser Welt den Umgang mit verblendeten Leuten, die die Wahrheit der Kausalität
und karmischen Vergeltung nicht kennen, die achtlos gegenüber Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft sind und nicht Gut von Übel unterscheiden können. Das Prinzip der Kausalität ist
offensichtlich und unpersönlich; denn unvermeidlich fallen jene, die Übles tun und jene die Gutes
tun, steigen auf. Gäbe es keine Kausalität, wären weder Buddhas in dieser Welt erschienen noch
wäre Bodhidharma aus dem Westen gekommen.
5. Die karmischen Konsequenzen von Gut und Übel erscheinen zu drei unterschiedlichen Zeiten.
Die erste ist Vergeltung, die in unserem jetzigen Leben erfahren wird, die zweite ist Vergeltung, die in dem diesem Leben folgenden erfahren wird, und die dritte ist Vergeltung, die in
weiteren
nachfolgenden Leben erfahren wird. Wenn wir den Weg der Buddhas und der Patriarchen
praktizieren, sollten wir von Beginn an das Prinzip karmischer Vergeltung in diesen drei Zeiten
studieren und klären. Ansonsten werden wir oft Fehler machen und in falsche Ansichten verfallen.
Nicht nur werden wir in falsche Ansichten fallen, wir werden in üble Geburten fallen und langen
Zeiten des Leidens unterworfen.
6. Verstehe, dass wir in dieser Geburt nur ein Leben haben, nicht zwei oder drei. Wie bedauerlich
wäre es, wenn wir, in falsche Ansichten fallend, den Konsequenzen übler Taten unterworfen
würden. Da wir denken, dass es nichts Übles ist, selbst wenn wir Übles tun, und uns fälschlich
vorstellen, es gäbe keine Konsequenzen des Übels, gibt es für uns keine Möglichkeit, diese
Konsequenzen zu vermeiden.
II. Bereuen und schlechtes Karma vernichten
7. Die Buddhas und Patriarchen, auf Grund ihres grenzenlosen Mitgefühls, haben das Riesentor des Mitleids geöffnet, um alle Wesen zum Erwachen zu führen. Wer unter Menschen und
Göttern
würde nicht eintreten? Auch wenn karmische Vergeltung für üble Taten in einer der drei Zeiten
eintreten muss, vermindert Reue den Effekt oder vernichtet das schlechte Karma und bringt
Reinheit hervor.
8. Daher sollten wir vor Buddha in aller Ernsthaftigkeit bereuen. Die Kraft des Verdienstes, die aus
derartigem Bereuen entsteht, errettet und reinigt uns. Dieses Verdienst begünstigt das Wachstum
ungehinderten Vertrauens und Bemühens. Wenn Vertrauen erscheint, transformiert es das Selbst
und Andere, und seine wohltätige Wirkung erstreckt sich sowohl auf empfindende wie
nichtempfindende Wesen.
9. Das Wesentliche der Reue wird wie folgt ausgedrückt: ”Obwohl wir in der Vergangenheit viel
schlechtes Karma angehäuft haben, Ursachen und Bedingungen erschaffend, die unser Praktizieren des Weges behindern, können die Buddhas und Patriarchen, die den Weg Buddhas erlangt haben,
sich erbarmen, uns von unseren karmischen Verstrickungen befreien und Hindernisse unseres Studiums aus dem Weg räumen. Möge ihr Verdienst das unerschöpfliche Reich der Lehre erfüllen und
durchdringen, so dass sie mit uns ihr Mitgefühl teilen.” Buddhas und Patriarchen waren einmal wie wir, in der Zukunft werden wir wie sie sein.
10. ”All mein vergangenes schädliches Karma, geboren aus anfangloser Gier, aus Hass und
Verblendung, durch Körper, Sprache und Geist, bekenne ich nun vollständig.” Wenn wir auf diese
Art bereuen, werden wir mit Sicherheit die geheimnisvolle Führung der Buddhas und Patriarchen
erhalten. Dieses im Geist behaltend und entsprechend handelnd, sollten wir vor Buddha offen
bekennen. Die Kraft dieses Bekenntnisses wird die Wurzeln unseres schlechten Karma
abschneiden.
III. Die Gebote erhalten und in die Reihen treten
11. Als Nächstes sollten wir den drei Schätzen Buddha, Dharma und Sangha tiefen Respekt
bezeugen. Wir sollten geloben, Opfer zu bringen und den drei Schätzen selbst in zukünftigen Leben und Körpern Respekt zu zollen. Diese ehrerbietige Verehrung von Buddha, Dharma und Sangha
ist es, was die Buddhas und Patriarchen in Indien und in China korrekt übermittelten.
12. Wesen von dürftigem Vermögen und karger Tugend sind nicht fähig, auch nur den Namen der
drei Schätze zu hören; wieviel weniger können sie Zuflucht zu ihnen nehmen. Nehmt nicht, verführt durch Furcht, nutzlos Zuflucht zu Berggeistern oder Gespenstern oder zu den Schreinen von
Nicht-Buddhisten. Diese Arten der Zuflucht befreien nicht vom Leiden. Schnelle Zuflucht zu den drei Schätzen Buddha, Dharma und Sangha führt nicht nur zu Befreiung von Leiden, es führt
zur Verwirklichung der Erleuchtung.
13. In der Zufluchtnahme zu den drei Schätzen sollten wir reines Vertrauen haben. Ob zu Lebzeiten des Tathagata oder später, wir legen unsere Handflächen in Gasshô aneinander, beugen
unsere Köpfe und rezitieren: “Wir nehmen Zuflucht zu Buddha, wir nehmen Zuflucht zum Dharma, wir nehmen Zuflucht zur Sangha.” Wir nehmen Zuflucht zu Buddha, weil er ein großer Lehrer ist.
Wir nehmen Zuflucht zum Dharma, weil er gute Medizin ist. Wir nehmen Zuflucht zur Sangha, weil sie ein hervorragender Freund ist. Nur durch die Zuflucht zu den drei Schätzen werden wir
Buddhas Schüler. Welche Gebote auch immer wir empfangen, sie werden nach den drei Zufluchten genommen. Daher ist es in Abhängigkeit von den drei Zufluchten, dass wir die Gebote
gewinnen.
14. Das Verdienst der Zufluchtnahme zu Buddha, Dharma und Sangha ist immer erfüllt, wenn es
eine spirituelle Kommunikation zwischen Bittgesuch und Antwort gibt. Wenn es eine spirituelle
Kommunikation zwischen Bittgesuch und Antwort gibt, nehmen Götter, Menschen, Höllenwesen,
Hungergeister und Tiere alle Zuflucht. Jene, die Zuflucht genommen haben, werden Leben für
Leben, Zeit für Zeit, Existenz für Existenz, Ort für Ort stetig vorankommen, sicheren Verdienst
anhäufen und unübertroffene, vollständige, vollkommene Erleuchtung erlangen. Wir sollten
verstehen, dass das Verdienst der dreifachen Zuflucht das geehrteste, das höchste, tiefgreifendste und unfassbarste ist. Der von der Welt Geehrte selbst hat dies bereits bezeugt, und die
lebenden Wesen sollten es glauben.
15. Als nächstes sollten wir die drei Zusammenstellungen der reinen Gebote empfangen: die Gebote der Beschränkung des Verhaltens, die Gebote, Gutes zu tun und die Gebote, den Lebewesen zu
nutzen. Wir sollten dann die zehn gewichtigen Verbote annehmen. Zuerst, nicht töten; zweitens, nicht stehlen; drittens, sich nicht auf missbräuchliches sexuelles Verhalten einlassen;
viertens, nicht lügen; fünftens, nicht mit Rauschmitteln handeln; sechstens, nicht Andere kritisieren; siebtens, nicht sich selbst loben und andere herabsetzen; achtens, nicht mit der
Lehre oder mit Besitz geizen; neuntens, keinen Zorn zulassen und zehntens, nicht die drei Schätze herabsetzen. Alle Buddhas haben diese drei Zufluchten, drei Zusammenstellungen der reinen
Gebote und zehn gewichtigen Verbote erhalten und aufrechterhalten.
16. Jene, die die Gebote empfangen, bestätigen die unübertroffene, vollständige, vollkommene
Erleuchtung, die von allen Buddhas der drei Zeiten bestätigt wurde; die Frucht der Buddhaschaft,
diamanten und unzerstörbar. Gibt es eine weise Person, die nicht glücklich nach diesem Ziel
strebte? Der von der Welt Geehrte hat allen Lebewesen deutlich gezeigt, dass sie, wenn sie die
Gebote Buddhas empfangen, sich den Reihen der Buddhas anschließen; den Reihen, die dem
großen Erwachen gleichkommen; sie sind wahrlich Kinder der Buddhas.
17. Die Buddhas verweilen ständig darin, sie verschwenden keinen Gedanken an die verschiedenen Aspekte; Wesen funktionieren lange Zeit darin, die Aspekte enthüllen sich nie in ihren
verschiedenen Gedanken. Da verrichten das Land, die Gräser und Bäume, Zäune und Mauern, Ziegel und Kiesel, alle Dinge im Dharma-Reich der zehn Richtungen das Werk der Buddhas. Daher
werden die Wesen, die die so erzeugten Wohltaten von Wind und Wasser genießen, auf geheimnisvolle Weise durch die wundersame und unfassbare Wandlungskraft Buddhas unterstützt und
manifestieren ein persönliches Erwachen. Dies ist das Verdienst von Absichtslosigkeit, das Verdienst von Nicht-Künstlichkeit. Dies ist das Erwecken des Gedankens der Erleuchtung.
IV. Das Gelübde ablegen, den Wesen zu nutzen
18. Den Gedanken der Erleuchtung zu erwecken heisst, das Gelöbnis abzulegen, alle Wesen zu
retten, bevor man sich selbst rettet. Ob Laie oder Mönch, ob Gott oder Mensch, ob leidend oder
nicht, wir sollten schnell den Entschluss fassen, zuerst andere zu retten, bevor wir uns selbst retten.
19. Selbst wenn von bescheidener Erscheinung, so ist jemand, der diesen Entschluss gefasst hat,
schon Lehrer aller Lebewesen. Selbst ein siebenjähriges Mädchen ist ein Lehrer der vierfachen
Versammlung, ein mitleidvoller Vater aller Lebewesen. Macht aus männlich und weiblich kein
Thema. Dies ist ein besonders wundersames Prinzip des Weges Buddhas.
20. Nach der Erweckung des Gedankens der Erleuchtung, auch wenn wir durch die sechs Geschicke und vier Arten der Geburt wandern, so sind die Umstände dieses Wanderns selbst die
Praxis des Gelübdes der Erleuchtung. Daher, auch wenn wir bislang nutzlos unsere Zeit vergeudet haben, sollten wir schnell das Gelöbnis ablegen, bevor das gegenwärtige Leben vergangen
ist. Selbst wenn wir ein volles Maß an Verdienst erlangt haben, ausreichend, ein Buddha zu werden, geben wir es weiter, widmen es Lebewesen, so dass sie Buddhas werden und den Weg
erlangen können. Da gibt es welche, die seit zahllosen Äonen praktizieren – zuerst andere Lebewesen errettend ohne selbst Buddhas zu werden; sie retten lediglich andere Wesen und nützen
ihnen.
21. Es gibt vier Arten der Weisheit, die Lebewesen von Nutzen sind: Geben, freundliche Worte,
Wohltaten und Zusammenarbeit. Dies ist die Praxis des Bodhisattva - Gelübdes. “Geben” meint,
nicht zu begehren. Auch wenn einem im Grunde nichts wirklich gehört, hält uns das nicht vom
Geben ab. Verachtet selbst eine kleine Gabe nicht, ihr Geben wird mit Sicherheit Früchte tragen.
Daher sollten wir auch eine Zeile oder einen Vers der Lehre geben und so guten Samen für dieses und andere Leben säen. Wir könnten auch einen Cent oder ein einziges Grasblättchen von
unseren Ressourcen geben, um eine gute Grundlage für diese und andere Welten zu legen. Die Lehre ist eine Ressource, und Ressourcen sind die Lehre. Ohne Belohnung oder Dank von anderen zu
begehren, teilen wir einfach unsere Stärke mit ihnen. Fährboote zur Verfügung stellen und Brücken bauen sind auch vollendetes Geben. Seinen Lebensunterhalt verdienen und Güter erzeugen
sind im Grunde nichts anderes als Geben.
22. ”Freundliche Worte” bedeutet, dass wir, wenn wir Lebewesen begegnen, freundlich von ihnen
denken und sie mit gütigen Worten bedenken. Zu sprechen mit einem Gefühl der Zärtlichkeit
gegenüber Lebewesen, als wären sie die eigenen Kinder, das ist mit freundlichen Worten gemeint.
Wir sollten die Tugendhaften loben und die Tugendlosen bedauern. Freundliche Worte sind
grundlegend für das Besänftigen der Feinde und das Fördern der Harmonie unter Freunden.
Freundliche Worte ins Gesicht gesagt zu bekommen, erhellt das Antlitz und erfreut das Herz.
Freundliche Worte zu hören hinterlässt auf indirekte Weise einen tiefen Eindruck. Wir sollten
verstehen, dass freundliche Worte die Kraft haben, den Himmel zu bewegen.
23. ”Wohltaten” bedeutet, geeignete Wege zu ersinnen, den Lebewesen zu nutzen, seien sie edel
oder gering. Jene, die die gefangene Schildkröte und den verletzten Vogel fanden, begingen einfach Wohltaten an ihnen ohne Belohnung oder Dank zu erwarten. Närrische Leute glauben, dass
ihre eigenen Interessen leiden, wenn sie das Wohl Anderer an die erste Stelle setzen. Dies ist nicht der Fall. Wohltaten sind Eins, auf universelle Weise dem Selbst und Anderen
nützend.
24. ”Zusammenarbeit” bedeutet, nicht zu unterscheiden; keine Unterscheidung zwischen dem Selbst und Anderen zu treffen. Es ist zum Beispiel wie der menschliche Tathagatha, der
anderen
menschlichen Wesen glich. Es gibt eine Art des Verstehens, in der wir Andere mit uns selbst
identifizieren und dann uns selbst mit Anderen identifizieren. In diesem Moment sind das Selbst
und das Andere ohne Begrenzung. Der Ozean weist kein Wasser ab; das ist Zusammenarbeit. Aus diesem Grund sammelt sich Wasser und wird zum Ozean.
25. Zusammengefasst heisst das, wir sollten still über die Tatsache nachdenken, dass die Praxis des Gelübdes, den Gedanken der Erleuchtung zu erwecken, diese Prinzipien hat; wir sollten
dabei nicht zu hastig sein. In der Arbeit, Andere zu retten, sollten wir das Verdienst ehren und respektieren, das allen Lebewesen erlaubt, Führung zu erhalten.
V. Buddhismus praktizieren und Segen vergelten
26. Den Gedanken an die Erleuchtung erwecken ist etwas, das vor allem die menschlichen Wesen dieser Welt tun sollten. Sollten wir uns nicht daran erfreuen, dass wir die Möglichkeit
hatten, in dieser Welt Shakyamuni Buddhas geboren zu werden und ihm zu begegnen?
27. Wir sollten in Ruhe erwägen, dass, wäre dies eine Zeit, in der der wahre Dharma sich noch nicht über die Welt verbreitet hätte, wir ihr nicht begegnen könnten, selbst wenn wir
gelobten, sogar unser Leben dafür zu opfern. Wir, die wir jetzt dem wahren Dharma begegnet sind, sollten ein solches Gelübde ablegen. Wissen wir doch, dass Buddha gesagt hat: “Wenn ihr
einem Lehrer begegnet, der die höchste Erleuchtung darlegt, zieht nicht seine Familie und Herkunft in Betracht, beachtet nicht sein Aussehen, lehnt nicht seine Fehler ab und denkt nicht
über sein Betragen nach. Ganz einfach, aus Respekt vor Weisheit, verbeugt euch dreimal täglich vor ihm, ehrt ihn und verursacht ihm keinen Kummer.”
28. Dass wir jetzt den Buddha sehen und den Dharma hören können, ist den Segnungen zu verdanken, die auf uns durch die Praxis eines jeden Buddha und Patriarchen gekommen sind. Hätten die
Buddhas und Patriarchen nicht direkt den Dharma übertragen, wie hätte er uns heute erreichen können? Wir sollten dankbar selbst für die Segnungen eines einzelnen Satzes sein; wir sollten
dankbar selbst für die Segnungen einer einzelnen Lehre sein. Wieviel mehr sollten wir dankbar sein für den großen Segen des Schatzes des wahren Dharma-Auges, den höchsten, großen Dharma.
Der verletzte Vogel vergaß nicht den Segen, den er erfuhr, sondern zeigte seinen Dank mit den Ringen der drei Ministerien. Die gefangene Schildkröte vergaß nicht den Segen, den sie
erfuhr, sondern zeigte ihren Dank mit dem Siegel von Yubu. Wenn selbst Tiere ihre Segnung vergelten, wie könnten Menschen ihn ignorieren?
29. Wir sollten unsere Dankbarkeit nicht in irgendwelchen anderen Praktiken ausdrücken; der
wahre Pfad solchen Ausdrucks liegt einzig in unserer täglichen Praxis des Buddhismus. Dies
bedeutet, dass wir praktizieren, ohne unser Leben von Tag zu Tag zu vernachlässigen und ohne uns in uns selbst zurückzuziehen.
30. Die Zeit fliegt schneller als ein Pfeil und das Leben ist vergänglicher als Tau. Mit welchen
geschickten Mitteln oder Werkzeugen könnten wir auch nur einen einzigen vergangenen Tag
zurückholen? Hundert Jahre zwecklos gelebt sind Tage und Monate, die eines Tages bedauert
werden. Es heisst, nichts als ein bedauernswerter Knochensack zu sein. Selbst wenn wir in
Unbekümmertheit leben, die Tage und Monate von hundert Jahren als Sklaven unserer Sinne, wenn wir an einem einzigen dieser Tage die Praxis auf uns nehmen, dann ist es nicht nur die Praxis
dieses Lebens sondern auch Errettung in den hundert Jahren eines anderen Lebens. Das Leben dieses Tages ist ein Leben, das Wertschätzung verdient, ein Knochensack, der geehrt werden
sollte. Wir sollten unseren Körper und Geist, der diese Praxis unternimmt, lieben und respektieren. In Abhängigkeit von unserer Praxis manifestiert sich die Praxis der Buddhas und der
große Weg der Buddhas dringt zu allen Orten vor. Daher ist die Praxis eines einzigen Tages das Samenkorn der Buddhas, die Praxis der Buddhas.
Kommentare: 3
• #1
TvB (Dienstag, 02 August 2016 20:16)
Die Zeit geschickt ausgegrabener buddhistischer Texte ist gekommen. Allein dieser hier
wirft eine Unzahl nützlicher Fragen auf. Und gibt viele nützliche Antworten.
• #2
C. (Dienstag, 02 August 2016 20:50)
Gut dass ich nach dem SV nochmal schnell reinschaue. Ja, ich vermute, diesen Text hab ich
von Dir bekommen. Oder den letzten? Hast Du mich da nicht auch mit den nützlichen
Fragen geflasht? ^^
Nehmen wir mal 5. den dritten Satz. WIE soll das gehen? Die Warnung im vierten ist ja
eindringlich. Das würde ich hier gerne mal geklärt sehen. Oder ist die Auseinandersetzung
damit das Ziel?
Das Buddhazitat in 27. ist auch ein seltsames Stück Literatur. Erleuchtung gegen Kopfkino?
Und dazwischen auch fast jedes zweite Wort.
Und ja, da könnte noch was kommen.
Und jetzt werde ich nicht schlafen können, weil ich auf eine Antwort warte? Nein, soweit
werde ich hoffentlich nicht gehen... Obwohl - wenn der Dämon benannt ist... Mal sehen! GN
• #3
Ruth Gabriel (Mittwoch, 03 August 2016 14:04)
"...sollten wir von Beginn an das Prinzip karmischer Vergeltung in diesen drei Zeiten
studieren und klären"
Wir müssen uns darüber klar werden, dass alles was wir tun (und nicht tun) Auswirkungen
auf alles andere hat. Je direkter desto zeitnaher. Und je indirekter und verdeckter, desto
zeitverzögerter. Ich könnte relativ schnell erkennen, dass ich ein schädliches Verhalten an
den Tag lege, wenn ich meinem Gegenüber die Nase breche und es blutet und vor
Schmerzen weint. Ich bin dann direkt mit den Folgen meines Tuns konfrontiert und kann
unter Umständen daraus ableiten, dass das jetzt nicht so ganz in Ordnung war. Anders ist es
bei den indirekten Folgen oder bei den „verdeckten Kosten unseres Tuns“ (Jack Kornfield).
Das heißt, dass uns nicht bewusst ist, was unser Verhalten für Auswirkungen auf unsere
Umwelt hat (nur weil wir es nicht direkt sehen können) und von daher auch Gefahr laufen,
nicht zu erkennen, dass wir Schädliches tun. Wenn wir uns also nicht bewusst machen, unter
welchen Umständen unsere Kleidung, Nahrung usw. hergestellt wird, bzw. welche
Rückstände unsere Konsumgüter hinterlassen.
Aber Unwissen schützt vor Konsequenzen nicht. Als Wegarbeiter müssen wir uns dies
bewusst machen!
Vorzüge der Langeweile - im Blog am 03. August 2016
Einen Teil des Lehrplans in der Shambhala-Gemeinschaft bildet ein Ein-Monats-Programm, in dem die Teilnehmer den ganzen Tag lang Ruhiges Verweilen üben, durchsetzt mit Geh-Meditationen,
Pausen und Shambhala-Yoga. Sie nehmen ihre Mahlzeiten auf die japanische monastische Weise ein, die Ôryôki genannt wird. Das bedeutet, daß man zwölf Stunden am Tag schweigt und
meditiert.
Alle möglichen lustigen und interessanten Sachen passieren im Laufe eines Monats, sowohl im
Geist selbst als auch in der Gemeinschaft. Das reicht von Phantasien über eine Person, die uns im Raum gegenüber sitzt, bis hin zu Kicher-Ausbrüchen im ganzen Meditationssaal. Diese
Energiewellen sind eine Widerspiegelung der Tatsache, daß die Meditierenden mit der Langeweile kämpfen.
Die Furcht vor Langeweile hält viele Menschen vom Meditieren ab. Ständig höre ich: „Sie meinen,
ich sollte mich da einfach hinsetzen und nichts tun? Ich werde mich zu Tode langweilen!“ Wir
fürchten, daß es keine Unterhaltung geben wird und nichts unser Interesse fesselt. In der Meditation isolieren wir uns. Zuerst isolieren wir den Körper an einem sehr stillen Ort, wo es so
wenig äußere Reize wie möglich gibt. Wir plazieren ihn in einer sehr einfachen Position auf einem Kissen. Dann isolieren wir unseren Geist. Wir richten ihn auf den Atem und versuchen ihn
dort zu halten.
Schließlich reduzieren wir die Anzahl der Gedanken. Wenn es uns gelingt, langsamer zu werden
und in unserem inneren Raum zu verweilen, werden wir den Mangel an Stimulation in der
Meditation im Vergleich zu dem Chaos unseres täglichen Lebens schätzen lernen. Aber wir werden manches Mal gelangweilt sein, da wir nicht immer dort sein mögen, wo wir sind.
Manchmal hilft uns Langeweile, die Einfachheit der Meditation zu genießen. Zu anderen Zeiten ist
Langeweile ein Hemmnis für unsere Praxis, ein Niemandsland, in dem wir uns einfach nicht der
vollen Erfahrung des Ruhigen Verweilens überlassen können. Langeweile kann uns sogar dazu
bringen, vom Kissen aufzustehen.
Es gibt verschiedene Arten von Langeweile. Eine Art der Langeweile hat eine Unterströmung von
Unbehagen. Wir fühlen uns nicht so ganz wohl in unserer Haut. Wenn wir uns zum Meditieren
niederlassen, gibt es plötzlich keine äußere Unterhaltung mehr. Unsere Sinne sind an Tempo und
Stimulation gewöhnt. Ohne Stimulation finden wir keine Befriedigung mehr. Wir fühlen uns
unruhig wie ein Kind, das nichts zu tun hat. Die Erregung sucht nach etwas, womit sie den Raum
füllen kann. Wenn wir am Flughafen oder im Wartezimmer eines Arztes warten, nehmen wir eine
Zeitschrift oder das Handy oder ein Computerspiel zur Hand. Doch in der Meditation gibt es nichts, womit wir uns beschäftigen könnten. Wir versuchen damit umzugehen, indem wir uns selbst
unterhalten. Anstatt dem Atem zu folgen, amüsieren wir uns über einen Ton oder die Bewegungen eines Insekts. Andere Menschen, die vor uns sitzen, bei der Meditation zu beobachten, scheint
so interessant zu sein wie ein langer Spielfilm.
Eine andere Art von Langeweile hat ihre Wurzeln in der Angst. Wir haben Angst, mit uns selbst
allein gelassen zu werden, weil wir uns mit unserem eigenen Geist nicht wohl fühlen. Es ist so, als
säße man bei einem Abendessen neben einem Bekannten, von dem man weiß, daß seine Frau ihn gerade verlassen hat, was aber eigentlich niemand erfahren sollte. Man fühlt sich befangen und
unwohl. Man hütet sich, ein Gespräch anzufangen, weil man sich davor fürchtet, wohin dies führen könnte. In der Meditation sind wir genauso ängstlich, weil wir nicht daran gewöhnt sind,
ohne Aktivität zu sein. Es ist zu still. Wir sind uns nicht sicher, ob wir wirklich wissen wollen, was
geschieht, wenn wir uns völlig dem Raum übereignen. Wir wollen unsere Zone des Behagens
aufrecht erhalten. Wir sind unfähig, tiefer in uns zu gehen, und etwas anderes gibt es nicht zu tun.
Das Ergebnis ist angstvolle Langeweile. Die Angst entsteht dadurch, daß wir uns nicht vorstellen
können, daß der Geist einfach in Frieden sein kann.
Die ersten beiden Arten der Langeweile enthalten eine Spur von Aggression, die uns vom
ordentlichen Üben abhält. Wir wollen, daß die Dinge anders sind, als sie es sind. Wir haben da nun eine ganze Weile in Meditation gesessen und gewartet, daß etwas passiert oder nicht
passiert, und wir sind verärgert und frustriert über unsere mißliche Lage. Doch können wir damit auch auf andere Weise umgehen, indem wir die Langeweile beobachten und sie voll auskosten.
Dies ist eine gute Weise, den Fortschritt unserer Meditation einzuschätzen. Sehen Sie nur, wie weit Sie gekommen sind: Anfangs konnten Sie nicht stillsitzen, Sie mochten Ihre
wasserfallartigen Gedanken nicht und konnten kaum gegen den ständigen Drang angehen, aufzustehen und etwas anderes zu tun. Sie dachten an den Abwasch, erstellten Listen, was Sie noch an
Ihrem Arbeitsplatz erledigen mußten, und überlegten, wen Sie nach der Sitzung noch anrufen könnten. Ihr Geist war so rege, daß der Körper am liebsten vom Kissen aufgestanden wäre, um den
Druck zu lindern. Nun laufen die Dinge etwas langsamer, und die Impulse, sich zu bewegen, scheinen nicht mehr so stark zu sein. Wir werden mit der langweilenden Qualität der Meditation
konfrontiert, und sie bewirkt, daß wir mit der Meditation aufhören wollen. Wenn wir diesem Impuls nicht nachgeben, werden wir anfangen, die Früchte der Langeweile zu ernten.
Wir fangen damit an, wenn wir uns auf unsere Langeweile einlassen. Es bleibt uns nun einmal
nichts als das Kissen, wo nichts geschehen wird, und wir wissen das. Also beginnen wir einfach,
uns darauf einzulassen. Wir können in uns selbst einsinken und uns fühlen, als seien wir von einer Eisschicht überzogen. Die Welt fühlt sich fern und verschwommen an. Vielleicht
beherrschen wir die Praxis noch nicht so ganz, aber wir sind zumindest in der Lage, uns so weit zu entspannen, daß wir die Langweiligkeit erfahren können, ohne nach Unterhaltung zu
streben oder die Leere von uns wegzuschieben. Wir fangen an, die Langeweile als einen Teil des Ruhigen Verweilens zu akzeptieren. Das ist schon ein Fortschritt.
Was langweilt uns, wenn wir meditieren? Ruhiges Verweilen ist es nicht, selbst wenn die
Meditation der Auslöser sein mag. Was uns wirklich langweilt, sind unsere sich wiederholenden
Gedankenmuster. Obwohl sie vorhersehbar und durchschaubar geworden sind, tauchen sie
irgendwie immer wieder auf. Wir begreifen, wie wir daran hängen bleiben, Phantasien und Plänen
nachzujagen, die soviel Substanz haben wie der Traum der vergangenen Nacht. Wir entdecken, daß der Gedanke „Was gibt es heute wohl zum Mittagessen?“ nicht im Entferntesten dem
tatsächlichen Geschmack einer Mahlzeit nahekommt. Wir erkennen, daß das Philosophieren über die Praxis nichts ist im Vergleich dazu, im gegenwärtigen Augenblick gegründet zu sein. Nach
einiger Zeit nimmt die Langeweile eine reifere Qualität an. Sie ist nicht mehr bedürftig; sie ist geräumig, angenehm und wohltuend. Mein Vater nannte dies „kühle Langeweile“. Dies ist ein
Durchbruch.
Wir haben entdeckt, daß Meditation unserem Bedürfnis nach Unterhaltung nicht nachkommen oder unsere Zone des Behagens stärken wird. Um diese Entdeckung machen zu können, müssen wir erst
einmal gründlich gelangweilt sein.
Wenn wir von unserem wilden Geist gänzlich gelangweilt sind und die Technik weiter anwenden,
ist dies der Punkt, an dem wir uns wirklich für die Praxis des Ruhigen Verweilens entscheiden. Wir erkennen die Streiche, die wir uns selbst mit Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen
spielen. All das ist Langeweile – unser Bedürfnis nach Unterhaltung, unsere Furcht vor unserer Einsamkeit, jeglicher Wunsch, durch Meditation etwas zu erreichen. Diese Langeweile ist kein
Problem. Sie inspiriert uns, weil wir uns nicht mehr auf dem Kissen gefangen fühlen: Wir erkennen, wie unser Geist funktioniert, und wir sind begeistert davon, uns mit ihm zu verbünden.
Wir können uns entspannen. Den Prozeß des Geistes deutlich vor uns zu sehen, stärkt unser Engagement für die Praxis. Es entwickelt sich ein gewisse Freude, weil wir keinem Teil der
Landschaft mehr Widerstand entgegenbringen.
Ich erinnere mich, wie ich einmal an einem mehrwöchigen Ritual mit Seiner Heiligkeit Dilgo
Khyentse Rinpoche teilgenommen habe. Wir saßen in einem sehr warmen Meditationssaal und
hörten ihm ungefähr elf Stunden am Tag zu, während er einen Text las. Dies wird „mündliche
Übertragung“ genannt und ist im tibetischen Buddhismus eine wichtige Zeremonie. Im
Schneidersitz saßen wir auf Matten, während ein Band nach dem anderen in einem solchen
Schnellfeuer-Tibetisch laut gelesen wurde, daß es beinahe unmöglich war, dem zu folgen. Die
Leute rutschten auf ihrem Sitz hin und her und flüsterten miteinander, und einige der jungen im
Hintergrund sitzenden Mönche begannen einen Krieg im Reiskörnerwerfen. Wir wußten nicht, wie
lange die Lesung des Textes noch dauern würde, hofften aber jeden Tag, daß dies der letzte sein
möge.
Im Verlauf von zwei Wochen sahen wir, wie der Stapel der Texte allmählich abnahm und
schließlich nur noch ein Band übrig blieb. Wir waren überzeugt, daß es nur noch einen Tag der
mündlichen Übertragung geben würde, und atmeten erleichtert auf. Es war unerträglich heiß, und
wir hatten keinen Tag frei gehabt, um uns auszuruhen oder Wäsche zu waschen. Alle waren am
Ende des Tages so erschöpft, daß sie nur noch ins Bett fielen.
Am letzten Tag warteten wir auf die Abschlußverse. Doch uns stand eine Überraschung bevor.
Rinpoche sagte nämlich, wir hätten großes Glück, weil man doch die letzten noch fehlenden Bände des Textes gefunden habe. Die Zeremonien und Lesungen gingen also noch eine Woche lang
weiter, und so gab es nichts weiter zu tun, als sich zu entspannen und sich darüber zu freuen, dabei sein zu dürfen.
Manchmal können wir uns einfach nicht einlassen. Wenn Langeweile ihren Tribut mit dem
Ergebnis fordert, daß wir uns der Meditation verweigern, brauchen wir etwas, das wir diesem
Muster entgegenstellen können. Wir können zum Beispiel anfangen, mit unserer Praxis zu
experimentieren, indem wir uns zu verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Aspekte sammeln.
Einen Tag können wir den Schwerpunkt darauf legen, aufmerksam bei der Haltung zu bleiben. Wir folgen dem Atem und bemerken Gedanken, legen aber besondere Aufmerksamkeit auf den
Körper.
Ein anderes Mal können wir uns mit dem Prozeß des Atmens vertrauter machen. In den nächsten
Sitzungen können wir unsere Fähigkeit schärfen, Gedanken zu bemerken oder eine Kette von
Diskursivität zu durchschneiden, die uns auf einen Ausflug in den Himalaja mitnimmt. Dann
können wir uns auf den Prozeß des Erkennens fokussieren, zum Beispiel auf das Sichten des Endes eines Gedanken. Indem wir verschiedene Aspekte der Technik betonen, unterstützen wir
Achtsamkeit und Aufmerksamkeit. Einen anderen Aspekt dieser Beweglichkeit in der Praxis bildet
natürlich das Wissen darum, wann wir wieder zu den einfachen Anweisungen zurückkehren und
uns wieder sehr präzise auf den Atem sammeln können.
Jeder erlebt Tage, an denen die Praxis schwerfällt und langweilig ist. Es kann daher hilfreich sein,
auf unseren Geisteszustand zu achten, bevor wir uns auf das Kissen setzen. Wenn wir zu Beginn
einer Meditationssitzung zum Beispiel spüren, daß wir sehr zerstreut sind, dann können wir uns auf das Kissen setzen und den Gedanken einfach freien Lauf lassen. Wir können an all
die
Schwierigkeiten denken, denen wir uns gegenüber sehen, und die Gedanken und Phantasien sich austoben lassen. Aber wir tun dies mit Aufmerksamkeit. Nach zehn Minuten des Denkens richten
wir dann unseren Geist auf den Atem.
Manchmal scheinen weder Verstand noch andere Gegenmittel irgendeine Wirkung zu haben. Zu
solchen Zeiten müssen wir tiefer graben und die Kraft finden, weiterzumachen, oder aber wir
müssen unser Leben erforschen, um zu sehen, ob der Schmerz oder die Intensität, die wir in der
Meditation erfahren, von Problemen herrührt, die wir in anderen Bereichen haben. Shamatha ist
kein Ausdauer-Test, noch wird es plötzlich all unsere Probleme lösen. Aber es hilft uns zu
erkennen, wie unsere Probleme entstehen, weil es uns darin schult, Gedanken und Gefühle zu
erkennen. Es schult uns außerdem darin, sie vorbeiziehen zu lassen, ohne auf sie zu reagieren.
Selbst wenn wir gelangweilt sind, können wir mit unserem Geist arbeiten. Das hilft uns, im
täglichen Leben zurechtzukommen. Da die Praxis unsere Perspektive so erweitert hat, daß wir uns nicht mehr mit unseren Gedanken und Gefühlen identifizieren, sind wir weniger anfällig, aus
einem engen, abgeschirmten Raum heraus zu agieren. Wir besitzen mehr Geduld und mehr Toleranz. Wir können uns leichter in die Situation eines anderen versetzen. Auf diese Weise trägt
Meditation zu unserer Reifung bei.
(Sakyong Mipham)
Kommentare: 2
• #1
Ruth Finder (Donnerstag, 04 August 2016 16:50)
Meditation
Jeden Tag eine Weile lang
übe ich Langeweile.
Eine Erfahrung,
die kurzweiliger nicht sein kann.
(japanische Versweisheit - von RF erfunden/erfahren)
• #2
C. (Donnerstag, 04 August 2016 17:02)
Wenn ich verweile
erleb' ich Langeweile.
Eine Weile lang.
(Haiku - von CS)
Kampf gegen den Schlaf - im Blog am 04. August 2016
Der folgende im Jahre 1917 gehaltene Vortrag Gurdjieffs wurde dem Buch „Auf der Suche
nach dem Wunderbaren“ von P. D. Ouspensky entnommen:
„Um den Unterschied zwischen den einzelnen Bewusstseinszuständen zu verstehen, müssen wir
zunächst auf den ersten, den Schlafzustand, eingehen. Er ist ein völlig subjektiver. Der
Mensch ist hier in seine Träume versunken – gleichgültig, ob er eine Erinnerung an sie bewahrt
oder nicht. Selbst wenn irgendwelche realen Eindrücke auf den Schläfer einwirken,
wie gewisse Geräusche, Stimmen, Hitze, Kälte oder Gefühle seines eigenen Körpers, so können
diese doch nur phantastische Bilder in ihm hervorrufen. Dann erwacht der Mensch.
Auf den ersten Blick erscheint es als befände er sich in einem ganz anderen Bewusstseinszustand.
Er kann sich bewegen, mit anderen Personen sprechen, Pläne machen, Gefahren sehen, sie
vermeiden und so weiter. Normalerweise sollte man annehmen, dass seine Lage nun wesentlich
günstiger ist als im Schlaf. Aber wenn wir den Dingen ein wenig mehr auf den Grund gehen, wenn
wir einen Blick auf die innere Welt des Menschen werfen, auf die Ursachen seiner Handlungen,
entdecken wir, dass er sich jetzt fast im gleichen Zustand befindet wie vorher. Ja, er ist sogar in
einer noch schlechteren Lage, denn während des Schlafes ist er passiv, das heißt, er kann nichts
unternehmen. Im Wachzustand hingegen kann er handeln, und die Folgen seiner Handlungen
werden auf ihn und seine Umgebung zurückwirken. Dabei ist er sich seiner selbst gar nicht
wahrhaft bewusst. Er ist eine Maschine, alles stößt ihm zu. Er kann die Flut seiner Gedanken nicht hemmen, er kann weder seiner Phantasie, noch seinen Gefühlen, noch seiner Aufmerksamkeit
gebieten. Er lebt in einer subjektiven Welt des "ich liebe", "ich liebe nicht", "das gefällt mir", "das gefällt mir nicht", "ich habe Lust", "ich habe keine Lust", - in einer Welt also,
die aus dem besteht, was er zu lieben oder nicht zu lieben, zu wünschen oder nicht zu wünschen glaubt. Er sieht nicht die wirkliche Welt. Die reale Welt ist für ihn hinter der Mauer
seiner Phantasie verborgen. Er lebt in einem Traum. Das, was er "klares Bewusstsein" nennt, ist nur Schlaf – und zwar ein viel gefährlicherer Schlaf, als der, den er nachts in seinem Bett
erlebt.
Betrachten wir irgendein Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Den Krieg zum Beispiel. Auch in diesem Augenblick ist Krieg. Was soll das heißen? Es bedeutet, dass mehrere
Millionen
Schlafender bemüht sind, mehrere Millionen anderer Schlafender zu vernichten. Wenn sie sich
weigerten das zu tun, würden sie natürlich aufwachen. Alles was zur Zeit vor sich geht, ist auf
Rechnung dieses Schlafes zu setzen.
Diese beiden Bewusstseinszustände also, der Schlafzustand und der Wachzustand, sind
gleichermaßen subjektiv. Erst wenn der Mensch beginnt, sich seiner selbst bewusst zu werden, kann er wahrhaft erwachen. Dann gewinnt das ganze Leben rings um ihn ein anderes Aussehen und
einen neuen Sinn. Er erblickt darin ein Leben von schlafenden Menschen, ein Traumleben. Alles was die Leute sagen, was sie tun, geschieht im Schlaf. Nichts davon kann also auch nur den
geringsten Wert haben. Allein das Erwachen und das, was zum Erwachen führt, hat wirklichen Wert.
Wie oft habt ihr mich schon gefragt, ob es nicht möglich wäre, den Krieg zu vermeiden. Natürlich
wäre es möglich. Die Menschen brauchten nur zu erwachen. Das klingt sehr einfach. Und doch gibt es nichts das schwieriger wäre, weil der Schlaf durch das gesamte Leben um uns und durch
alle Bedingungen unserer Umwelt verursacht und erhalten wird.
Wie kann man sich diesem Schlaf entziehen? Das ist die wichtigste und wesentlichste Frage, die ein Mensch stellen kann. Doch bevor er sie stellt, muss er sich von der Tatsache überzeugen,
dass er schläft. Und das wird ihm nur möglich sein, wenn er aufzuwachen versucht. Wenn er erst einmal begriffen hat, dass er sich seiner selbst nicht bewusst ist und dass ein
Bewusstwerden bis zu einem gewissen Grad ein Erwachen bedeutet, und wenn er die Erfahrung gemacht hat, wie schwer es ist, sich seiner selbst bewusst zu werden, dann wird er auch
begreifen, dass der Wunsch allein nicht genügt. Genauer gesagt, der Mensch kann nicht allein zum Erwachen gelangen. Wenn aber zwanzig Menschen vereinbaren, dass der erste von ihnen, der
aufwacht, die anderen weckt, besteht schon eine gewisse Chance. Doch selbst das genügt noch nicht, denn es ist denkbar, das diese zwanzig Menschen gleichzeitig einschlafen und nur
träumen, dass sie aufwachen. Man muss also nach einer anderen Lösung suchen. Die zwanzig Menschen müssen von einer anderen Person beaufsichtigt werden, der selbst nicht einschläft oder
der zumindest nicht so leicht einschlummert wie die anderen oder der doch nur dann, und zwar ganz bewusst, einschläft, wenn es statthaft ist, das heißt, wenn daraus kein Schaden für ihn
oder die anderen entstehen kann. Die zwanzig Menschen müssen also einen solchen Menschen finden und ihn dazu bringen, sie aufzuwecken und ihnen zu gestatten, wieder in den Schlaf
zurückzusinken. Ohne diese Voraussetzung ist ein Erwachen nicht möglich. Diese Tatsache gilt es zu begreifen.
Es ist möglich, tausend Jahre lang zu denken, es ist möglich, ganze Bibliotheken zu schreiben,
Theorien zu Tausenden aufzustellen – und alles das im Schlaf, ohne jede Hoffnung auf Erwachen.
Im Gegenteil: die von Schlafenden verfertigten Theorien und Bücher werden nur bewirken, dass
immer mehr Menschen in diesen Schlaf hineingezogen werden.
Diese Idee von Schlaf ist keineswegs neu. Fast seit der Erschaffung der Welt schon hat man den
Menschen davon gesprochen. Wie oft lesen wir zum Beispiel in den Evangelien: „Wacht auf“,
„Wache“, „Schlaft nicht“. Sogar die Jünger Jesu schliefen im Garten Gethsemane, während ihr
Meister zum letzten Mal betete. Diese Tatsache besagt alles. Aber verstehen die Menschen sie? Sie halten sie für eine rhetorische Floskel, für eine Metapher. Und sie begreifen nicht, dass
sie
buchstäblich als Wahrheit begriffen werden muss. Dabei ist gerade in diesem Fall der Grund noch
leicht zu erfassen. Die Jünger brauchten ja nur zu erwachen, oder sie sollten es zumindest
versuchen. Man hat mich tatsächlich oft gefragt, warum die Evangelien nie vom Schlaf sprechen…
Es ist auf jeder Seite davon die Rede. Die Frage beweist nur, dass die Menschen auch die Bibel im Schlaf lesen.
Wie bringt man es fertig, einen schlafenden Menschen aufzuwecken? Man muss ihn anstoßen.
Wenn ein Mensch jedoch tief schläft, genügt ein einfacher Stoß nicht. Dann muss man ihn immer
wieder unaufhörlich rütteln. Infolgedessen ist ein Mensch nötig, der dies besorgt. Ich sagte bereits, dass ein Mensch, der erwachen will, sich einen Helfer dingen muss, der es übernimmt,
ihn ständig wachzurütteln. Aber wen kann er dazu bringen, wenn doch alle Welt schläft? Er nimmt einem Menschen das Versprechen ab, ihn zu wecken, und dieser fällt seinerseits in den
Schlaf. Wozu ist er ihm also nütze? Und wenn man einen Menschen findet, der tatsächlich fähig ist, sich wachzuhalten, so wird dieser vermutlich Wichtigeres zu tun haben, als die anderen
zu wecken.
Es besteht auch die Möglichkeit, sich mechanisch wecken zu lassen. Man kann eine Weckeruhr
benutzen. Das Unglück ist nur, dass man sich allzurasch an jede Weckeruhr gewöhnt: man hört sie schließlich gar nicht mehr. Man braucht also viele Weckeruhren mit verschiedenen
Klingelzeichen.
Der Mensch muss sich buchstäblich mit Weckern umgeben, die ihn am Einschlafen hindern. Aber
auch hier erheben sich wieder neue Schwierigkeiten.
Die Weckeruhren müssen aufgezogen werden; um sie aufzuziehen, ist es unerlässlich, dass man an sie denkt; um daran zu denken, muss man immer wieder aufwachen. Und das schlimmste:
der
Mensch gewöhnt sich an alle Wecker, und nach einer gewissen Zeit schläft er nur umso besser.
Infolgedessen müssen die Wecker ständig ausgewechselt werden, und man muss immer wieder
neue erfinden. Das hilft mit der Zeit. Leider besteht aber nur wenig Hoffnung, dass der Mensch
diese ganze Leistung des Erfindens, des Aufziehens und des Austauschens all der Weckeruhren
allein, ohne äußere Hilfe, vollbringen kann. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass er diese Arbeit
zwar in Angriff nimmt, dann aber bald einschläft und im Schlaf träumt, dass er Wecker erfindet, sie aufzieht und austauscht.
Ein Mensch, der erwachen will, muss sich also nach anderen Menschen umsehen, die den gleichen Wunsch haben, um dann mit ihnen zusammenzuarbeiten. Aber das ist leichter gesagt als getan,
denn die Bewältigung einer solchen Aufgabe und ihre Organisation verlangen Kenntnisse, über die der gewöhnliche Mensch nicht verfügt. Die Arbeit muss organisiert werden, und einer muss
die Leitung übernehmen. Wenn diese beiden Bedingungen nicht erfüllt sind, kann die Anstrengung nicht die erwarteten Erfolge zeitigen, und alle Mühe ist vergebens. Die Menschen können sich
quälen, aber auch diese Qualen werden sie nicht erwachen lassen. Es sieht so aus, als sei für gewisse Menschen nichts schwieriger, als diese Zusammenhänge zu begreifen. Sie mögen aus
eigener Initiative zum größten Einsatz fähig sein, aber sie werden sich um keinen Preis der Welt davon überzeugen lassen, dass ihr erstes Opfer darin bestehen muss, sich einem anderen zu
unterwerfen.
Und sie wollen nicht zugeben, dass all ihre anderen Opfer in diesem Fall zu nichts nütze sind. Die
Arbeit muss geplant werden. Und das kann nur durch einen Menschen geschehen, der ihre
Probleme, ihre Methoden und ihre Ziele kennt und der sich selbst schon einmal in ein solch
organisiertes Werk eingegliedert hat.“
Fred sagt: - im Blog am 06. August 2016
Meister oder Angeber - Sangha oder Sekte?
'Spirituelle Lehrer und Lehrerinnen im Westen'
Aus 'Mit Buddhas Augen sehen', Fred von Allmen
Lehrende sind wie Führer in unbekannte Gebiete, wie eine Eskorte, wenn wir durch gefährliche
Gegenden ziehen. Lehrende sind aber auch einfach Menschen mit ihren Charakterzügen und
Eigenheiten. Darum gibt es auch für sie Maßstäbe der Integrität.
Was macht jemanden zum Lehrer, zur Lehrerin, und welches ist unsere Haltung gegenüber
Lehrenden? Was bedeutet es, Lehrer oder Lehrerin zu sein, und wie gehen wir als Studierende
mit Lehrpersonen um? Über dieses Thema sollte bei uns im Westen vermehrt und offener
diskutiert werden, um es aus dem Bereich des Geheimnisvollen und der Geheimniskrämerei
herauszuholen.
Dazu einige Vorbemerkungen: Wenn immer hier von "Lehrerinnen" oder "Lehrern",
"Studenten" oder "Studentinnen" die Rede ist, so sind immer beide Geschlechter gleichwertig
gemeint; um der Sprache nicht Gewalt anzutun, wird oft auf Doppelkonstruktionen verzichtet.
Sodann verwenden wir als Gegenstück zu den Lehrenden häufig nicht "Schüler", sondern den
Ausdruck "Studierende", weil in ihm das Unterwegssein, aber auch die Mündigkeit
mitschwingt. Schließlich werden hier keine Namen genannt, und wie man sagt, ist "jegliche
Ähnlichkeit mit lebenden Personen unbeabsichtigt und zufällig".
In westlichen Dharma-Kreisen wird eine Geschichte erzählt: Irgendwo hier im Westen begibt
sich ein Mann auf eine Flugreise nach Asien, nimmt nach der Landung den lokalen Bus, um
nach langer, beschwerlicher Fahrt den heiligen Berg mit den riesigen Klöstern und Tempeln zu
erreichen. Er will den großen Guru sehen. Eine lange Treppe führt hinauf zum Portal und
unzählige Leute warten auf eine Audienz. Man weist ihn an: "Du darfst höchstens drei Worte
zum Guru sprechen." Er sagt "okay" und stellt sich hinten an. Man erklärt ihm, wie er sich
entsprechend der Tradition zu verhalten habe. Endlich wird er in den Tempel eingelassen. "Also
nur drei Worte, ja?" Eine riesige Halle mit Tausenden von Kerzen und Lichtern und dem hohen
Thron, wo der Guru sitzt. Der Mann verbeugt sich, schaut auf zum Guru und sagt die drei
Worte: "Susanne, komm heim!"
Mehr und mehr westliche Frauen und Männer haben angefangen, Dharma zu lehren.
Beide Aspekte, das Lernen wie das Lehren und Weitergeben, sind elementare Muster des
Lebens. Als kleine Kinder - oder Kätzchen oder Entlein - schauen wir auf zu andern, zu den
Älteren, um zu sehen, was diese tun; wie sie essen, sich bewegen, gehen oder schwimmen, wie
sie kommunizieren und was sie vorkehren, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Wir schauen,
ahmen nach; wir fragen, lernen, studieren, werden ausgebildet.
So finden wir uns alle immer wieder in beiden Rollen: jener der Lehrenden und jener der
Studierenden. Beide sind natürliche Funktionen, die einzig davon abhängen, ob wir mehr oder
weniger verstehen als andere, sei es in bezug auf ein bestimmtes Thema, ein gewisses Können
oder eine Lebensart. Dabei gibt es eine Vielfalt solcher Rollen: zum Beispiel die der Eltern, der
Schullehrerinnen, der Meister eines Handwerks oder der Buddhas. Oder aber jene der
Kleinkinder, der Schüler, Lehrlinge oder Dharma-Studenten. Wenn wir interessiert sind, etwas
zu lernen, sind wir Schüler. Wenn wir mit andern unsere Erfahrung und unser Wissen teilen,
sind wir Lehrer. Wenn eine Erleuchtete den Weg weist, dann handelt es sich um eine Lehrende,
und wenn dieselbe Person nach dem Weg fragt, ist sie Suchende.
Damit jemand Lehrer sein kann, braucht es Schüler, und umgekehrt. Keine der beiden Rollen
existiert ohne die andere. Das ist alles sehr offensichtlich. Es ist aber wichtig zu sehen, dass es
niemals so etwas wie einen "Lehrer an sich" gibt, also keine unabhängig existierende Person, die
"Lehrer" ist; noch gibt es in diesem Sinn jemanden, der essentiell "Schüler" ist. Beides, "Lehrer
sein" und "Schüler sein", existiert als solches nur, indem es sich gegenseitig bedingt, und ist
somit in einem essentiellen Sinne "leer". Es sind einfach Rollen, abhängig von einer bestimmten
Situation, ganz ohne Selbstexistenz.
Es gibt einen Swami in Südindien, dessen Geschichte illustriert, wie das, was zwischen Lehrern
und Schülern vorgeht, meist ein dichtgewobenes Netz aus zwischenmenschlichen Vorgängen
ist. Schwierig zu sagen, was dabei Ursache und was Wirkung ist.
In einem trockenen Flußbett ragte ein Arm aus dem Sand. Die Leute gruben und fanden einen
Mann. Da er erstaunlicherweise noch lebte, stellten sie ihn auf einem Tee-Verkaufswagen aus -
bei der Busstation, die später auf seinen Namen umbenannt wurde. Der Mann saß nur da und
gab grunzende Laute von sich. Leute aus aller Welt kamen her, verbeugten sich vor ihm,
verehrten ihn, hörten ihn in ihrer Sprache sprechen, hatten bedeutungsvolle Träume und
machten tiefe spirituelle Erfahrungen. Ein Ärzteteam untersuchte den Mann und stellte fest: er
war katatonisch (eine Form der Schizophrenie, verbunden mit Krampfzuständen der
Muskulatur). Die Diagnose wurde von seinen Anhängern jedoch aufs schärfste bestritten, und
das Ärzteteam wurde zum Dorf hinaus gejagt. Dieser Vorfall machte den Mann, jetzt schon als
Swami verehrt, noch berühmter, und weitere Leute kamen, um in seiner Gegenwart, im
Darshan, zu verweilen...Eine echt indische Geschichte.
Alles, was hier gesagt werden kann, ist folgendes: Es sind zwischenmenschliche Beziehungen
da, so seltsam uns diese im vorliegenden Fall erscheinen mögen, und etwas scheint zu
geschehen. Echtes Lehren? Die Kraft des Segens? Projektionen? Betrug oder einfach Unsinn?
Wer von uns kann das beurteilen? Wir können es sicher nicht für andere tun. Wir können nur für
uns selber entscheiden und dabei versuchen, so klar, offen und ehrlich wie möglich zu sein.
Wir haben also gesehen, dass das Ereignis des Lehrens und Lernens eine natürliche Funktion
des Lebens ist. Wir brauchen Lehrerinnen, spirituelle Freunde, die uns belehren; inspirieren,
ermutigen, beraten, führen und oft auch bestätigen. Wir erhalten ihre Lehre und Unterstützung;
je nach Sprachgebrauch könnte man auch sagen: ihren Segen. Und ohne das geht es gar nicht,
oder jedenfalls nur selten und wahrscheinlich nicht in allzu große Tiefe.
Wo finden wir als Studierende Führung und Unterstützung? Können wir den Lehrern trauen,
und sollen wir ihnen folgen? Oder suchen wir besser anderswo?
Kalil Gibran sagt: "Niemand vermag euch etwas zu offenbaren, das nicht schon
halbschlummernd im Dämmern eures Wissens ruht. Der Lehrer, der im Schatten des Tempels
wandelt, gibt seinem Gefolge eher von seinem Glauben (Vertrauen!) und seiner Liebe als von
seiner Weisheit. Ist er wahrhaftig ein Weiser, so fordert er euch nicht auf, das Haus seiner
Weisheit zu betreten; eher geleitet er euch zur Schwelle eures eigenen Geistes."
Die Aufgabe der Lehrerin ist es also, gewisse Bedingungen schaffen zu helfen; jene
Bedingungen, unter welchen sich die Wahrheit über die Wirklichkeit, die Wahrheit über uns
selber und das Leben enthüllen kann.
In der Vipassana-Tradition vermitteln Lehrer Methoden, welche diese Bedingungen fördern. Sie
vermitteln ihr Verständnis des Lebens, der inhärenten Leerheit aller Dinge - deren wahrer Natur
- und zeigen auf, was wir selber noch nicht sehen. Sie schaffen einen Raum des
Angenommenseins, wo wir uns selber begegnen können; so lernen wir uns selbst annehmen und
verstehen. In andern Traditionen mögen die Funktionen der Lehrer variieren: Es gibt Lehrende,
die das Schwergewicht auf Unterricht und Studium legen, bis die Studierenden wirklich Klarheit
über die Lehre gewonnen haben; danach erst werden sie ins Retreat geschickt. Einige ermutigen
Selbsterforschung durch den Dialog mit dem Lehrer. Andere brauchen nur wenige Worte - sie
lehren durch ihr Beispiel und ihre Präsenz. Auch gibt es welche, die durch ihre inneren Kräfte
und durch die Macht des Segens wirken und so ihren Schülern Hingabe und Öffnung gegenüber
ihrer eigenen Weisheit und ihrem wahren Sein ermöglichen. Wieder andere ermutigen
selbstloses Dienen oder verschiedene Körperübungen, oder was immer es noch alles gibt in
dieser Welt der Spiritualität. Die Methoden sind so vielfältig wie das Leben selber.
Wie gehen wir mit Lehren um, die wir erhalten? Auf die Frage, wem wir glauben sollten und
wem nicht, riet Buddha, sich nicht aufs Hörensagen noch auf Überlieferungen zu verlassen, ja
nicht einmal auf eine verwirklichte Person, für die wir Respekt hätten. Wenn wir für uns selber
wüßten und spürten, dass etwas nicht zu innerem Glück führe, sondern zu Leiden, dann sollten
wir es nicht annehmen. Er empfahl, die Lehren zu prüfen und zu schauen, ob sie sinnvoll seien.
Durch unsere eigene Wahrnehmung und Intelligenz sollten wir sie erproben und, wenn als
hilfreich erfahren, auch tatsächlich anwenden.
In buddhistischen Ländern werden oft die Qualitäten von Buddha, Dharma und Sangha rezitiert.
Als besonders wichtige Eigenschaften des Dharma, der Lehre, werden unter anderem genannt:
Sie ist selber erfahrbar, hier und jetzt. Sie lädt ein, selber zu erforschen, beruht also nicht einfach
auf Glauben, und ist direkt erfahrbar. (Der vollständige Text befindet sich im Glossar des
Buches.)
Wenn Erforschen, Untersuchen, Hinterfragen, ja sogar Zweifeln nicht erwünscht sind, seid
vorsichtig und seht euch vor! Aber wenn Fragen und Untersuchen willkommen ist und die Lehre
Sinn macht, dann probiert sie aus, wendet sie an.
Ein letzter Punkt: Wir sollten uns darüber im klaren sein, was wir von einer Lehrenden erwarten.
Dies kann uns eine Menge Schwierigkeiten sparen. Wer zum Beispiel "Bhakti", die Praxis von
Hingabe an das Göttliche, von Aufopferung und Gesang, praktizieren möchte, geht besser nicht
an einen Vipassana-Retreat. Wer die altruistische Haltung von Bodhicitta des tibetischen
Mahayana üben möchte, wird das wahrscheinlich nicht an einem orthodoxen Theravada-Kurs
tun können, und wer sich ausschließlich mit der Praxis barer Achtsamkeit beschäftigen möchte,
wähle vielleicht besser nicht ein tibetisches Lehrseminar. Damit sei nichts gesagt gegen die
hohen Werte der unterschiedlichen Traditionen. Es ist jedoch sinnvoll, zuerst zu schauen, was
wir brauchen und wünschen, um die Chance zu haben, dieses dann bei den entsprechenden
Lehrenden und Kursen zu finden. Sonst werden wir vermutlich enttäuscht.
Somit sollten die Grundlagen klar sein, nämlich: Wir verstehen die sich gegenseitig bedingende
Beziehung zwischen Lehrenden und Studierenden. Und wir setzen die Lehre um, indem wir sie
erforschen, prüfen und für uns selber ausprobieren.
Nun zu den Lehrenden. Es ist sicher nicht zu gewagt zu behaupten, dass im Westen oft eher
naive Ideen darüber vorherrschen, was spirituelle Lehrende wirklich sind. Oft sind unsere
Vorstellungen und Erwartungen gleichzeitig zu hoch und zu niedrig. So müssen wir versuchen,
etwas Licht in diese Grauzone zu bringen und mögliche Leitlinien aufzuzeigen. Viele der
folgenden Gedanken stammen aus Diskussionen und Interviews mit Lehrenden und
Studierenden aus verschiedenen, vor allem buddhistischen Traditionen.
Seien wir uns zunächst bewußt, dass die unterschiedlichsten Menschen spirituelle Lehrerinnen
oder Lehrer sein können. Dorfpriester oder befreite Heilige aus den verschiedensten Kulturen;
Einsiedler, große Gelehrte, Ordinierte oder auch Laien mit langer Praxis. Auch Bhaktis, das
heisst große Verehrer Gottes, oder soziale Aktivisten wie Mahatma Gandhi, Vimala Thakar oder
Martin Luther King jr. Es gibt so viele "Lehrer" und sogenannte "Lehrer", wie es Blumen gibt in
den Gärten der Erde. Es gibt auch das Unkraut. Und sämtliche Möglichkeiten zwischendrin.
Wenn wir spezifisch die Lehrenden der Vipassana-Meditation, aber auch anderer Traditionen
betrachten, lassen sich etwa die folgenden Gruppen bilden, wobei es auch hier große
Unterschiede und Variationen gibt:
- Lehrende, die zutiefst verwirklicht sind und die zugleich großes Geschick haben im Lehren.
Dies sind die Besten - und Seltenen.
- Dann gibt es jene, deren Praxis und Verwirklichung sehr tief ist, die aber nicht besonders
geschickt sind im Lehren und Weitervermitteln. Es gibt Menschen, die sich jahre- oder
jahrzehntelang in intensiver Praxis übten und die außerordentlich verwirklicht sind, denen
jedoch die Begabung fehlt, das, was sie erkannt und erfahren haben für andere verstehbar und
nachvollziehbar zu machen. Es gibt auch einige seltene Individuen, die mit relativ wenig Praxis
sehr weit kommen. Etwa wie jener verwirklichte Lama, der sagte: "Ich erreichte das Dach des
Hauses, ohne die Treppe zu benutzen. Fragt mich nicht, wie man da hinaufkommt. Ich kann's
euch nicht erklären." Obschon diese Menschen oft nicht in der üblichen Art lehren, können sie
andere zutiefst berühren durch ihr lebendiges Beispiel, durch ihr Sein und durch ihren Segen.
- Dann gibt es jene, deren Praxis zwar nicht unbedingt sehr tief ist, die aber große Liebe und
Verpflichtung gegenüber dem Dharma fühlen und dies leben; Menschen, mit klarem Verständnis
der Praxis und mit guter Lehrbefähigung. Ihr Wirken kann außergewöhnlich hilfreich sein und
andere weit führen.
- Schließlich sind jene zu erwähnen, die weder Verwirklichung noch Lehrfähigkeit haben.
Vermutlich würden sie besser nicht lehren.
Für uns ist es zweifelsohne wichtig, uns all dieser Möglichkeiten bewußt zu sein, gerade weil es
oft schwierig oder gar unmöglich ist zu wissen, welche Lehrer wo stehen. Lernen wir sie näher
kennen, werden wir gewisse Vermutungen haben und uns dabei nichts vormachen wollen.
Anderseits ist es auch nicht besonders sinnvoll, viel Zeit in die Ermittlung ihres
Realisierungsgrades zu investieren. Einmal mehr lautet hier der Ratschlag, dass wir uns
vorwiegend auf das Dharma, auf die Lehre und die Praxis stützen sollen, anstatt auf die Person
der Lehrenden.
Was die Dinge bei uns im Westen oft kompliziert, ist die Tatsache, dass manche von uns gerne
eine Art ideale, perfekte Supermenschen machen aus ihren Lehrerinnen oder Lehrern. Es kann
manchmal bis ins Grenzenlose führen, was manche so alles in ihre spirituelle Helden und
Heldinnen, ihre Idole oder oft auch ihre Vater- und Mutterfiguren projizieren.
Ich glaubte damals, vor Jahren, in Asien, dass meine Lehrer nie zu essen brauchten! Ich hatte
von großen Yogis gehört, die von "Samadhi-Nahrung", das heisst von Energie, die aus tiefer
Konzentration entsteht, lebten. So glaubte ich, dass das sicher bei meinen Lehrern der Fall sei.
Was für eine Enttäuschung, aber auch Erleichterung, als ich einen von ihnen in einen Apfel
beißen sah. Leute waren völlig überrascht, Meditationslehrer autofahren zu sehen. Sollten diese
vielleicht durch die Luft fliegen? Eine Lehrerin erzählte von einer Kursteilnehmerin, die
gestand, dass sie ihr beim Pinkeln zugehört habe. Diese fand es so äußerst befreiend zu wissen,
dass auch Meditationslehrerinnen pinkeln müssen!
Lehrende sind auch Menschen. Natürlich hat echte innere Freiheit nichts mit äußerer
Erscheinung oder mit besonderen Kräften zu tun. Aber vielmehr noch sollte uns klar sein, dass
Lehrende einen persönliche Charakter, Eigenheiten, Ecken und Kanten haben. Das gilt nicht nur
für westliche Vipassana-Lehrer. Wer schon als Koch oder Managerin an einem Meditationskurs
oder im Retreatzentrum mitgewirkt hat, erlebt fast immer Inspirierendes und Desillusionierendes
- und wird sicher realistischer. In asiatischen Traditionen wird gar gesagt, es sei besser, nicht zu
lange, zu nahe von Lehrenden zu sein, damit man ihre Fehler nicht sehe. Es scheint aber, dass es
für uns im Westen ganz gesund sein kann, eben diese Fehler wahrzunehmen. Wir erhalten ein
realistischeres Bild von dem, was möglich ist. Wenn wir Lehrende nicht in den Himmel heben,
sondern uns eher auf die Lehre, auf unsere Praxis und unser eigenes Verständnis verlassen,
können wir auch nicht so tief fallen, wenn unsere Erwartungen einmal enttäuscht werden. Auch
brauchen wir dann nicht mit komplizierten und gesuchten Erklärungen unsere Lehrer zu
rechtfertigen.
In den letzten Jahren buddhistischer und überhaupt spiritueller Geschichte im Westen gab es
eine ganze Anzahl kleinerer und auch großer Skandale. Lehrer, die sehr verwirklicht zu sein
schienen - und es zum Teil wohl auch bis zu einem gewissen Grad sind - waren in Mißbrauch
von Macht, Sex, Geld, Alkohol oder Drogen verwickelt.
Diese Vorfälle zeigen, dass tiefe Erkenntnis oder "Erleuchtung" (Verwirklichung von Sotapati,
Darshanamarga, Kensho) zwar mit entsprechender Wandlung sowie Klarheit in bezug auf die
wahre Natur aller Dinge und auf den Weg, verbunden sein kann; aber sie zeigen auch, dass diese
Erfahrungen meist noch lange nicht tiefer verwurzelte Emotionen (Kilesa/Klesha) wie
Verlangen, Aversion oder Stolz endgültig zu beseitigen vermögen. Allzu oft wird diese erste
"Erleuchtungsstufe" mit vollständiger Erleuchtung verwechselt. Der Unterschied zwischen
diesen beiden Stufen der Verwirklichung ist aber etwa vergleichbar mit einem alpinen
Aussichtsberg und dem Mt. Everest.
Für viele Traditionen und Gruppen um Lehrer, die in solche Skandale verwickelt waren, schien
der Schock verständlicherweise recht vernichtend zu sein, und man begegnete der Situation zum
Teil mit totaler Enttäuschung und Überreaktion, zum Teil mit völligem Verdrängen und
Verneinen. Aber letztlich war der Prozeß der Konfrontation und des Aufarbeitens in vielen
Fällen doch sehr hilfreich; Wunden konnten heilen, und ein realistischeres und gesunderes
Verhältnis zu den Lehrern und zur Praxis wurde gefunden. In anderen Fällen wird leider bis
heute weiter verdrängt, verharmlost oder beschönigt.
Wenn Lehrende also ganz und gar Menschen sind, heisst das aber nicht, dass einfach alles in
Ordnung ist, was sie bieten! Es gibt wichtige Maßstäbe der Integrität:
- Haben wir das Gefühl, dass Lehrende die Studierenden ständig bewerten und beurteilen und
dass echtes Mitgefühl und Interesse an deren innerem Wachstum fehlt? Dann müssen wir uns
fragen, woher das kommt.
- Von Lehrenden sollte man verlangen, dass sie ihr Bestes geben, um den Maßstäben, die sie
setzen, auch selber nachzuleben.
- Auch Dharma-Lehrende müssen ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Aber offensichtliche
Gier nach Geld und Macht oder jede Art von Suchtverhalten sollte hinterfragt werden. Dabei
dürfen wir uns nicht beeindrucken lassen von Aussagen über verrückte Weisheit ("crazy
wisdom") oder sogenanntes hartes Mitgefühl ("tough compassion"), wo Gurus jenseits aller
Maßstäbe stehen, die für gewöhnliche Praktizierende gelten.
- Wenn wir bei Lehrern die Tendenz zu sexueller Annäherung oder Ausbeutung erkennen,
sollten wir das nicht stillschweigend dulden. Dasselbe gilt bei Mißbrauch und Abhängigkeit von
Alkohol und Drogen.
Bei der Betonung auf das Einhalten ethischer Grundregeln durch die Lehrenden handelt es sich
weder um puritanische noch um fundamentalistische Ansätze, wie auch schon behauptet wurde,
sondern um das Recht der Schülerinnen und Schüler, vor Übergriffen geschützt zu sein. Es
handelt sich hier um eine Problematik, die bereits in der Psychotherapie reichlich bekannt ist.
Etwas vereinfacht kann man sagen, dass Menschen, die durch Mißbrauch seelisch verwundet
wurden, oft besonders gefährdet sind, wieder in eine ähnliche Situation zu geraten und
ausgenützt zu werden, wenn sie sich in Vertrauen und Hingabe öffnen. Denn sie glauben, im
Therapeuten (oder eben im Guru) die ideale Vater- oder Mutterfigur gefunden zu haben. Hier
wird von den Therapeuten und spirituellen Lehrern äußerste Klarheit, Integrität und echtes
Mitgefühl verlangt.
- Öfteres Sichgehenlassen in Wut und Irritation muß nicht einfach ignoriert und übersehen
werden. Wir brauchen uns nicht beeindrucken zu lassen, wenn es heisst: "Er - und oft ist es ja
ein Er - nimmt eben das schlechte Karma seiner Schüler auf sich" oder "Wir können das
sowieso nicht verstehen und wir sollten auch gar nicht versuchen, die geschickten Mittel und
Handlungen des Meisters ergründen zu wollen".
Natürlich braucht es viel Mut für Studierende, offen zu fragen und zu hinterfragen. Aber wir
müssen es tun! Wir wollen nicht weniger als die Wahrheit! Dabei ist das offene Hinterfragen
ganz etwas anderes als das hintendurch Kritisieren, zu dem es recht wenig Mut braucht.
Jemand hat vorgeschlagen, wenn wir wirklich Bescheid wissen möchten über die Integrität einer
Lehrperson und ob sie wirklich lebt, was sie lehrt, dass wir ihre Partner und Ehefrauen oder -
männer fragen sollten. Wenn ihr's wirklich wissen wollt, fragt ihre Ex-Partner!
Manchmal spüren wir, dass die Lehren, die gegeben werden, stark, wirkungsvoll und hilfreich
sind - und trotzdem hat dieser Lehrer offensichtliche Probleme. Hier brauchen wir nicht
Beschönigung, sondern Klarheit: Wir haben die Lehren nötig, und wir wollen Rat und Führung,
weil sie uns weiterbringen. Deshalb brauchen wir aber die Person der Lehrerin nicht zu
imitieren. Es wäre fehl am Platz, sie unkritisch als Vorbild für alle Aspekte unseres Lebens zu
nehmen. Wir müssen uns hier die Freiheit bewahren, verantwortlich und autonom zu sein.
Diese klare Haltung schließt nicht aus, dass wir als Studierende gegenüber den Lehrenden auch
etwas nachsichtig sind: als Ausdruck unserer Wertschätzung, dass sie ein Gefäß sind für die
Lehre, welche das wertvollste Geschenk ist, das wir im Leben erhalten können. Ein Text sagt
über die Lehrenden: "Sie sind wie Führer, wenn wir in unbekannten Gebieten reisen, wie eine
Eskorte, wenn wir durch gefährliche Gegenden ziehen, und wie ein Fährmann, wenn wir einen
großen Fluß überqueren." Gute Lehrende sind außergewöhnlich selten und wertvoll.
Für die Beurteilung spiritueller Gruppen und Bewegungen könnte eine "Checkliste der
Fragwürdigkeiten" nützlich sein. Grund zur Beunruhigung besteht besonders dann, wenn
mehrere Punkte der folgenden Liste zutreffen:
- Es ist unannehmbar, wenn Gurus oder Gruppen finanzielle oder - noch schlimmer - sexuelle
Ausbeutung betreiben. Bei Gurus, von denen gesagt wird, dass sie sehr verwirklicht seien, wirkt
es besonders skandalös.
- Wo immer wir starre Hierarchien und Machtstrukturen finden, sollten wir aufhorchen.
Allerdings ist dies nicht immer ein Alarmzeichen, da solches in Asien Tradition hat. Im Westen
scheint dies allerdings oft auf Sektierertum hinzuweisen, besonders wenn alle Macht bei einer
einzigen Person liegt, egal wie erleuchtet diese sein mag.
- Auch das Betreiben politischer Agitation sollte uns hellhörig werden lassen.
- Suspekt sind jene, die lehren, ohne von ihren eigenen Lehrern dazu ermächtigt worden zu sein
oder die in keine Tradition eingebunden sind. Dasselbe gilt für Gurus, die sich für erleuchtet
erklären oder gar behaupten, ihr ursprünglicher Lehrer verstehe die Lehre nicht wirklich.
- Es ist verdächtig, wenn der eigene Weg oder die eigene Methode als weitaus besser als alle
anderen hingestellt wird (was leider recht oft vorkommt), und dazu noch andere Traditionen und
Methoden belächelt oder heruntergemacht werden.
- Vorsicht ist geboten, wo Fragen oder Kritik unerwünscht sind und Gehorsam und
Unterwerfung verlangt werden.
- Gefährlich sind Sekten, bei denen man nicht problemlos austreten kann. Diese üben in der
Regel äußeren oder auch inneren Druck aus: sie suggerieren Schuldgefühle oder auch das
Gefühl, man sei nun ausgeschlossen von der Gnade und vom Kreis der Auserwählten.
Kurz, alles was uns abhängiger macht, anstatt uns zu befreien, ist äußerst fragwürdig, egal wie
die Erklärungen und Entschuldigungen lauten. Lassen wir die Finger davon! Wir schulden es
unserer Würde als Menschen, nicht mitzumachen, wenn sich etwas nicht gut anfühlt im Grunde
unseres Herzens.
Wer ist überhaupt zum Lehren berufen? Was oder wer macht jemanden zum Lehrer, zur
Lehrerin? Diese geheimnisumwitterte Frage scheint sich langsam zu klären. Es scheint nämlich,
dass es keine überall gültigen festen Regeln gibt und gar nie welche gab, auch nicht in der
Vergangenheit oder irgendwo im Osten.
Wenn eine Person zu lehren anfängt, beruht dies eher auf dem Zusammentreffen ihrer Praxis
und Verwirklichung einerseits und ihrer Beziehung zu ihren Lehrern sowie den Bedingungen
und Maßstäben, die diese anwenden, anderseits.
Vor einiger Zeit erschien in einer deutschen buddhistischen Zeitschrift der offene Brief eines
tibetischen Lamas, der seit Jahren in Europa lebt und unsere Sprache spricht. Er findet, Lehren
habe tiefe Bedeutung und Konsequenzen für alle Beteiligten - und deshalb sei es an der Zeit, dass
dieses Thema im Westen mehr diskutiert und geklärt werde. Der Lama erwähnt vier Faktoren, die
darauf hinweisen könnten, dass man mit Lehren beginnen könnte, ohne dass man aber deshalb
lehren muß:
- Umfassende Kenntnis der Lehre
- Mindestmaß an Verwirklichung
- Auftrag des eigenen Lehrers
- Anfrage eines oder mehrerer Schüler
Zu diesen Punkten ein paar Kommentare:
- Umfassende Kenntnis der Lehre:
Von buddhistischen Lehrenden sollte man eine umfassende und gründliche Kenntnis der Lehre
erwarten können. Im Westen, wo die Lehre noch kaum richtig Fuß gefaßt hat, ist eine korrekte
Vermittlung des Dharmas besonders wichtig. Die Gefahren der Fehlinterpretation und vor allem
auch der Verwässerung sind eh noch groß genug. Auch die Tendenz, die Tiefe der Lehre auf
eine ausschließlich psychologische Ebene zu reduzieren, ist heute beträchtlich. So sollten wir
also den Aspekt der "umfassenden Kenntnis der Lehre" nicht unterschätzen. Natürlich muß er
mit dem zweiten Punkt zusammen gehen:
- Ein Mindestmaß an Verwirklichungen:
Hier gibt es nicht allzuviel Übereinstimmung unter den verschiedenen Traditionen und Lehrern.
Immerhin, zumindest für Lehrende der Vipassana-Tradition könnte man sicher sagen:
- Sie sollten mindestens zehn Jahre Praxis haben und davon möglichst einige Jahre in intensiven
Retreats.
- Beherrschen der Meditationsübungen der eigenen Tradition und Bekanntsein mit einer Anzahl
Methoden und Zugängen anderer Traditionen.
- Verständnis und direkte Erfahrung der Vergänglichkeit und der Leerheit aller Selbst-Existenz
(Suññata/Shunyata) sowie Gelassenheit und innerer Friede.
- Tiefe Verpflichtung und Liebe für die Lehre, für Freiheit und Mitgefühl, welche zum zentralen
Thema und zum Grundton dieses Lebens geworden sind.
- Ein nicht-wertendes, mitfühlendes Interesse für die Menschen, für alles Lebendige, und der
gewaltlose und ehrliche Lebensstil, der daraus entsteht.
- Die ernsthafte Absicht, offen bleiben und weiter lernen zu wollen; von den eigenen Lehrern
und Lehrerinnen, von sich selber, von Kolleginnen und Freunden, von den Studierenden und
vom Leben selber. Eine permanente "spirituelle Supervision" ist äußerst wichtig.
- Und für den Westen ist es offensichtlich sehr hilfreich, wenn Lehrende - außer es seien
Mönche oder Nonnen - einige Erfahrung und Klarheit haben in bezug auf Arbeit, Geld und
Beziehungen.
Vermutlich werden wir nicht all das vereint in einer Person finden. Aber wir sollten auch nicht
zu anspruchslos sein. Die spirituellen Möglichkeiten für uns Menschen sind nämlich immens.
Dabei sprechen wir hier nicht von "Erfahrungen", die man haben kann, sondern von innerer
Wandlung, also vom Resultat oder den „Früchten“. Allerdings ist es kaum möglich,
Verwirklichung nach einem festgelegten Schema zu bestimmen. Begriffe in bezug auf
Realisation werden in verschiedenen Traditionen verschieden verwendet. Das im Westen
gebräuchliche Wort "Erleuchtung" macht die Sache noch verwirrender. Und die Tatsache, dass
in manchen Traditionen die Lehrenden und Gurus als erleuchtet angesehen werden sollen, ganz
unabhängig davon, was sie tatsächlich realisiert haben, macht die Dinge auch nicht einfacher.
Trotzdem mögen einige Hinweise hilfreich sein, welche Varianten von Lehrenden es geben
kann:
- Da gibt es Menschen, die viel praktiziert haben, die eine innere Offenheit und Weite kennen
und bei denen Identifikation und "Reaktivität" im Sinne von Haften und Aversion nicht mehr so
stark ist. Diese Menschen verbreiten eine Atmosphäre der Liebe und Grosszügigkeit.
- Dann gibt es jene, die die wahre Natur des Seins so klar erkannt haben, dass all ihre Zweifel
geklärt und innere Freiheit, tiefes Vertrauen und Inspiration da sind. Oft wird diese Stufe der
Erkenntnis als "Erleuchtung" bezeichnet. Es sind Menschen, die großen Respekt verdienen. Wie
erwähnt, bedeutet das aber noch lange nicht, dass die tief verwurzelten Negativitäten
(Kilesa/Klesha) wie Verlangen, Abneigung, Stolz, etc. völlig verschwunden sind. So sollten wir
uns hier nichts vormachen oder vormachen lassen. Wenn die erwähnten Negativitäten noch
erkennbar und vorhanden sind, egal wie "subtil", entspricht die Verwirklichung eben "nur"
dieser Stufe und nicht einer höheren.
- Dann gibt es jene seltenen und wertvollen Menschen, die vollständig frei sind von Verlangen
und Haften, Hass und Aversion; solche Menschen sind sehr rar; besonders im Westen.
- Schließlich gibt es jene, deren Herz und Geist völlig geklärt ist. Keine Spur mehr von Selbst,
von Getrenntsein oder von innerer Unruhe jeglicher Art. In vielen Traditionen werden sie
richtigerweise als "vollständig Erleuchtete" bezeichnet. Für uns gewöhnlich Sterbliche sind sie
nicht unterscheidbar von der vorhergehenden Stufe. Es sind wahrhaft Heilige, makellos in ihrem
Sein und Tun.
- Letztlich gibt es noch die Möglichkeit, Buddha zu sein. Völlige innere Freiheit und Frieden
und gleichzeitig auch die Vervollkommnung aller menschlichen Qualitäten, die es den Buddhas
ermöglicht, zum Vorteil und Segen aller Lebewesen optimal zu wirken. Wie ein Text sagt: "So
wie mit der aufgehenden Sonne das Licht überallhin strahlt, so durchdringt das Gewahrsein der
Buddhas alle Dinge."
Allerdings schafft auch hier die Tradition des öfteren Verwirrung: oft wird - aus Respekt und
Verehrung oder einfach entsprechend der Tradition - als Buddha bezeichnet, wer in Wirklichkeit
nicht dieser Stufe entspricht.
Und nun zum dritten Punkt in der Liste: Um zu lehren, sollte man durch den eigenen Lehrer
beauftragt sein.
Es gab immer wieder große Meditierende, die richtiggehend zum Lehren gedrängt werden
mußten, während der dringende Wunsch, Lehrer zu werden, wahrscheinlich als Warnsignal
betrachtet werden sollte. Sicher müssen jedoch Lehrer und Schüler nach einer viele Jahre
dauernden Beziehung und Zusammenarbeit sich einig werden, ob und wann es Zeit sei für den
Studierenden, mit Lehren - das heisst: mit dem Teilen des Wissens und der Erfahrung -
anzufangen. Deshalb ist es auch völlig angemessen, ja sogar empfehlenswert, jene, die unsere
Lehrer werden, zu fragen, wie sie zu dieser Rolle gekommen sind und wer genau sie dazu
ermächtigt hat. Wir sind oft schnell beeindruckt durch Personen mit eindrücklichen Titeln und
exotisch anmutenden Praktiken, die sich vorne aufs Podium setzen und ihren Mund aufmachen.
Vor allem auch bei Menschen aus dem Osten, mit spirituellem Ansehen, in religiösen
Gewändern, akzeptieren wir Autorität oft ungefragt. Deshalb laufen die Lehrenden oft auch
Gefahr, sich selber für sehr wichtig zu halten und gar der Einbildung und Arroganz zu verfallen.
Besonders für Menschen im Westen ist es auch außerordentlich wichtig, eine Zeit des Trainings
und Assistierens mit ihren Lehrerinnen oder Lehrern zu verbringen, bevor sie zu lehren
beginnen; dies ist für jegliche Art der Lehrtätigkeit nützlich. Die Lehrenden sind dafür
verantwortlich, ihre Schülerinnen und Schüler zu fördern. Schlecht wäre es für alle, wenn wegen
mangelnden Wissens und Könnens des Lehrers die Chancen für Erkenntnis und inneres Wachstum der Studierenden nicht genutzt würden. Auch müssen angehende Lehrende psychische und spirituelle
Krisenzustände richtig einzuschätzen wissen und deshalb den Umgang damit erlernen.
Leider kommt es heute im Westen immer wieder vor, dass schon nach wenigen Jahren der
Praxis gelehrt wird. Selbst wenn Studierende bedeutende Erkenntnisse, große Lehrfähigkeiten
und die Unterstützung ihrer Lehrer haben, scheint doch ein Zeitraum von mindestens zehn
Jahren intensiver Auseinandersetzung mit der Praxis unbedingt erforderlich, bevor sie mit
Lehren beginnen.
Der vierte und letzte Punkt scheint offensichtlich: Anfrage eines oder mehrerer Schüler.
Lehrende oder solche, die es werden wollen, die sich selber als Lehrer anbieten, sind eher
fragwürdig. Es geht um Dharma, um Praxis, um ein Leben in innerer Freiheit und um Mitgefühl.
Wenn man auf seinem Weg angefragt wird, sein Verständnis der Lehre zu teilen - gut. Aber in
gezielter Absicht eine Zuhörerschaft zu suchen, entspringt wohl kaum einer echten spirituellen
Motivation. Lehrtätigkeit sollte durch den Wunsch gekennzeichnet sein, sich selber für den Erfolg
des Dharmas einzusetzen, anstatt Dharma für seinen eigenen Erfolg einzusetzen.
Dogen Zen-ji sagt: "Wenn wir lehren und alle Dinge erleuchten wollen, sind wir verwirrt. Wenn
alle Dinge uns lehren und erleuchten, sind wir erleuchtet."
So ist der Weg zum Lehren ein sehr individueller und organischer Vorgang. Er beruht auf Hingabe
an Lehre und Praxis, auf dem Verstehen der wahren Natur aller Dinge und auf der Beziehung zum eigenen Lehrer, zur eigenen Lehrerin.
Etwas einfacher verhält es sich beim Teilen der Lehre mit Freunden. Manche Lehrende halten es
für problemlos, ja hilfreich, wenn sehr erfahrene Studierende, die viele Retreats gemacht haben,
zum Beispiel eine Abendgruppe leiten. Man teilt so sein Verständnis mit anderen. Dies sollte
allerdings in enger Zusammenarbeit mit der eigenen Lehrerin, dem eigenen Lehrer geschehen.
Zwischen dieser Art zu teilen und dem Leiten längerer, intensiver Kurse besteht ein großer
Unterschied.
Noch ein letzter Punkt zum Lehrer-Schüler-Verhältnis: Wir sollten erkennen, dass es eine
überaus große Skala von Beziehungen zwischen Studierenden und Lehrern gibt. Diese Skala
reicht von der Zuschreibung aller Kräfte zur Förderung unserer Entwicklung, Erkenntnis und
Befreiung an den Lehrer bis zur Zuschreibung sämtlicher Fähigkeiten der inneren Wandlung,
Erkenntnis und Freiheit an die Studierenden, mit sämtlichen dazwischenliegenden Möglichkeiten.
Alle Varianten scheinen gebräuchlich und vielleicht sogar richtig zu sein.
Trotzdem gibt es hier Extreme, die wir besser vermeiden:
Das eine Extrem ist der Glaube, dass ich alles allein tun muß und niemand mir wirklich helfen
kann. Dies steht im direkten Widerspruch zur Bedeutung von Sangha und zur Tatsache des
Verbundenseins und der gegenseitigen Bedingtheit allen Seins.
Das andere Extrem ist der Glaube, dass jemand es für mich tun kann, während ich selber wirklich
keine echte Möglichkeit habe, meine Entwicklung und Befreiung zu vertiefen. Dies steht genauso
im Widerspruch mit der Tatsache des Verbundenseins und des gegenseitig bedingten Entstehens
aller Dinge. Diese Haltung spiegelt auch nicht die Tatsache, dass es immer schon Heilige gab und
gibt, Männer und Frauen, die wirklich frei und mitfühlend sind und die es längstens für uns getan
hätten, wenn das tatsächlich möglich wäre.
So liegt die Wahrheit also irgendwo zwischendrin auf dieser offenen Skala der Möglichkeiten: Wir
brauchen Lehrer und Lehrerinnen. Wir wollen von allem und jedem in dieser Welt lernen. Wir
brauchen all die Hilfe, die wir erhalten können.
Gleichzeitig müssen wir all unsere Kräfte einsetzen. Es braucht unser ganzes Wesen, rückhaltlos.
So nehmen wir unser Herz in unsere Hände und verschenken es - an die Wahrheit, an die
Wirklichkeit, an alle Lebewesen - wir schenken es weg an alles Lebendige in all seiner Weite
und Tiefe. Denn es ist das Leben selber, das uns lehrt.
Über Taoismus - im Blog am 09. August 2016
„Was für ein Puh?
„Siehst du, Puh “, begann ich, „eine Menge Leute wissen anscheinend nicht, was Taoismus ist....“
„Ja?“ Puh blinzelte mit den Augen.
„Dafür ist dieses Kapitel da - um die Sache ein wenig zu erklären..
„Aha“, sagte Puh.
„Und das geht am einfachsten, wenn wir mal einen Augenblick nach China gehen..
„Was?“ staunte Puh und riss vor Verwunderung die Augen weit auf. „Jetzt sofort?.“
„Na klar. Wir brauchen uns nur zurückzulehnen und zu entspannen, und schon sind wir da.“
„Aha“, sagte Puh.
Stellen wir uns einmal vor, wir gehen durch eine Gasse in einer großen chinesischen Stadt und
finden einen kleinen Laden, in dem Rollbilder mit klassischer Malerei verkauft werden. Wir gehen
hinein und bitten, dass man uns etwas Allegorisches zeigt -. etwas Humorvolles vielleicht, dessen
Sinn jedoch irgendwie zeitlos ist. Der Ladenbesitzer lächelt. .Da habe ich genau das Richtige., sagt
er. .Eine Kopie der Essigkoster! Er führt uns an einen großen Tisch, rollt das Bild auseinander
und legt es hin, damit wir es betrachten können. .Entschuldigen Sie mich für einen Moment., sagt
er dann, verschwindet hinten im Laden und lässt uns mit dem Gemälde allein.
Wir sehen, dass wir eine ziemlich neue Ausgabe des Bildes vor uns haben, wissen aber, daß das
Original vor langer Zeit gemalt wurde; wann genau ist ungewiss. Doch ist das Thema des Bildes
inzwischen gut bekannt:
Drei Männer stehen um ein großes Fass mit Essig herum. Jeder hat einen Finger in den Essig
getaucht und davon probiert. Auf allen drei Gesichtern ist eine unterschiedliche Reaktion abzulesen.
Da es sich bei dem Gemälde um eine Allegorie handelt, müssen wir zunächst wissen, dass die drei keine normalen Essigkoster sind, sondern die drei Lehren Chinas darstellen und daß der
Essig die Essenz des Lebens versinnbildlicht. Die drei Weisen sind K’ung Fu-tse (Konfuzius), Buddha und Lao-tse, der Autor des ältesten noch existierenden Buches vom Tao. Der erste hat
einen sauren Gesichtsausdruck und der zweite trägt bittere Züge, aber der dritte lächelt.
Konfuzius mutete das Leben eher sauer an. Er vertrat die Auffassung, die Gegenwart sei nicht im
Einklang mit der Vergangenheit und die Herrschaft des Menschen auf der Erde nicht in Harmonie
mit dem Weg des Himmels, der das Universum regiert. Darum legte er besonderen Wert auf die
Verehrung der Ahnen wie auch auf alte Rituale und Zeremonien, bei denen der Kaiser, der
Himmelssohn, als Vermittler zwischen dem grenzenlosen Himmel und der begrenzten Erde auftrat.
Der Konfuzianismus mit seiner exakt intonierten höfischen Musik und den genauen Vorschriften
für Bewegung, Handlung und Rede schuf somit ein überaus kompliziertes Gefüge aus Ritualen, die jeweils für eine bestimmte Gelegenheit und einen besonderen Zeitpunkt galten. Von Konfuzius
ist das Wort überliefert: Wenn die Matte nicht gerade liegt, setzt sich der Meister nicht. Soviel als
Hinweis, wie abgezirkelt es im Konfuzianismus zuging.
Buddha, die zweite Figur auf dem Bild, empfand das Erdenleben als bitter, voller Abhängigkeit und Begierden, die nur Leiden bescherten. Nach seiner Sicht stellte die Welt überall Fallen
und gaukelte Illusionen vor, sie war ein kreisendes Leidensrad für alle Kreaturen. Um Frieden zu finden, musste sich der Buddhist notwendigerweise aus der Welt des Staubes. ins Nirwana
erheben, wörtlich: in den Zustand der .Windstille.. Die lebensbejahende Einstellung der Chinesen veränderte den Buddhismus zwar wesentlich, nachdem er von seinem Ursprungsland Indien in
ihr Land gebracht worden war, aber dennoch fand auch dort der gläubige Buddhist den Weg zum Nirwana oft versperrt durch den bitteren Wind des Alltagslebens.
Nach Lao-tse hingegen konnte jeder allezeit die Harmonie finden, die von Natur aus und von
Anfang an zwischen Himmel und Erde besteht, allerdings nicht durch Einhalten der
konfuzianischen Regeln. Wie er in seinem Tao Te King, dem Buch vom Sinn und Leben, darlegt,
ist die Erde im Grunde eine Reflexion des Himmels und den gleichen Gesetzen unterworfen nicht
den Gesetzen des Menschen. Diese Gesetze wirken sich nicht allein auf die Bahnen ferner Planeten aus, sondern auch auf das Treiben der Vögel im Wald und der Fische im Wasser. Je mehr der
Mensch die durch allumfassende Gesetze geschaffene und gelenkte natürliche Ausgewogenheit verändert, in desto weitere Fernen entschwindet die Harmonie. Je mehr Druck, um so mehr
Unannehmlichkeiten. Ob schwer oder leicht, naß oder trocken, langsam oder schnell, alles trägt seine eigene Natur bereits in sich, und Zuwiderhandeln verursacht Schwierigkeiten. Werden
dem Ganzen von außen willkürlich abstrakte Gesetze übergeordnet, ist Kampf unvermeidlich. Nur dann wird einem das Leben sauer.
Nach Lao-tses Auffassung legt die Welt keine Fußangeln aus, sondern erteilt wertvolle Lehren. Was sie lehrt, muss ebenso befolgt werden, wie ihre Gesetze zu achten sind; dann geht alles
gut. Statt sich von der Welt des Staubes abzuwenden, rät Lao-tse seinen Mitmenschen, sich .mit dem Staub der Welt zu vereinen. Was er in allem Himmels- und Erdengeschehen wirken sah,
nannte er Tao, den Weg. Einer der Kernsätze aus Lao-tses Lehre besagt, dass dieser Weg des Universums mit Worten nicht hinreichend beschrieben werden kann und der bloße Versuch schon eine
Beleidigung für die ihm innewohnende unbegrenzte Kraft wie auch für die menschliche Intelligenz ist. Trotzdem kann sein Wesen begriffen werden, und wer sich darum und um das davon
untrennbare Leben am meisten bemüht, begreift es am besten.
Über die Jahrhunderte sind Lao-tses klassische Lehren weiterentwickelt worden und haben sich in eine philosophische, eine orthodoxe und eine volkstümliche religiöse Richtung aufgespalten.
Sie alle können unter dem Oberbegriff Taoismus zusammengefasst werden. Der Grundtaoismus jedoch, mit dem wir uns hier befassen, ist einfach eine bestimmte Art und Weise, alles, was das
tägliche Leben mit sich bringt, wertzuschätzen, daraus zu lernen und damit zu arbeiten. Nach taoistischer Auffassung ist das natürliche Ergebnis einer solch harmonischen Lebensweise das
Glücklichsein.
Man könnte sagen, die auffälligste Charaktereigenschaft eines Taoisten ist unbeschwerte Heiterkeit; selbst in den tiefgründigsten taoistischen Werken wie beispielsweise dem 2500 Jahre
alten Tao Te King wird noch ein feiner Sinn für Humor offenbar. Aus den Schriften des anderen großen taoistischen Autors Chuang-tse scheint leises Lachen herauszuperlen wie Wasser aus
einer Quelle.
„Aber was hat das mit Essig zu tun?“ fragte Puh.
„Ich dachte, das hätte ich gerade erklärt“, entgegnete ich.
„Ich glaube nicht, sagte Puh.
„Gut, dann will ich es jetzt erklären.“
„Das ist prima“, fand Puh.
Warum lächelt Lao-tse auf dem Bild? Schließlich hat dieser Essig, der das Leben symbolisiert, mit
Sicherheit einen unangenehmen Geschmack, wie der Gesichtsausdruck der beiden andern Männer erkennen lässt. Aber im harmonischen Zusammenwirken mit den Gegebenheiten des Lebens verwandelt
das taoistische Verständnis alles, was andere vielleicht als negativ empfinden, in etwas Positives. Nach taoistischer Auffassung rühren das Saure und die Bitterkeit vom Verstand her, der
störend und nichtachtend eingreift. Das Leben an sich ist süß, wenn man es so begreift und nutzt, wie es nun einmal ist. Das ist die Botschaft der Essigkoster.
„Süß? Meinst du wie Honig?“ fragte Puh.
„Na ja, vielleicht nicht ganz so süß“, gab ich zur Antwort.
„Das wäre ein bisschen zu viel des Guten.“
„Sind wir eigentlich noch immer in China?“ erkundigte sich Puh behutsam.
„Nein, wir sind mit dem Erklären fertig und jetzt wieder zurück am Schreibtisch..“
„Ach so.“
„Da sind wir ja gerade rechtzeitig zum Essen wieder zurück.,“ fügte er hinzu und schlenderte zum
Küchenschrank hinüber.
(aus dem Tao Te Puh von B. Hoff)
Der Weise mit dem Gurkenfass - im Blog am 11. August 2016
(Diese Geschichte stammt aus einem Zen-Zentrum in Los Angeles. Der Einreicher will anonym
bleiben. Danke Freund!)
Das Leben und Lehren des Wu-Ming
Zusammengestellt von Meister Tung-Wang
Abt des Han-Hsin Klosters im dreizehnten Jahr der Periode des Erddrachens (889)
Mein lieber Freund, hochverehrter Meister Tung-Wang,
Alt und krank liege ich hier und weiß, dass das Schreiben dieser Worte das letzte ist, was ich auf
dieser Erde tue, und dass, wenn Du diese Worte liest, ich bereits dieses Leben verlassen habe.
Obwohl wir uns in den vielen Jahren seit unserem gemeinsamen Studium bei unserem
hochverehrten Meister nicht gesehen haben, habe ich oft an Dich gedacht, seinen werten
Nachfolger. Mönche aus ganz China sagen, dass Du ein wahrer Löwe im Buddha-Dharma bist, mit Augen wie funkelnde Sterne, Hände wie Gewitter, und dessen Stimme wie der
Donner grollt. Es wird gesagt, dass alles, was Du tust, Himmel und Erde erschüttert und die Elefanten und Drachen der Illusionen hilflos zittern lässt. Ich
habe gehört, dass die Strenge deines Klosters unübertroffen ist, und dass unter Deiner anspruchsvollen Anleitung hunderte Mönche mit äußerstem Eifer und Kraft
ihr Training absolvieren.
Ich habe aber auch gehört, dass bei der Suche nach einem erleuchteten Nachfolger Dir das
Glück nicht so hold war. Und das bringt mich zum Thema dieses Briefes.
Ich bitte Dich nun, Deine Aufmerksamkeit dem jungen Mann zuzuwenden, an den dieser Brief
angeheftet ist. Wenn er vor Dir steht, zweifellos dümmlich grinsend, während er sich mit
eingelegten Gurken vollstopft, wirst Du Dich fragen, ob er so komplett unbedarft ist wie es
aussieht, und wenn ja, was mich veranlasste, ihn zu Dir zu schicken. Als Antwort auf die erste
Frage versichere ich Dir, dass Wu-Mings Unbedarftheit weit umfassender ist als Du nach der
bloßen Erscheinung annehmen würdest. Auf die zweite Frage kann ich nur sagen, dass trotz seiner Verfassung, oder vielleicht auch wegen dieser, oder noch wahrscheinlicher
sowohl trotz als auch wegen ihr, Wu-Ming ahnungslos und versehentlich die Aufgabe eines großen Bodhisattva zu
erfüllen scheint. Vielleicht ist er Dir eine Hilfe.
Lass ihn sechzehn Stunden am Tag schlafen und gib ihm genug eingelegte Gurken, und Wu-Ming
wird immer zufrieden sein. Erwarte nichts von ihm, und Du wirst immer zufrieden sein.
Hochachtungsvoll,
Chin-Mang
Nach dem Begräbnis von Chin-Mang kümmerten sich die Unterstützer seines Tempels um die
Reise von Wu-Ming zum Han-Hsin Kloster, wo ich damals wie heute als Abt lebte. Ein Mönch
fand Wu-Ming an der Klosterpforte, sah meinen Namen auf einem Brief an Wu-Mings Kleidung,
und führte Wu-Ming in mein Zimmer.
Es ist üblich, dass beim ersten Treffen mit dem Abt eines Klosters ein neu eingetroffener Mönch
sich dreimal auf den Boden wirft und respektvoll um Aufnahme in das Kloster bittet.
Deshalb war ich etwas überrascht, als Wu-Ming in mein Zimmer trat, eine eingelegte Gurke aus
dem Fass unter seinem Arm in seinen Mund steckte, sie genüsslich zerkaute und dann in das
zahnlose schwachsinnige Grinsen verfiel, das später legendär werden sollte. Er schaute sich flüchtig im Raum um, leckte sich laut die Lippen und fragte: "Was gibt es zu Mittag?"
Ich las die Worte des guten alten Chin-Mang, rief dann den leitenden Mönch und bat ihn, meinen
neuen Schüler in das Möchsquartier zu bringen. Als sie gegangen waren, dachte ich über Chin-
Mangs Worte nach. In der Tat was das Han-Hsin-Kloster ein sehr ernster Trainingsort: die Winter
waren bitter kalt, und im Sommer brannte die Sonne. Die Mönche schliefen nur drei Stunden am
Tag und aßen nur eine einfache Mahlzeit am Tag. Den Rest des Tages arbeiteten sie hart im Kloster oder übten hart in der Meditationshalle.
Aber leider hatte Chin-Mang richtig gehört: unter all meinen Schülern war niemand, vom dem ich
überzeugt war, dass er ein würdiges Gefäß sei zur Aufnahme des nichtübertragbaren Dharma. Ich hatte begonnen zu befürchten, dass ich eines Tages bar selbst eines einzigen Nachfolgers
meine Pflicht nicht erfüllen könnte, die Dharma-Linie meines Lehrers fortzusetzen.
Nicht etwa dass man den Mönchen Selbstgefälligkeit oder Trägheit vorwerfen konnte. Ihr
aufrichtiges Bestreben und ihre disziplinierte Anstrengungen waren in der Tat bewundernswert, und viele hatten eine große Klarheit im Verständnis erreicht. Aber sie dachten nur an ihre
Fähigkeit zu harter Disziplin und waren stolz auf ihr Verständnis. Sie stritten sich um angesehene Positionen und Macht und wetteiferten untereinander um Anerkennung. Eifersucht,
Rivalität und Ehrgeiz schienen wie eine dunkle Wolke über dem Han-Hsin-Kloster zu hängen und auch den Weisesten und Aufrichtigsten in ihren undurchsichtigen Dunst zu ziehen. Ich hielt
Chin-Mangs Brief vor mich und hoffte und betete, dieser Wu-Ming, dieser "Bodhisattva aus Versehen" möge die Hefe sein, die mein Rezept so dringend brauchte.
Zu meinem erstaunten Vergnügen lebte Wu-Ming im Hang-Shin wie ein Fisch im Wasser. Auf
meinen Wunsch bekam er eine Aufgabe in der Küche und legte Gemüse ein. Diese Aufgabe erfüllte er unermüdlich, und mit fröhlicher Ernsthaftigkeit, holte und mischte er die Zutaten, hob
schwere Fässer, holte und trug Wasser, und - natürlich - probierte er oft das Ergebnis seiner Arbeit. Er war glücklich.
Wenn die Mönche sich in der Mediationshalle trafen, saß Wu-Ming bereits in absoluter
Bewegungslosigkeit, anscheinend in großer und tiefer Versenkung. Niemand kam darauf, dass das einzig große an Wu-Mings Meditation die Unwahrscheinlichkeit war, dass er die
Meditationshaltung, die Beine über Kreuz im Lotus-Sitz, den Rücken gerade und aufrecht, so
hilfreich finden konnte für die langen Stunden des Schlafs, die er so genoss.
Tag um Tag und Monat um Monat kämpften die Mönche, um die körperlichen und geistigen
Anforderungen des Klosterlebens zu erfüllen, nur Wu-Ming schaffte alles mühelos mit einem
Grinsen im Gesicht und einem Pfeifen auf den Lippen.
Auch wenn, um die Wahrheit zu sagen, Wu-Mings Zen-Übung ohne jegliches Ergebnis war, wurde er nach dem äußeren Anschein von allen als ein weit fortgeschrittener Mönch mit perfekter
Disziplin angesehen. Natürlich hätte ich dieses Missverständnis leicht genug aufklären können,
doch ich fühlte, dass Wu-Mings einzigartiger Zauber Wirkung zeigte, und ich würde doch nicht auf
dieses absurd hilfreiche Hilfsmittel verzichten.
Abwechselnd waren die Mönche neidisch, verwirrt, feindlich, beschämt und angeregt durch das -
wie sie annahmen - Große, was Wu-Ming erreicht hatte. Natürlich passierte es Wu-Ming nie, dass
sein oder das Verhalten anderer solche Beurteilungen erforderte, einfach weil sie Ausarbeitung
einer viel hochentwickelteren Natur waren als sein eigener Geist fähig war. In der Tat war alles an
ihm so offensichtlich und einfach, dass andere ihn für überaus raffiniert hielten.
Wu-Mings unergründliche Anwesenheit brachte das Leben der Mönche gewaltig durcheinander und untergrub das Netz der Rationalisierungen, das so oft solche Verärgerungen begleitet.
Seine
äußerste Offensichtlichkeit machten ihn unverständlich und immun gegen die sozialen Ansprüche
der anderen. Versuche von Schmeichelei und Beschimpfung stießen auf dasselbe unverständige
Grinsen, ein Grinsen, das die Mönche für die äußerste Stufe perfekter Weisheit hielten. Sie fanden keine Erleichterung oder Ablenkung in solchem Austausch, und mussten so die Quelle und
die Auflösung ihrer Angst in ihrem eigenen Geist suchen. Noch wichtiger, und noch absurder,
verursachte Wu-Ming in den Mönchen ein unbeherrschbares Bedürfnis, völlig in die Lehre des "Der große Weg ist ohne Schwierigkeit" einzudringen, die er ihrer Meinung nach
verkörperte.
Obwohl ich im Laufe meines Lebens vielen der ehrenwertesten Vertreter der Lehre des Tathagata
begegnet bin, habe ich nie einen getroffen, der so geschickt darin war, andere zu ihrer ureigenen
Buddha-Natur zu erwecken, wie dieser wunderbar unbedarfte Wu-Ming. Seine geistigen
Leichtigkeiten waren wie Funken, die die Flamme der erleuchtenden Weisheit im Geist von vielen
anzündeten, die sich mit ihm unterhielten.
Einmal trat ein Mönch an Wu-Ming heran und fragte voller Ernst: "Was ist das Wundervollste im
ganzen Universum?" Ohne Zögern hielt Wu-Ming dem Mönch eine Gurke vors Gesicht und rief:
"Es gibt nichts wundervolleres als dies." Da durchbrach der Student den Dualismus von Subjekt
und Objekt: "Das ganze Universum ist eine eingelegte Gurke; eine eingelegte Gurke ist das ganze Universum!" Wu-Ming lachte still und sagte: "Erzähl keinen Unsinn. Eine Gurke ist eine
Gurke und das ganze Universum ist das ganze Universum. Was könnte offensichtlicher sein?" Dem Mönch wurde der perfekte Ausdruck der Absoluten Wahrheit in der dinglichen Welt klar, er
klatschte in die Hände, lachte, und rief: "Im ganzen unendlichen Raum ist alles köstlich sauer!"
Bei einer anderen Gelegenheit fragte ein Mönch den Wu-Ming: "Der dritte Patriarch sagte: "Der
Große Weg ist ohne Schwierigkeit, höre einfach auf, Vorlieben zu haben." Wie kannst Du da
Gurken genießen, aber es ablehnen, auch nur einmal in eine Möhre zu beißen?" Wu-Ming
antwortete: "Ich liebe Gurken und ich hasse Möhren." Der Mönch wich zurück wie vom Blitz
getroffen. Dann lachte und weinte und tanzte er herum und rief: "Gurken mögen und Möhren
hassen ist ohne Schwierigkeit, hör einfach auf den Großen Weg zu bevorzugen."
Keine drei Jahre nach seiner Ankunft waren die Geschichten des "Großen Bodhisattva aus dem
Han-Shin-Kloster" in allen Provinzen Chinas bekannt. Ich kannte Wu-Mings Ruhm und war
deshalb nicht ganz überrascht, als ein Bote des Kaisers erschien und Wu-Ming für sofort in den
kaiserlichen Palast bestellte.
Von überall im Reich wurden Vertreter der drei Lehren des Buddhismus, des Konfuzianismus und
das Taoismus in die Hauptstadt geladen, und der Kaiser würde eine Lehre als die wahre Religion
ausrufen, die in allen von ihm regierten Ländern gelehrt und praktiziert werden solle.
Die Idee eines solchen Wettstreites um die kaiserliche Gunst gefiel mir nicht, und ich war tief
besorgt wegen möglichen religiösen Verfolgungen. Aber einen Befehl des Kaisers kann man nicht
missachten, also brachen Wu-Ming und ich am nächsten Tage auf.
In der Großen Halle waren mehr als hundert Priester und Lehrer versammelt, die miteinander
debattieren sollten. Sie waren umgeben von den mächtigsten Fürsten aus ganz China zusammen mit den unzähligen Beratern des Sohns des Himmels.
Auf einmal schmetterten Trompeten, Becken wurden geschlagen, und überall stiegen Wolken von
Weihrauch auf. Der Kaiser wurde von einem Gefolge an Wachen zum Thron getragen. Das
erforderliche Zeremoniell war jetzt durchgeführt, und der Kaiser gab das Zeichen, die Debatte zu
beginnen.
Stunden vergingen, während Priester und Lehrer einer nach dem anderen vortraten, ihre
Grundregeln vortrugen und auf Fragen antworteten.
Von all dem bekam Wu-Ming nichts mit. Er saß zufrieden und stopfte sich mit seinem
Lieblingsessen voll. Als sein Vorrat verbraucht war, kreuzte er glücklich die Beine, streckten den
Rücken und schloss die Augen. Aber die Unruhe und der Lärm waren so groß, dass er nicht
schlafen konnte. So wurde er von Minute zu Minute ruheloser und reizbarer.
Gerade als ich ihn fest im Genick packte, um ihn zurückzuhalten, winkte der Kaiser Wu-Ming zu
sich an den Thron heran.
Als Wu-Ming vor ihn getreten war, sagte der Kaiser: "Im ganzen Land wirst Du verehrt als ein
Bodhisattva, dessen Geist wie das Große Nichts selbst ist. Dennoch hast Du noch kein Wort zu
diesem Disput beigesteuert. Deshalb fordere ich Dich nun auf: erkläre mir den Wahren Weg, dem
alles unter dem Himmel folgen muss.".
Wu-Ming sagte nichts.
Nach ein paar Augenblicken sprach der Kaiser wieder, mit einem Zeichen von Ungeduld:
"Vielleicht hast Du nicht zugehört, also wiederhole ich mich: erkläre mir den Wahren Weg, dem
alles unter dem Himmel folgen muss.".
Wu-Ming sagte immer noch nichts, und die Menge wurde still, während alle vorwärts drängten,
Zeuge des Mönchs zu werden, der es wagte, sich in Anwesenheit des Kaisers so kühn aufzuführen.
Wu-Ming hörte nichts von dem, was der Kaiser sagte, und er spürte auch die Spannung nicht, die in der Halle vibrierte. Er wollte nur einen ruhigen Ort finden, wo er ungestört schlafen
konnte.
Der Kaiser sprach wieder, seine Stimme zitterte vor Wut, sein Gesicht war blass vor Ärger: "Du bist zu dieser Versammlung berufen worden, um die buddhistische Lehre zu vertreten.
Deine
Respektlosigkeit wird nicht länger toleriert werden. Ich werde ein weiteres Mal fragen, und solltest
Du wieder nicht antworten, so versichere ich Dir, wird das schwere Folgen haben. Erkläre mir den
Wahren Weg, dem alles unter dem Himmel folgen muss!"
Ohne ein Wort zu sagen, drehte Wu-Ming sich um und lief, während alle sich in ungläubigem
Schweigen anstarrten, den Gang hinunter und verschwand durch die Tür.
Die Menge erstarrte in fassungslosem Unglauben, dann explodierte sie in ein wildes Durcheinander.
Einige applaudierten Wu-Mings brillanter Demonstration religiöser Einsicht, während andere
empört und wütend herumliefen und ihm Drohungen und Verwünschungen hinterherriefen auf dem Weg, den er gerade genommen hatte.
Der Kaiser wusste nicht, ob er Wu-Ming preisen oder ihn köpfen lassen sollte und wandte sich an
seine Berater. Aber auch die wussten nicht weiter. Der Kaiser betrachtete die wilde Anarchie, zu der sich die große Debatte entwickelt hatte.
Schließlich musste er einsehen, dass, egal welche Absichten Wu-Ming gehabt haben mochte, es nun nur einen Weg gab zu verhindern, dass aus der Debatte eine große Peinlichkeit wurde:
"Der große Weise aus dem Han-Hsin-Kloster hat kunstfertig gezeigt, dass das große Tao nicht in
Regeln gefasst werden kann, sondern am besten durch passende Taten ausgedrückt wird. Lasst uns alle von der Weisheit profitieren, an der er uns so voller Mitgefühlt hat teilnehmen lassen,
und uns anstrengen, jeden einzelnen Schritt zu einem zu machen, der Himmel und Erde vereint, und dem allumfassenden und unergründlichen Tao folgen."
Damit beendete der Sohn des Himmels die Große Debatte.
Ich lief sofort hinaus, um Wu-Ming zu finden, aber er war in den belebten Straßen der Hauptstadt
verschwunden.
Zehn Jahre sind seitdem vergangen, und ich habe nichts von ihm gehört. Aber ab und zu
übernachtet ein Wandermönch im Han-Shin-Kloster und bringt Nachrichten. Ich habe gehört, dass
Wu-Ming in diesen zehn Jahren durch das Land gewandert ist beim vergeblichen Versuch, nach
Hause zu finden.
Wegen seines Ruhmes wird er gegrüßt und überall sehr für ihn gesorgt, jedoch merken die, die ihm bei seiner Reise helfen wollen, normalerweise, dass ihnen selbst geholfen wurde.
Ein junger Mönch erzählte von einer Begegnung, als Wu-Ming ihn fragte: "Kannst Du mir sagen,
wo mein Zuhause ist?"
Durch den Geist der Frage verwirrt, fragte der Mönch zurück: "Meinst Du Dein Zuhause in der
relativen Welt von Zeit und Raum, oder das wirkliche Zuhause der alles überdauernden
Buddhanatur?"
Wu-Ming dachte über die Frage nach, dann sah er auf, grinste, wie nur er das kann, und sagte: "Ja."
Kommentare: 2
• #1
Hendrik (Donnerstag, 11 August 2016 19:57)
Das "Danke Freund" am Textanfang stammt übrigens nicht von mir, sondern aus der
Textvorlage. Trotzdem, Freund: "Danke!"
• #2
Mr. T. (Freitag, 12 August 2016 11:24)
Ein Text, der innen viele Türen geöffnet hat, hinter denen gekichert und gelacht wurde ;-)
Die Geschichte hat mich an den Film "Willkommen Mr. Chance" mit Peter Sellers erinnert.
In diesem Film ist es nur statt Gurkenkonsum der exzessive TV-Konsum des Protagonisten,
der ihn komplett ausfüllt.
Vielen Dank an den unbekannten Autoren!
Und jetzt habe ich irgendwie Bock auf saure Gurken bekommen...
aus der Hypostase der Archonten
Norea rief mit lauter Stimme und sprach zu dem Heiligen, dem Gott des Alls: ,,Hilf mir gegen die Archonten der Ungerechtigkeit und rette mich aus ihren Händen - sogleich."
Der große Engel kam aus den Himmeln herab und sprach zu ihr: ,,Warum schreist du hinauf zu Gott? Weshalb bedrängst du den heiligen Geist?"
Ich, Norea sagte: ,,Wer bist du?" Die Archonten der Ungerechtigkeit hatten sich von ihr zurückgezogen.
Der Engel sagte: ,,Ich bin Eleleth, die Weisheit, der große Engel, der vor dem Angesicht des heiligen Geistes steht. Ich wurde ausgesandt, um mit dir zu sprechen und dich aus der Hand der
Gesetzlosen zu retten. Und ich werde dich über deine Wurzel belehren."
Die Kraft jenes Engels aber werde ich nicht beschreiben können - sein Aussehen war wie geläutertes Gold, und sein Gewand glich dem Schnee - denn mein Mund wird es nicht ertragen können,
dass ich seine Kraft und das Aussehen seines Gesichtes beschreibe.
Eleleth der große Engel sprach zu Norea: ,,Ich bin", sagte er ,,die Weisheit. Ich bin einer von den vier Erleuchtern, die vor dem großen, unsichtbaren Geiste stehen. Denkst du, dass diese
Archonten gegen dich Macht haben? Niemand von ihnen wird gegen die Wurzel der Wahrheit etwas ausrichten können. Denn ihretwegen hat er sich in den letzten Zeiten offenbart. Und sie werden
über diese Mächte herrschen. Und diese Mächte werden dich und jenes Geschlecht nicht beflecken können. Denn eure Wohnung befindet sich in der Unvergänglichkeit - dem Ort an dem der
jungfräuliche Geist ist, der über den Mächten des Chaos und ihrer Welt ist."
Ich aber sprach: ,,Herr, belehre mich über die Kraft dieser Mächte, wie sie entstanden sind und welcher Abstammung sie sind und aus welcher Materie und wer sie und ihre Kraft geschaffen
hat!"
Und der große Engel Eleleth, die Verständigkeit, sprach zu mir: ,,Oben in den grenzenlosen Äonen existiert die Unvergänglichkeit. Die Sophia, die Pistis genannt wird, wollte allein ohne
ihren Paargenossen ein Werk vollbringen. Und ihr Werk wurde zu einem Himmelsabbild. Es existiert ein Vorhang zwischen denen, die oben sind, und den Äonen, die unten sind. Und ein Schatten
entstand unterhalb des Vorhangs. Und jener Schatten wurde zur Materie. Und jener Schatten wurde in eine Teilregion geworfen; das, was sie erschaffen hatte, wurde zu einem Werk der
Materie, einer Fehlgeburt vergleichbar. Es empfing den Typos durch den Schatten. Es wurde zu einem selbstgefälligen Tier von Löwengestalt. Es ist mannweiblich, wie ich schon gesagt habe,
denn es ist aus der Materie hervorgegangen. Es öffnete seine Augen. Es sah eine große, grenzenlose Materie. Und es wurde eitel und sprach: 'Ich bin Gott, und es gibt keinen anderen außer
mir.' Als es dies gesagt hatte, sündigte es gegen das All. Eine Stimme aber kam aus der Höhe der absoluten Macht, indem sie sprach: 'Du irrst dich, Samael' - das heißt 'der Gott der
Blinden.' Und es sagte: 'Wenn ein anderer vor mir existiert, so möge er sich vor mir offenbaren.' Und sogleich streckte die Sophia ihren Finger aus. Sie brachte das Licht in die Materie
und folgte ihm bis hinab in die Gegenden des Chaos. Und sie kehrte wieder zurück, hinauf zu ihrem Lichte. Der Archon, der mannweiblich ist, schuf sich einen großen Äon, eine grenzenlose
Größe. Er gedachte aber, sich Söhne zu schaffen. Er schuf sich sieben mannweibliche Söhne und ihren Vater. Und er sprach zu seinen Söhnen: 'Ich bin der Gott des Alls'.
Und Zoe (= Leben), die Tochter der Pistis Sophia, rief aus und sagte zu ihm: 'Du irrst dich, Saklas', dessen Übersetzung Jaldabaoth ist. Sie hauchte in sein Gesicht hinein, und ihr Hauch
wurde ihr zu einem feurigen Engel. Und jener Engel fesselte Jaldabaoth. Er warf ihn hinab in den Tartaros unterhalb der Unterwelt. Als sein Sohn Sabaoth aber die Kraft jenes Engels sah,
tat er Buße. Er verurteilte seinen Vater und seine Mutter, die Materie. Er verabscheute sie. Er pries aber die Sophia und ihre Tochter Zoe. Und Sophia und Zoe entführten ihn nach oben und
setzten ihn über den siebten Himmel ein, unterhalb des Vorhangs zwischen oben und unten. Und sie nannten ihn den 'Gott der Kräfte Sabaoth', denn er ist oberhalb der Kräfte des Chaos, weil
die Sophia ihn eingesetzt hat.
Als diese Dinge aber geschehen waren, schuf er sich einen großen, viergesichtigen Cherubim-Wagen und unzählbar viele Engel, damit sie ihm dienten, dazu Harfen und Zithern. Und Sophia nahm
ihre Tochter Zoe. Sie ließ sie rechts von ihm Platz nehmen, damit sie ihn belehre über die, die in dem achten (Himmel) sind. Und den Engel des Zorns stellte sie links von ihm. Seit jenem
Tag nannte man seine Rechte 'Leben'. Und die Linke wurde zum Symbol der Ungerechtigkeit der Eigenmächtigkeit der oberen Region, die vor ihnen entstanden waren. Als aber Jaldabaoth ihn
sah, wie er in dieser großen Herrlichkeit und dieser Höhe war, beneidete er ihn. Und der Neid wurde ein mannweibliches Werk, und dieses war der Ursprung des Neides. Und der Neid erzeugte
den Tod. Der Tod aber erzeugte seine Söhne. Er setzte jeden einzelnen von ihnen über seinen Himmel. Alle Himmel des Chaos füllten sich mit ihren Mengen. Das alles aber war nach dem Willen
des Vaters des Alls entstanden, nach dem Typos aller Oberen, damit sich die Zahl des Chaos vollende. Siehe, ich habe dich belehrt über den Typos der Archonten und die Materie, in der es
das Gepräge erzeugt wurde, und ihren Vater und ihre Welt."
Ich aber sagte: ,,Herr, gehöre etwa auch ich zu ihrer Materie?"
"Du, zusammen mit deinen Kindern, gehörst zum Vater, der von Anfang an existiert. Ihre Seelen kamen von oben aus dem unvergänglichen Licht. Deswegen werden die Mächte sich ihnen nicht
nähern können, wegen des Geistes der Wahrheit, der in ihnen wohnt. Alle aber, die diesen Weg erkannt haben, sind unsterblich inmitten der sterblichen Menschen. Aber jener Same wird sich
nicht sogleich offenbaren, sondern erst nach drei Generationen wird er sich offenbaren. Und er hat sie befreit von der Fessel der Irrtums der Mächte."
Ich aber sprach: ,,Herr, wie lange noch?"
Er sagte zu mir: ,,Wenn der wahre Mensch in einem Gebilde offenbart die Existenz des Geistes der Wahrheit, den der Vater gesandt hat. Dann wird er sie über alles belehren. Und er wird sie
salben mit der Salbung des ewigen Lebens, die ihm von dem königslosen Geschlecht gegeben wurde. Dann werden sie das blinde Denken von sich werfen. Und sie werden den Tod der Mächte zu
Boden treten. Und sie werden hinaufgehen in das grenzenlose Licht, wo dieser Samen sich befindet. Dann werden die Mächte ihre Zeiten verlassen. Und ihre Engel werden ihren Untergang
beweinen. Und ihre Dämonen werden ihren Tod betrauern. Dann werden alle Kinder des Lichtes die Wahrheit zusammen mit ihrer Wurzel wahrhaftig erkennen und den Vater des Alls und den
heiligen Geist. Sie werden alle mit einer einzigen Stimme sagen: ,Gerecht ist die Wahrheit des Vaters, und der Sohn ist über allem und durch alles bis in alle Ewigkeit. Heilig, heilig,
heilig. Amen."
Folgender lesenswerte Text findet sich als automatischer Download im Internet. Titel eingeben. Fund anklicken und schon hat man eine PDF-Datei im Downloadordner. Hier ohne diesen Umweg:
Vom Sitzen der Wüstenväter
In den ältesten uns überlieferten Texten zum frühen Mönchtum in Ägypten fällt die häufige Erwähnung des Sitzens auf. Hellhörig geworden fragt man sich, was mit diesem Sitzen wohl gemeint
sein könnte. Handelt es sich um eine eher zufällig gemachte Haltungsangabe? Ist damit ein sich einigermassen ruhiges Aufhalten an einem bestimmten Ort gemeint? Den Texten und dem Begriff
mehr zutrauend drängt sich eine Untersuchung der kontextuellen Begriffsfelder auf, in denen das "Sitzen" erwähnt wird. Ließe sich zeigen, dass "sitzen" mehr bedeutet, als es auf den
ersten Blick scheint, nämlich eine Anweisung zu einem ganz bestimmten Üben, so müsste dieser Gesichtspunkt beim Lesen der Quellen und beim Beschreiben einer Wirkungsgeschichte
spiritueller Praxis miteinbezogen werden. In der Tat wurde in der Literatur vereinzelt auf das "Sitzen" der Wüstenväter verwiesen. Dabei wurde das "Sitzen" selbst jedoch immer als eine
beiläufige Angabe betrachtet, die ab und zu im Zusammenhang mit dem Motiv der stabilitas loci oder der quies erwähnt wurde. Es ist daher nicht weiter erstaunlich, wenn bei den
Übersetzungen der Begriff "Sitzen" oft einfach nicht mitübersetzt wird. Wird das "Sitzen" aber als eine leibliche Haltung wahrgenommen, die einer inneren "Haltung" spirituellen Strebens
nach Demut, Ich-Losigkeit, Nicht-Urteilen, Stille-Werden, Hesychia etc. adäquat ist, dann muss diese Haltung auch immer wieder als Übungsform ausdrücklich empfohlen und beschrieben sein.
Gerade dies bezeugen die schriftlichen Quellen immer wieder.
Bevor ich einige Stellen exemplarisch vorlege (um damit vielleicht viele andere in Erinnerung zu rufen), sei – im Sinne eines kurzen Vorspanns – gefragt, ob denn der Topos des Sitzenden
in der Alltagspraxis der Wüstenväter nicht als solcher bekannt und wirksam gewesen sein könnte. Einige Hinweise mögen andeuten, in welche Richtung eine eingehende Abklärung nötig
wäre.
Vorerst sei auf biblische Vorbilder verwiesen. Beim intensiven – in unseren Augen manchmal etwas eigenwilligen – Einbezug biblischer Texte in die spirituelle Praxis der Wüstenväter und
der gleichzeitigen Vereinnahmung verschiedener Figuren als verbindliche Vorbilder, liegt es auf der Hand, dass auch der oder die "Sitzende" als ikonographische Metapher wirksam wurde.
Schon im AT begegnen wir auf eindrückliche Weise Sitzenden: In Gen 18,1 sitzt Abraham in der Mittagshitze vor seinem Zelt. Und wie er die Augen hebt, sieht er die drei Männer ..... Für
die Vita Antonii mag besonders das Bild des auf dem Berggipfel sitzenden Elija (2 Kön 1,9) eine wichtige Rolle gespielt haben. Cassian (Conl. 19,8) vernimmt von Abbas Johannes, dass schon
der Prophet Jeremia den Eremiten mit den Worten "Selig der Mann, der das Joch auf sich nahm von Jugend auf; er wird einsam sitzen und schweigen ..." (Klgl 3,27f) beschrieben habe.
Besonders eindrücklich sind Stellen aus dem NT. Auf die häufige Erwähnungen des Sitzenden als auf dem Throne Herrschender oder Mitherrschenden sei nur verwiesen. Der tatsächlichen
Situation des Anachoreten lag vielleicht das Bild des Sitzenden näher, der heilt oder Heil empfängt. Jesus lehrt sitzend vom Schiff aus (Mt 13,1f par; Lk 5,3), also auf dem ruhig
gewordenen (Seelen-)Element Wasser. Polar dazu strömen die Heilsuchenden zu Jesus, der sitzend in der Einsamkeit des Berges weilt (Mt 15,29; Joh 6,3). Aber auch Heilbedürftige finden wir
als Sitzende und als Sitzende werden sie Sehende (Jesus heilt Blinde Mt 20,30 par; Joh 9,8). Wer sitzt und seine Seele still gemacht hat (Ps 131,2), wird in das Heilsgeschehen einbezogen:
Am Zoll sass Matthäus/Levi (Mt 9,9 par) als er von Jesus berufen wurde; Maria sass im Hause (Joh 11,20) und eilt zu Jesus, nachdem sie von ihm durch Martha gerufen wird. Bei ihm fand sie
ja das Eine, das Not tut, als sie ihm zu Füssen sass (Lk 10,38-42). Schliesslich ereignete sich auch das Pfingstgeschehen an denen, die im Hause waren, und zwar als Sitzende (Apg 2,2).
Damit hat sich Heil erfüllt für diejenigen, die bis anhin auf dem Weg zum Frieden "im Finstern und im Todesschatten" sassen (L 1,79; vgl. Ps 106,10). Wie sehr sich "Sitzen" gerade an der
Grenze zwischen Leben und Tod als angemessene Haltung erweist, zeigen die Frauen, die dem Grab Christi gegenüber sitzen (Mt 27,61), aber auch die sitzenden Engel als erste Lichtpunkte in
dunkler Szenerie (Mt 28,2; Joh 20,12).
Inwieweit altägyptische Ikonographie für das frühe Mönchtum noch nachgewirkt haben kann, ist fraglich. Immerhin sei an die eindrücklichen Darstellungen nicht nur der herrschenden
Sitzfigur, sondern auch des entrückt und zugleich in sich versunkenen Würfelhockers und des sitzenden Schreibers erinnert. Neben diesen plastischen Darstellungen finden sich Texte aus der
Weisheitsliteratur, die auf die Bedeutung einer angemessenen Haltung, z.B. des Sitzens, hinweisen oder vom Glück des Sitzenden berichten. "Wie schön ist es, zu sitzen in der Hand des
Amun, des Beschützers des Schweigenden, des Retters des Armen ..." Immerhin ist uns die Darstellung des oder der Sitzenden auch aus der koptischen Kunst wohl bekannt; ich erinnere an die
Sitzfiguren, die eine Wiedergeburtsschleife in der Hand halten oder an die Stelen mit Jünglingen, die mit untergeschlagenem Bein auf einem Kissen sitzen.
Natürlich ist man versucht auch nach Beeinflussungen aus dem fernöstlichen, indisch-buddhistischen Kulturkreis zu fragen, wo das "Sitzen" als meditative Praxis längst verankert war.
Bestimmt waren in der Weltstadt Alexandria Reisende aus Indien anzutreffen, was Klemens mehrfach bezeugt. Welche Neuigkeiten allenfalls bezüglich asketischen Lebens ausgetauscht wurden,
entzieht sich unserer Kenntnis. Was das "Sitzen" betrifft, so kann man sich zu Recht fragen, was denn das Hinweisen auf einen solchen möglichen Zusammenhang zu klären vermöchte. Viel
einleuchtender scheint mir die Annahme, dass Menschen, wann und wo auch immer sie sich zu einer meditativen Praxis des Rückzugs, das heisst zum Aufschluss der Innerlichkeit auf das Andere
hin entschliessen, zu einer zumindest stets ähnlichen, ein solches Streben unterstützenden Haltung finden: zum "Sitzen".
Innerhalb der griechischen Sammlung der Apophthegmata Patrum finden sich nun weit über hundert Stellen, in denen vom Sitzen der Anachoreten die Rede ist. Entsprechend ebenso häufig taucht
der Begriff in der koptischen Überlieferung auf.
Schon im ersten Apophthegma der alphabetischen Sammlung (Antonios 1) wird dem verzagten Antonios in einer Vision gezeigt, welche Praxis ihn aus seiner Akedia herauszuführen vermag,
nämlich beharrlicher Wechsel von Sitzen, Arbeit und (stehendem) Gebet. Ob hier – wie von vielen Kommentatoren immer wieder festgestellt – tatsächlich nur das Paradigma für Beten und
Arbeiten vorliegt, wäre im Blick auf die vielen andern Stellen, in denen es sich aufdrängt, das Sitzen an sich als Übung zu verstehen, zu hinterfragen. Einige solcher Stellen seien hier
vorgelegt:
Poimen fragte Joseph in Panepho: "Was soll ich tun, wenn die Leidenschaften an mich herankommen? Soll ich ihnen widerstehen oder sie eintreten lassen?" Der Greis sagte zu ihm: "Lass sie
eintreten und kämpfe mit ihnen. In die Sketis zurückgekehrt, widmete er sich also dem Sitzen."
Makarios forderte die Brüder nach dem Gottesdienst auf: "Fliehet, Brüder!" Einer von den Alten sagte zu ihm: "Wohin sollen wir denn in dieser Wüste noch fliehen?" Makarios legte den
Finger auf den Mund und sagte: "Das fliehet." Und er betrat sein Kellion, schloss die Tür und widmete sich dem Sitzen. Entsprechend Sisoes 24: Wenn er sich in seinem Kellion dem Sitzen
widmete, verschloss er immer die Tür.
In diesem Sinne sind auch jene Stellen zu verstehen, in denen das Sitzen ohne nähere Angaben erwähnt wird, wenn Ratschläge sich auf eine Aufforderung zum "Sitzen" reduzieren: "... widme
dich in deinem Kellion ausschliesslich dem Sitzen ...."
Ebenso wird klar, was gemeint ist, wenn nach der speziellen Praxis des Sitzens gefragt wird: Silvanos fragt einen Bruder: "Rede mir von deinem Sitzen." (Silvanos fragt sich nämlich, wie
der närrische Bruder seine Vollkommenheit erreicht haben könnte.) Dieselbe Frage stellt ein berühmter Greis, dessen Fürbitten für einen bedrängten Bruder wirkungslos zu sein scheinen:
"Herr, enthülle mir das Sitzen dieses Bruders und woher die schlechten [Energien] kommen, denn trotz meiner Fürbitten, hat er keine Ruhe gefunden."
Es ist deshalb wichtig, dass der Mensch sein Sitzen mit frommer Scheu [das heisst mit grosser Achtsamkeit] und ohne sich stören zu lassen (nämlich durch das eigene Gewissen) übt.
Oft ist es schon das im Leser unmittelbar wachgerufene Bild allein, das die ganz besondere Atmosphäre, in der "gesessen" wird, deutlich macht: Ich erinnere beispielsweise an Ammonas, der
am Fluss sitzend ein Seil flicht und es wieder auflöst, um so sein Denken zu beruhigen, das beim Herumgehen (Gegensatz zum Sitzen!) immer irgendwo hinstreben will. Ebenso eindrücklich das
Bild Poimens, der sich vor der gottesdienstlichen Versammlung jeweils zurückzieht und eine Stunde für sich allein sitzt, um seine Gedanken zu untersuchen.
In allen diesen Stellen meint das Sitzen eine besondere Übungspraxis, ohne dass dies durch einen besonderen Kontext verdeutlicht werden müsste.
Wird dieser Kontext mitberücksichtigt, so erweist sich das "Sitzen" auch in vielen anderen Apophthegmata als eine Haltungsangabe, die an ein ganz besonderes Geschehen gebunden ist. Einige
wenige Beispiele sollen zeigen, was gemeint ist:
Vorzugsweise findet das "Sitzen" im Kellion (Zelle) statt. Die immer wieder zu hörende Aufforderung, sich ins Kellion zurückzuziehen, dieses nicht mehr zu verlassen, meint nicht nur den
äussern Rückzug aus gewohnter Umwelt und gesellschaftlicher Verpflichtung. "Kellion" bezeichnet auch den Ort der inneren Abgeschiedenheit, wo sich die wahren Verhältnisse unerbittlich
zeigen: nicht nur die Tränen auslösende Empfindung der Gottferne als Sünder, sondern ebenso die kaum beschreibbare Freude der Gottesnähe. Wer sich also ins Kellion zurückzieht, begibt
sich in den innersten Kreis, der von den Tangenten seines Mühens stets neu angepeilt wurde und wird. Als entsprechende Haltung wird immer wieder das "Sitzen" erwähnt.
Schon in einem griechisch überlieferten Text von Epraem dem Syrer (306-373) heisst es: "Während du in der ‘Stille’ des Kellions sitzest, sammle deine Gedanken ; und in einem Brief des
Ammonas, der nach dem Tod des Antonios (356) die Leitung von Pispir übernahm, steht die Aufforderung: "In deinem Kellion sitzend, sammle dein Denken ..." Vermittelt durch Evagrios (-399)
ist das Textstück in die Apophthegmata eingegangen und taucht dort in Variationen immer wieder auf. Das Sitzen im Kellion stellt also eine zentrale Übungspraxis dar, und es erübrigt sich
oft sogar, diese näher zu erläutern. Moses weist einen ihn um ein Wort bittenden Mönch ab und sagt: "Fort, setze dich in dein Kellion, und dein Kellion wird dich alles lehren." Den beiden
Elementen "Sitzen" und "Kellion" wird in ihrer Verbindung eine grundlegende Wirkung für die Praxis zugesprochen. Dabei genügt es aber offensichtlich nicht, sich bloss im Kellion
aufzuhalten oder sich irgendwie hinzuhocken. Bei Paulus von Tamma u.a. findet sich der Hinweis, wie man im Kellion sitzen soll: Wie ein sachverständiger Seefahrer, wie einer, der die
wilden Tiere zu bändigen versteht, ohne nachlässig und schlaff zu werden, sondern in ständiger Achtsamkeit u.s.w. Ein anonymer Alter meint, dass nur durch das schöne, richtige Sitzen dem
Mönch die Fülle des Guten zuteil werden könne.
Das "Sitzen" erweist sich auch in andern Textfeldern als besondere Haltung und zwar immer dann, wenn damit ein intimes, meditatives Geschehen um- oder beschrieben wird.
Aus grösster Not schrie Sisoes, während er sass, mit lauter Stimme: "O Elend!" Dieses Aufschreien in grösster Not geschieht kaum zufällig aus dem Sitzen heraus. (Alle andern
Interpretationsmöglichkeiten für das kathemai (=sitzen) wie "sich aufhalten", "wohnen" etc. machen hier wenig Sinn!)
Immer wieder wird das "Sitzen" im Zusammenhang mit Tränen, Seufzen und Trauer erwähnt. Solches Geschehen als letztmögliches Lassen soll sich in äusserster Demut im Verborgenen ereignen:
Tithoe (=Sisoes) sitzt und seufzt in Ekstase, entschuldigt sich jedoch sogleich: "Verzeihe mir, Bruder, ich bin noch nicht Mönch geworden, da ich vor dir geseufzt habe." Immer wieder
werden im "Sitzen" die Sünden beweint: Abbas Aio bat den Abbas Makarios: "Sage mir ein Wort." Abbas Makarios sprach zu ihm: "Fliehe die Menschen, sitze in deinem Kellion, beweine deine
Sünden und rede nur ungern mit den Menschen. So wirst du das Heil erlangen."
Weitere Sitz-Stellen finden sich im selben Kontext wie
* das Seufzen und Weinen
* das meditative Arbeiten (v.a. Flechten)
* das Gebet (wobei zwischen stehendem und sitzendem Gebet zu unterscheiden ist)
* die schon erwähnten Auseinandersetzungen mit der Welt von Vorstellungen und Bildern (Gedanken, Dämonen, Visionen)
* die Achtsamkeit und Nüchternheit
* das Schweigen
* die Anapausis und Hesychia.
* u.a.
Überblickt man die Texte aufmerksam, so wird deutlich, dass mit "Sitzen" mehr als ein Sich-aufhalten, ein Verweilen oder eine blosse Haltungsangabe gemeint sein muss. Wer allerdings das
"Sitzen" als eine meditative Haltung bei den Wüstenvätern konsequent übersieht, wird den Begriff ohne Bedenken immer wieder in seiner flachsten Interpretation mit "sein", "wohnen",
"bleiben" übersetzen. Man müsste sich dann allerdings auch fragen, weshalb der so für das eigentliche Geschehen bedeutungslos gewordene Begriff nicht überhaupt weggelassen wurde.
Zuzugeben ist allerdings, dass keine Erwähnung irgend einer besonderen "Technik des Sitzens" in den frühen Texten zu finden ist, wie wir sie aus dem Buddhismus (v.a. dem allerdings
späteren Zen-Buddhismus) aber auch aus dem Hesychasmus kennen. Der Hesychasmus selbst bezieht sich jedoch explizit auf Sprüche der Wüstenväter und sieht hier seine Wurzeln (und auch die
des Jesus-Gebetes). Dies gilt selbstredend auch für das koptische Mönchtum. Auch heute noch gehört das "Sitzen" hier zur spirituellen Praxis; wenig ist jedoch – wie damals – darüber zu
erfahren.
"Sitzen" steht nicht nur etymologisch mit dem Begriff Hesychia in Zusammenhang (s. Anm.). Wer sitzend Ruhe gefunden hat, ist auf dem Weg zu Gott, zum Auferstandenen, der zur Seite des
Vaters thronend alles an sich zieht. Dies ist, wie die Mönche im Makarios-Kloster betonen, ein Ereignis des heiligen Geistes, dem man sich täglich neu zu öffnen hat. "Sitzen" gehört zur
intimsten Praxis, es entzieht sich letztlich unserem erklärenden Zugriff und deutet als Begriff auf etwas hin, was nur erfahren werden kann, und dem man sich weder durch Beschreibung,
noch durch eine systematische Lehre, noch durch vorausbestimmten Verdienst wirklich zu nähern vermag. Dieses Hindeuten aber wird in den Sprüchen der Wüstenväter immer und immer wieder
versucht und dankbar gehört.
(Franz Dodel 1997)
Lehrsprüche des Patanjali (Teil 1)
Das Beschreiten des Weges ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist. Dann ruht der Wahrnehmende in seiner wahren Natur. In den anderen geistigen Zuständen identifiziert sich der Wahrnehmende mit seinen Gedanken.
Es gibt fünf Arten von Gedankenaktivitäten, von denen einige leidvoll sind und andere nicht. Die fünf Arten der Gedankenaktivitäten sind wahrhaftes Wissen, falsches Verstehen, Wortirrtum,
Schlaf und Erinnerung.
Direkte Wahrnehmung, Folgerung und kompetente Zeugenaussage sind Formen wahren Wissens.
Irrtum resultiert aus einem Verstehen, das auf einer falschen Vorstellung beruht.
Wortirrtum wird verursacht durch Identifikation mit Worten, die in der Realität keine Grundlage haben.
Schlaf wird die Erscheinungsform des Geistes genannt, welche von Abwesenheit irgendeines Inhalts gekennzeichnet ist.
Erinnerung ist ein Festhalten an vergangenen Erfahrungen.
Die bewusste Kontrolle der Bewegungen im Geist wird durch Übung und Verhaftungslosigkeit erlangt. Beharrlichkeit ist die ständige Bemühung, die Eindämmung der Gedankenwellen fest zu
begründen.
Die Übung bewirkt dauerhaften Erfolg, wenn sie über lange Zeit hinweg ohne Unterbrechung und mit Hingabe durchgeführt wird Verhaftungslosigkeit ist erreicht, wenn das Verlangen nach
sichtbaren und unsichtbaren Dingen erloschen ist.
Das Nichtbegehren nach den Elementen der Erscheinungswelt führt zur Wahrnehmung des wahren Menschen, der Urseele - dies ist die höchste Form der Verhaftungslosigkeit.
Vollkommene Erkenntnis wird beim Durchlauf von Ahnung, Erfahrung, Freude und Einheitswahrnehmung in der Meditation gewonnen.
Eine weitere Stufe der Versenkung ist erreicht, wenn alle geistigen Aktivitäten aufhören und nur unmanifesierte Eindrücke im Geist verbleiben.
Diese Versenkungsstufe kann von Geburt aus, durch frühere Körperlosigkeit oder durch Verschmelzung mit der kosmische Ursubstanz erlangt werden - der ursprünglichen, nicht verursachten
Ursache phänomenaler Existenz, die formlos, grenzenlos, unbeweglich, ewig und alldurchdringend ist.
Andere gelangen durch Glauben, Willen, Erinnerung und hohes Wissen zu dieser Versenkung. Diejenigen, deren Wunsch intensiv ist, erlangen es schnell. Wunsch und Praxis können mild, maßvoll
oder intensiv sein.
Auch durch fromme Hingabe an Gott oder ein ideal gedachtes Wesen kann es erlangt werden.
Gott ist als besonderes Wesen unberührt von Leid, Karma oder Wünschen. Er ist unübertroffen und in ihm liegt der Same der Allwissenheit. Ungegrenzt von der Zeit ist er seit ältesten
Zeiten der Lehrer aller Meister. Er zeigt sich in dem Wort OM. Ständige Wiederholung von OM und Meditation über dessen Sinn führt zur Versenkung. Durch diese Praxis erlangt man inneres
Bewußtsein und alle Hindernisse verschwinden.
Diese Hindernisse lauten körperliche Einschränkung, geistige Stumpfheit, Zweifel, Gleichgültikeit, Faulheit, Haften an Dingen, falsche Anschauung und die Nichterreichung einer geistigen
Stufe bzw. die Unfähigkeit, darin beständig zu bleiben. Diese Hindernisse zerstreuen den Geist.
Leiden, Verzweiflung, nervöse Zustände und unregelmäßige Atmung sind Zeichen eines zerstreuten Geistes. Zur Beseitigung übe man die Konzentration auf eine Wahrheit.
Der Geist wird geklärt durch Kultivierung von Freundlichkeit, Empathie, Zufriedenheit sowie Gleichgültigkeit gegenüber Freude, Leid, Erfolg und Misserfolg, oder durch Ausstoßen oder
Anhalten des Atems.
Die Konzentriertheit auf ein Objekt oder einen Eindruck begründet eine stabile Bündelung des Geistes, oder durch Konzentration auf das innere Licht, das frei von Leid ist, oder durch
Kontemplation über einen Geist, der Leidenschaften und Verhaftungen überwunden hat, oder durch Meditation über Trauminhalte oder den Zustand des traumlosen Schlafes, oder durch Meditation
über irgendetwas, das man mag.
Wenn er das Ziel erreicht, ist er ein Meister vom Kleinsten bis zum Größten.
Für den, der die Bewegungen des Geistes auf ein Minimum reduziert, verschmelzen Wahrnehmender, Wahrgenommenes und Wahrnehmung wie ein Kristall Form und Farbe eines Hintergrundes annimmt.
Das ist Versenkung.
Versenkung mit Wechsel zwischen Wort-Wissen, wahrem Wissen, Sinnes-Wissen oder Wissen per Überlegung ist eine Form der Versenkung.
Wenn der Geist von Vorprägung und Erinnerung gereinigt ist, erlangt er wahres Wissen vom betrachteten Objekt. Dies ist eine andere Form der Versenkung.
In den vorhergehenden Sutren wurdie Unterscheidung zwischen der mit Erwägung verbundenen und der von Erwägung freien Betrachtung und das, was noch subtiler ist, erklärt.
Die feinstoffliche Natur der Objekte endet im subtilen Unmanifestierten. Aber alle diese Versenkungen sind Meditationen mit Samen.
Erreicht man Reinheit in der Versenkung, bei der der Geist von Vörprägungen und Erinnerung gereinigt wird, erstrahlt das höchste Selbst in Klarheit. Dort erfaßt das Bewusstsein die volle
Wahrheit.
Diese Wahrheit ist anders als das Wissen, das über Gehörtes oder Enthülltes oder per Schlussfolgerung erlangt wurde.
Die unterbewussten Prägungen und Eindrücke, die aus diesem Wissen entstehen, verdrängen die anderen unterbewussten Prägungen und Eindrücke. Wenn diese letzten Prägungen zur Ruhe kommen
folgt die samenlose Versenkung.
Lehrsprüche des Patanjali (Teil 2)
Strenge Übungspraxis, Selbststudium und Hingabe an Gott - das ist der Weg der Tat. Die Leiden/Bürden werden verringert und Befreiung herbeigeführt. Erkenntnisunfähigkeit, Egoismus, Identifikation und Abhängikeit und Begierde nach Wandelbarem sowie das Festhalten am Leben sind die fünf Leiden.
Die Unwissenheit ist die Quelle der fünf Leiden, sei diese unterschwellig, permanent, stark oder schwach. Durch Unwissenheit hält man das Vergängliche für verlässlich, das Unreine für
rein, das Leidbringende für gut und Nicht-Selbst für das wahre Selbst.
Ichverhaftung (Egoismus) basiert auf Identifikation des Sehenden mit dem Instrument des Sehens.
Gier resultiert aus der (falschen) Vorstellung, dass äußere Umstände für unser Glück verantwortlich sind.
Abneigung gegen das, was ist, führt zu Leid.
Die Abneigung gegen den Tod - den Selbsterhaltungstrieb - hat selbst der Weise.
Die Leiden werden im Keim erstickt, wenn man ihre Ursachen zum Ursprung zurückverfolgt. Die aktiven Formen (Bewegungen im Geist) können durch Meditation beseitigt werden.
Die Hindernisse sind somit die Ursachen für das Karma dieses und zukünftiger Leben. Solange Wurzeln vorhanden sind, muss das Karma erfüllt werden und hat dadurch die momentanen
Erfahrungen im Leben zur Folge. Man erntet freudvolle oder leidvolle Konsequenzen als Karma, je nachdem, ob die Ursache tugendhaft oder untugendhaft war.
Für einen Menschen mit Urteilskraft sind alle Handlungen aufgrund des drohenden Verlustes, durch neues Verlangen oder sonstige Veränderungen in der Natur leidvoll.
Zukünftiges Leid kann verhindert werden. Da die erste Ursache künftigen Karmas die Identifikation des Sehenden mit dem Gesehenen ist, kann kommendes Leid vermieden werden. Das Universum
existiert einzig zu dem Zweck, das der Mensch Erfahrungen macht und sein wahres Selbst erkennt (Freiheit!). Es hat die Eigenschaften Klarheit, Aktivität und Trägheit... und wird durch die
Wechselwirkung der Elemente und den Wahrnehmungen der Sinne erfahren.
Die drei Grundbestandteile der Urnatur (Prakriti), Sattva (Klarheit, Güte, Harmonie), Rajas (Rastlosigkeit, Bewegung, Energie) und Tamas (Trägheit, Dunkelheit, Chaos), haben als
Eigenschaften: grob, fein, bestimmbar, unbestimmbar.
Der Sehende ist absolutes Bewusstsein. Obwohl er völlig rein ist, sieht er durch die Erfahrung des Geistes. Das Gesehene existiert nur, um durch das wahre Selbst wahrgenommen zu werden.
Für den, der Befreiung erlangt hat, verschwindet die Natur. Diese bleibt jedoch für andere erhalten, da sie auf gemeinsamer Erfahrung basiert.
Die Verbindung des Gesehenen (kosmische Ursubstanz) mit dem Sehenden (Urseele) dient dazu, beiderlei Wesen und Kräfte zu erkennen. Die Ursache dieser Verbindung ist Unwissenheit. Wenn das
Nichtwissen endet, löst sich die Verbindung auf. Dadurch erlangt der Sehende absolute Freiheit. Ständige Bewusstmachung dieses Unterschiedes ist das Mittel, das Nichtwissen aufzuheben.
Das erkennende Bewusstsein wird siebenfältig erreicht.
Indem wir die Glieder des Yoga praktizieren, verschwinden die Unreinheiten, Weisheit wächst und die Unterscheidungskraft erstrahlt.
Die acht Glieder des Yoga-Weges sind) Yama - 5 ethischen Verhaltensregeln, Niyama - 5 Regeln der Selbstdisziplin, Asana - Schulung und Reinigung des Körpers mittels Yogastellungen,
Pranayama - Atemkontrolle, Pratyahara - Zurückziehen der Sinne von der Außenwelt, Dharana - Konzentration auf nur einen Gedanken, Dhyana - Meditation, Kontemplation, Samadhi -
Überbewusstsein, Einheitsbewusstsein.
Die Yamas gründen auf Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, reinem Lebenswandel und Begierdenlosigkeit.
Dieses große Gelübde ist universell, durchdringt alle Bereiche des Lebens und ist unabhängig von Status, Ort, Zeit oder äußeren Umständen.
Die Nyamas lauten Reinheit, Zufriedenheit, Selbstdisziplin, Selbststudium und Hingabe. Bei einer Behinderung durch schädliche Gedanken sollte man zu deren Überwindung über das Gegenteil
meditieren.
Negative Gedanken der Gewalt - egal ob als Täter, Auftraggeber oder Begünstigter verübt, egal ob durch Gier, Ärger oder Getäuschtsein veranlasst, egal ob in der Ausführung mild,
mittelmäßig oder übermäßig - führen zu endlosem Leid. Deshalb sollte man gegenteilige Gedanken pflegen.
Ist die Gewaltlosigkeit im Wegbeschreiter fest begründet, verschwindet jede Feindseligkeit in seiner Umgebung.
Wenn Wahrhaftigkeit fest im Wesen des Wegbeschreiters verankert ist, erhält er Früchte der Arbeit ohne zu handeln.
Wenn Nichtstehlen fest im Wesen des Wegbeschreiters verankert ist, wird aller Reichtum zu ihm kommen.
Wenn jede Handlung auf ein höheres Ideal ausgerichtet ist, erlangt der Wegbeschreiter große Kraft.
Wenn Begierdelosigkeit im Wesen des Wegbeschreiters fest begründet ist, erkennt er den Sinn seiner Geburt.
Durch Reinheit entsteht Abneigung gegenüber dem eigenen Körper und gegenüber der Berührung mit anderen Körpern.
Mit der Reinheit entstehen auch Klarheit im Geist, innere Freude, Konzentration, Herrschaft über die Sinne und Selbstverwirklichung.
Durch Zufriedenheit erfahren wir größte Freude.
Selbstzucht löst die Unreinheiten von Körpern und Sinnen auf und zu führt zu deren Beherrschung und großer Kraft.
Durch Selbststudium wird man eins mit der ersehnten Gottheit (bzw. dem Ideal).
Die Hingabe an Ishwara führt zu Samadhi und großen Kräften.
Die Meditationshaltung sollte fest und bequem sein.
Die Asana soll in tiefer Entspannung und mit Meditation über das Unendliche erfolgen.
Durch die Beherrschung der Stellung wird man nicht mehr von den Dualitäten (Gegensatzpaare wie Hitze und Kälte, Freude und Leid, Lob und Tadel etc) angegriffen.
Nachdem dies erreicht ist folgt Pranayama, die Beherrschung der Lebensenergie über Ein- und Ausatmung. Die Atemregelung erfolgt über Einatmung, Ausatmung und Anhalten. Zeit, Ort und Dauer
werden kontrolliert, der Atem laufend verlängert und verfeinert.
Viertens geht Pranayama über das Ein- und Ausatmen hinaus. Dadurch wird der Schleier vom Licht der Klarheit aufgelöst.
Dies befähigt den Geist zur Konzentration auf einen Gedanken (Dharana).
Pratyahara ist das Zurückziehen der Sinne auf das Innere, auf das Eigenwesen des Geistes, weg von den äußeren Objekten.
Dadurch wird die Beherrschung der Sinne gemeistert.
Lehrsprüche des Patanjali (Teil 3)
Durch Bindung des Geistes an eine Stelle/Objekt entsteht Konzentration. Wenn so die Wahrnehmung gebündelt fließt, entsteht Meditation (Dhyana - oft als Brennen oder Glühen übersetzt). Wenn sich das Bewußtsein von Subjekt und Objekt auflöst und nur das Objekt unmittelbar im Geist erstrahlt entsteht Versenkung/Sammlung.
Das Üben der drei zusammen ist "völlige Sammlung" (Samyama). Aus der Meisterung der völligen Sammlung entsteht vollkommenes Wissen über das Wahrgenommene. Der Fortschritt in der völligen
Sammlung erfolgt in Stufen... man kann es nicht erzwingen.
Gegenüber den vorhergehenden (Yama, Niyama, Pranayama, Asana, Pratyahara) sind diese drei (Dharana, Dhyana, Samadhi) die inneren Glieder des achgliedrigen Pfades. Doch auch diese Drei
sind nur die äußeren Aspekte der samenlosen Versenkung. Wenn die störenden Wellen des Geistes durch Selbstbeherrschung unter Kontrolle gebracht sind, transformiert der Geist zur inneren
Stille. Die innere Stille (Nirodha–Parinâma) wird durch Wiederholung zu einem ungestörten Fluß.
Versenkung entwickelt sich, wenn die Wandlungen des Geistes in der Konzentration auf einen Punkt zur Ruhe kommen. Einpünktigkeit der Konzentration tritt ein, wenn die kommenden und
gehenden wandelbaren Inhalte des Geistes in zwei Zeitpunkten gleich sind. Dadurch ist die Veränderung der Materie und der Wahrnehmungsorgane in Eigenart, Merkmal und Zustand erklärt.
Es gibt eine Instanz, die bei allen Veränderungen durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konstant bleibt. Die Wandlungen finden aufgrund der Naturgesetze statt.
Durch völlige Sammlung auf die drei Arten der Veränderung entsteht Wissen über Vergangenheit und Zukunft.
Klang, Vorstellung und Bedeutungen überlagern sich und verwirren den Geist. Durch völlige Sammlung auf die Trennung dieser Drei versteht der Beschreiter des Weges die Sprachen aller
Wesen.
Durch völlige Sammlung auf unsere Prägungen im Geist erhält der Beschreiter des Weges Wissen über frühere Leben.
Durch völlige Sammlung auf den Geist eines Menschen erkennt der Wegbeschreiter dessen Gedanken. (Manche deuten diese Sutre so, dass der Beschreiter des Weges nur die Gefühle des Gegenüber
spürt, nicht dessen konkreten Gedanken sieht.) Aber wir erkennen durch völlige Sammlung nicht die ganze Natur eines Menschen, denn diese ist kein Objekt, das sich beobachten lässt.
Völlige Sammlung auf den eigenen Körper führt zur Unsichtbarkeit für andere. Auf diese Weise verschwinden auch Töne und andere Sinneswahrnehmungen. (Manche Übersetzungen lassen diese
Sutre weg.)
Die Wirkungen des Handelns - Karma - sind aktiv erkennbar oder ruhen. Völlige Sammlung über das Karma führt zur Vorahnung des Zeitpunktes des eigenen Todes.
Durch völlige Sammlung auf die Liebe und anderen Tugenden, erhält der Wegbeschreiter deren Stärke.
Durch völlige Sammlung auf die Kräfte eines Elefanten oder anderer Tiere, bekommt der Beschreiter des Weges dessen Stärke.
Völlige Sammlung auf das Licht der Wahrnehmung führt zu Wissen über Subtiles, Verborgenes und Fernes.
Völlige Sammlung auf die Sonne führt zu Wissen über das Universum.
Völlige Sammlung auf den Mond führt zu Wissen um den Verlauf der Sterne.
Durch völlige Sammlung auf den Polarstern erlangt der Beschreiter des Weges Wissen um den Lauf der Sterne.
Völlige Sammlung auf das Nabel-Chakra führt zu Wissen über den Aufbau des eigenen Körpers.
Völlige Sammlung auf die Höhle der Kehle beendet Hunger und Durst.
Völlige Sammlung auf due Energie der Wirbelsäule (Kurma-Nadi/Sushumna) führt zu Festigkeit.
Völlige Sammlung auf das Licht am Scheitel führt zu Visionen von Vollendeten.
Intuition führt zu Wissen von allem.
Völlige Sammlung auf das Herz führt zum Wissen über die Natur unseres Bewußtseins.
Äußeres Vergnügen beruht auf fehlender Unterscheidung zwischen wahrem Selbst und Intellekt. Völlige Sammlung auf die Interessen des wahren Selbstes führt zum Erkennen des wahren Selbstes.
Durch völlige Sammlung auf die Urseele (Purusha) entstehen intuitives Hören, Sehen, Schmecken und Riechen.
Dies sind im äußeren Leben außergewöhnliche Kräfte, aber Hindernisse auf dem Weg zur Versenkung (Samadhi).
Werden die Ursachen des Gebundenseins aufgehoben, kann der Wegbeschreiter durch das Wissen um die Durchgänge in den Körper eines anderen eintreten.
Durch Beherrschung aufsteigendem Atema (Udana/Prana) kann der Wegbeschreiter schweben und wird nicht von Nässe, Schmutz oder Dornen berührt.
Durch Beherrschung verbindendem Atems (Samana/Prana) erlangt der Beschreiter des Weges inneres Feuer.
Völlige Sammlung auf die Beziehung zwischen Hören und Raum führt zu gottgleichem Hören.
Völlige Sammlung auf die Beziehung von Raum (Äther) und Körper, so dass die Verbindung so leicht wie Watte wird, führt zur Fähigkeit, durch den Raum zu reisen.
Durch völlige Sammlung auf Gedankenwellen jenseits des Intellektes verschwindet der Schleier vom wahren Selbst und der Wegbeschreiter kann außerhalb des Körpers verweilen.
Durch völlige Sammlung auf die Elemente - ihre groben, feinstofflichen, essentiellen Zuständen, ihren Beziehungen und ihrem Zweck - erlangt der Beschreiter des Weges Herrschaft über die
Elemente.
Daraus entsteht ein vollkommener und unverwundbarer Körper sowie die Fähigkeit, sich winzig klein zu machen.
Vollkommenheit des Körpers beinhaltet Schönheit, Anmut, Kraft und Härte eines Diamanten.
Völlige Sammlung auf die Wahrnehmung der Sinnesorgane, ihre Eigennatur, ihre Verbindung zum Ego, ihre gegenseite Verbindung und ihren Zweck führt zur Beherrschung der Sinne.
Daraus folgt die Schnelligkeit des Geistes, unabhängig von den äußeren Sinnen, und Meisterschaft der Urnatur.
Durch Erkennen des Unterschiedes zwischen dem reinen und lichtvollen Geist (Sattwa) und dem wahren Selbst (Purusha) erlangt der Beschreiter des Weges Allmacht und Allwissenheit.
Auch wenn der Wegbeschreiter den daraus folgenden Kräften nicht anhaftet, wird der letzte Samen zerstört und Befreiung erlangt.
Wenn himmliche Wesen ihn einladen, soll der Wegbeschreiter weder Freude noch Stolz empfinden, da es dadurch erneut zu ungewollter Anhaftung kommt.
Durch völlige Sammlung auf den Strom der Augenblicke erlangt der Beschreiter des Weges Wissen, das auf Unterscheidungskraft beruht.
Die gesteigerte Unterscheidungskraft befähigt den Beschreiter des Weges, Unterschiede zwischen zwei ähnlichen Dingen zu erkennen, auch wenn diese sich nicht durch Art, Merkmale oder Ort
unterscheiden.
Das Wissen der höchsten Unterscheidungskraft befähigt den Beschreiter des Weges, alle Dinge in Raum und Zeit gleichzeitig ganzheitlich in voller Transzendenz zu erfassen.
Wenn die innere Intelligenz (Sattwa) so rein ist wie das wahre Selbst (Seele, Purusha) erreicht der Wegbeschreiter Befreiung.
Lehrsprüche des Patanjali (Teil 4)
Die außergewöhnlichen Kräfte (Siddhis) können von Geburt an bestehen oder durch Kräuter, Mantren, Selbstzucht oder Samadhi erlangt werden. Die überfließenden Kräfte der Natur bewirken die Umwandlungen. Das Wirken (sichtbare Ursachen, das Üben) setzt die natürlichen Abläufe nicht in Gang, es beseitigt aber die Hindernisse aus den Kanälen, ähnlich eines Bauern, der Wasser auf seine Felder lässt.
Die Bewegungen des Geistes entstehen aufgrund des Ichgefühls. Es existiert ein allumfassendes Bewußtsein, die vielen Bewegungen des Geistes in den unzähligen Menschen sind letztlich ein
Teil von diesem. Nur das Bewusstsein, welches in der Meditation entsteht, ist frei von unbewussten Prägungen.
Die Handlungen (und die Folgen daraus - Karma) eines Wegbeschreiters sind weder schwarz noch weiß, für andere sind sie jedoch dreierlei Art (könnte bedeuten: lasterhaft, tugendhaft oder
gemischt). Aus diesen drei Arten des Handelns entspringen Früchte, die den zugrunde liegenden Neigungen entsprechen.
Erinnerungen und unbewusste Prägungen sind gebunden im Wesen und überdauern Ortswechsel, Zeiten und Geburten. Darum wird jeder Wunsch irgendwann eine Folge haben (Karma). Die Wünsche und
Neigungen haben keinen Anfang im Wesen, denn allein schon der Wille zu leben besteht seit ewig. Diese Kette von Ursache und Wirkung wird durch äußere Objekte und unterstützende Faktoren
aufrecht erhalten. Verschwinden diese, wird der Wegbeschreiter von Wünschen befreit.
Vergangenheit und Zukunft existieren in ihrer eigenen Form. Die unterschiedlichen Eigenschaften der Formen resultieren aus dem unterschiedlichen zeitlichen Ablauf. Diese Eigenschaften
sind manifest oder subtil und bestehen aus den drei Gunas (den drei wesentlichen Eigenschaften oder Kennzeichen (Gunas) der Urmaterie (Prakriti) - Tamas (Trägheit, Dunkelheit, Chaos),
Rajas (Rastlosigkeit, Bewegung, Energie) und Sattva (Klarheit, Güte, Harmonie)).
Alle Dinge befinden sich im Wandel und sind in der Veränderung einzigartig. Das gleiche Objekt kann von zwei Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden, abhängig von ihrem
Bewußtseinszustand. Ein Objekt existiert - unabhängig davon, ob es von einem Geist wahrgenommen wird oder nicht. Je nach Ausrichtung/Prägung und Erwartungshaltung unseres Geistes wird ein
Objekt erkannt oder nicht erkannt.
Herr des Bewustseins ist das wahre Selbst (Purusha). Es kennt infolge seiner unveränderlichen Natur alle Vorgänge im Geist. Der Geist ist nicht aus sich selbst erkennend (kann sich nicht
selbst erleuchten) und kann darum als Objekt wahrgenommen werden. Der Geist kann nicht zwei Dinge auf einmal erfassen. Könnte der Geist eines Menschen den eines anderen erkennen, würde
das zu Wahrnehmung einer Wahrnehmung führen und zu Verwirrung des Gedächtnisses führen.
Selbsterkenntnis tritt ein, wenn der Geist nicht mehr von Ort zu Ort wandert und sich selbst wahrnimmt. Wenn der Geist in der Lage ist, den Sehenden und das Gesehene widerzuspiegeln,
versteht er alles.
Obwohl der Geist von unzähligen Wünschen und Eindrücken geprägt ist, dient er dem wahren Selbst (Purusha), denn beide sind miteinander verbunden. Wer den Unterschied zwischen Geist und
wahrem Selbst erkannt hat, hört auf, den eigenen Geist bzw. dessen Regungen als Ich zu verstehen. Dann wird die Unterscheidungskraft erlangt und der Geist strebt zur Befreiung.
Jedoch kommt es zunächst aufgrund vergangener Prägungen (Samskaras) immer wieder zu Unterbrechungen dieser Unterscheidungskraft. Die allmähliche Beseitigung dieser Prägungen erfolgt so,
wie es für die Überwindung der Kleshas (Leiden) beschrieben wurde.
Wer den höchsten Bewusstseinszustand erlangt hat und weiterhin Unterscheidungskraft übt und alle Wünsche aufgibt, erlangt Überbewußtsein, erhält einen "Regen von Tugenden". Dann folgt das
Ende aller Leiden und des Karma. Mit den Ende aller Verschleierungen und Unreinheiten erlangt der Wegbeschreiter unendliche Erkenntnis und alles bisher - als normaler Mensch - erkannte
wird als winzig und unbedeutend erkannt.
Dadurch verschwinden die Veränderungen durch die drei Gunas, weil sie ihren Zweck erfüllt haben. Die Empfindung eines bedingten Aufeinanderfolgens von Augenblicken endet, wenn die
Wandlungen der Gunas enden. Die komplette Freiheit als Ziel des wahren Selbst überwindet die Gunas. Die Seele lebt in ihrer wahren Natur und besitzt die Kraft des absoluten Wissens.
Avadhuta Upanishad
Wozu die Gottheit anrufen oder sich niederwerfen?
Was soll die Verehrung mit Blumen und Räucherungen?
Wozu ist es wichtig zu meditieren und Hymnen zu murmeln?
Wie kann es sein, daß etwas SICH selbst anbetet,
also die Verehrung einer äußeren Gottheit?
ES ist nicht nur frei von Knechtschaft und Befreiung
ES ist nicht nur frei von Reinheit und Unreinheit
ES ist nicht nur frei von Disziplin und Nicht-Disziplin
sondern die FREIHEIT selbst.
Es ist wie der Raum DAS SELBST.
"Dies ist geboren, also wirklich."
"Dies ist ungeboren, also unwirklich."
Solche Ideen sind mir fremd.
Mein Wesen ist Glückseligkeit und Makellosigkeit.
Für mich erscheint nichts fehlerhaft oder fehlerfrei
nichts ausgedehnt oder ohne Ausdehnung
noch irgend etwas in sich gebrochen.
Das Wissen das Nicht-Wissen voraussetzt, ist nicht in mir geschaffen.
Noch der Zustand des Wissens.
Wie könnte ich also darlegen die Beziehung von Wissen zum Nicht-Wissen?
Ich bin weder verdienstvoll noch sündig.
Ich bin weder gebunden noch frei.
Für mich ist nichts schicklich oder unschicklich.
Überlegen, unterlegen oder durchschnittlich bedeutet mir nichts.
Ich habe weder Feinde noch Freunde.
Wie könnte ich reden von Gut und Böse?
Weder der Anbetende noch der Gegenstand seiner Anbetung sind von Bedeutung für mich.
Weder Lehre noch Ritual sind von Bedeutung für mich.
Die WAHRHEIT ist WISSEN ihrem Wesen nach.
Wie könnte ich sie erklären?
Mein Wesen ist Glückseligkeit und Makellosigkeit.
In diesem Zusammenhang ist nichts was allgegenwärtig wäre
und nichts was nicht allgegenwärtig wäre,
kein Ort der Ruhe noch das Fehlen eines solchen.
Die WAHRHEIT ist ETWAS, aber auch NICHTS.
Wie könnte ich sie erklären?
Für mich gibt es keinen, der versteht, noch etwas zu verstehen,
weder Ursache noch Wirkung.
Von mir kann man nicht sagen ich sei denkbar oder undenkbar.
Wie könnte ich davon sagen,
ES teile oder ES werde geteilt,
ES wisse oder ES werde gewußt,
ES sei ETWAS, das komme und gehe?
Ich habe keinen Körper noch bin ich körperlos
Von mir kann man nicht sagen ich habe Intellekt, Verstand oder Sinne.
Ich habe weder Leidenschaft, noch bin ich leidenschaftslos.
Man kann es nur andeuten,
doch ES unterscheidet sich nicht vom Allerhöchsten.
Man kann ES nur andeuten, und doch ist es nicht verborgen.
Wie kann ich von dem reden, mein Freund,
was DASSELBE ist in allen Dingen und doch nicht dasselbe?
Ich habe die Sinne bezwungen und doch auch wieder nicht.
Ich habe keine Zurückhaltung und keine Disziplin.
Wie kann ich, mein Freund, von Sieg oder Niederlage sprechen?
Mein Wesen ist Glückseligkeit und Makellosigkeit.
Weder kommt mir der Tod zu, noch die Unsterblichkeit
weder Gift noch Nektar BESTEHT für mich.
Wie könnte ich ES auch nur als rein oder unrein bezeichnen?
Für mich gibt es weder Schlaf noch Erwachen,
und auch keine Yoga-Übungen
und auch nicht Tag und Nacht.
Wie könnte ich von IHM reden in Begriffen wie "Krishna-Bewußtsein" und "Nicht-Krishna-Bewußtsein"?
Wisse, ich bin FREI von ALLEM und NICHTS.
Von Illusion und Nicht-Illusion.
Wie könnte ich es ausdrücken im Morgen- und Abendritual?
Mein Wesen ist Glückseligkeit und Makellosigkeit.
VERSTEHE, daß ich erfüllt bin vom höchsten Zustand der Versunkenheit
Daß es unmöglich ist, mich zu DEFINIEREN oder NICHT ZU DEFINIEREN.
Wie könnte ich von ihm reden als etwas, das VEREINT oder TEILT?
ICH bin weder unwissend noch gelehrt
für MICH gibt es weder Reden noch Schweigen.
Wie könnte ich davon reden,
als sei ES logisch
oder unlogisch?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.
Für mich gibt es weder
Vater noch Mutter
Weder Familie noch Kaste
weder Geburt noch Tod.
Wie könnte ich davon reden
Als sei ES
GEBUNDEN
oder UNGEBUNDEN?
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.
Für mich gibt es
weder Aufgang noch Untergang
weder LICHT noch DUNKELHEIT.
Wie könnte ich ES ausdrücken
im Morgen- und Abendritual?
MEIN WESEN
ist Glückseligkeit und Makellosigkeit.
So wisse und zweifle nicht
Ich bin UNERSCHÜTTERLICH
IMMERWÄHREND UND OHNE FEHL.
MEIN Wesen
ist GLÜCKSELIGKEIT
UND MAKELLOSIGKEIT.
Die stark sind im Geist
scheuen jede religiöse Versenkung
und schwören ab
Allen HEILIGEN und unheiligen Handlungen
Sie trinken den Nektar des Losgelöstseins
Mein Wesen ist Glückseligkeit
und Makellosigkeit.
Wo logisches Verstehen
nicht mehr hilft
da hilft auch keine Redekunst
Der große Avadhuta
SCHWIMMEND im Meer der Glückseligkeit
Und ERFÜLLT von Inspiration
verkündigt die Wahrheit.
Om.
Der Buber wieder:
Luther übersetzt das biblische Liebesgebot im 3. Buch Moses 19,18 als „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“. Martin Buber geht da mit seiner Übersetzung deutlich weiter. Er
übersetzt:
„Halte lieb deinen Genossen, dir gleich. ICH bin’s“.
Gefährlich
Hier das gefährlichste Tier der Welt, das jährlich aktiv oder passiv Millionen seiner eigenen Art und dazu noch Milliarden und Abermilliarden Tiere anderer Arten tötet - und ein 4-Meter-Bullenhai, der im Hintergrund vorbeischwimmt...
"Wirklich kennen können wir Gott nur in der Liebe - und das ist ein sehr leidvoller Weg, denn er scheint niemals eine Erwiderung zu finden: Wir schreiten von Verlassenheit zu tieferer Verlassenheit - und zuletzt sogar durch Verrat. Am Anfang scheint es sehr leicht: Wer liebte nicht alles Schöne und Wunderbare? Doch bald lernen wir, daß dies ist, als liebten wir eine Person um der Schönheit ihres Antlitzes willen, was nicht Liebe ist, sondern Bewunderung. Der Weg der Liebe ist der Weg derjenigen Verrückten, die in ihr untergehen wollen; es ist das Heiligste, das es in der Welt gibt. Die Macht, hinter der sich das ganze Universum dreht, ist die Macht der Liebe. Wir kennen Liebe als Gernhaben eines Menschen, als Leidenschaft, als Mitleid; wir kennen sie in Zärtlichkeit, in Freundlichkeit, in Verehrung, in Freundschaft und in vielen anderen Manifestationen und Ausdrucksformen der Liebe. Aber könntest du jemals die Liebe in ihrer unverfälschten, überwältigenden Wirklichkeit erleben, es würde dich zerschmettern, mehr noch als das großartigste Wissen über den Sinn. Tatsächlich kannst du das Wesen Gottes nur manifestieren, wenn Seine Liebe dich zutiefst verletzt hat, dann, wenn du erkennst, daß alles, was du zu wissen glaubtest, ohne jeden Wert war."
(Pir Vilayat Inayat Khan)
Islamischer Rosenkranz
Die 99 Namen Allahs im islamischen Glauben
Das Beten anhand eines Rosenkranzes, also einer Kette von Perlen, ist keine typisch christliche oder gar katholische Eigenart. Es ist in allen Religionen verbreitet, auch im Islam.
Überall in islamischen Ländern sieht man Muslime mit einem Rosenkranz in der Hand.
Er besteht aus 33 Perlen (in 3 Durchgängen zupft man 99 Perlen), entsprechend den 99 Anrufungen (Namen, Bezeichnungen, Eigenschaften) Allahs, die der Koran kennen soll. Zu jeder Perle
spricht man eine Anrufung, aber immer dieselbe, eine einzige, die man aus den 99 ausgewählt hat. Oft werden die gewählten Anrufungen wie ein persönliches Geheimnis gewahrt.
Der hundertste Name Allahs soll unaussprechbar sein und den Menschen unbekannt. Im Volksmund heißt es darüber hinaus, daß nur das Kamel ihn kenne und es aufgrund dieses Wissens so einen
stolzen Blick habe.
Von Abu Huraira ist überliefert, Mohammed habe gelehrt: "Wahrlich, es gibt 99 Namen von Allah. Wer sie aufzählt, kommt ins Paradies."
Allerdings sind die Listen der Namen Allahs sehr unterschiedlich. Es ist also schwierig, sich auf eine verbindliche Version zu einigen. Einige Sammlungen enthalten 81 Namen, die auch im
Koran vorkommen und entnehmen die weiteren 18 Namen aus der Hadith, der mündlichen Überlieferung.
Die Namen Allahs scheinen sich manchmal in ihrer Bedeutung zu widersprechen oder sich teilweise gegenseitig aufzuheben. Deshalb meint der Islam-Theologe Al-Razali, Allah sein alles und
nichts. Allah könne von keinem menschlichen Verstand erfaßt werden und sei größer als unserer Vernunft; er beherrsche alles, regiere alles, lenke alle und sei der absolute Kontrolleur des
Alls.
Samuel Zwemer hat in seiner "Moslem Doctrine of God" die 99 Namen Allahs nach verschiedenen Gesichtspunkten in folgende sechs Gruppen unterteilt:
7 Namen für die Einheit und Absolutheit Allahs
5 Namen für die Schöpfermacht Allahs
24 Namen für die Barmherzigkeit Allahs
36 Namen für die Macht, den Stolz und die Souveränität Allahs
5 Namen für die Härte und die Rachsucht Allahs
4 Namen für die sittliche Eigenschaften und für das Richteramt Allahs
Da die 99 Namen Allahs unterschiedlich übersetzt werden können, sind in der folgenden Liste auch die arabischen Bezeichnungen Allahs angegeben.
1 Der Gnädige, der Wohltätige, der Mitleidsvolle, ar-rahman الرّحمان
2 Der Gnadenreiche, ar-rahiim الرّحيم
3 Der König, der souveräne Herr, al-malik المَلِك
4 Der Heilige, al-qudduus القُدّوس
5 Der Friede, as-salaam السّلام
6 Der Überzeugte, der Sichernde, al-mu'min المُؤمن
7 Der Beschützer, der Hüter, der Kontrollierende, al-muhaimin المُهَيْمِن
8 Der Allmächtige, al-aziz العزيز
9 Der Unterwerfer, al-dschabbaar الجبّار
10 Der Erhabene, der Großartige, der Stolze, al-mutakabbir المُتَكَبِّر
11 Der Schöpfer, al-chaaliq الخالق
12 Der, der aus dem nichts erschafft, der Verwirklichende, al-bari البارئ
13 Der Gestalter, al-musawwir المُصَوِّر
14 Der Vergebende, al-ghaffaar الغفّار
15 Der Unterwerfer, der Allmächtige, al-qahhaar القهّار
16 Der Verleiher, der Gebende, al-wahhaab الوهّاب
17 Der Erhalter, der Versorger, ar-razzaaq الرزّاق
18 Der Öffner, der Befreier, al-fattaah الفتّاح
19 Der Allwissende, al-aliim العليم
20 Der Zügelnde, der Verweigerer, der Umschließende, al-qaabid القابض
21 Der Gewährende, der Mehrer, der Verbreiter, al-baasit الباسط
22 Der Herabsetzende, der Erniedrigende, al-chaafidh الخافض
23 Der Erhebende, der Erhöhende, ar-raafi الرّافع
24 Der Ehrende, der Stärkende, al-mu-izz المُعِزّ
25 Der Entehrende, der Demütigende, al-mudhill المُذِلّ
26 Der Allhörende, der Hörende, as-samii السّميع
27 Der Allsehende, der Wahrnehmende, al-basiir البصير
28 Der Richter, al-hakam الحكم
29 Der Gerechte, der Ausgleichende, al-adl العدل
30 Der Edle, der Anmutige, der Milde, al-latiif اللطيف
31 Der Bewusste, der Kundige, al-chabiir الخبير
32 Der Zurückhaltende, der Nachsichtige, al-haliim الحليم
33 Der Großartige, al-aziim العظيم
34 Der Vergebende, al-hhafuur الغفور
35 Der Dankbare, der Vergelter des Guten, asch-schakuur الشّكور
36 Der Hohe, der Erhabene, al-aalī العليّ
37 Der Große, al-kabiir الكبير
38 Der Erhalter, der Beschützer, der Hüter, al-hafiiz الحفيظ
39 Der Ernährer, der Erhalter, der Stärkende, al-muqiit المُقيت
40 Der Abrechnende, al-hasiib الحسيب
41 Der Majestätische, al-dschaliil الجليل
42 Der Gütige, der Großzügige, al-kariim الكريم
43 Der Beobachtende, der Wächter, al-raqiib الرقيب
44 Der Verantwortliche, der Zuhörende, der Erhörende, al-mudschiib المجيب
45 Der Allumfassende, der Universelle, al-wāsii الواسع
46 Der Weise, al-hakiim الحكيم
47 Der Liebende, al-waduud الودود
48 Der Ruhmreiche, al-madschiid المجيد
49 Der Erweckende, al-ba-ith الباعث
50 Der Zeuge, asch-schahiid الشّهيد
51 Die Wahrheit, der Wahrhaftige, al-haqq الحقّ
52 Der Bevollmächtigte, der Anwalt, der Stellvertreter, al-wakiil الوكيل
53 Der Starke, der Kraftvolle, al-qawii القوي
54 Der Feste, der Stetige, al-matiin المتين
55 Der beschützende Freund, der Patron, al-walii الوليّ
56 Der Lobenswerte, der Preisenswerte, al-hamiid الحميد
57 Der Aufzeichnende, al-muhsii المُحصي
58 Der Hervorbringende, der Urheber, al-mubdii المُبدئ
59 Der Wiedererweckende, der Wiederherstellende, al-mu-iid المُعيد
60 Der Beschleuniger, der Lebensspendende, al-muhiiyy المُحيي
61 Der Verursacher des Todes, al-mumiit المُميت
62 Der ewig Lebende, der Lebendige, al-hayy الحيّ
63 Der Ewige, der sich selbst Erhaltende, der Beständige, al-qayyuum القيّوم
64 Der Glanzvolle, der Edle, der Seingebende, al-waadschid الواجد
65 Der Ruhmreiche, der Glorreiche, al-maadschid الماجد
66 Der Einzigartige, der Einzige, al-wahid الواحد
67 Der Eine, al-ahad الاحد
68 Die ewige Hilfe für die Schöpfung, der Absolute, as-samad الصّمد
69 Der Fähige, der Begabte, der Bemessende, al-qaadir القادر
70 Der Vorherrschende, der Mächtige, al-muqtadir المُقتدر
71 Der Beförderer, der Vorwärtsbringer, al-muqaddim المُقدِّم
72 Der Verzögerende, der Hindernde, der Verschiebende, al-mu'achchir المُؤخّر
73 Der Erste, al-awwal الأوّل
74 Der Letzte, al-aachir الآخر
75 Der Manifeste, der Äußere, der Offenbare, az-zaahir الظّاهر
76 Der Verborgene, der Innere, al-baatin الباطن
77 Der Regent, der Schutzherr, al-waalii الوالي
78 Der Erhabene, al-muta-aalī المُتعالي
79 Der Rechtschaffene, al-barr البرّ
80 Der, der die Reue entgegennimmt, der Mildernde, at-thawwaab التّوّاب
81 Der Vergelter, al-muntaqim المُنْتَقِم
82 Der Vergebende, der Entgegenkommende, der Milde al-afw ّالعفُو
83 Der Mitleidsvolle, ar-ra-uuf الرّؤف
84 Der Inhaber der Souveränität (Reichtümer), maalik-ul-mulk مالك المُلك
85 Der Herr der Majestät und der Ehre, dhu-l-dschalaali wa l-ikraam ذو الجلال والإكرام
86 Der für Gerechtigkeit Sorgende, der Unparteiische, al-muqsit المُقسط
87 Der Sammler, der Versammelnde, al-dschaami الجامع
88 Der, der sich selbst genug ist, der Reiche, der Unabhängige, al-ghanii الغنيّ
89 Der Befreiende, al-mughnii المُغْني
90 Der Zurückhalter, der Schützende, al-maanii المانع
91 Der Erzeuger der Not, ad-daar الضّار
92 Der Hilfreiche, der Begünstigende, der Wohltäter, an-nafi النّافع
93 Das Licht, an-nuur النّور
94 Der Führer, al-hadii الهادي
95 Der Schöpfer, der Erfinder, der Unvergleichliche, al-badi البديع
96 Der ewig Währende, der Dauernde, der Bleibende, al-baaqi الباقي
97 Der Erbende, al-waarith الوارث
98 Der Führer zum rechten Weg, der Leiter, der Lenker, ar-raaschid الرّشيد
99 Der Geduldige, der Standhafte, as-sabuurالصّبور
Rechner-Revolution: Google und Nasa präsentieren Quantencomputer
Diesen Link schickte mir ein Kreismitglied:
Da diese Links oft kurzlebig sind unten der Text, doch vorher noch ein paar Dialogfetzen dazu:
"Er braucht also absolute Dunkelheit und Stille... interessant:-)"
"Cool - Dunkelheit und Stille, ja, das ist nachvollziehbar - aber absolute Kälte? Oha! ^^"
"...vielleicht sollte ich dann doch im Gartenhaus beim Meditieren ein paar Grad weniger akzeptieren??" (Womit jeder weiß, wer den Link schickte)
Doch jetzt der Artikel:
Hinter mehreren Sicherheitsschleusen am Ende eines verwinkelten Ganges im Nasa-Forschungszentrum in Nordkalifornien steht ein unauffälliger schwarzer Kasten, so groß wie ein
Gartenhäuschen.
In seinem Inneren herrschen Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt, völlige Dunkelheit und totale Stille. Denn nur unter diesen Bedingungen funktioniert die Technik, mit deren Hilfe
Google und die Nasa eine neue Computerrevolution einläuten wollen - die des Quantencomputers. Die daraus entstehenden Möglichkeiten seien enorm, glauben die beteiligten Wissenschaftler:
Kluge Maschinen, mit denen sich schädliches Kohlendioxid direkt aus der Atmosphäre filtern lässt, Raumflüge zum Mars möglich werden und der Weg zur künstlichen Intelligenz nicht mehr weit
scheint.
Bislang war allerdings noch nicht einmal sicher, ob ein Quantencomputer überhaupt existieren kann. Die US-Raumfahrtbehörde und der Internetkonzern haben schon vor zwei Jahren begonnen,
ihre Expertise in Datenverarbeitung und Physik zu bündeln, um gemeinsam an der Schnittstelle von Informatik und Quantenmechanik zu forschen.
Jetzt erst aber stellten Google und Nasa ihre Arbeit der Öffentlichkeit vor. Mit einer klaren Botschaft: "Es funktioniert." Die Forscher seien nach vielen Grundlagentests nun bereit, "die
nächste Generation von Quantencomputern zu bauen, mit denen echte, schwierige Probleme angegangen werden können", sagt Hartmut Neven, Leiter des Quantum Artificial Intelligence Laboratory
von Google.
Neven stammt aus Aachen und promovierte am Institut für Neuroinformatik der Uni Bochum. Neben seinen Kollegen von der Nasa, im Anzug und mit Seitenscheitel, wirkt der deutsche Ingenieur
eher wie ein Kreuzberger Szenewirt, mit abgerocktem schwarzem T-Shirt, silbernen Turnschuhen und zerrissener Jeans. Doch Neven gilt als einer der klügsten Köpfe unter den
Google-Wissenschaftlern, schon lange tief abgetaucht in das seltsame, subatomare Reich der Quantenmechanik.
Diese Welt ist selbst für die klügsten Wissenschaftler unfassbar kompliziert, weil sie - vereinfacht gesagt - zwei gegensätzliche Zustände gleichzeitig erlaubt: an und aus, ja und nein.
Eine Welt, in der eine Katze gleichzeitig tot und lebendig sein kann, so erklärte es der Physiker Erwin Schrödinger in einem berühmten Gedankenexperiment. Bislang glaubten die Experten,
es würden noch Jahrzehnte vergehen, bis es einen Computer gibt, der die Gesetze der Quantenmechanik nutzen kann: 0 und 1 zur gleichen Zeit in einem sich überlagernden Zustand.
"Die Natur ist nicht zufrieden, wenn ein Objekt nur in einem einzigen Zustand existiert", sagt Neven. In der Chemie und der Biologie sei zu beobachten, dass die Welt nur funktionieren
kann, weil sie viele sich überschneidende Formen zulässt. Deswegen, so Neven, habe schon einer der Väter der Quantenphysik, Richard Feynman, erkannt, dass ein herkömmlicher Computer die
ganze Komplexität der Welt niemals abbilden könne. "Da die Quantenphysik das Betriebssystem der Natur ist, braucht es unweigerlich einen Quantencomputer, um sie zu bedienen", so Neven.
Der Quantenchip sei der einzig natürliche Bewohner des Multiversums, in dem wir leben.
Die Nasa- und Google-Wissenschaftler träumen nun schon von Flugzeugen, die keinen menschlichen Piloten mehr brauchen, oder von klugen Maschinen, die etwa neuartige Batterien konstruieren,
die hundertmal länger halten.
Der Kern der Maschine, der eigentliche Quantenchip, ist dabei kaum fingernagelgroß. Er sitzt fast unsichtbar am untersten Ende eines fast zwei Meter langen Gewirrs aus Kabeln,
Metallplatten und Konduktoren. Sehr vereinfacht dargestellt funktioniert der Prozessor so: Im Zentrum steht das Quantum-Bit (Qubit). Qubits können Zustände annehmen, die einer Mischung
aus an und aus entsprechen. Wenn nun mehrere Qubits auch noch miteinander verschränkt werden, lässt sich damit schnell eine unglaublich hohe Zahl von Werten gleichzeitig messen - und
damit theoretisch viel komplexere Probleme lösen als heute selbst mit den größten Supercomputern.
Den Chip haben die Nasa und Google jedoch nicht selbst entwickelt, sondern von einer kanadischen Firma namens D-Wave gekauft, finanziert unter anderem von Amazon-Gründer Jeff Bezos und
einer Investmentfirma, hinter der sich die CIA verbirgt, arbeitet D-Wave schon über zehn Jahre an der Entwicklung eines Quantencomputers.
Die Skepsis war dabei lange groß. Heiße Luft fabriziere das Unternehmen, kritisierten manche Physiker. Schnell sei der Prozessor vielleicht, aber nur durch Trickserei und herkömmliche
Technik, nicht Quantenmechanik, warnten Computerwissenschaftler. Die anhaltende Kritik kommt nicht zuletzt daher, dass Quanteneigenschaften experimentell nur schwer nachvollziehbar sind.
Google und die Nasa sind aber nun überzeugt, genügend Beweise zusammengetragen zu haben, die auch veröffentlicht werden. Unter bestimmten Laborbedingungen rechne der Quantencomputer 100
Millionen Mal schneller als ein herkömmlich binärer.
"Wir stehen noch ganz am Anfang", vergleichbar etwa mit dem Stand der Entwicklung bei heute üblichen Computern vor 50 Jahren, sagt Rupak Biswas, der die Abteilung für Supercomputing der
Nasa leitet. Noch sei man an den Punkt, wo man "A" eintippt und hofft, dass nicht "B" erscheint. "Aber wenn sich alles so entwickelt, wie wir erwarten, wird das die Welt revolutionieren",
so Biswas.
Google will sich allerdings nicht mehr allein auf die D-Wave-Maschine verlassen: Der Konzern hat bereits begonnen, Physiker und Hardware-Spezialisten einzustellen - um einen eigenen "noch
besseren" Quantencomputer zu bauen, sagt Neven. Denn früher oder später "wird der Quantencomputer das Instrument der Wahl sein, um alle großen Fragen zu beantworten".
Oha!
Aber es muss nicht wirklich erstaunen, dass der Mann scheinbar Dutzende von seinen "Golden Tickets" verkaufen konnte...
Für Freunde zen-buddhistischer Annäherung an die eine Wahrheit hier ein paar wunderbare Zeilen Huang-po's, der damit die übliche peinliche Szene macht - im Versuch, seinen Schülern das durch jenes zu vermitteln, welches er grade als Mittel der Annäherung verwirft.
»Sowohl die Buddhas als auch alle fühlenden Wesen sind nur eines einzigen GEISTES, und es gibt keine anderen Objekte. Dieser GEIST hat keinen Anfang, wurde nie geboren und wird nie
sterben; er ist weder blau, noch gelb; er hat keine Gestalt, noch Form; er gehört nicht zu der Kategorie von Sein und Nicht-Sein; er ist nicht als neu oder alt zu betrachten; er ist weder
kurz noch lang, weder groß noch klein; er ist jenseits aller Maße, Benennbarkeit, Kennzeichen und aller Arten von Antithesis. Er ist absolute Soheit; die geringste Regung eines Gedankens
verfehlt ihn sofort. Er ist wie die Leere des Raumes, er hat keine Grenzen, und er ist völlig unberechenbar.«
»Es gibt nur gerade diesen Einen GEIST, der die Buddhaschaft begründet, und in ihm sind die Buddhas und alle fühlenden Wesen enthalten, ohne dass sich zwischen ihnen ein Unterschied
zeigte, nur dass letztere an eine Gestalt gebunden sind und den GEIST außerhalb ihrer suchen. Deshalb ist er ihnen um so ferner, je mehr sie ihn suchen. Lasst den Buddha sich außerhalb
seiner suchen, lasst den GEIST sich außerhalb seiner suchen, und bis ans Ende der Tage wird nichts gefunden werden. Hört auf mit eurem Denken, vergesst euer Verlangen, und der Buddha wird
sich unmittelbar vor euren Augen offenbaren.«
»Dieser GEIST ist nichts anderes als der Buddha, und der Buddha ist nichts anderes als die fühlenden Wesen. Wenn der GEIST die fühlenden Wesen ist, zeigt er keine Abnahme, wenn er der
Buddha ist, zeigt er keine Zunahme. Er enthält seinem Wesen nach alle sechs Tugenden der Vollendung, alle zehntausend guten Werke und alle Vorzüge, die zahlreich sind wie der Sand der
Ganga; in im ist nichts, das von außen hinzugefügt worden wäre. Wenn er sich Umständen gegenübersieht, überlässt er sich ihnen bereitwillig, doch wenn sie aufhören, kommt er wieder zur
Ruhe. Diejenigen, die nicht fest an diesen GEIST, welcher der Buddha ist, glauben, sondern statt dessen dadurch Verdienst erwerben wollen, dass sie sich einer Form verbinden und sich
Übungen unterziehen, hegen falsche Vorstellungen, die nicht in Übereinstimmung mit dem Tao sind.«
»Dieser GEIST ist der Buddha, und außer diesem gibt es keine Buddhas, noch andere Arten Geist, welche der Buddha wären. Die Reinheit des GEISTES gleicht dem Himmel, an dem nicht die
geringste Spur einer Form zu sehen ist. Wenn der Geist erregt ist, wenn ein Gedanke aufsteigt, wendet ihr euch vom Dharma ab, der dafür bekannt ist, dass er an eine Form bindet. Zu keiner
Zeit gab es Buddhas, die an eine Form gebunden gewesen wären. Wenn ihr Buddhaschaft dadurch erlangen wollt, dass ihr euch in den sechs Tugenden der Vollkommenheit übt und alle zehntausend
guten Werke vollbringt, wird damit ein vorgeschriebener Weg beschritten, und zu keiner Zeit gab es Buddhas, die einen vorgeschriebenen Weg beschritten hätten. Gewinnt nur Einsicht in den
Einen GEIST, und ihr werdet erkennen, dass ihr nichts als euer Eigentum betrachten könnt. Das begründet die wahre Buddhaschaft.«
»Der Buddha und die fühlenden Wesen sind des Einen GEISTES, und es besteht da kein Unterschied. Er gleicht dem Raum, der keine Beimischungen und nichts Zerstörbares enthält; und er
gleicht der großen Sonne, welche die vier Welten erhellt. Wenn die Sonne aufgeht, ist die Welt von Helligkeit erfüllt, doch der Raum selber ist nicht hell; wenn die Sonne untergeht,
erfüllt Dunkel die Welt, doch der Raum selber ist nicht dunkel. Helligkeit und Dunkel sind Zustände, die sich ablösen, doch die für den Raum bezeichnende unermessliche Leerheft bleibt
ewig unverändert. Der GEIST, welcher den Buddha und alle fühlenden Wesen bildet, ist dem gleich; wenn ihr den Buddha als Gestalt betrachtet, die rein, hell und frei ist, und die fühlenden
Wesen als Gestalten, die befleckt, dunkel, unwissend und der Geburt wie dem Tode unterworfen sind, könnt ihr, solange ihr dieser Ansicht seid, selbst nach so vielen Kalpas wie die Ganga
Sand hat, keine Erleuchtung erlangen, weil ihr der Gestalt verhaftet seid. Ihr solltet wissen, dass es nur den Einen GEIST gibt, und dass daneben kein Atom von irgend etwas vorhanden ist,
das ihr als euer Eigentum betrachten könntet.«
»Der GEIST ist nichts anderes als der Buddha selbst. Wahrheitssucher von heute verstehen nicht, welcher Art dieser GEIST ist. Sie suchen den Buddha, ihre Gedanken auf den GEIST richtend,
in einer Welt außerhalb desselben und unterziehen sich Übungen, wodurch sie sich an eine Form binden. Das ist ein schlechtes Verfahren und keineswegs dasjenige, das zur Erleuchtung
führt.«
»Es sei besser, so heißt es, einem einzigen Mönch, der Nicht-Bewusstheit verwirklichte, Opfer darzubringen, als allen Buddhas der zehn Weltgegenden. Weshalb? Nicht-Bewusstsein bedeutet,
kein Bewusstsein (oder Gedanken) irgendwelcher Art zu haben. Der Körper des So-Seins ist innen wie Holz oder Stein; er ist unbeweglich und unerschütterlich; außen ist er wie Raum, in dem
es keine Hindernisse, kein Anhalten gibt. Er ist jenseits von Subjekt wie von Objekt, nimmt keine Orientierungspunkte wahr, ist gestaltlos und kennt weder Gewinn noch Verlust. Jene, die
nach äußeren Dingen rennen, wagen es nicht, in diesen Dharma einzugehen, denn sie stellen sich vor, sie würden dann in einen Zustand des Nichts verfallen, in dem sie sich unmöglich
zurechtfinden könnten. Deshalb werfen sie nur einen flüchtigen Blick darauf und ziehen sich zurück. So sind sie im allgemeinen Forscher von großer Gelehrsamkeit. Tatsächlich sind jene
Forscher von großer Gelehrsamkeit wie Haare (d.h., zu zahlreich), während jene anderen, welche die Wahrheit begreifen, wie Hörner sind (d.h., zu wenige).«
Hier mal was für wirklich fleißige Interpretierer - jedenfalls werden im vorliegenden Text Relativität und Doppelgesichtigkeit der Welten der Trennung vorbildlich herausgearbeitet. :o)
Des Frühlings letzte Pflaume
Dunkel war's, der Mond schien helle,
Schneebedeckt die grüne Flur,
Als ein Auto blitzesschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.
Drinnen saßen stehend Leute
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Als ein totgeschossner Hase
Auf der Sandbank Schlittschuh lief.
Und der Wagen fuhr im Trabe
Rückwärts einen Berg hinauf.
Droben zog ein alter Rabe
Grade eine Turmuhr auf.
Ringsumher herrscht tiefes Schweigen
Und mit fürchterlichem Krach
Spielen in des Grases Zweigen
Zwei Kamele lautlos Schach.
Und auf einer roten Bank,
Die blau angestrichen war
Saß ein blondgelockter Jüngling
Mit kohlrabenschwarzem Haar.
Neben ihm 'ne alte Schachtel,
Zählte kaum erst sechzehn Jahr,
Und sie aß ein Butterbrot,
Das mit Schmalz bestrichen war.
Oben auf dem Apfelbaume,
Der sehr süße Birnen trug,
Hing des Frühlings letzte Pflaume
Und an Nüssen noch genug.
Von der regennassen Straße
Wirbelte der Staub empor.
Und ein Junge bei der Hitze
Mächtig an den Ohren fror.
Beide Hände in den Taschen
Hielt er sich die Augen zu.
Denn er konnte nicht ertragen,
Wie nach Veilchen roch die Kuh.
Und zwei Fische liefen munter
Durch das blaue Kornfeld hin.
Endlich ging die Sonne unter
Und der graue Tag erschien.
Dies Gedicht schrieb Wolfgang Goethe
Abends in der Morgenröte,
Als er auf dem Nachttopf saß
Und seine Morgenzeitung las.
(Ursprung sächsisch, 19. Jhdt.?)
Kann ich meinen Lebensstil mit meinem Glauben vereinbaren?
Ich behaupte, mich selbst ein kleines Stück überwunden zu haben. Dabei änderte sich mein Lebensstil jedoch nicht. Warum nicht? Dazu muss ich erklären, was ich überwand: Mein eifrig
vertretener Rationalismus und Empirismus brach zusammen. Die Grundlage, nicht an einen Gott zu glauben, konnte nur fallen, denn ich wurde eines Besseren belehrt. Es ging mir früher darum,
meine Individualität soweit wie möglich zu entfalten. Ein hartes, beschauliches Ich wollte ich mir schaffen. Ich war gelinde gesagt das Gegenteil von dem, was ich jetzt bin. Eine
Erkenntnis, die ich aus meinem eigenen Geist heraus erkannte, bewegte mich umzudenken. Ich kann aber dennoch meine Handlungsweise vertreten. Mein Gewissen ist davon nicht betroffen. Ich
erkannte, das alles Ich ist, und Ich alles bin. Somit fällt jede Handlung von mir wieder auf mich zurück. Ich trennte Körper und Geist und wollte überwinden. Dazu begann ich natürlich
mit meinem Verstand, denn der war mir am leichtesten zugänglich. Ich musste lernen, nicht alles in Formen zu zwängen, offen für alles zu sein. Es ging mit der Zeit und jetzt habe ich
meinen Verstand überwunden. Ich kann nicht mehr behaupten, dass der Verstand und die Logik die einzigen Wahrheiten hervorbringen. Ich erkannte, dass die Körper-Geist-Trennung verlangt,
den Verstand als meinem Körper zugehörig zu sehen. Somit wurde mein Ich etwas anderes, etwas, das zum Existieren keinen Verstand nötig hat.
Den Rest meines Körpers, das Fleisch und die Triebe, konnte ich noch nicht überwinden. Mein Ich ist also zum Teil noch fleischlich und triebhaft. Ich begann innerhalb meines Körpers zu
überwinden, um dann den Rest vorzunehmen. Das ist der Grund für meine Handlungsweisen, die doch sehr animalisch sind.
Grässlich ist es, mitanzusehen, wie der Körper und dessen Drängen mich in Richtungen leitet, die mein Ich nicht will. Ich schuf eine Hierarchie, und deren König war machtlos. Erst seit
heute weiß ich, dass grade das die Stärke meines Ichs ausmacht. Ich war zwar machtlos, aber es war nicht die Macht, die mein Ich brauchte, mein Ich brauchte und braucht das vollständige
Hinnehmen jeder Niederlage, denn mit jeder Niederlage erkennt man einen Schleier, den es zu lüften gilt. Erst wenn mein Geist etwas zu bieten hat, wird mein Körper folgen wollen. Wohin?
Zu meinem von mir erstrebten Ziel, Eins sein mit allem. Dorthin, wo es keine Individualität gibt. Und wie komme ich dorthin? Indem ich erkenne, wer ich bin, indem ich alles liebe und
keines mehr als das andere. Das Ich ist ein Teil der Schöpfung und es enthält den Schöpfer - wie alles um mich herum. Der Schöpfer und die Schöpfung sind eins, welch erhabene Kunst! Und
mit diesem Glauben, mit meinem heutigen Ich, habe ich mehr Chancen, mein Ziel zu erreichen, auf einem Weg, der das Ziel ist. Ist das alles genug Rechtfertigung für meinen
Lebensstil?
Nein, als Rechtfertigung ist das unsinnig. Es zeigt nur, das mein Lebensstil meiner inneren Welt noch nicht entspricht. Aber mein Körper ist nur ein kleiner Teil von mir, ich kann nur
überwinden, was in meinen Fähigkeiten liegt. Fähigkeiten sind erlernbar und erweiterbar.
(Bruder Silvio)
Klein-Daski 1915
Das So-Sein der Dinge
Afghane: "Was ist das?"
Rambo: "Blaues Licht!"
Afghane: "Was macht es?"
Rambo: "Es leuchtet blau!"
(Rambo III)
Nach nun mehrmaliger berechtigter Kritik
...am "Ochsenhirten" sind vielleicht folgende ergänzende Worte hilfreich:
Der "Ochsenhirte" zeigt die beispielsweise von R.F. in den Kommentaren kritisierte etwas andere Sichtweise des Zen. Sie gehen eben nicht davon aus, dass es ein höheres Selbst entsprechend unserer Sichtweise gibt, sondern betrachten die "Buddha-Natur" als etwas der AP Innewohnendes. Wir würden es "HS in den Trennungswelten" nennen, nur sehen die Zenlinge die Buddha-Natur als vollkommen an, was wir wiederum nur dem HS außerhalb der Trennungswelten zubilligen - zumindest auf die "Dinge" außerhalb bezogen. Freilich mit dem Mangel der Nicht-Individuation behaftet.
Wir müssen die Vollkommenheit in den Trennungswelten erarbeiten. Die Zenlinge erarbeiten sich quasi als APs den Zugang dazu. Das ist beides soweit ganz logisch,
allerdings erklärt die Zen-Sicht nicht die anfängliche Verwicklung (sie nehmen Verwicklung seit "anfangloser Zeit" an) und ist daher minder logisch und somit die abzulehnendere
Arbeitshypothese, wenn wir den Weg der Erkenntnis beschreiten wollen.
Dass wir als HS innerhalb der Trennungswelten aktiv dieses irrtumsbehaftete HS und damit die AP zu modifizieren beginnen (oder auch nur dazu bereit sind) ist ein spektakulärer Schritt,
den wir mit dem Volontariat gleichsetzen können - wenn es tatsächlich aus innerer Überzeugung angenommen wird.
Der Ochs und sein Hirte
Die Suche nach dem Ochsen
Gefahrvolle Sümpfe und endlose Wälder
durchstreift der Hirte und sucht seinen Ochsen.
Breit sind und ohne Namen die Flüsse am Pfade,
fast undurchdringlich das Dickicht der fernen Berge.
Völlig erschöpft ist er,
verzweifelt ermattet sein Herz.
Wo denn sollte er suchen? Nur der Zikaden Zirpen
trifft im Dämmer des Abends sein Ohr.
Das Finden der Ochsenspur
Unzählig die Spuren des Ochsen, die er gesehen
am Ufer des Flusses und unter den Bäumen.
Sieht er dort drüben wohl auch das zertretene Gras?
Wie tief auch die Schluchten der ragenden Berge,
verbergen des Ochsen Nase können sie nicht,
reicht sie doch fast bis zum weiten Himmel.
Das Finden des Ochsen
Hell ertönt der Nachtigallen Gesang.
Warm liegt die Sonne auf den Blättern
der im Winde sich wiegenden Weiden.
Dort entdeckt er den Ochsen,
nichts mehr kann ihn verbergen.
Welch herrliches Haupt, welch stattliche Hörner!
Kein Maler könnte es erreichen.
Das Fangen des Ochsen
Fest ergreift der Hirte das Leitseil des Ochsen.
Mit Mühe nur hält er ihn fest.
Sein Sinn ist noch immer zu heftig,
zu ungestüm seine Kraft.
Bald stürmt er hinauf ins Hochland,
bald strebt er nach Schluchten voll Nebel und Dunst,
um dort zu verweilen.
Das Zähmen des Ochsen
Straff muß er halten das Leitseil des Ochsen.
Nicht einen Augenblick darf er es lockern
noch geben ihm Raum.
Sonst liefe der Ochse zurück zum morastigen Grund.
Geduldig gezähmt jedoch wird er sauber und sanft,
und ohne Fessel und Seil folgt er willig dem Hirten.
Das Heimreiten auf dem Ochsen
Ich besteige den Ochsen und reite
langsam nach Hause zurück.
Die Stimme meiner Flöte klingt durch den Abend.
Ich dirigiere den endlosen Rhythmus,
indem ich mit Schlägen der Hand
die pulsierende Harmonie abmesse.
Braucht der noch Worte,
der diesen Sinn versteht?
Der Ochse verschwindet
Rittlings auf dem Ochsen
erreiche ich mein Heim.
Ich bin heiter.
Es gibt keinen Ochsen mehr.
Die Dämmerung ist hereingebrochen.
In glückseliger Ruhe habe ich in meiner strohgedeckten Hütte
Peitsche und Seil zurückgelassen.
Ochse und Selbst verschwinden
Peitsche, Seil, Mensch und Ochse - alle verschmelzen zu Nichts.
Dieser Himmel ist so unermeßlich,
daß keine Botschaft ihn beflecken kann.
Wie könnte eine Schneeflocke
im wütenden Feuer bestehen?
Hier sind die Fußstapfen der Partriarchen.
Das Erreichen der Quelle
Zur Quelle zurückgekehrt.
Aber die Schritte waren umsonst.
Besser wäre man blind und taub gewesen von Anfang an.
Im wahren Heim wohnen,
unbekümmert um das Draußen -
Der Fluß strömt geruhsam,
und die Blumen sind rot.
In der Welt
Barfuß und mit nackter Brust
mische ich mich unter die Menschen der Welt.
Meine Kleider sind zerfetzt und staubbedeckt,
und ich bin immer glückselig.
Ich brauche keine Magie,
um mein Leben zu verlängern;
jetzt, vor mir, werden die toten Bäume lebendig.
(eine traditionelle Chan-Geschichte, die die AP auf der Suche nach dem HS beschreibt)
"Kann jeder Aspirant einen Aspiranten erkennen?"
"Schau auf das Pyramidenmodell - nur dort, wo die beiden Aspiranten im aspirantischen Bereich eine Schnittmenge haben besteht die theoretische Möglichkeit. Ergänzt wird diese durch Erfahrung und wachsende Ausdehnung im aspirantischen Bereich. Ansonsten müssten sich zwei Aspiranten mit Schnittmenge zwingend gegenseitig erkennen. Das ist aber bei Neulingen oft nicht der Fall. Sie erkennen manchmal sogar sich selbst nicht als Aspiranten.
Nur ein innerhalb der Aufgabenpyramide zumindest bis zum kompletten Aspiranzniveau vollendeter relativer Meister ist grundsätzlich in der Lage, jeden Aspiranten der entsprechenden Schulklasse als Aspiranten zu erkennen, da er mit jedem Aspitranten eine Schnittmenge hat. Hilfreich ist auch hier die weitergehende Vollendung der über dem Aspiranzniveau liegenden Aufgaben, so dass wir völlige Sicherheit im Erkennen-Können erst bei einem Wegbegleiter haben, der die Tugendpyramide seiner Klasse gänzlich erfüllt hat."
Motivation
Rechte Motivation ist nicht, Aspiranz kriegen zu wollen, sondern Aspirant zu werden.
(Lada)
Negation II - Die Vollversion für echte Fans...
Nicht wird der Mensch jemals rein durch die Gnade irgendeines Subjektes ans Ziel seiner Reise gelangen. Der Mensch wurde mit Beinen und Sein ausgestattet, damit er gehe, erkenne und von allein das Ziel der Ziele erreiche.
Nicht ist der Mensch Herr oder Sklave dieser Welt. Denn die Welt ist Sein, genau wie er. Es gibt nur ein Sein, also auch keine Welt außerhalb des Menschen.
Nicht ist das Sein das Leben. Denn das Leben ist eine Art zu Sein. Es gibt nur ein Sein, aber zwei Arten zu Sein: Tot oder lebend.
Nicht ist der Tod etwas Schlechtes, Böses. Denn das Eine wie das Andere ist nur Offenbarung des reinen Seins, welches allein Wesenlos ist.
Nicht ist Gott über den Menschen. Denn Gott ist das Sein der reinsten Art. Ein Sein, ein Wesen, ein Gott.
Nicht wird der Mensch wiedergeboren. Denn er ist das Sein, ungeboren, ewig, unvergänglich.
Nicht ein Jesus erlöst uns von unseren Sünden. Sondern die Erkenntnis, der eine Tat folgen wird.
Nicht gibt es ein Karma. Denn der Mensch ist das Sein, und es gibt kein Außerhalb. Karma gehört zu den Schöpfungen des Geistes.
Nicht ist ein Ding, von dem es kein Gegenteil gibt. Nur vom Sein gibt es kein Gegenteil, also ist das Sein.
Nicht die Hingabe an andere ist der Weg zur Erleuchtung. Denn es gibt nur ein Sein. Hingabe an dieses Sein führt nicht zur Erleuchtung, sondern ist die Erleuchtung.
Nicht das Geben allein ist Gut. Denn vom Geben gibt es ein Gegenteil, also gibt es kein Geben.
Nicht gibt es Nichtgebendes, Maya ist Illusion.
Nicht stirbt der Mensch, nicht wird er geboren. Das eine Sein ist frei von Brahma, Vishnu und Shiva.
Nicht hat das Sein einen Namen, solange es ein Unbenanntes gibt.
Nicht ist die Welt schwierig. Denn die Welt ist Sein. Kein Leichtes oder Schweres ist außerhalb des Seins. Die Kompliziertheit der Welt ist der Grad unserer Verlorenheit im Geiste, in der Maya.
Nicht ist der Geist schlecht. Denn der Geist ist sowohl unser Hindernis als auch unser Bein zur Erkenntnis des eigenen Wesens, des reinen Seins.
Nicht gibt es einen Zufall. Denn ein Sein ist frei von Attributen, frei vom Werden, vom Erhalten und Vergehen.
Nicht gibt es eine Autorität. Denn die Maya ist bestenfalls ein Spiegel unsres Wesens. Der Herr wie der Sklave sind wir selbst.
Nicht gibt es die Sünde, die Buße, den Ablass. Denn wir sind der Erschaffer, Erhalter und Zerstörer der Maya. Wir schaffen die Gesetze und die Moral als Teil unsrer Maya und empören uns über die, die sich nicht daran halten. Ein Gesetz, an das sich jemand nicht halten kann, ist kein Gesetz, sondern eine immer austauschbare Moral. Es gibt Gesetze, und an denen kommt auch die Maya nicht vorbei - Sein, Einheit, Liebe.
(Bruder Silvio)
Meinungen
...sind schlimmere Feinde der Wahrheit, als Lügen, heißt es. Warum eigentlich? Der hier abgebildete Zeitungskommentar eignet sich zumindest als Beispiel für die persönliche Perspektive - wenn auch nicht für die öffentliche.
Herr Zawodsky hat diesen Kommentar offensichtlich nicht als Lüge formuliert, weil die Wahrheit einfach zu nah liegt. Er behauptete hinterher, er habe von einer Lehrerin die Auskunft erhalten Acab sei ein türkischer Jungenname. So wie beispielsweise Recep. Er ist also mit ehrlicher Entrüstung und einer falschen Meinung über beides gestolpert, denn "Acab" ist, wie gewiss alle wissen, ein Akronym für " All cops are bastards" aus der Punk- und Anarchoscene (und angrenzender Subkulturen). Als Lüge hätte Herr Z. das also kaum geschrieben. Mit seiner falschen Meinung hat er sich schön in die Nesseln gesetzt und ordentlich Häme einstecken müssen.
Auf der persönlichen Ebene kann man also sagen: Hätte Herr Z. gewusst, dass er lügt, dann wäre es ihm persönlich zugänglich gewesen. (Zumindest, wenn wir die Möglichkeit der Verdrängung hier nicht beachten, mit der eine Lüge auch vor einem selbst nach und nach zu einer Wahrheit werden kann.) Bei einer Meinung ist das nicht so. Wir sehen Meinungen als Wahrheiten. Und das, obwohl wir selbst schon hunderte Male unsere Meinungen geändert haben. Vorher war die Meinung absolut richtig - und hinterher auch! Seltsam. Meinungen stehen der Erkenntnis der Wahrheit im Weg. Oder sagen wir besser, sie hindern uns, graduell höhere Wahrheiten zu erkennen. Meinungen sind Entwicklungsendpunkte.
Die öffentliche Perspektive von Meinungen als schlimmere Feinde der Wahrheit durchdenke einmal selbst. Es ist recht interessant, sich da eine Meinung :-) zu bilden...
...und nochmal die Väter:
Strebe nicht nach Würden, und lass dich nicht gelüsten nach Ehren, die mehr erfordern, als du gelernt hast. Lass dich nicht gelüsten nach der Speise der Könige, denn deine Speise ist besser und deine Krone größer als ihre. Und dein Meister wird dir sicher den Lohn für deine Mühen geben.
(Sprüche der Väter 6,5)
Aktuell und erfreulich
Machen wir es kurz: Eine weitere Person aus dem Kreis hat Aspiranz erlangt. Hurra!
Eine Danksagung...
an den Lehrer, der in ähnlicher Weise handelt, wie in der folgenden Antwort Baal-schem-tow auf die Frage eines Schülers.
Schüler:" Wie geht das zu, dass einer, der an Gott hängt und sich bemüht, zuweilen eine Entfremdung von Ihm erfährt und nicht weiter weiß?"
Baal-schem-tow:" Wenn ein Vater seinen kleinen Sohn gehen lernen will,stellt er ihn erst vor sich hin und hält die eigenen Hände zu beiden Seiten ihm nah, dass er nicht falle, und so geht
der Knabe zwischen den Vaterhänden auf den Vater zu. Sowie er aber zum Vater herankommt, rückt der um ein weniges ab und hält die Hände weiter auseinander, und so fort, dass das Kind
gehen lerne."
(Lada, nach Martin Buber)
Der Blumenhügel
am neuen Meditationshaus in voller Blütenpracht - sehr zur Freude der Hummeln. (25.6.15)
Schon alt, aber wenn man auf diese Art etwas finsteren Humor steht... Und ernst genommen immerhin ein Ansporn, wo sonst nichts hilft. ^^
(Bruder Dirk)
Für den der schaut!
Unter blauem Himmel - der Weg.
Im Dunkel der Nacht - der Weg.
In wegloser Wildnis - der Weg.
Neben breiter Straße - der Weg.
Selbst in den Tiefen des Meeres
und auf den höchsten Gipfeln - der Weg.
In Freude und Leid - der Weg.
Gestern der Weg, heute der Weg, morgen der Weg.
Aus dem Gewirr breiter Straßen und Leid,
aus wegloser Wildnis und Dunkel - führt er heraus.
In Licht und Freude - führt er hinein
- für den, der schaut.
(Bruder Dirk)
Gespräch
"Du hast mal von heiligen Worten gesprochen, sag mir, was könnte an einem Wort heilig sein?"
Worte sind manifestierte Ideen und es gibt heilige Ideen. Der Ausdruck einer heiligen Idee ist Ausdruck des Wesen Gottes. Eine heilige Idee schafft, erhält und zerstört. Sie schafft
Neues, erhält sich und den, der die Idee hat und zerstört das Alte. Alle drei Phasen wurden benannt - z.B. Brahma, Vishnu, Shiva. Dies sind drei Namen Gottes und eben Teil jeder heiligen
Idee. So gibt es für Ideen viele Ausdrucksformen und auch Wörter. Sie alle meinen dasselbe und sie alle sind heilig. Die Idee hinter dem Wort 'Liebe' ist heilig. Auch das Wort 'Liebe' ist
heilig, denn heilig kann nur etwas Absolutes, Reines, Unwandelbares und Unteilbares sein, da Heiligkeit unmittelbarste Ausdrucksform Gottes ist, was sich nur durch Intuition und eigene
Erfahrung erfassen lässt. Die Idee der Liebe ist unteilbar, so ist auch das Wort 'Liebe' wortgewordene Liebe.
Wenn ein junges Wesen auf dem Pfad das Wort 'Liebe' ausspricht, so spricht es ein anderes Wort, das nur gleich klingt. Es ist ein anderes Wort, eine andere Idee und ein anderes Resultat,
das daraus hervorgeht. Wir müssen die heilige Sprache wieder erlernen, müssen erkennen, dass Worte nicht nur Tonfolgen sind, und müssen damit leben, dass Worte wirken. Unsere Sprache kann
unmittelbarer werden, als sie es heute ist. Und je unmittelbarer sie wird, umso mehr wird sie Ausdruck der Idee, Ausdruck der Wahrheit, aber dann wird es auch schwerer, heilige Ideen von
Selbsttäuschung zu trennen. Der Schleier Mayas fällt eben nicht von selbst.
"Was bedeutet eigentlich 'heilig'?"
Heilig ist etwas 'Heiles' und etwas 'Heilendes'. Von der reinsten Seinsform hinunter bis zur dichtesten Materie reicht EINE Ausdrucksform. Je umfassender der Ursprung eines Ausdrucks ist,
umso näher ist der Ausdruck dem, was man mit heilig bezeichnet. Heiliges ist unmittelbarer Akt aus der Realität, die mit der Wahrheit übereinstimmt. Es ist ein Akt, der aus allen
Seinsebenen gleichzeitig hervorgeht, ein vollkommener Akt. Liebe ist heilig, denn Liebe ist Ausdruck dieser Realität. Geben und Nehmen sind heilig, denn auch sie sind Ausdruck der
höchsten Realität. Doch wie oben, so unten. Auch auf der 'Teilrealität', den unteren 'dichten' Ebenen des Daseins existieren Liebe, Geben und Nehmen. Und auch wenn ein Egoist nimmt, so
ist doch der Akt des Nehmens ein heiliger Akt. Leider merkt der Egoist das nicht, denn Heiliges heilt und der Egoist könnte geheilt werden durch das Nehmen. Doch die Erfahrung erweist,
dass kaum ein Egoist durch Nehmen geheilt wurde.
Jeder Akt kann bewusst oder unbewusst auf vielen Seinsebenen gleichzeitig vollzogen werden. Wenn Liebe z.B. nur Ausdruck einer Ebene ist, so ist sie zwar ihrem Wesen nach heilig, doch sie
heilt nicht, dh. sie zeigt keinerlei Wirkung außerhalb dieser Ursprungsebene. Eine egoistische Liebe befriedigt bestenfalls sich selbst. Eine heilige Liebe heilt. Heilen ist ein Akt, der
zur Erkenntnis der Wahrheit führt. Erreicht man mit der Heilung keine Erkenntnis, war es keine Heilung, sondern bestenfalls eine Symptomverschiebung. Heilig sein heißt etwas zu sein, das
sowohl der Realität als auch der Wahrheit entspricht und es gibt keine Grade der Heiligkeit. Etwas ist oder ist nicht heilig.
Ich verweise in diesem Sinne auf einen Magier namens Eliphas Levi, der schrieb: Wahrheit ist die mit dem Sein identische Idee, Wirklichkeit ist das mit dem Sein identische Wissen...
Und ich ergänze Folgendes: Heiligkeit ist die Einheit der Wahrheit und der Wirklichkeit als Ausdrucksform des Seins.
"Ist unsere Welt in Ebenen unterteilt, wo die Pflanze unter dem Tier und das Tier unter dem Menschen steht?"
Es schmerzt mich die Vorstellung, mit dieser Einstellung leben zu müssen, denn sie macht eine unterschiedslose Liebe sehr schwer. Ich kann mir nicht vorstellen, woraus eine solche
Einstellung erwachsen kann, denn die Beschaffenheit des Lebens weist doch eigentlich eher auf eine grenzenlose Bruder- und Schwesternschaft allen Lebens hin. So wie der Mensch die
Manifestation einer reinsten Idee ist, so kann man das genauso von Pflanzen behaupten. Das Sein ist ein Ozean und das Leben ist Welle auf der Oberfläche. Diese Wellen sind unterschiedlich
beschaffen, doch sie eint das Wasser. Pflanze, Stein, Mensch, Tier, Ton, Wind, Licht, alles sind Manifestationen, hinter allem steckt derselbe Geist. Und so wie eine Pflanze eine
vollkommene Pflanze sein kann, so kann auch der Mensch vollkommener Mensch sein bzw. werden. Einziger Maßstab für gut und schlecht kann nur sein, was und was nicht zu eben dieser
Vollkommenheit führt. Ebenen mögen zwar als Anschauungen gut sein, doch man darf nie dabei vergessen, dass man eigentlich von etwas Unteilbarem, Absolutem ausging - und genau dazu
verleitet die Sichtweise der Ebenen. Weder der Mensch, noch irgend ein Wesen steht 'über' einem anderen Wesen. Und die einzige Aufgabe die wir haben können, ist die, zur Vervollkommnung
aller Wesen beizutragen. Mit den Ebenen verhält es sich wie mit dem Ticken einer Uhr: Etwas eigentlich Kontinuierliches, Unteilbares wird starr eingeteilt, zerteilt. Und das auch noch
ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass eine Minute durchaus länger und eine Ebene durchaus größer sein kann, als eine vorhergehende. Die starren Grenzen "weigern" sich statisch zu bleiben,
weil sie eben nur Einbildung sind, und die Einbildung ist nun mal nicht statisch.
Ebenen sind wie Zeiteinheiten willkürliche Unterteilungen, die mit der Wahrheit nichts zu tun haben. Sie dienen der Betrachtung eines Teilaspektes und verhindern eine ganzheitliche Sicht.
Ich will es noch einmal betonen: Pflanzen und Tiere sind meine Brüder und Schwestern, sie haben den gleichen Ursprung und Lebenszweck und sie haben gleiche Rechte und dienen ihrem Wesen
nach in gleicher Weise der Erleuchtung aller. Wer seine Augen davor versperrt, wird es sehr schwer haben, reine Liebe jemals zu leben.
Ob nun ein Stein einen Astral- Kausal-, Mental- oder einen wie auch immer gearteten Körper hat oder nicht, sagt nichts darüber aus, ob jener über oder unter einem anderen Wesen steht. Der
Stein ist Manifestation der Idee Stein, nicht mehr und nicht weniger. Es gibt nur ein Ding, das wir mit völliger Gewissheit sagen können: Wenn wir sind, dann ist auch der Stein. Unsere
Gemeinsamkeit und Einheit ist das Sein. Das Sein ist unteilbar, absolut und rein. Ich bin der Stein, also ist der Stein nicht weniger als ich, oder unter mir, er ist ich. Unermesslich
viel Weisheit steckt in dem Spruch: 'Das Sein ist das Sein.'
Ich will keinen Esoteriker bekehren, der viel über Ebenen spricht und darüber meditiert. Ich möchte nur diejenigen erreichen, die meinen, es gibt sowohl die Alleinheit, als auch Ebenen.
Es ist dringlich, sich diese Alleinheit ständig zu vergegenwärtigen, denn mit dieser Einstellung findet man leicht zur allumfassenden Liebe und dient damit allen zur Vervollkommnung.
Selbst die Meister ziehen es vor, wenn überhaupt, dann nur von jüngeren Brüdern und Schwestern zu sprechen, wenn sie uns meinen. Also hinfort mit der Einstellung, dass es etwas
Niedrigeres oder Höheres gäbe und bereit sein, die allumfassende Liebe zu erlernen, denn das Sein ist das Sein.
"Ist der Mensch in sein Handeln frei?"
Teils ja, und Teils nein. Der Mensch ist wie ein Bach auf einem Berg, er muss und kann nur nach unten fließen, darin ist er also nicht frei. Aber er kann sowohl auf der einen, als auch
auf der anderen Seite des Berges hinabfließen. Darin ist der Mensch frei.
"Was heißt das jetzt auf unser Leben übertragen?"
Es gibt da ein Ziel, auf das wir alle bewusst oder unbewusst hinstreben. Wir können den Weg dorthin wählen. Die Wege unterscheiden sich vor allem in der Dauer, die für die Bewältigung des
Weges benötigt wird und in der Gefahr, die darin besteht, auf einem Weg nicht so recht voranzukommen.
"Woher weißt du, dass wir dieses Ziel anstreben?"
Einmal aus meiner eigenen Erfahrung, die ich wörtlich nicht mitteilen kann, zum anderen aus dem Naturgesetz Karma, dessen Existenz voraussetzt, dass da ein Ziel ist. Außerdem befinden
sich alle Wesen zweifellos auf einem Entwicklungsweg. Wo eine Entwicklung stattfindet, muss auch ein Ziel sein, wohin die Entwicklung führen wird.
"Beweise mir die Realität des Gesetzes Karma!"
Das Gesetz Karma lässt sich nur erfahren, nicht jedoch beweisen. Beweisen kann man im Grunde genommen garnichts. Ich könnte ebensogut einen Beweis verlangen, dass du da bist. Du wirst
außerstande sein, jedes Gegenargument zu widerlegen, aber du kannst mich anfassen, ich kann dich anfassen, also kann ich behaupten, wenn du da bist, bin ich da. Das war eine Erfahrung.
Wir mussten uns berühren, oder wir müssten uns hören, sehen, riechen. Durch das Wort allein kannst du und kann ich nichts beweisen. Karma ist ein subtiles, hohes Gesetz, das jeden
persönlich etwas angeht. Karma wirkt, aber man sieht, riecht und hört es nicht und man kann es nicht anfassen, schmecken oder sonst irgendwie wahrnehmen. Gravitation und Magnetismus kann
man ebenso nicht wahrnehmen und als solche auch nicht messen. Man kann nur die Auswirkungen derselben betrachten und in irgendeinem Zusammenhang mit unsichtbaren Kräften setzen. So ist es
auch mit Karma. Die Auswirkungen des Karmas zeigen sich im Zustand des Menschen. Wenn der sich dagegen wehrt, sein Karma abzutragen wird er leiden. Es ist also auf seine eigenste
Erfahrung beschränkt, festzustellen was nun das Karma ist.
"Also Auge um Auge, Zahn um Zahn?"
Nein. Karma ist kein Gesetz, das Schlechtem Schlechtes hinzufügt. Karma ist das Gesetz des Ausgleichs. Karma tut nicht, sondern lässt werden. Wenn ich dir Leid zufüge, so ist das kein
Karma, wenn ich danach leiden werde. Ich müsste als Ausgleich zB. dir Gutes zufügen. Wenn ich mich aber dagegen wehre, dann leide ich. Ich stemme mich gegen den Ausgleich, das ist, wie
mit dem Kopf gegen eine Wand zu laufen. Das Karma ist kein Vergeltungs- und Rachegesetz.
"Also wenn ich Gutes tue, muss ich auch da einen Ausgleich schaffen?"
Nein, denn Gutes baut Karma ab und Schlechtes erschafft es.
"Aber wurden nicht die meisten Heiligen verachtet, mussten die nicht leiden?"
Es ist wahr, dass die meisten Heiligen verachtet wurden, denn an ihnen erkannte man die eigene Unvollkommenheit. Aber es ist falsch zu meinen, die Heiligen würden darunter leiden. Das
einzige Leid eines Heiligen ist sein Mitleid für die noch unvollkommenen Wesen, denn nur der Heilige weiß, wie schwer das Ziel zu erreichen ist.
"Auf Mitleid kann ich aber gut verzichten!"
Ja, das ist dein gutes Recht, aber du wirst ihre Hilfe brauchen, wenn du nicht allzulange im Kreis herumlaufen willst. Ihr Mitleid ist unsere Hoffnung und es ist ein anderes Mitleid als
das, was du verneinst. Ein Mensch, der wirklich glücklich ist, wünscht sich, dass auch alle anderen so glücklich sein können, auch das ist ein Gesetz. Er fühlt eine Art Mitleid für die
Unglücklichen. Dieses Mitleid aus Stolz zu verneinen ist töricht, denn das heißt die Liebe und das Glücklichsein zu verneinen. Liebe ist das Gesetz, welches bewirkt, dass der Glückliche
anderen das Glück wünscht. Das Leben eines Heiligen ist mit Glücklichsein nicht mehr zu benennen. Es ist das reinste, höchste, schönste, anmutigste Leben, das für uns Menschen möglich
ist. Also ist der Wunsch des Heiligen umso größer, dass auch andere dahin kommen, solch ein Leben zu leben. Es gibt da kein Grund, auf dieses Mitleid zu verzichten, denn je größer das
echte Mitleid ist, umso stärker wird der Heilige um unser wahres Wohlergehen bemüht sein.
"Er macht uns also zu Heiligen?"
Nein, er kann uns nur unseren Weg zeigen oder uns dahin bringen, dass wir selbst unseren Weg erkennen, und er kann von der Herrlichkeit des Ziels zeugen, was uns darin bekräftigen wird,
den Weg unverzüglich mit all unseren Kräften zu gehen. Gehen aber müssen wir den Weg selbst.
"OK, das verstehe ich, aber wieso verbringen so viele angeblich Heilige ihr Leben in der Einöde? Sind sie um unser Wohlergehen bemüht?"
Es gibt zwei Gründe für einen Heiligen, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen. In der Gesellschaft würde sein selbstloses Handeln auffallen und damit erschwert werden, man würde ihm
sogar Egoismus vorwerfen. Da ein Heiliger aber bei seinen Handlungen nicht mehr auf die materielle Ebene beschränkt ist, entzieht er sich unserer Sicht und handelt im Verborgenen.
Außerdem ist die Einsamkeit bzw. die Abwesenheit anderer Menschen eine gute Voraussetzung für gewisse eigene Entwicklungen.
"Ein Heiliger denkt dann also nur an sich selbst, und wieso entwickelt er sich noch, hat er den nicht die Vollkommenheit erreicht?"
Ab einem gewissen Punkt dient die eigene Entwicklung eines Menschen allen Wesen. Das lässt sich vom Standpunkt der Alleinheit leicht erklären. Der Begriff 'eigenes' verliert seine
Bedeutung und kann durch 'aller' ersetzt werden, denn der Heilige erkennt sich und die Welt als eins. Wenn er nun sich entwickelt, entwickelt sich die Welt. Und es gibt verschiedene
Stadien der Vollkommenheit. Es kann vollkommene Pflanzen, Steine, Planeten, Tiere und Menschen geben. Eine vollkommene Pflanze ist die reinste Verkörperung der Idee Pflanze, sie hat sich
bis zum Äußersten ihrer körperlichen Möglichkeiten entwickelt. Ihre Entwicklung kann sie von da an nur noch auf anderen Ebenen bzw. in eine andere Richtung vollziehen. Dazu verändert sie
ihre Gestalt und wird ggf. zum Tier oder vielleicht zum Menschen. Im Menschen steckt die vollkommene Pflanze und das vollkommene Tier, doch noch kein vollkommener Mensch. Der Mensch ist
ein Gott in Windeln. Hat er in seiner Gestalt das Höchstmögliche erreicht, wird sich seine Gestalt verändern um die Weiterentwicklung zu ermöglichen. Ein Erleuchteter ist ein vollkommener
Mensch, doch da hört seine Entwicklung noch lange nicht auf. Seine Weiterentwicklung vollzieht sich dann, allerdings für uns unsichtbar, in anderen Bereichen, wo er auch neue, andere
Körper erhalten bzw. bilden kann. Der Tag, an dem es im Universum nichts Unvollkommenes mehr gibt, wird der Tag sein, an dem der Erleuchtete den höchstmöglichen Entwicklungsstand erreicht
hat, er ist dann das vollkommene Universum, vollkommene Idee, vollkommene Liebe, er ist eins mit dem, was viele Völker mit Gott bezeichnen, er ist Gott.
"Also ist unser Ziel die Gottwerdung?"
So ist es. Doch das wurde uns in keiner Religion offen gesagt, da diese Tatsache sehr leicht zu sehr falschen Annahmen führen könnte. Es genügte, das Ideal des Heiligen als Ziel der
Menschen aufzustellen. Wenn ein Mensch diesem Ideal entsprach, wusste der schon selbst, wo es weiterging. Aber hat nicht Christus gesagt: "Ich bin ein Sohn Gottes, ich und mein Vater sind
eins." Und dann hat er auch alle anderen als Kinder Gottes bezeichnet, was berechtigten Grund zur Annahme bietet, das auch sie eins mit Gott sind. Nun, da hat er das Mysterium der
Gottwerdung außerordentlich treffend mit sowohl Sohn sein, als auch eins mit Gott dem Vater sein erklärt. Ich wüsste nicht, wer dies jemals so offen aussprach, und wer damit so sehr
missverstanden wurde.
"Aber wozu sollte ich eins mit Gott werden, worin besteht der Sinn dieser außergewöhnlichen Aktion?"
Das ist die Frage nach dem Sinn des Seins. Das ist ein Geheimnis, das so beschrieben wurde: das Sein ist das Sein. Darin liegt der Grund unseres Daseins verborgen. Ich könnte aber
genausogut 42 als Sinn des Seins angeben. Es ist nicht zu erklären, denn der Sinn liegt weit außerhalb des Bereiches, der mit unserer Sprache beschrieben werden kann. Den Begriff 'Liebe'
kann ich ebensowenig erklären, denn Liebe ist eine Kraft, ein Gesetz, das dem Sinn des Lebens nahe steht. Je näher etwas dem Sinn des Seins steht, umso unaussprechlicher wird es. Man muss
sich damit begnügen, dass unser Weg gut ist und das Ziel all unsere reinsten Ideale übertreffen wird, was man allein schon aus den Worten derjenigen entnehmen kann, die diesem Ideal näher
sind als wir. Sie selbst sind schon unser Ideal. Wie hoch dann ihr Ideal sein muss! Der Sinn des Seins wird sich erst völlig offenbaren können, wenn wir eins mit Gott sind. Der Sinn des
Lebens besteht jedenfalls in der Entwicklung, die in drei Phasen aufgeteilt ist: Geburt, Leben, Sterben. Das ist der Rahmen in dem sich jede Entwicklung abspielt. Werden, Sein, Vergehen.
Damit etwas sein kann muss es geworden sein. Damit etwas werden kann, muss etwas zerstört werden. Doch ich spreche vom Sein der Polarität. Das absolute Sein steht außerhalb der Polarität
und ist eben für uns nicht begründbar.
"Aber wie soll ich an solch ein abstrakten Gott glauben können?"
Nun, eben darum wurde die Einteilung Esoterik und Exoterik unausweichlich. Viele Menschen brauchen noch einen materiellen, anthropomorphen Gott, an dem sie glauben können. Damit sie sich
nicht völlig allein finden und ihr Dasein als sinnlos bezeichnen, wurde ihnen von vielen Religionen in der Exoterik ein bzw. einige anthropomorphe Götter vorgestellt. Nun gab es für sie
einen Sinn im Dasein und eine Begründung für ihre Entwicklung. Später würden sie alle herausfinden, dass diese alten Vorstellungen der Wahrheit kaum entsprachen. Keiner kann an etwas
völlig Abstraktes glauben. Aber die Entwicklung bringt es mit sich, dass aus Glauben immer mehr Gewissheit wird. Aus Glauben wird Wissen. Doch da hört der Wandel der Weltauffassung nicht
auf, denn aus Wissen muss noch Weisheit werden, was dann gegeben ist, wenn der Wissende sein Wissen auf andere Ebenen, andere Gebiete übertragen kann und danach lebt.
"Woher nimmst du dein Wissen? Bist du ein Erleuchteter?"
Nein, ich bin bestenfalls nur ein mehr oder weniger unvollkommenes Sprachrohr. überall, wo in meinen Reden Wahrheit auftaucht, bin nicht ich der Wissende. Ich lerne so aus diesen
Wahrheiten, wie meine Zuhörer. Ich rede, was mir in den Sinn kommt und vermeide, Selbstgedachtes auszusprechen. Selbstgedachtes wird zu einem philosophischen System. Es kling logisch aber
nicht wahr. Überall, wo keine Wahrheit in meiner Rede und Schreibe erscheint, verfärbte meine eigene Persönlichkeit das mir gegebene. Ich bin nichts weiter als ein Schüler der Großen und
meine Lehre besteht darin, Sprachrohr zu sein und so gut es geht nach dem Ausgesprochenen zu leben.
"Woher nimmst du diese Gewissheit?"
Teils aus meinen Gefühl und Teils aus meinen Überlegungen. Denn ich spreche und schreibe oft von Dingen, von denen ich nichts weiß und worüber ich noch nichts gelernt habe. Woher sollten
diese Dinge kommen? Vielleicht aus einem früheren Leben? Solange ich nichts von meinen früheren Leben weiß, nehme ich an, dass es Eingebungen sind, was durch mein Gefühl nur bestätigt
wird. Ich betone nochmal: Ich vermeide nachzudenken, wenn ich schreibe oder rede. Ich versuche sozusagen, eine möglichst klare Leinwand zu bilden, auf denen andere Wesen ihren Film
projizieren können. Meine Gewissheit beruht auch auf den Auswirkungen der geschriebenen, gesprochenen und gelebten Worte, die zur Leidlosigkeit führen, und Leidlosigkeit (nicht etwa nur
meine eigene) ist der einzige Maßstab, den ich für meine Schulung habe. Diesen verwende ich in der Gewissheit, dass da mehr ist, als ich weiß. Nur mein Gefühl lässt sich nicht
verfälschen. Ein Gefühl kann auch nicht täuschen. Wenn man glaubt, durch ein Gefühl getäuscht zu sein, so beruht das nur darauf, dass man die falschen Schlussfolgerungen aus dem Gefühl
gezogen hat. Gewisse Gefühle sind Eindrücke von uns noch unbekannten Wahrnehmungsorganen, sie sind in jedem Falle ernstzunehmen. Und ich habe das Gefühl, Schüler zu sein.
(Dies sind Auszüge aus einigen meiner Gespräche mit anderen Menschen. Teilweise habe ich den darin enthaltenen Argumenten beim Schreiben weitere hinzugefügt. Ich überlasse diese Texte Dir
zur weiteren Bewertung, Auswertung, Entwertung. Diese Fragen, die teilweise sehr naiv klingen, entsprangen größtenteils einer etwas betagteren Frau, die aus ihren Lebenserfahrungen heraus
keine Antworten fand und doch danach so sehr suchte. Als ich mehr oder weniger aus Versehen einige Worte über mein Religionsverständnis aussprach, wurde ich zum Objekt ihrer umfangreichen
Befragungen und ich kann Dir nur sagen, nirgends habe ich soviel gelernt wie bei dem Versuch, ihr auf die Fragen Antworten zu geben, denn es erfüllte mich mit großem Mitleid, erkennen zu
müssen, dass fast ein ganzes Leben der Suche jemandem so wenig Antworten geliefert hatte und dass mir die von ihr gesuchten Antworten einfach so in den Schoß gefallen sind. Diese Person
leidet etwas unter ihren nicht beantworteten Fragen - etwas nur deshalb, weil sie das Leben lieben gelernt hat aber nicht versteht, warum etwas auch sterben muss. Sie ist so nahe dran,
frei zu sein, doch sie ziegelt ihr eigenes Gefängnis. Nun denn, es ist vielleicht meine Aufgabe, Fragen zu beantworten, denn es zwingt mich, die von mir als wahr erkannten Worte auch zu
leben. Ich will keine leerer Prediger sein, der leblose Worte spricht, sondern ein williger Schüler, dessen Schule das Antworten ist, obwohl oder weil ich selbst noch Fragen habe. So
stelle ich meine Antworten immer wieder in Frage und versuche, sie zu widerlegen. Doch wie ich schon schrieb, mein einziger Maßstab ist die Leidlosigkeit und daran gemessen brachten mir
die Worte Gutes, ob sie nun der Wahrheit entsprachen oder nicht.)
(von einem Schüler)
Theismus (aus eigener Ernte)
1. Monotheismus
2. Monotheismus (schwache Trinität)
3. Monotheismus (starke Trinität)
4. Dualismus (schwach, vertikal - Zoroastrismus)
5. Dualismus (stark, horizontal - Manichäismus u.a.)
6. Polytheismus oder Monolatrie
7. Atheismus
Autsch!
Glatteis
Der Lehrer fragte seinen Schüler: "In einem Eiscafe sitzen drei Frauen und essen Eis. Eine leckt an ihrem Eis, eine beißt Stückchen ab und eine isst mit ihrem Löffel. Welche von ihnen ist verheiratet?"
Der Schüler errötete. Dann sagte er leise: "Die, die an ihrem Eis leckt?"
"Nein," sagte der Lehrer, "die, die einen Ehering trägt... Du lässt Dich von Deinen eigenen zusammenhanglosen Schlussfolgerungen aufs Glatteis führen."
(Audioversion im Downloadbereich)
Abhängiges Entstehen
In den Trennungswelten gibt es nichts, das nicht beständig aufgrund von Ursachen wird, besteht und vergeht. Dabei wird es selbst wiederum Ursache
oder Teil für Anderes. Im Werden führen unübersehbar viele Vorgänge Dinge, die wiederum geworden sind, zusammen, um ein Neues, Anderes werden zu lassen. Im Vergehen, am Ende des Seins des
zuvor Gewordenen, führen wiederum unübersehbar viele Vorgänge neu werdende und gewordende Dinge auseinander, die aus dem Vergehen des zuvor Gewordenen entstanden sind.
Dies gilt für materielle Dinge mit der oben beschriebenen absoluten Objektivität – solange kein Bewusstsein da ist, das die materiellen Prozesse beurteilend und wertend beobachtet. Tritt
Bewusstsein hinzu, beginnen Zu- und Abneigungen – emotionale Positionierungen zu den beobachteten Objekten und Prozessen.
Weil wir aber die Objektivität der Objekte nicht erfassen können, da die Werdenszusammenhänge der einzelnen Objekte, die Abhängigkeit der Objekte untereinander und die
Vergehenszusammenhänge der einzelnen Objekte in ihrer unübersehbaren Komplexität für uns nicht überschaubar sind, verfügen wir über relativ wenige Informationen bezüglich der Objekte. Auf
diesen wenigen Informationen beruhen unsere Urteile über die Objekte.
Die Zusammenstellung der Informationen unterscheidet sich darüber hinaus unübersehbar vielfältig in allen einzelne Objekte beobachtenden Bewusstseinen. Es gibt keine zwei Bewusstseine,
die bezüglich eines identischen Objektes über dieselben Informationen verfügen.
Zudem ist jedes Bewusstsein in unübersehbarer Reihung, unübersehbar individuell durch unübersehbar verknüpfte Faktoren selbst dem Prozess von Werden, Bestehen und Vergehen unterworfen.
Selbst wenn es möglich wäre, dass zwei Bewusstseine bezüglich eines Objektes über exakt dieselben Informationen verfügen würde, würden diese zwei Bewusstseine aufgrund der
unterschiedlichen Bewusstseinsinhalte dieselben Informationen möglicherweise sehr, sehr unterschiedlich bewerten. In jedem Fall aber niemals gleich wie ein anderes Bewusstsein.
Wie kann Kommunikation funktionieren? Durch Gnade? Graduelle Schau (Groken)? Oder ist Kommunikation Illusion?
Buch der drei Ringe °°°
Dem Schüler wird von der Gemeinschaft das Volontariat angeboten,
wenn sie weiß, dass er Volontär ist.
Der Schüler fordert von der Gemeinschaft Aspiranz,
wenn er weiß, dass er Aspirant ist.
So wie im ersten Fall der Schüler das Angebot ablehnen kann,
kann im zweiten Fall die Gemeinschaft die Forderung ablehnen.
Volontariat und Aspiranz sind Grade der Annäherung und haben Grade der Annäherung.
Bewegung wird durch sie nicht gestoppt.
von Lada zitiert:
Du
Wo ich gehe - Du!
Wo ich stehe - Du!
Nur Du, wieder Du, immer Du!
Du, Du, Du!
Ergeht`s mir gut - Du!
Wenn es weh mir tut - Du!
Nur Du, wieder Du, immer Du!
Du, Du, Du!
Himmel - Du, Erde - Du!
Oben - Du, unten - Du!
Wohin ich mich wende, an jedem Ende
Nur Du, wieder Du, immer Du!
Du, Du, Du!
( Rabbi Levi Jizchak von Berditschew - ein Zaddik)
Die „Antithesen“ Marcions
(I) Der Demiurg wurde Adam und den folgenden Geschlechtern bekannt, der Vater Christi aber ist unbekannt, wie Christus selbst von ihm in den Worten gesagt hat: Niemand hat den Vater
erkannt außer der Sohn.
(II) Der Demiurg wußte nicht einmal, wo Adam weilte und rief daher: Wo bist du? Christus aber kannte auch die Gedanken der Menschen.
(III) Josua hat mit Gewalt und Grausamkeit das Land erobert; Christus aber verbietet alle Gewalt und predigt Barmherzigkeit und Friede.
(IV) Der Schöpfergott machte den erblindeten Isaak nicht wieder sehend, unser Herr aber, weil er gut ist, öffnete vielen Blinden die Augen.
(V) Moses mischte sich ungerufen in den Streit der Brüder, fuhr den Übeltäter an: Warum schlägst du deinen Nächsten? und wurde von ihm zurückgewiesen: Wer hat dich zum Lehrer oder Richter
über uns gesetzt? Christus aber, als ihn einer aufforderte, daß er Erbschlichter sei zwischen ihm und seinem Bruder, verweigerte seine Mitwirkung sogar in einer so billigen Sache — weil
er der Christus des guten und nicht des Richter-Gottes war — und sprach: Wer hat mich zum Richter über euch gesetzt?
(VI) Der Schöpfergott gab dem Moses beim Auszug aus Ägypten den Auftrag: Seid bereit, an den Lenden umgürtet, beschuht, die Stäbe in den Händen, die Säcke auf den Schultern, und traget
Gold und Silber und all das, was den Ägyptern gehört, mit euch davon; unser Herr aber, der Gute, sprach zu seinen Jüngern bei ihrer Aussendung in die Welt: Habt keine Schuhe an den Füßen,
keinen Sack, kein zweites Gewand, kein Kleingeld in euren Gürteln!
(VII) Der Prophet des Schöpfergotts stieg, als das Volk in der Schlacht stand, auf den Gipfel des Berges und breitete seine Hände aus zu Gott, damit er möglichst viele in der Schlacht
töte; unser Herr aber, der Gute, breitete seine Hände (scil. am Kreuze) aus, nicht um Menschen zu töten, sondern um sie zu erlösen.
(VIII) Im Gesetze heißt es: Auge um Auge, Zahn um Zahn; der Herr aber, der Gute, spricht im Evangelium: Wenn dich jemand auf den einen Backen schlägt, so biete ihm auch den andern
dar.
(IX) Im Gesetz heißt es: Kleid um Kleid; aber der gute Herr sagt: Wenn jemand dein Kleid nimmt, laß ihm auch den Mantel.
(X) Der Prophet des Schöpfergotts ließ, um in der Schlacht möglichst viele zu töten, die Sonne stille stehen, damit sie nicht untergehe, bevor die feindlichen Gegner des Volks sämtlich
vernichtet seien; der Herr aber, der Gute, spricht: Die Sonne soll nicht untergehen über eurem Zorn.
(XI) Die Blinden sind David bei der Wiedereroberung von Zion feindlich entgegengetreten, indem sie gegen seinen Einzug sich stemmten, und David hat sie töten lassen; Christus aber kam aus
freien Stücken den Blinden hilfreich entgegen.
(XII) Der Weltschöpfer schickt auf die Forderung des Elias die Feuerplage; Christus aber verbietet den Jüngern, Feuer vom Himmel zu erbitten.
(XIII) Der Prophet des Schöpfergotts gebot den Bären, aus den Dickicht hervorzubrechen und die ihm begegnenden Kinder zu fressen; der gute Herr aber spricht: Lasset die Kinder zu mir
kommen und wehret ihnen nicht. denn solcher ist das Himmelreich.
(XIV) Elisa, der Prophet des Weltschöpfers, hat von so vielen israelitischen Aussätzigen nur den einen Aussätzigen, den Syrer Naaman, gereinigt; Christus hat, obgleich „der Fremde“, einen
Israeliten geheilt, den sein Herr [der Weltschöpfer] nicht hatte heilen wollen, und Elisa brauchte einen Stoff zur Heilung, nämlich Wasser, und siebenmal, Christus aber heilte durch ein
einmaliges bloßes Wort und sofort. Elisa hat nur einen geheilt, Christus aber zehn, und diese gegen die gesetzlichen Bestimmungen; er ließ sie einfach des Weges gehen, auf daß sie sich
den Priestern zeigten, und auf dem Wege reinigte er sie bereits — ohne Berührung und ohne ein Wort, durch schweigende Kraft, lediglich durch seinen Willen.
(XV) Der Prophet des Weltschöpfers spricht: Meine Bogen sind gespannt und meine Pfeile gespitzt gegen sie; der Apostel aber sagt: Ziehet die Rüstung Gottes an, auf daß ihr die feurigen
Pfeile des Schlimmen auszulöschen vermögt.
(XVI) Der Weltschöpfer sagt: Mit den Ohren sollt ihr nicht (mehr) hören; Christus dagegen: Wer Ohren hat zu hören, der höre.
(XVII) Der Weltschöpfer sagt: Verflucht ist jeder, der an das Holz gehenkt ist; Christus aber erlitt den Kreuzestod.
(XVIII). Der Juden-Christus wird vom Weltschöpfer ausschließlich dafür bestimmt, das Judenvolk aus der Zerstreuung zurückzuführen, unser Christus aber ist vom guten Gott mit der Befreiung
des gesamten Menschengeschlechts betraut worden.
(XIX) Der Gute ist gegen alle gut; der Weltschöpfer aber verheißt nur denen, die ihm gehorsam sind, das Heil ... Der Gute erlöst die, die an ihn glauben, nicht aber richtet er die, die
ihm ungehorsam sind; der Weltschöpfer aber erlöst seine Gläubigen und richtet und straft die Sünder.
(XX) Maledictio charakterisiert das Gesetz, benedictio den Glauben (das Evangelium).
(XXI) Der Weltschöpfer gebietet, den Brüdern zu geben, Christus aber, schlechthin allen Bittenden.
(XXII) Im Gesetz hat der Weltschöpfer gesagt: Ich mache den Reichen und den Armen; Christus aber preist (nur) die Armen selig.
(XXIII) In dem Gesetze des Gerechten wird das Glück den Reichen gegeben und das Unglück den Armen; im Evangelium ist es umgekehrt.
(XXIV) Im Gesetz spricht Gott (der Weltschöpfer): Du sollst lieben den, der dich liebt, und deinen Feind hassen; unser Herr, der Gute, aber sagt: Liebet eure Feinde und bittet für die,
die euch verfolgen.
(XXV) Der Weltschöpfer hat den Sabbat angeordnet; Christus aber hebt ihn auf.
(XXVI) Der Weltschöpfer lehnt die Zöllner als nicht jüdische und profane Menschen ab; Christus nimmt die Zöllner an.
(XXVII) Das Gesetz verbietet die Berührung eines blutflüssigen Weibes, Christus berührt sie nicht nur, sondern heilt sie auch.
(XXVIII) Moses erlaubt die Ehescheidung, Christus verbietet sie.
(XXIX) Der Christus des AT verspricht den Juden die Wiederherstellung des früheren Zustandes durch Rückgabe ihres Landes und nach dem Tode in der Unterwelt eine Zuflucht in Abrahams
Schoß; unser Christus wird das Reich Gottes, eine ewige und himmlische Besitzung, aufrichten.
(XXX) Beim Weltschöpfer sind der Straf- und der Zufluchtsort, beide, in der Unterwelt gelegen für die, die in der Hörigkeit des Gesetzes und der Propheten stehen; Christus aber und der
Gott, zu dem er gehört, haben einen himmlischen Ruheort und Hafen, den der Weltschöpfer niemals verkündet hat.
Ein Gibran-Zitat von einer Schülerin:
Was für euch wie das Schwächste und Verwirrteste in euch erscheint,
ist zugleich das Stärkste und Entschlossenste.
Der Schleier, der eure Augen trübt, wird gelüftet werden
von den Händen, die ihn wogen.
Der Lehm, der eure Ohren verschließt, wird durchstoßen werden
von den Fingen, die ihn kneteten.
Und ihr werdet sehen!
Und ihr werdet hören!
Und doch werdet ihr nicht bedauern, die Blindheit erlebt zu haben,
noch bereuen taub gewesen zu sein.
Denn an diesem Tage werdet ihr den verborgenen Sinn
in allen Dingen erkennen.
Und ihr werdet die Dunkelheit genauso preisen wie das Licht.
Schon vor dem Angrillen haben wir dieses Jahr den Umzug vollzogen, nachdem wir im "Sommerhaus" klar Schiff gemacht haben. Mr. T. sorgt auf dem Foto mit einer erstmals seit 17 Jahren vorgenommenen gründlichen Fensterreinigung für den nötigen Durchblick. Spirituelle Erkenntnis: Wenn man den Durchblick erhöht, erhöht sich bei entsprechendem Blickwinkel auch die Spiegelung - hier verdeutlicht durch die Spiegelung von Susanne, die scheinbar darüber staunt, dass man tatsächlich bei geschlossenen Türen von außen in das Haus hineinschauen kann.
Zickzack
Als Ergänzung zur Interpretation des Felsenbildes habe ich bezüglich der Zickzack-Linien, die wir ja als Energieflüsse identifiziert haben, ein wenig in anderen Systemen recherchiert, und möchte das Ergebnis in aller Kürze darstellen:
Im daoistischen Sinne könnte man die durchgehende Linie als das Hochführen der Sexualkraft vom Wurzel-/Sexualchakra ins Scheitelchakra auffassen, die Zacken deuten die jeweiligen
Chakren an, die dabei zu durchlaufen sind und wodurch die „rohe“ (niedrigschwingende) Sexualkraft immer mehr verfeinert wird. Im Scheitel vereinigt sich dann die Sexualkraft mit dem Geist
und man empfängt den „Nektar des Geistes“, den die Buddhisten den Geist der Erleuchtung nennen (Bodhi-Citta).
Diese Transformation der Energie vom Wurzel- ins Scheitelchakra wird auch in der Alchimie beschrieben, und zwar als die Umwandlung von Blei (Sexualkraft) zu Gold (Geisteskraft), wodurch
erst die Verwandlung/Veredelung des Menschen ermöglicht wird.
Bei den Rosenkreuzern spricht man analog dazu von der „Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz“, welche auch eine andere Erklärung für die zwei getrennten Zickzack-Linien auf der
linken Seite der Darstellung liefern würde: Der durch das Hochführen der Sexualkraft im Scheitel empfangene „Nektar des Geistes“ (= männliche Essenz) wird wiederum durch Konzentration
hinunter ins Herzzentrum geführt und dort mit der weiblichen Essenz der Seele (= das Bewusstsein), die von der Wurzel aus hochgeführt wird, vereinigt. Das Bewusstsein verweilt nun
im Herzzentrum und es kommt zur Vereinigung der polaren Gegensätze.
Wie man sehen kann, bildet dieser Transformationsprozess, der im Felsenbild dargestellt ist, in vielen Geistesschulen des Ostens und des Westens eine wichtige (Übungs-)Grundlage, die
letztlich zur Selbst-Erkenntnis führt. Mit der Übung der spinalen Psychopraktik versuchen wir analog dazu innerhalb unseres Systems, einen blockadefreien Energiefluss von der Wurzel zum
Scheitel zu erreichen.
Manfred
Die Rede
Als die Bewohner hörten, dass der Erhabene in ihrem Dorf angekommen sei und im Mangohain verweile, strömten sie zu ihm und baten ihn um eine Unterweisung. Daraufhin sprach der Erhabene
folgende Worte:
"Freunde, ich will euch die Etappen auf dem Wege zur Erlösung erläutern. Nach vielen Leben kommt in manch einem Menschen die Frage nach dem Sinn seines Daseins und seiner Mühsal auf. Bis
zu diesem Tage war die Welt für ihn das Werk eines Gottes, so unbegreiflich, so geheimnisvoll. Er lebte in Eintracht mit der Natur und konnte nicht unterscheiden zwischen richtig und
falsch.
Doch nun ist dieser Mensch gereift, hat viele Leben gelebt, viel Freude und Leid gehabt. Er betrachtet sein Dasein von der Geburt bis zum Tode und erkennt keinen Grund, warum alles ist,
wie es ist.
Er ertrug die Mühen des Lebens und tat, was alle anderen auch taten. Er identifizierte sich mit der Gesellschaft, war darin eingebettet, wie ein Organ in einem Körper. Es steigt in ihm
die Erkenntnis auf, dass er ein einmaliges Individuum ist. Der erste Schritt auf dem Wege zur Ich-Erkenntnis wird von diesem Menschen getan.
Die Frage nach dem Sinn des Daseins ist der Eintritt in den Strom der Erkenntnis. Das Individuum identifiziert sich fortan vor allen Dingen durch die Abgrenzung von der Natur. Er stellt
fest, was er nicht ist, nicht Leib, nicht Gier. Er wendet sich leidenschaftlichen Studien der Religionen und der Philosophie zu, worin sein in Unruhe geratener Geist Labsal und Befriedung
findet.
So vergehen viele Leben, bis er feststellt, dass seine Systeme auf reinem Glauben basieren und dass der Glaube ihm nicht die gesuchte Antwort gegeben hat. Er bricht seine Studien
weitgehend ab und leidet schwer unter einem totalen Sinnverlust. Er hat erkannt, was er alles nicht ist, nun ist nichts mehr übrig, was er sein könnte.
Die Ich-Erkenntnis ist zur zweiten Stufe herangereift, die Ich-Täuschung ist ihrer Grundlage beraubt worden. An Stelle des alten Ichs, dessen Wesen die Anhaftung ist, tritt bei diesem
Menschen die bodenlose Leere.
Er kann sich weder durch Abgrenzung noch durch Identifikation finden und ist völlig desorientiert. Oft meint er, das Dasein habe keinen Sinn und er gibt darauf die Suche für lange Zeit
auf. Doch nach einer gewissen Phase der Orientierungslosigkeit erkennt er, dass er einen neuen, völlig eigenen Weg zur Erlösung schaffen muss.
Nachdem er in den Strom eingetreten war, schwankte sein Boot fürchterlich, er sah keine Ufer mehr, doch die Gewässer sind nun ruhig und der Suchende nimmt das Ruder in die Hand.
Er beginnt einen neuen Lebensabschnitt, in dem er sich der Verantwortung für jede Tat bewusst wird. Er strebt unermüdlich nach Wachheit, weil er erkannt hat, dass die Unbewusstheit
Ursache für sein Leid ist. Die Welt erscheint in neuen Bildern und er erkennt die Natur in ihren unzählbaren Einzelheiten. Es ist, als ob ein schlecht sehender Mensch eine Brille
erhält.
Seine neugewonnene Wachheit gibt ihm Antrieb und nach dem Stadium der Suche mit der darauf folgenden Desorientierung beginnt für ihn nun die Phase der aktiven Betrachtung. Hier nähert
sich die Ich-Erkenntnis ihrem Höhepunkt. Der Mensch hört auf nach den Wahrheiten zu greifen und beginnt mit gelassener, nicht wertender Betrachtung der Dinge. Es kristallisiert sich ein
dritter Weg zwischen Abgrenzung und Identifikation heraus.
In dieser Phase hat der Mensch sein persönliches Leid überwunden und in seiner seligen Leidlosigkeit erwacht in ihm das Mitleid mit denen, die noch am Anfang ihres Weges stehen.
Nach dieser wachen Ruhezeit bricht für den Menschen eine neue Etappe an. Er will nun die gewonnenen Kräfte und Erkenntnisse aktiv einsetzen und beginnt vielerlei Werke. Diese Werke
erkennt man an der selbstlosen Gesinnung des Schaffenden.
Wieder vergehen viele Leben, in denen sich der Mensch bemüht, wobei er mit oder ohne sein Wissen sein in unzähligen Leben angehäuftes Karma abträgt - durch Schaffung des
Gleichgewichtes.
Eifrig rudert er und zeigt anderen, wie man Boote baut. Er macht anderen Mut und veranlasst viele Menschen zum Stromeintritt. Irgendwann hat er seine Aktivitäten bei voller Bewusstheit
soweit entfaltet, dass er sich verliert.
Hier beginnt die Endphase der Ich-Erkenntnis. Der Mensch merkt plötzlich, dass er nicht tut, sondern dass es passiert. In dieser Phase ist der Mensch reif für seine letzte Erkenntnis. Er
ist nun wie ein leeres Glas oder ein unbeschriebenes Blatt, ja eher noch wie ein gespannter Bogen. Ein kleines Geräusch kann nun reichen und die Welt wird gesprengt.
Dieses Geräusch steht unmittelbar bevor und eine kurze Angstphase tritt ein, denn der Mensch spürt zum ersten Mal, dass er im Begriff steht, durch eine Tür zu gehen, durch die es kein
zurück mehr gibt. Er wird diese Furcht überwinden und kurzentschlossen loslassen. Das Boot stürzt um und die Welt zerspringt, denn ein Tropfen fällt in den Ozean."
Nachdem der Erhabene diese Worte sprach, schaute er die Versammelten an und der Älteste fragte nun: "Wenn Du den Weg so klar vorgezeichnet hast, wenn Du so den Weg in seinen Einzelheiten
uns allen dargelegt hast, wozu müssen wir dann den beschwerlichen Weg zur letzten Phase gehen, wo wir doch nun das Ende kennen?"
Der Erhabene lächelte die Menge an: "Ja, es gibt wohl einige, die diesen Weg in einem Leben gehen können, doch verwechselt nie Glauben mit Erkenntnis. Ihr könnt mir glauben, dass sich
diese Phasen im Weg jedes Erhabenen offenbaren. Doch die Gestalt dieser Phasen ist sehr unterschiedlich und das, was ihr nun glaubt, muss von euch selbst erkannt werden. Ich kann euch
keinen Weg ersparen, sondern ich möchte euch die Kraft geben, in den Strom einzutreten. Ich will euch die Entscheidung leicht machen, indem ich euch in meiner Geschichte beschrieb, was
einst ein Weiser mit folgenden Worten so treffend bemerkte: Am Anfang ist der Berg ein Berg, dann ist der Berg kein Berg mehr und am Ende ist der Berg wieder ein Berg."
Mit großer Freude haben die Versammelten die Worte des Erhabenen aufgenommen und der Älteste sprach: "Vorzüglich hat der Erhabene gesprochen, treffend hat er den Weg dargestellt und das
Dunkle erhellt."
Dankbar gingen sie wieder ihres Weges und einige gar traten ein in den Strom der Erkenntnis.
(Bruder Silvio)
Neutrales - negativ und positiv
Das Bewusstsein (der Geist) kennt Angenehmes, Unangenehmes und Neutrales. Auf Angenehmes und Unangenehmes reagiert es mit Anhaften und Ablehnen und ist dabei in beiden Fällen wach und auf das Objekt konzentriert. Neutrales bietet dem Bewusstsein aber keinen sinnlich-emotionalen Impuls (oder allenfalls einen "neutralen", wie immer wir uns das vorstellen wollen) und somit nichts zum Ergreifen. Daher zerstreut sich der Geist und/oder wird schläfrig. Das Umherspringen des Geistes und auch die Schläfrigkeit wird (außer zur Schlafenszeit, wo man der Schläfrigkeit nachgeben kann) auf Dauer vom Bewusstsein selbst als störend empfunden und es sucht einen Ausweg. Dabei bevorzugt es selbstverständlich Angenehmes - sogar wenn das einfach stumpfes Konsumieren ist (z.B. Fernsehen oder "Shopping"). Ist grade garnichts Angenehmes verfügbar, dann ist dem Bewusstsein sogar Unangenehmes lieber, als ein dauerhaft neutraler Zustand. Dann wird zur Not "Drama" gemacht. Man sucht Streit. Man stiftet Zwietracht... Hier sind alle Formen eigentlich höchst lästigen menschlichen Miteinanders (besser "Gegeneinanders") vorstellbar. Von Eifersuchtsdramen in der Beziehung bis zu übler Nachrede unter Freunden.
Die volksmundliche Redensart "Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er auf's Eis" ist also ganz zutreffend, wenn anfangs auch scheinbar von Angenehmem gesprochen wird. "Zu gut" heißt
nämlich, dass von eigentlich positiven Impulsen aufgrund eines Sättigungseffektes eben nichts Angenehmes mehr ausgeht. Es wird neutral. Dann lieber ein Risikospiel, das im Extrem
vielleicht sogar richtig gefährlich werden kann.
Interessant ist hier, dass dem spirituellen Praktiker beispielsweise in den Konzentrationsübungen der neutrale Zustand am dienlichsten ist - denn wenn er schon ein wenig gelernt hat, den
Geist zu fokussieren und dabei wach und aufmerksam zu bleiben, wird er im Neutralzustand am schnellsten Fortschritte in der weiteren Vertiefung und Intensivierung seiner Meditationspraxis
machen, denn Angenehmes kann sich (ebenso wie Unangenehmes - was selbsterklärend ist) dem Übenden in den Weg stellen, da es ja wiederum selbst zu Anhaften (ver)führen kann.
Gnosis
In frühen Schriften bei Paulus finden sich Entgegnungen zur Gnosis (Erkenntnis). In 1.Kor 1,4 wird beispielsweise ausgeführt, dass die Christen in Korinth stolz auf bestimmte Offenbarungseinsichten waren. Paulus jedoch kritisierte, dass "Erkenntnis hochmütig macht" (1Kor 8,1).
Als Pauschalurteil ohne ein "machen kann" am Ende ist das einfach falsch. Oder ein Beleg für sich selbst, indem man es auf Paulus anwendet und seine Aussage eben dieser Art Hochmut zuschreibt. Selbst ein von Herzen Demütiger, der eine Erkenntnis ausspricht, kann am schnellsten mundtot gemacht werden, indem man ihm Hochmut vorwirft - und genau das werden jene tun, denen die möglichen Konsequenzen der Erkenntnis überhaupt nicht in den Kram passen.
Und würde eine Wahrheit unwahr, weil sie von jemandem ausgesprochen würde, der auch eine Portion Hochmut hätte? Wer kann sich überhaupt von irgendwelchen fehlerhaften Bestandteilen freisprechen? Wo jemand graduell auf welche "Sünde" auch immer bezogen verortet ist, lässt sich von außen gewiss noch schwerer feststellen, als von innen.
Wer ohne Sünde ist, der wirft ohnehin nicht den ersten Stein - und alle anderen sollten sich zumindest einmal mit den "Erkenntnissen" auseinandersetzen, bevor sie welche schmeißen.
Die Alltagspersönlichkeitsdiät
“Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen” Johannes 3:30
Keine Sorge, es folgt hier keine Anleitung zur Gewichtsreduktion des materiellen Körpers, dafür gibt es schließlich mannigfaltige Veröffentlichungen in Tageszeitungen und Wochenmagazinen. Was uns viel mehr beschäftigt, ist die Diät, die wir unserer Alltagspersönlichkeit auferlegen müssen, um dem obigen Bibelzitat gerecht zu werden. Unser höheres Selbst bedarf ja keiner Reduktion, ganz im Gegenteil, ein Teil davon soll ja in den Welten der Trennung seine Lektionen lernen und damit letztlich vollständig werden. Es muss wachsen.
Was müssen wir dann aber an unserer Alltagspersönlichkeit verringern? Naheliegenderweise vor allem unerwünschte Gewohnheiten, die wir uns im Laufe unseres Lebens angeeignet haben, vor
allem unsere animalische Ebene betreffend. Essen, Trinken, Sexualität, all das sind Bereiche, wo es für uns richtig viel zu tun gibt. Es geht aber auch -nicht minder wichtig - um
unsere starren Meinungen, Standpunkte und Glaubenssätze, die wir in alltäglichen Situationen reflexartig hervorholen und damit versuchen, den Anforderungen der jeweiligen Situationen
gerecht zu werden. Stereotypen wie etwa: „Einmal Lügner – immer Lügner“ oder „Ach, der schon wieder, der will sicher nur wieder streiten“ wären geläufige Beispiele solcher Muster, derer
wir uns bedienen.
Warum benutzen wir unsere Erfahrungen eigentlich so gerne? Wäre es nicht besser, jeder Situation, die sich uns darstellt, ergebnisoffen zu begegnen? Unsere Erfahrungselementale bieten uns
eine gewisse Sicherheit, da sie sich schon einmal bewährt haben und wir uns nicht anstrengen müssen, auf die jeweilige Situation konkret eingehen zu müssen. Reine Bequemlichkeit und ein
gewisser Automatismus scheint also die Motivation dahinter zu sein, Fehlhandlungen sind damit aber vorprogrammiert und werden uns in entsprechende Schwierigkeiten bringen. Wir können hier
in der jeweiligen Situation insofern gegenwirken, als dass wir unsere bisherigen Erfahrungen als eine von mehreren Möglichkeiten sehen, die wahr sein können, aber auch nicht. Wir
verlieren dadurch zwar an vermeintlicher Sicherheit, da wir das Ergebnis offen lassen, aber ist diese Sicherheit denn nicht sowieso reine Selbsttäuschung? Unsere einzige Sicherheit liegt
in Wahrheit in unserer uneingeschränkten, vollen Hingabe an das Leben, das uns führt.
Durch diese Art von Diät werden wir als Alltagspersönlichkeit Stück für Stück weniger und kommen damit immer mehr in die Fülle, die eigentlich schon immer in uns und um uns herum war, die
wir aber durch unsere Einschränkungen nicht als solche erkennen konnten. Was bleibt aber dann noch von uns übrig, wenn wir uns aller starr einzementierter Gewohnheiten, Meinungen,
Denkstrukturen, entledigt haben? Nichts und doch wieder Alles. Dann wird in uns ein neues und doch so altes Licht wiedererstrahlen, das Licht der Einheit und Ganzheit. Wir erkennen, dass
wir eins sind mit Allem, das uns umgibt. Wir erkennen, dass wir alles um uns herum sind, dass alles Teil von uns selbst ist. Wir empfinden grenzenlose Liebe, die wir ausstrahlen und
unseren Mitmenschen vollumfänglich entgegenbringen. Egal, ob sie mit uns in Resonanz stehen oder nicht. Wenn wir einmal so weit gekommen sind, dann haben wir das Ziel unserer Diät schon
fast erreicht. Und was meinst Du wäre dann der Jojo-Effekt, der auf dem Weg dorthin immer wieder auftritt?
Manfred
Wüste und Depression
„It's like a jungle sometimes It makes me wonder how I keep from going under“
(Grandmaster Flash and the Furious Five – The Message)
Mit zunehmendem Alter werden die in jungen Jahren noch automatisch ablaufenden Lebensimpulse ruhiger und es werden vom Ego bewusste Entscheidungen und Ausrichtung verlangt.
Wenn diese Entscheidungen / (Neu-)Ausrichtungen nicht getroffen werden, droht Verhärtung und Stillstand, so wie wir es bei den meisten Menschen feststellen können, deren Elementale ab
einem gewissen Alter komplett „die Regie“ übernehmen.
Eventuell ist die bittere Erkenntnis, in Denkmustern und äußeren Lebensformen eingefahren und „festgeparkt“ zu sein, immer noch besser, als diese Muster und Formen mit dem Ich oder der
Wahrheit zu verwechseln und entspannt dem Ende entgegenzudämmern, mit dem Gefühl es endlich richtig zu machen. Außerdem ist der Zustand des Festgefahrenseins evtl. gar nicht so neu, nur
die Sensibilität diesen Zustand überhaupt erst wahrzunehmen, hat sich mit dem Lebensalter erhöht.
Trotzdem: Das Durchbrechen negativer Gedankenspiralen ist schwer, Konzentrationsfähigkeit und Beherrschung von Meditationstechniken sind dabei aber sicher hilfreich.
Viele Menschen suchen Zustände des be-friedigt seins und des zu-Frieden seins, verwechseln diese Zustände aber mit der reinen Ablenkung von sich selbst (z.B. beim Fernsehen usw.). Äußere
Aktion und Bewegung soll dabei innere Bewegung anstoßen oder ersetzen, was aber meist nie gelingt sondern oft sogar ins Gegenteil umschlägt (leeres Gefühl, noch größere Einsamkeit usw.).
Die beste sinnvolle und befriedigende Tätigkeit ist das gemeinsame Arbeiten und die gegenseitige Hilfe in einer bereichernden und am besten spirituell ausgerichteten Gemeinschaft
(Beispiel: Barn raising bei den Amish).
(B.T. - Circlezusammenfassung)
Gotthold Ephraim Lessing sagt:
"Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht immer noch geschwinder, als jener, der ohne Ziel umherirrt." Und er hat damit wunderbar den Effekt (ja gradezu das Programm) der Weg-Arbeit und eines ihrer Aspekte beschrieben - der Ausrichtung.
Nicht wirklich erstaunlich bei einem ausgewiesenen Propagierer eines Christentums der Vernunft, welches sich nicht am Buchstaben, sondern am Geist der Religion orientieren sollte.
Cooler Vorname auch, Herr Lessing! Da kann ja nur noch Amadeus mithalten.
Von einer Schülerin nach Martin Buber:
Der Schüler: "Wie ist es, wenn man eine Stufe vor sich sieht, die man, solange man auf dieser Welt lebt und in diesem Körper gebannt ist, nicht erreichen kann? Was ist der Weg dorthin und
kann man den Weg hier immer weiter gehen? Muss man da nicht Gott bitten, dass er einen hinweg hebe?"
Der Rabbi: "Ach, Söhnchen, was willst du mit Stufen? Wenn du an Stufen zu denken beginnst, kommst du an kein Ende. Die Weisen erzählen, dass, wenn man da draußen von Welt zu Welt
aufsteigt, dann nimmt sich die Welt, in der man steht, als eine Erde aus, und jedesmal spannt sich hoch über ihm als Himmel eine Welt, die er noch nicht kennt, und wieder wird der Himmel
zu Erde. So ist es mit den Stufen. Der Weg aber ist, wie wenn man an einer Landstraße baut. Man schleppt Steine, man stampft sie ein, man walzt - und natürlich bleibt man dabei nicht am
gleichem Fleck, man kommt weiter: das ist der Weg."
("Gog und Magog")
Dienen
Die Liebe ist die Chance des Suchenden, sich vom Haß zu befreien. Die allumfassende Liebe ist die Chance des Suchenden, sich von der Fixierung der scheinbaren Liebe zu befreien. Die
scheinbare Liebe ist auf das eigene Subjekt gerichtet. Die allumfassende Liebe ist auf das Objekt gerichtet. Dieses Objekt beinhaltet auch das eigene Subjekt, weshalb wahrhaft Liebende
mit Egoisten nur allzu leicht verwechselt werden.
- Was ist das Dienen (im Bezug auf die Schöpfung)? Das Dienen ist das Übernehmen der Verantwortung, die aus der Erkenntnis resultiert.
- Welches ist diese Verantwortung? Die letzte Erkenntnis - die der allumfassenden Einheit - bringt mit sich, andere Wesen, das heißt Verkörperungen des Einen, entsprechend zu behandeln.
Dies ist die größte Verantwortung, die man auf sich nehmen kann und sie äußert sich durch das Dienen. Dieser Dienende ist der wahrhaft Freie, doch dienen kann man erst, wenn man von dem
Wahn des Ichs frei ist, denn das Dienen eines Unvollkommenen kann leicht Schaden und Leid mit sich bringen.
- Woran erkennt man den Dienst des Vollkommenen? Der Dienst des Vollkommenen entspringt seiner grenzenlosen Freiheit und erschafft Freiheit. Der Dienst des Unvollkommenen entspringt
entweder der versteckten Eigenliebe oder dem guten Willen, da der Unvollkommene jedoch nicht frei ist, schafft sein Dienst entweder Abhängigkeit oder, bei gutem Willen, höchstens gar
nichts.
Dies soll allerdings nicht falsch verstanden werden, denn es ist keine Anleitung zum Nichtstun. Auch der Suchende, Unvollkommene muß dienen, aber nicht mit seiner Erkenntnis, denn darüber
hat er Schweigen zu bewahren. Wissen, Wagen, Wollen und Schweigen sind die vier Pfeiler, auf denen ein Suchender seinen Tempel der Erkenntnis zu bauen hat, wenn jener auch die Ewigkeit
überstehen soll.
(Bruder Silvio)
Wichtig
Wichtig sein! Wichtig kommt von Wicht... Zugegeben: Stark vereinfacht! Aber manchmal muss man vereinfachen, um ein Muster sichtbar zu machen.
Altes Testament, 4. Mose 14,18
"Der HERR ist geduldig und von großer Barmherzigkeit und vergibt Missetat und Übertretung und läßt niemand ungestraft sondern sucht heim die Missetat der Väter über die Kinder ins dritte und vierte Glied."
Klingt etwas nach "Hü" und "Hott" gleichzeitig. Mit weltlicher Logik nicht ohne Weiteres zu verstehen. Wenn wir an die 95%-Regel denken, dann wird sofort ein Schuh daraus - vor allem, wenn wir dann auch noch an Reinkarnation im Sinne des althochdeutschen "Enichlin" (Enkel/der kleine Ahn) denken, wo der Enkel oder Urenkel eben der wiedergeborene "Missetäter" wäre.
Interessant :-)
Erfahrung
Erfahrung ist eine Form passiven Lernens. Dabei kann die Ursache der Erfahrung durchaus von einem selbst gestellt werden, doch die Erfahrung entsteht aus dem Resultat bzw. dem "Erleiden"
des Resultates und bleibt damit ein passiver Akt. Erfahrung kann sowohl auf empirischem Wege als auch auf rein geistigem Wege gewonnen werden und kann sich auf jedes Phänomen beziehen.
Für jede Erfahrung ist das Gedächtnis von grundlegender Wichtigkeit, Erfahrungen können also auch vergessen werden. Die Erfahrung bestimmt unser gesamtes Verhalten, sie ist eine speziell
menschliche Eigenschaft und es wäre falsch, sie rein mit dem Erinnerungsvermögen gleichzusetzen, denn die Erfahrung beinhaltet auch, verschiedene Faktoren verbinden zu können und daraus
die nötigen Konsequenzen abzuleiten.
Erfahrung ist bindender als Erinnerung, Erinnerung ist ein Teilaspekt der Erfahrung. Lernen ist der Vorgang des Gewinnens von Erfahrungen. Wenn man zum Beispiel lernt, dass zwei plus zwei
vier sind, so gehört dieser Wissensschatz zum Erinnerungsvermögen und ist Teil der Erfahrung, sobald man damit umgehen kann. Gelerntes, mit dem man nicht umgehen kann (auswendig
Gelerntes), ist ein abstrakter Inhalt des Erinnerungsvermögens, diese abstrakten Wissensinhalte lassen sich nur selten kombinieren und verknüpfen, weswegen daraus keine sinnvolle
Konsequenzen hervorgehen können. Sie bleiben Teilaspekte der Erfahrung.
Das Erinnerungsvermögen, von dem ich hier schreibe, ist keinesfalls nur der bewusste Teil des Gedächtnisses, sondern ich gehe davon aus, dass es auch latente Erinnerungen gibt. Oft weiß
man nicht, warum man so und so handelt und kann durch nähere Betrachtung auf den Ursprung zurückblicken. Jede Bewegung auf materieller und auf geistiger Ebene setzt ein gewisses Maß an
Erfahrung voraus. Wenn man z.B. noch nicht die Erfahrung des Laufens gemacht hat, wenn man nicht gelernt hat, wozu Beine da sind, dann kann man nicht laufen. Und später, wenn man Laufen
erlernt hat, so ist die Erinnerung des Laufvorganges latent, denn es wäre unmöglich, ständig durch bewusstes Kombinieren von Erinnerungen seine Beine zu bewegen.
Diese Behauptung, dass sich ohne Erfahrung nichts bewegt, setzt voraus, dass jeder Mensch von Geburt an zumindest schon soviel Erfahrung besitzt, dass er überhaupt Dinge erlernen kann.
Jeder Mensch besitzt von Anfang an irgendeine noch so primitive Form von Gedächtnis, und jeder Mensch ist von Anfang an in der Lage, in irgendeiner Form die Dinge zu erfassen, sie
wahrzunehmen, womit die ersten Voraussetzungen für Erfahrung gegeben wären.
Damit wären wir bei der Lernerfahrung angelangt. Die Lernerfahrung ist der Bereich der Erfahrung, der sich auf das Lernen bezieht. Fast jeder Mensch ist auf der einen oder anderen Weise
bestrebt, durch den geringstmöglichen Aufwand das größtmögliche Resultat zu erzielen und es gibt verschiedene effektive Wege, um Dinge zu erlernen. Je erfahrener ein Mensch im Bereich des
Lernens ist, umso einfacher wird er es haben, Dinge zu erlernen und folglich wird er auch umso mehr lernen. Die grundsätzliche Erfahrung wächst explosiv durch das Anwachsen der
Lernerfahrung. Lernen und Erfahrung sind zwei voneinander abhängige, einander voraussetzende Begriffe. Kein noch so großer Erfahrungsschatz kann also ernstlich daran hindern, Dinge zu
erlernen, sondern Erfahrung ist sogar überaus wichtig, um Gelerntes einmal anwenden zu können, damit Gelerntes auch zur vollwertigen Erfahrung wird.
Wer Wert darauf legt, Wissen nicht nur wie staubige Bücher in einem alten Regal im dunklen Keller anzusammeln, wird notwendigerweise Erfahrungen sammeln müssen, teils um überhaupt zu
erkennen, wo ein Wissensbedarf besteht, und teils um mit Wissen auch handeln zu können. Wenn Erfahrung dem Lernen hinderlich ist, so ist das ein untrügliches Zeichen mangelnder Erfahrung.
(Bruder Silvio)
Durchreise
Meditation, bei der wir einfach still dasitzen, zum Beobachter werden und erreichen möchten, dass unser Bewusstsein sich erweitert, könnte man mit einer Autoreise durch die norddeutsche
Ebene vergleichen. Man nimmt auch erst die Felder wahr, und die Bäume und Büsche, die am Straßenrand stehen. Dann dazu die Kühe, Schafe und Pferde auf den Feldern. Mit der Zeit sieht man
die Unterschiede zwischen den Feldern, Bäumen und Häusern in ihrer Form, Größe und Farbe - dann auch zwischen den Wolken. Man merkt nach und nach auch die kleinsten Details: ein seltener
Vögel auf einer Baumkrone, ein lustiger Gartenzwerg an einem Zaun, ein Schriftzug auf einem Windrad... Irgendwann aber fügt sich alles zu einem Gesamtbild zusammen. Obwohl man an all dem
vorbei fährt und der Blick nirgends lange verweilen kann, ist man mittendrin in den Weiten des Himmels und der Umgebung. Man schaut aus dem Fenster und sieht also eine Landschaft, die
Einen nicht aufregt, aber auch nicht zum Einschlafen verleitet. Man sitzt ruhig auf seinem Platz und schaut interessiert nach draußen.
(Lada)
Geistheilwahn (Spiegel Nr. 49 vom 3.12.2012)
Sonnenaufgang
Man kann zwar meinen, daß die großen spirituellen Wahrheiten Einbildungen und Ausgeburten der Phantasie sind, aber was, wenn die Menschen tatsächlich nur auf einer kleinen Insel des Unwissens und der Selbstbeschränkung inmitten gewaltiger Meere der Pracht, der Herrlichkeit und Wahrheit leben? Ist es nicht so, daß ein Sonnenaufgang wunderschön ist? Ist es nicht so, daß er einfach IST, auch wenn niemand ihn beobachtet, weil alle bis zum Mittag schlafen? Keiner der selbstzufriedenen Langschläfer wird ihn je vermissen, aber ein ruhelos getriebener Sucher wird ihn schließlich als Frucht seiner Schlaflosigkeit erblicken. Und es ist nicht schlüssig zu sagen, ob er zuerst des Sonnenaufgangs Wirklichkeit erkennt, oder seine Pracht. Wir kennen all die Einwände der Schläfer und der Toten gegen die Wahrheitsforschung und den Eintritt ins spirituelle Leben, aber dies sind nur Leute, die ihren Schlaf und ihr Totsein rechtfertigen. Was aber, wenn das spirituelle Leben wahr ist? Was entgeht ihnen alles - und wie grundfalsch ist ihr Leben ausgerichtet? Macht euch bereit, mehr zu bemerken! Nichts zu bemerken heißt nicht, daß da nichts zu bemerken wäre. Über den subjektiven Charakter der Schönheit eines Sonnenaufgangs könnte man streiten - nicht aber über seine objektives Stattfinden.
Normal
Diese Art von Anfragen über unsere Webseite kommen nicht selten vor:
"Fasziniert von den Büchern über Daskalos von Markides frage ich mich, wie es heute in Nicosia-Strovolos wäre, wenn ich dort ankäme und mir Heilung von den Folgen - Knochenbruch und Unfälle - einer Knieoperation suchen würde. Dankbar wäre ich über einen Kontakt in Deutschland oder Italien mit entsprechenden Erfahrungen."
Ja, irgendwie typisch. Was die Leute treibt, sind ihre physischen Leiden und der Wunsch nach Aufhebung derselben. Suche nach Erkenntnis oder Ähnliches scheint nicht viele zu motivieren. Aber urteilen wir nicht vorschnell, sondern schauen wir auch bei uns, wie sehr vielleicht auch wir bei unserer "höher angelegten Suche" von unserem Wohlbefinden abhängig sind.
Öffentliche Heilungsarbeit scheint zumindest für einige Menschen ein Einstieg in die Spiritualität zu sein. Das genügt zweifellos.
Nach meiner Antwort:
ich halte Panayiota (die Tochter von Daskalos) für eine kompetente "Heilerin" in der Nachfolge ihres Vaters. Auf ihrer Webseite http://stoa-series.com/ finden Sie auch ihre Emailadresse. Mit Kontakten in Deutschland und Italien können Sie wahrscheinlich auch von Panayiota versorgt
werden. Sie müssten ihr möglichst auf Englisch schreiben. Deutsch könnte sie sich aber zur Not übersetzen lassen.
Unser Studienkreis ist aus dem engen Verbund mit der Daskalos-Organisation ausgeschieden. Insofern habe ich keine sehr aktuellen Adresslisten. Ich könnte Sie aber mit etwas älteren
Kontaktdaten versorgen. Dazu müsste ich Ihren genaueren Aufenthaltsort kennen.
Selbstverständlich helfen wir Ihnen gerne, wenn Sie noch weitere Fragen etc. haben. Sei es bezüglich Heilung, Strovolos oder was auch immer...
...habe ich übrigens kein Wort mehr von der Dame gehört. Man sucht sich eben immer den nach den eigenen Kriterien "dicksten Fisch". Auch da können wir gut einmal bei uns selbst schauen. Vielleicht nicht in diesem Fall, aber generell stehen uns doch oft grade diese unsere Kriterien im Wege, oder?
Andererseits, was hat man sonst, wenn man diese Kriterien ist? Ein weiteres Argument für die Arbeit daran, Abstand zur AP zu bekommen.
Lassen
Der spirituelle Weg ist unter anderem ein Weg des Lassens: zulassen-weglassen-loslassen.
(Lada)
Mathias
Im Traum war ich heute Nacht bei meinem im letzten Jahr hinübergegangenen Freund zu Besuch. Er war eben dabei, seine Wohnung zu räumen, da er ja gestorben war. Trotzdem unterhielten wir uns ganz nett. Seine Wohnung war mir einerseits unbekannt, da ich seine letzte Bleibe nie gesehen hatte, und andererseits enthielt sie viele Stilelemente der ersten Wohnung, in der ich ihn kennengelernt hatte, als er noch bei seinem Vater wohnte. Mathias war ganz guter Dinge. Er trennte sich leichten Herzens von vielen Sachen - ganz im Gegensatz zu seinem sonstigen Verhalten. Einiges, was ihm wichtig war, packte er jedoch ein. Dann war es Zeit sich zu verabschieden. Ich brach auf, nachdem wir uns die Hände gegeben hatten. Mathias sagte:
"Indem du verstehst, entstellst du.
Indem du vergehst, erhellst du."
Was für ein Fuchs! Lebenslang den Agnostiker geben und kaum tot schon solch spitzfindige Weisheiten.
Elend
Mir wurde heute von Lada eine interessante Geschichte erzählt. Ich gebe sie mal sinngemäß mit eigenen Worten wieder. Die literarische Quelle, auf die sich meine bessere Hälfte bezog, ist mir grade nicht zugänglich:
Ein paar Schüler des Weges hatten sich Gedanken über die Existenz des Elends in der Welt gemacht und wollten nun von ihrem guten Lehrer eine Auskunft in der Sache. Sie suchten ihn auf und fragten: "Wie ist es möglich, das Elend in der Welt zu ertragen?"
Der Lehrer sagte: "Da müsst ihr nicht mich fragen. Ihr kennt doch den guten Lehrer Soundso?"
Die Schüler bejahten. Sie hatten schon Verschiedenes über die Schicksalsschläge gehört, die ihn ereilt hatten, und über die Schwierigkeiten und Nöte, die er erlebt hatte. Seine Ehefrau war ihm gestorben, sein Kind, sein Vieh. Er war Verfolgungen ausgesetzt gewesen, Verleumdungen und Hungersnot. Was man sich nur denken kann an Elend, war diesem Mann schon widerfahren.
Die Schüler begriffen, dass dieser Lehrer ihnen Informationen aus erster Hand würde geben können. Sie machten sich schnell auf den Weg und glücklicherweise trafen sie den gesuchten Mann auch in seinem kümmerlichen Zuhause an. Er bat die Schüler freundlich herein und so bald wie möglich stellten sie ihre Frage: "Wie ist es möglich, das Elend in der Welt zu ertragen?"
Der gute Lehrer blickte sie an und fragte zurück: "Elend? Was für Elend?"
Was ist...
...besser (schlimmer, tragischer, häufiger etc.)? Eine Wahrheit, die sich nicht beweisen lässt, oder eine Weisheit, die sich nicht bewahren lässt?
Manchmal hilfreich
Vorschriften beobachten und die Regeln einhalten
heißt, sich ohne Seil binden.
Frei und ungehemmt handeln, so wie man will,
heißt, das tun, was die Häretiker und Dämonen zu tun pflegen.
Den Geist erkennen und läutern,
ist die falsche Praxis des schweigenden Sitzens.
Sich selbst die Freiheit geben
und die wechselseitigen Bedingungen ignorieren
bedeutet, in einen Abgrund fallen.
Wachsam und niemals zweideutig sein
heißt, Ketten und ein eisernes Joch tragen.
Über Gut und Böse nachdenken gehört dem Himmel und der Hölle an.
Gottesschau und ein Verständnis der Lehre haben
heißt, zwischen zwei Bergen eingeschlossen sein.
Wer es erkennt, sobald sich ein Gedanke regt,
ist einer, der seine Kraft erschöpft.
Einfach quietistisch dazusitzen, ist die Praxis von Toten.
Wer vorwärts geht, weicht vom Prinzip ab.
Wer rückwärts geht, ist gegen die Wahrheit.
Wer weder vorwärts noch rückwärts geht,
ist ein toter Mensch, der noch atmet.
Nun sage mir, was wirst du tun?
So kleine Hände
Es gibt unseres Wissens in einigen spirituellen Traditionen "Liebeslyrik", die vordergründig das Vordergründige zu besingen scheint. ^^ Hintergründig aber auf den spirituellen
Weggefährten, den geliebten Meister oder gar Gott bezogen ist. Jenseits dieser "offiziellen" Wahrheit wissen wir, dass dies in der Einen Spirituellen Gemeinschaft gepflegt wird. Das geht
vom Tradieren über das Verfassen bis hin zum "Umlesen" vorhandener Lyrik. Üben lässt sich dies auf der "Perlensuche" in größerem Umfang hier: http://www.deutsche-liebeslyrik.de/ Zum Warmwerden versucht es einmal hiermit:
irgendwo, wo ich noch nie gewesen (E. E. Cummings, 1894 - 1962)
irgendwo, wo ich noch nie gewesen,
wohl jenseits jeglicher erfahrung, ist die stille deiner augen:
in deiner zartesten geste sind dinge, die mich umfassen
oder welche ich nicht zu berühren vermag, weil sie zu nah sind
mühelos öffnet mich der flüchtigste deiner blicke,
wenn ich mich auch wie finger geschlossen habe,
so öffnest du mich doch stets blatt für blatt, wie der frühling
(mit verständiger, geheimnisvoller berührung) seine erste rose
wünschest du aber, mich zu verschließen, so schließen
sich plötzlich auf wundersame weise ich und mein leben,
als erträumte das herz dieser blume
des schneefalls leises herniedersinken
nichts auf dieser welt kommt der macht
deiner eindringlichen zartheit gleich,
deren tönung mich mit den farben ihrer herkunft lockt,
tod und ewigkeit mit jedem atemzug verströmend
(ich weiß nicht, was an dir sich schließt
und öffnet; nur etwas ist in mir, als
fände ich die antwort in der stimme deiner augen, tiefer noch als rosen)
niemand, nicht einmal der regen, hat solch kleine hände.
Askese
...heißt übersetzt Übung. Fälschlich verstanden oft als quasi dauerhafte Entsagung beinahe aller Annehmlichkeiten des Lebens. Wir können aber tatsächlich alles üben: Einfach mal ein paar Tage auf den Morgenkaffee verzichten, statt mit dem Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, das Handy mal aus lassen. Den Übungen sind keine Grenzen gesetzt - auf die Art bezogen. Manches wird dann auch mit Leichtigkeit zu einer dauerhaften Einrichtung, weil man merkt, dass es geht und weil man weiß, dass es besser ist. Es hört auf, Übung und erst recht Entsagung zu sein.
Manchmal überkommt es einen auch unverhofft. Klar, das Auto kann kaputt gehen und man muss mit dem Fahrrad fahren. Nehmen wir es als Askese! Manchmal fällt selbst das schwer - denn wir meinen nicht "aus der Not eine Tugend machen."
Einer hat eine neue Matratze bekommen. Schon beim Probeliegen schien sie hart. Aber die alte Matratze war wirklich genau das - alt. Also Augen zu und rauf auf die neue. Die erste Nacht war wie auf einem Brett. Nach sechs Stunden konnte einer nicht mehr liegen. Fühlte sich wie mit einem Knüppel gehauen. Gut dass er tagsüber so müde war, dass er das kaum merkte.
Man sagt, man brauche drei Wochen, sich an eine neue Matratze zu gewöhnen. Eine interessante Erfahrung. Mal sehen, ob einer danach mit harten Matratzen glücklich ist. Oder sie gar predigt!
Das soll niemanden von Askese abhalten. :-)
http://www.heilerin-in-bremen.de/
Schaut Euch diese Webseite einer Bremer/Findorffer Heilerin an. Interessant, sich einmal Gedanken über die Bedürfnisse zu machen, die dort befriedigt werden. Auch interessant, sich über die Legitimität der Bedürfnisbefriedigung Gedanken zu machen. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den vorgebrachten Aussagen ist auch nicht ohne. Die Dame ist meines Wissens Vollerwerbsheilerin - und das will etwas heißen. Sie ist übrigens auch bei Youtube zu finden, falls jemand das gesprochene Wort sucht.
Stupor mundi!