Chassidische Erzählungen
In der Mitte des 18. Jahrhunderts fand in Osteuropa eine Erneuerung des jüdischen Glaubens statt: Es entstand für ca. 100 Jahre eine tiefe mystische Bewegung - der Chassidismus. Der
Philosoph Martin Buber, der das Leben, die Lehren und Wirken der Chassiden für die Nachwelt erzählt und gedeutet hat, nennt diese östliche Mystik - "eine wunderbare Blüte eines uralten
Baumes". Die Lehren der geistigen Führer der Chassiden, der Zaddikim (die Rabbis), haben ihre Schüler in Form von Sprüchen, Geschichten und Legenden aufbewahrt und weiter erzählt. Es gibt
sehr viele dieser Geschichten nach Martin Buber. Ich habe aus Hunderten eine engere Wahl (um die 100) getroffen und möchte sie gerne nach und nach in den Blog stellen. Ob kurz oder lang,
gleich verständlich oder verschlüsselt, in einfacher oder gehobener Sprache - alle diese Geschichten laden mindestens zum Nachdenken ein.
(Lada)
25.2.2016
Der Lubliner und ein Prediger
Ein berühmter wandernder Maggid predigte einmal in einer Stadt, als die Kunde sich verbreitete, der Rabbi von Lublin sei gekommen. Alsbald gingen alle Zuhörer von dannen, den Zaddik zu
begrüßen. Der Prediger merkte, dass er allein veblieben war; er zögerte eine Weile, dann begab auch er sich in die Herberge, wo der Lubliner eingekehrt war. Dessen Tisch war bereits von
"Lösegeldern", welche die Bittsteller und anderen Besucher dem Zaddik bringen, ganz bedeckt. Der Maggid fragte: "Wie geht das zu: ich predige hier seit etlichen Tagen und habe noch nichts
bekommen, Euch aber ist in einer Stunde all dies zugeflogen?" Rabbi Jaakob Jizchak antwortete: "Es wird wohl dies sein, dass jeder in den Herzen der Menschen das erweckt, was er im eigenen
hegt; ich Geldeshaß, Ihr Geldesliebe."
Vielleicht
Einer der Aufklärer, ein sehr gelehrter Mann, der von Berditchewer gehört hatte, suchte ihn auf, um auch mit ihm, wie er es gewohnt war, zu disputieren und seine rückständigen Beweisgründe
für die Wahrheit seines Glaubens zuschanden zu machen. Als er die Stube des Zaddiks betrat, sah er ihn mit einem Buch in der Hand in begeistertem Nachdenken auf und nieder gehen. Des
Ankömmlings achtete er nicht. Schließlich blieb der Zaddik stehen, sah ihn flüchtig an und sagte: "Vielleicht ist es aber wahr." Der Aufklärer nahm vergebens all sein Selbstgefühl zusammen -
ihm schlotterten die Knie, so furchtbar war der Rabbi anzusehen, so furchtbar sein schlichter Spruch zu hören. Rabbi Levi Jizchak aber wandte sich ihm nun völlig zu und sprach ihn gelassen
an: "Mein Sohn, die Großen der Thora, mit denen du gestritten hast, haben ihre Worte an dich verschwendet, du hast, als du gingst, darüber gelacht. Sie haben dir Gott und sein Reich nicht auf
den Tisch legen können, und auch ich kann es nicht. Aber, mein Sohn, bedenke, vielleicht ist es wahr." Der Aufklärer bot seine innerste Kraft zu Entgegnung auf; aber dieses furchtbare
"Vielleicht", das ihm Mal um Mal entgegenklang, brach seinen Widerstand."
Sei's so
Rabbi Jaakob Jossef, der Raw von Polnoe, wurde einmal eingeladen, als Gevatter an einer Beschneidung in einem nahen Dorf teilzunehmen. Als er hinkam, fehlte ein Mann zur erforderlichen
Zehnerschaft. Der Zaddik wurde sehr unwillig, dass er warten musste - es verdross ihn stets, wenn er genötigt war zu warten. Da seit dem Frühmorgen ein heftiger Regen niederging, gelang es
lange nicht, eines Wanderers habhaft zu werden. Endlich sah man einen Bettler des Wegs kommen., Aufgefordert, als Zehnter bei der Zeremonie zugegen zu sein, erwiderte er: "Sei's so" und kam
herein. Als man ihm warmen Tee anbot, sagte er "Sei's so." Nach der Beschneidung lud man ihn zum Mahl und bekam die gleiche Antwort. Zuletzt fragte ihn der Hausherr: "Warum wiederholt Ihr
denn immerzu dasselbe?" "Heißt doch im Psalm", sprach der Mann, "Heil dem Volk, dem es so geschieht!" Schon war er aber allen Augen entschwunden.
In der Nacht darauf konnte der Rabbi von Polnoe keinen Schlaf finden. Immer wieder hörte er den Bettler jenes "Sei's so" sprechen, bis ihm offenbar wurde, das könne kein anderer gewesen sein
als Elija, der kam, um ihm seinen Hang zum Unwilligwerden zu verweisen. "Heil dem Volk, dem es so geschieht!" flüsterte er und schlief sogleich ein.
Die drei Gefangenen
Nach dem Tode des Rabbi Uri von Strelisk, den man den Seraph nannte, kam einer seiner Chassidim zu Rabbi Bunam, um sich ihm anzuschließen. Rabbi Bunam fragte: "Welches war der Weg deines
Lehrers, euch im Dienst zu unterweisen?" "Sein Weg", sagte der Chassid, "war, Demut in unsere Herzen zu pflanzen. Darum musste jeder, der zu ihm kam, mochte er ein Vornehmer oder ein
Gelehrter sein, zu allererst zwei große Eimer am Marktbrunnen füllen oder eine andere beschwerliche und gering geschätzte Arbeit vollbringen."
Rabbi Bunam sprach: "Ich will dir eine Geschichte erzählen. Drei Männer, zwei kluge und ein törichter, saßen einmal in einem nachtfinstern Verlies, in das ihnen täglich Speisen und Essgerät
hinuntergelassen wurden. Das Dunkel und die Not der Gefangenschaft hatten den Narren vollends verwirrt, so dass er sich der Geräte, weil er sie nicht sah, nicht zu bedienen verstand. Einer
seiner Gefährten belehrte ihn, aber am nächsten Tag wusste er das Gerät wieder nicht zu handhaben, und so musste der Kluge sich unablässig mit ihm abmühen. Der dritte Gefangene aber saß
schweigend und kümmerte sich um den Toren nicht. Einmal fragte der zweite, warum er sich des Beistandes enthalte. "Sieh", antwortete jener, "du mühst dich ab und kommst zu keinem Ziel, denn
jeder Tag wirft dein Werk um, ich aber sitze und überlege, wie ich es anstellen muss, um in die Wand ein Loch zu bohren, dass das Licht der Sonne herfinde und wir alles sehen."
22.1.2016
Streit
Dem Rabbi Nachmann von Bratzlaw fiel nicht ein, die Feindschaft zu erwidern. Er sagte: "Die ganze Welt ist voll des Streits, jedes Land und jede Stadt und jedes Haus. Aber wer in sein Herz
die Wirklichkeit aufnimmt, dass der Mensch an jedem Tage stirbt, denn er muss jeden Tag ein Stück von sich seinem Tode abgeben, wie soll der noch seine Tage mit Streit verbringen
können?"
Schnitzerei
Rabbi Nachman wurde nicht müde, in seinen Widersachern Gutes zu finden und sie zu rechtfertigen: "Bin ich es denn", fragt er, "den sie hassen? Sie haben sich einen Menschen ausgeschnitzt und
streiten wider ihn."
Haus bauen
Rabbi Nachman sah das Wüten seiner Feinde als einen Segen an: "Alle Worte des Lästerns und aller Grimm der Feindschaft wider den Echten und Schweigsamen sind wie Steine, die gegen ihn
geworfen werden - und er baut aus ihnen sein Haus."
21.1.2016
Die Welt
Die Welt ist wie ein kreisender Würfel, und alles kehrt sich, es wandelt sich der Mensch zum Engel und der Engel zum Menschen und das Haupt zum Fuß und der Fuß zum Haupt, so kehren sich und
kreisen alle Dinge und wandeln sich, dieses in jenes und jenes in dieses, das oberste zu unterst und das unterste zu oberst. Denn in der Wurzel ist alles eines, und in dem Wandel und dem
Wiederkehren der Dinge ist die Erlösung beschlossen.
Gott und Mensch
Alle Nöte des Menschen kommen aus ihm selbst, denn das Licht Gottes ergießt sich ewig über ihn, aber der Mensch macht sich durch sein allzu körperliches Leben einen Schatten, so dass das
Licht Gottes nicht zu ihm gelangen kann.
Sich selbst richten
Wenn ein Mensch sich selbst nicht richtet, richten ihn alle Dinge, und alle Dinge werden zu Boten Gottes.
(3 x Rabbi Nachman)
20.1.2016
Wahrheit und Obsiegen
Rabbi Nachman von Bratzlaw sagte: "Das Obsiegen erträgt die Wahrheit nicht, und wenn man vor deinen Augen ein wahres Ding ausbreitet, verstößest du es wegen des Obsiegens. Wer da die Wahrheit
in ihr selbst will, treibe den Geist des Obsiegens hinweg; dann erst bereite er sich, die Wahrheit zu schauen."
Denken und Sprechen
Rabbi Nachman bemerkte: "Alle Gedanken des Menschen sind sprechende Bewegung, auch wenn er es nicht weiß."
Aufstieg
Wieder von Rabbi Nachman: "Für des Menschen Aufstieg ist keine Grenze, und jedem ist das Höchste offen. Hier waltet allein deine Wahl."
13.12.2015
Der Wurm
Rabbi Menachem Mendel von Witebsk sprach: "Ich weiß nicht, worin ich besser wäre als ein Wurm. Ich weiß nicht, dass ich so gut wäre wie er. Seht doch, er tut den Willen seines Schöpfers und
verdirbt nichts."
Bereitung
Ein Schüler bat Rabbi Schmelke von Nikolsburg, ihn zu unterweisen, wie er seine Seele zum Dienste Gottes bereiten solle. Der Zaddik hieß ihn zu einem anderen seiner Schüler, Rabbi Abraham
Chajim, fahren, der damals noch eine Herberge hielt. Der Jüngling folgte der Weisung und wohnte da etliche Wochen, ohne an dem Wirt, der sich von Morgengebet bis gegen den Abend in der
Schankwirtschaft zu schaffen machte, irgendwelche Heiligkeit wahrzunehmen. Endlich fragte er den Rabbi Abraham Chajim, was er denn so den Tag über tue. "Mein vornehmstes Geschäft", sagte der
Rabbi, "ist, die Gefäße recht zu säubern, dass auch nicht der kleinste Speiserest an einem hafte, und auch alle Geräte zu putzen und trocken zu wischen, dass sich keines der Rost
bemächtige."
Als der Schüler heimkehrte und, was er gesehen und gehört hatte, Rabbi Schmelke berichtete, sagte ihm dieser: "Nun weißt du, was du zu wissen begehrtest."
Das Erlernte
Als Levi Jizchak von Berditschew von seiner ersten Fahrt zu Rabbi Schmelke von Nikolsburg, die er gegen den Willen seines Schwiegervaters unternommen hatte, zu diesem heimkehrte, herrschte
der Alte ihn an: "Nun, was hast du schon bei dem erlernt?!"
"Ich habe erlernt", antwortete Levi Jizchak, "dass es einen Schöpfer der Welt gibt."
Der Schwiegervater rief einen Diener herbei und fragte den: "Ist es dir bekannt, dass es einen Schöpfer der Welt gibt?"
"Aber ja!", sagte der Diener.
"Freilich", rief Levi Jizchak, "alle sagen es, aber erlernen sie es auch?!"
12.12.2015
Die Verwechslung
Rabbi Jizhak von Worki erzählte: "Als ich mit meinem Lehrer, Rabbi David von Lelow, unterwegs war und wir in einer fernen Stadt verweilten, fiel plötzlich auf der Gasse eine Frau über ihn her
und schlug auf ihn ein. Sie glaubte in ihm ihren Mann zu erkennen, der sie vor vielen Jahren verlassen hatte. Als nach wenigen Minuten der Irrtum sich klärte, brach die Frau in ein
fassungsloses Weinen aus.
"Beruhige dich", sagte Rabbi David zu ihr, "du hast doch nicht mich, sondern deinen Mann geschlagen."
Und leiser fügte er hinzu: "Wie oft schlägt man auf einen ein, weil man ihn für einen anderen hält, als er ist."
Von allen lernen
Rabbi Jechiel Michal von Zloczow erklärte: "...Nicht von denen allein ist zu lernen, die als Lehrer wirken, sondern von jedem Menschen. Auch von dem Unwissenden, ja auch von dem Bösen, kannst
du eine Einsicht erlangen, wie du dein Leben zu führen hast."
Erinnern
In Ropschitz, Rabbi Naftalis Stadt, pflegten die Reichen, deren Häuser einsam oder am Ende des Ortes lagen, Leute zu dingen, die nachts über ihren Besitz wachen sollten. Als Rabbi Naftali
sich eines Abends spät am Rande des Waldes erging, der die Stadt säumte, begegnete er solch einem auf und nieder wandelnden Wächter.
"Für wen gehst du?" fragte er den Mann.
Der gab Bescheid, fügte aber die Gegenfrage hinzu: "Und für wen geht Ihr Rabbi?"
Das Wort traf den Zaddik wie ein Pfeil. "Noch gehe ich für niemand", brachte er mühsam hervor, dann schritt er lange schweigend neben dem Mann weiter.
"Willst du mein Diener werden?" fragte er endlich.
"Das will ich gern", antwortete jener, "aber was habe ich zu tun?"
"Mich zu erinnern", sagte der Rabbi.
11.12.2015
Die schlechte Bitte
Nach einem Gottesdienst sprach Rabbi Bunam zu seiner Gemeinde: "Ein Königssohn empörte sich wider seinen Vater und wurde von dessen Angesicht verbannt. Nach einer Zeit erbarmte es den König,
und er hieß ihn suchen. Ein Bote fand den Königssohn in einer Dorfschenke, wo er bloßfüßig und im zerrissenen Hemd unter betrunkenen Bauern saß. Der Bote sagte zu ihm: "Ich bin von Eurem
Vater gesandt, Euch zu fragen, was Ihr begehrt. Was immer es sei, er ist bereit es zu erfüllen."
Der Prinz fing an zu weinen. "Hätte ich doch", sagte er, "ein warmes Gewand und ein Paar kräftige Schuhe!" - Seht, so flehen wir um die kleinen Dinge der Stunde und wissen nicht zu beten,
dass uns Erlösung werde."
Rede im Schweigen
An Rabbi Mendel von Workis Tisch saßen einst die Chassidim beisammen. Man konnte die Fliege an der Wand hören, so groß war das Schweigen. Nach dem Tischgebet sagte der Rabbi von Biala zu
seinem Nachbarn: "Ist das heut ein Tisch gewesen! Er hat mich so geprüft, dass mir die Adern zu platzen drohten, aber ich habe standgehalten und habe auf alle Fragen Antwort gegeben."
Der hochmütige Asket
Als Rabbi Naftali von Ropschitz noch jung war, gab es in seiner Stadt einen Mann, der viele Fasten und Nachtwachen hielt, bis es ihm dünkte, er sei der Vollkommenheit nah, und sein Herz sich
blähte. Rabbi Naftali, der wohl sah, wie um jenen stand, war einmal im Lehrhaus zugegen, als ein Knabe den in Betrachtung versunkenen Asketen mit dem Ellbogen streifte. Der Rabbi verwies den
Knaben. "Wie wagt du es, diesen Mann zu stören! Weißt du nicht, dass er seit vierundzwanzig Stunden fastet?"
"Vielmehr von einem Sabbat zum anderen!" berichtigte der Asket. Da war das Verborgene offenbar geworden.
10.12.2016
Wie ich bei einem Bauern in die Lehre ging (von Rabbi Levi Jizchak von Berditschew)
Auf einer Wanderschaft traf ich auf einen riesigen Heuwagen, der umgestürzt war und quer über die Straße lag. Der Bauer, der daneben stand, rief mir zu, ich möchte ihm den Wagen aufrichten
helfen. Ich dachte aber:" Wohl habe ich kräftige Arme, und auch der Bauer schien was zu vermögen, aber wie sollten zwei Männer die ungeheure Last heben?"
"Ich kann nicht", sagte ich. Da schob jener mich an. "Du kannst", rief er, "aber du willst nicht." Das fuhr mir ins Herz. Bretter waren zu Hand, wir stemmten sie unter den Wagen, hebelten mit
all unserer Kraft, das Gefährt schwankte, hob sich, stand, wir luden das Heu wieder drauf und die Ochsen zogen an. Wir gingen dann eine Weile beisammen.
"Ich möchte dich etwas fragen", sagte ich.
"Frag nur, Bruder", antwortete er.
"Wie kam dir in den Sinn", fragte ich ihn, "dass ich nicht will?"
"Das kam mir in den Sinn", antwortete er, "weil du gesagt hattest, du könntest nicht. Niemand weiß, ob er etwas kann, eh er es versucht hat."
"Aber wie kam dir in den Sinn", fragte ich weiter, "dass ich kann?"
"Ach, Bruder", sagte er, "was bist du für ein Presser! Nun gut, es kam mir in den Sinn, weil man dich mir in den Weg geschickt hat."
"Meinst du etwa gar", fragte ich, "dein Wagen sei gestürzt, damit ich dir helfen könne?"
"Was den sonst , Bruder; was denn sonst?" sagte er.
Stufen
Ein Schüler fragte Rabbi Jaakob Jizchak von Lublin: "Wie ist es, wenn man eine Stufe vor sich sieht, die man, solange man auf dieser Welt lebt und in diesem Körper gebannt ist, nicht
erreichen kann? Was ist der Weg dorthin und kann man den Weg hier immer weiter gehen? Muss man da nicht Gott bitten, dass er einen hinweg hebe?"
Der Rabbi antwortete: "Ach, Söhnchen, was willst du mit Stufen? Wenn du an Stufen zu denken beginnst, kommst du an kein Ende. Die Weisen erzählen, dass, wenn man da draußen von Welt zu Welt
aufsteigt, dann nimmt sich die Welt, in der man steht, als eine Erde aus, und jedesmal spannt sich hoch über ihm als Himmel eine Welt, die er noch nicht kennt, und wieder wird der Himmel zu
Erde. So ist es mit den Stufen. Der Weg aber ist, wie wenn man an einer Landstraße baut. Man schleppt Steine, man stampft sie ein, man walzt - und natürlich bleibt man dabei nicht am gleichem
Fleck, man kommt weiter: das ist der Weg."
Vom Zorn
Rabbi Pinchas von Korez sagte einmal zu seinen Chassidim: "Seit ich den Zorn gebrochen habe, halte ich ihn in der Tasche. Wenn ich ihn brauche, hole ich ihn hervor."
9.12.2015
Wohltat
Bei einem Besuch in einer kleinen Stadt hörte Rabbi Bunam von einem frommen und gelehrten Mann, der in großem Elend lebte. Da lud er sich bei dem Mann als Sabbatgast ein, ließ ihm Geräte und Speisevorrat in das leere Haus tragen und wusste ihm auch noch würdige Kleider aufzunötigen. Nach dem Sabbat überreichte Rabbi Bunam seinem Gastgeber einen ansehnlichen Geldbetrag als Abschiedsgeschenk. Jener weigerte sich aber, das Geld anzunehmen: er habe schon übergenug empfangen. "Das andere", sagte der Zaddik, "habe ich nicht Euch, sondern mir gegeben, um die Wunde des Mitleidens, die mir Eurer Elend schlug, zu heilen. Nun erst kann ich das Gebot des Wohltuns erfüllen. Wer den Anblick des Bedrängnis nicht ertragen kann, muss sie solange lindern, bis der Verdruss seines Herzens überwunden ist, dann erst vermag er in Wahrheit seinem Mitmenschen zu geben."
Die Gabe an den Gegner
Zu Rabbi Mendel von Kozk kam einst einer der Juden seiner Stadt, der als ein Gegner des chassidischen Weges bekannt war, und klagte ihm, er habe eine Tochter zu vermählen und könne die
Mitgift nicht aufzubringen. Er bat den Rabbi um einen Rat.
"Wieviel brauchst du?" fragte der Zaddik.
Es waren etliche hundert Gulden. Rabbi Mendel zog eine Lade seines Tisches auf, leerte sie und gab das Geld dem Mann. Bald darauf erfuhr der Bruder des Zaddiks, was sich begeben hatte. Er kam
und hielt ihm vor: der andere Jude sei doch sein Gegner und verleumde ihn bei jeder Gelegenheit, jetzt aber gäbe er dem Widersacher solch einen Betrag her!
"Es war schon vor dir jemand bei mir", antwortete der Rabbi, "der hat dasselbe vorgebracht wie du, nur hat er viel besser reden können."
"Wer war das?" fragte der Bruder.
"Das ist", antwortete Rabbi Mendel, "der Satan gewesen."
Verstehen
Einmal erzählte Rabbi Levi Jiczhak von Berditschew seinen Schülern:
"Als ich bei meinem Schwiegervater zu Gast war, sah ich von meiner Stube in eine Schmiede.
Wenn ich mich am Morgen mit Buch ans Fenster setzte, da schlug schon der Schmied, fast ohne zu verschnaufen, auf den Amboß ein.
"Dschach! Dschach!" - bei diesem Zweiklang habe ich täglich mit dem Lernen begonnen. Aber mit der Zeit konnte ich es nicht ertragen, den Mann, wenn ich kam, immer schon bei der Arbeit zu
finden. Ich stand etwas früher auf - es nützte nichts, drüben war das Hämmern schon im vollen Gang. Ich stand noch früher auf - vergeblich. "Ich kann mich doch von dem Mann mit seinem
Handwerk, nicht beschämen lassen. Mir geht es doch ums ewige Leben!", sagte ich zu mir und suchte ihn wieder zu überflügeln, aber umsonst.
So ging es eine Weile fort, bis es so früh war, dass ich mir zum Lesen eine Kerze anzünden musste. Das war mir nun doch zu wunderlich - ich ging hinunter und trat in die Schmiede. Der Mann
hielt sogleich inne und fragte nach meinem Begehren. Ich erzählte ihm, wie es mir mit ihm ergangen war.
Er begann aber zu reden: "Wir Schmiede sind Frühaufsteher. Dann aber sah ich, dass Ihr täglich kurz danach ans Fenster kamt und last. Da sagte ich mir, das könne ich mir doch nicht gefallen
lassen, dass jemand, der doch nur seinen Kopf anzustrengen braucht, mit mir wetteifert. So bin ich denn früher an Amboß gegangen, und immer früher, denn es hat mir nichts genützt, gleich wart
Ihr auch schon da!"
"Du kannst ja aber doch nicht verstehen", sprach ich, "um was es mir geht."
"Das kann ich gewiss nicht verstehen", erwiderte er, "aber könnt Ihr denn verstehen, um was es mir geht?"
So habe ich gelernt, dass man verstehen lernen muss, um was es dem anderen geht.
"Hoho!", rief ein Schüler, der schon eine Weile vor sich hingebrummt hatte, "du bist wohl einer von denen, die alle und alles verstehen möchten?"
"Das nicht", antwortete Jaakob Jiczhak, "aber seither scheint es mir unziemlich, in Frage zu stellen, ob mich einer versteht, solange ich ihn nicht verstehe."
26.10.2015
Die "Chassidische Erzählungen (Teil 1)" beende ich mit dem Spruch des Baalschem:
"Es gibt den Gedanken, das Wort, die Handlung. Wer die drei in sich zurechtschafft, dem wandelt sich alles zum Guten."
25.10.2015
Der Dachschaden
Die Regierungsbeamte wollten in der Stadt Rymanow ein Haus bestimmen, in dem die Speisevorräte für das Heer verwahrt werden sollten. Sie fanden keinen geeigneten Ort als das Bethaus der
Juden. Als die Vorsteher der Gemeinde dies erfuhren, kamen sie bestürzt und ratlos zu Rabbi Menachem Mendel von Rymanow. Nur einer unter ihnen wusste über einen Umstand zu berichten, der eine
Änderung des Beschlusses erhoffen ließe: seit einiger Zeit sei das Dach des Bethauses schadhaft, und wenn es erst kräftig hereinregne, würde man wohl für die Vorräte eine andere Unterkunft
suchen.
"So ist", sprach der Zaddik, "das Urteil gerecht, dass aus dem Heiligtum ein Lagerhaus werde. Denn das Urteil ist über eure Trägheit und Leichtfertigkeit gesprochen. Der Schaden muss ausgebessert werden!"
Und so geschah es am nächsten Tag. Von der Absicht der Beamten hörte man seither nichts mehr.
Wohltun
Durch das Dorf, in dem Rabbi Mosche von Kobryn, als er noch ein Kind war, mit seinen Eltern wohnte, zogen einst täglich Scharen Bedürftiger, die einer Hungersnot in Litauen entkommen wollten.
Seine Mutter mahlte Korn auf einer Handmühle und buk an jedem Morgen Brot, um es unter den hungernden Menschen auszuteilen. An einem Tag kamen viel mehr Leute als sonst in den Dorf. Das Brot
reichte nicht für alle, aber der Ofen war geheizt und Teig lag in den Schüsseln. Eilig nahm Mosches Mutter davon, knetete die Laibe zurecht und schob sie in den Ofen. Die Hungrigen jedoch
brummten, weil sie warten mussten, und etliche Freche unter ihnen verstiegen sich zu Scheltworten und Flüchen. Darüber brach die arme Frau in Tränen aus.
"Weine nicht, Mutter", sagte der Knabe, "tue nur deine Arbeit und lass sie fluchen und erfülle Gottes Aufgabe! Vielleicht, wenn sie dich lobten und segneten, wäre sie wenig erfüllt."
Gedenken und Vergessen
Einmal sprach Rabbi Jehuda Zwi von Rozdol: "Wir haben heute gebetet: "Alles Vergessenen gedenkst du von Ewigkeit her." Was haben wir damit gesagt? - Gott will nur dessen gedenken, was der
Mensch vergisst. Wenn einer das Gute tut und das Getane nicht im Sinn hält - seines Dienstes ist Gott eingedenk. Redet aber einer zu seinem erhobenen Herzen: "Schön habe ich gebetet, schön
habe ich gelernt, viel Gutes habe ich getan," - vor Gottes Augen ist nichts davon da. Hat einer einen Fehler gemacht und danach bereut er diesen Fehler mit all seiner Kraft und macht es
wiedergut , hat Gott diesen vergessen. Aber die leichthin abgestreiften Fehler sind bei ihm verwahrt."
24.10.2015
Nächstenliebe
Rabbi Mendel von Kossow hat die Schrift - "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" - so ausgelegt: "Wenn du deinen Gefährten einen Fehler begehen siehst, dann beschuldige ihn nicht, sondern
denk dir: "Nach welchen Ausreden würde ich suchen, um mich zu rechtfertigen." Diese Rechtfertigung sollst du auch für ihn suchen und dich bemühen, ihn zu entschuldigen."
Selbstpeinigung
Rabbi Jizchak Meir von Ger hat mit starken Worten in einer Predigt vor Selbstpeinigung gewarnt: "Wer ein Übel, das er getan oder erfahren hat immerzu beredet und besinnt, hört nicht auf, das
Gemeine, das er getan oder erfahren hat, zu denken. Und was man denkt, darin liegt man, mit der Seele liegt man ganz und gar darin. Er wird gewiss nicht umkehren können, denn sein Geist wird
grob und sein Herz stockig werden, und es mag auch noch die Schwermut über ihn kommen. Was willst du? Rühr' her den Kot, rühr' hin den Kot, bleibt's doch immer Kot. Ja, gesündigt, nicht
gesündigt, was hat man im Himmel davon? In der Zeit, wo ich darüber grüble, kann ich doch Perlen reihen dem Himmel zur Freude. Darum heißt es: "Weiche vom Bösen und tue das Gute" - wende dich
von dem Bösen ganz weg, sinne ihm nicht nach und tue das Gute. Unrechtes hast du getan oder erduldet? Tue Rechtes ihm entgegen."
Gut und Böse
Rabbi Nachman von Brazlaw lehrte: "Das Gute soll nicht nur als Gut und das Böse nicht nur als Böse angesehen werden. Alles Gute kann durch Frömmelei, Humorlosigkeit und Selbstgerechtigkeit
zum Bösen werden, und alles Böse kann durch Einsicht und Liebe zum Guten gekehrt werden. Hinter jeder Fratze eines Dämons steht und lächelt bereits ein Engel, der auf die Umkehr und Erlösung
wartet."
23.10.2015
Wo bist Du?
Als Rabbi Salman von Reussen, weil seine Einsicht und sein Weg von einem Gegner verleumdet worden waren, im Gefängnis saß und dem Verhör entgegensah, kam der Oberste der Gendarmerie in seine
Zelle. Das mächtige und stille Antlitz des Zaddiks ließ den nachdenklichen Mann ahnen, welcher Art sein Gefangener war. Er kam mit ihm ins Gespräch und brachte bald manche Frage vor, die ihm
beim Lesen der Schrift aufgetaucht war. Zuletzt fragte der Oberst: "Wie ist es zu verstehen, dass Gott der Allwissende zu Adam spricht: "Wo bist du?" Er wollte damit einen angeblichen
Widerspruch in der jüdischen Glaubenswelt aufzudecken - wenn man sich vor Gott verbergen kann, dann ist er doch nicht der Allwissende.
"Nun wohl", sprach der Zaddik, "in jeder Zeit ruft Gott jeden Menschen an: "Wo bist du in deiner Welt? So viele Jahre und Tage von den dir zugemessenen sind vergangen, wie weit bist du
derweilen in deiner Welt gekommen? So etwa spricht Gott: "Sechsundvierzig Jahre hast du gelebt, wo hältst du?"
Als der Oberste die Zahl seiner Lebensjahre nennen hörte, raffte er sich zusammen, legte dem Zaddik die Hand auf die Schulter und rief: "Bravo!"
Aber sein Herz flatterte.
Eigener Weg
Der Baalschem sagte: "Jedermann soll seiner Entwicklung entsprechend seinen eigenen Weg gehen. Geschieht dem aber nicht so und einer schaut darauf, wie weit es ein anderer auf seinem Wege
gebracht hat, und ihm nachzutun trachtet und seinen eigenen Weg fahren lässt, dann werden nicht dieser und nicht jener durch ihn verwirklicht werden."
Frieden
Rabbi Bunam lehrte: "Unsere Weisen sagen: "Suche den Frieden in deinem Ort." Man kann den Frieden nirgendwo anders suchen als bei sich selber, bis man ihn da gefunden hat. Erst wenn der
Mensch in sich selbst den Frieden gefunden hat, findet er ihn überall."
22.10.2015
Die zehn Grundsätze
Rabbi Dow Bär von Mesritsch sprach zu seinem Schüler Rabbi Sussja: "Die zehn Grundsätze des Dienstes kann ich dich nicht lehren. Aber du magst zu einem kleinen Kind und zu einem Dieb in die
Lehre zu gehen.
Drei Dinge wirst du von dem Kinde lernen:
es ist fröhlich, ohne eines Antriebes zu bedürfen;
keinen Augenblick verweilt es müßig;
und woran es Mangel hat, weiß es kräftig zu begehren.
In sieben Dingen wird dich der Dieb unterweisen:
er tut seinen Dienst in den Nächten;
erlangt er es nicht in einer Nacht, so wendet er die kommende dran;
er und seine Werkgenossen lieben einander;
er wagt sein Leben um ein Geringes;
was er erbeutet hat, gilt ihm so wenig, dass er es einfach hingibt;
er lässt Schläge und Plagen über sich ergehen, und es ficht ihn nicht an;
sein Handwerk gefällt ihm wohl, und er tauscht es für kein anderes ein."
Die Wonnen
Ein Zaddik erzählte: "Dem Rabbi Ahron von Karlin wollten sich die Wonnen aller Welten auftun, er aber schüttelte nur den Kopf. "Mögen es denn Wonnen sein", sagte er endlich, "aber erst will
ich mich um sie abrackern."
Selbstgefällig
Rabbi Mosche Teitelbaum erzählte: "Am Vorabend des neuen Jahres sah ich zum Fenster hinaus, da rannten die Leute ins Bethaus beten, und ich sah, dass die Furcht des Gerichtstags über ihnen
war. Und ich sagte zu mir: "Gott sei Dank, ich habe das ganze Jahr das Rechte getan, recht gelernt und recht gebetet, ich brauche nicht zu fürchten." Da zeigte man mir im Traum alle meine
guten Werke. Ich schaue und schaue: zerrissen, zerfetzt, zerschlagen! Und schon war ich wach. Von der Furcht erfasst, rannte ich ins Bethaus."
21.10.2015
Ei und Hühnchen
Rabbi Dow Bär von Mesnitsch war ein bekennender Nondualist. Er sagte: "Bevor ein Ei zu einem Hühnchen heranwachsen kann, muss es zuerst ganz aufhören, Ei zu sein. Jedes Ding muss seine
ursprüngliche Identität verlieren, bevor es etwas anderes werden kann. Bevor also etwas in etwas anderes transformiert wird, muss es auf die Ebene des Nichts kommen."
Verborgenheit
Rabbi Jechiel Meir von Gostynin war einmal zusammen mit Rabbi Chanoch von Alexander auf einer Hochzeit und teilte mit ihm ein Gästezimmer. Am Hochzeitabend ließ Rabbi Chanoch sich als
Spaßmacher sehen und hören - was ihn in des Zimmernachbar Achtung nicht gerade erhob.
In der Nacht aber merkte Jechiel Meir, wie Chanoch leise aufstand und, sich unbeobachtet wähnend, in den Vorraum begab. Jechiel Meir horchte hin. Er hörte ein Flüstern, das ihm ans Mark
griff. Wie noch nie gehört, drangen ihm die geflüsterten Psalmenversen ans Ohr. Als Chanoch zurückkam, stellte Jechiel Meir sich schlafend. Am nächsten Tag ließ der Rabbi Chanoch wieder alle
seine Künste spielen. Er erzählte die lustigen Streiche eines Diebes mit solcher Anschaulichkeit, dass die gesamte Hochzeitgesellschaft sich vor Lachen am Boden wälzte.
Verwirrt starrte Rabbi Jechiel Meir ihn an: war das derselbe Mann, dessen Andacht er nachts vorher belauscht hatte? Da warf jener, mitten im wildesten Scherz, den Kopf herum und blickte ihm
in die Augen. Was Jechiel Meir in der Nacht gehört hatte, eben das sah er nun vor sich, und es war an ihn gerichtet. Er erbebte.
Der Getreue
In der Schrift wird erzählt: Die Dienstengel sprachen einst zu Gott: "Du hast Mose gestattet zu schreiben, was er schreiben will - da wollte er doch bestimmt zu den Leuten sagen: "Ich habe
euch die Lehre gegeben!"
"Nicht doch", erwiderte ihnen Gott, "aber täte er es, er wäre mir getreu."
Rabbi Jizchak von Worki wurde von seinen Schülern befragt, wie dies zu verstehen sei. Er antwortete mit einem Gleichnis: "Ein Kaufmann wollte auf Reisen gehen. Vorher nahm er sich einen
Gehilfen und stellte ihn in den Laden. Er selbst hielt sich zumeist in der angrenzenden Stube auf. Von da an hörte er im ersten Jahr zuweilen, wie der Gehilfe zu einem Käufer sagte: "So
billig kann es der Herr nicht her geben." Der Kaufmann reiste nicht.
Im zweiten Jahr vernahm er mitunter von nebenan: "So billig können wir es nicht hergeben." Er verschob die Reise noch einmal.
Aber im dritten Jahr hieß es: "So billig kann ich es nicht hergeben." Da trat er seine Reise an."
20.10.2015
Das Ziel
Rabbi Nachman von Brazlaw, der Urenkel von Baal-schem-tow, sagte zu seinen Schülern: "Egal wie hoch man kommt, es gibt immer eine weitere Stufe. Deshalb wissen wir nie irgend etwas und
erreichen doch nicht das wahre Ziel. Dies ist eine sehr tiefe und geheimnisvolle Vorstellung."
Nichts
Rabbi Nachman ermahnte seine Chassidim: "Wir müssen jeden Wunsch nach Reichtum, intellektuellem Wissen, Schönheit und anderem Besitz aufgeben. Weltliche Vergnügungen sind wie Sonnenstrahlen
in einem dunklen Raum. Sie sehen vielleicht aus, als stünden sie fest, aber wer einen Sonnenstrahl zu fassen versucht, hat nichts in der Hand."
Konzentrierter Geist
Der Brazlawer Rabbi ließ nicht ab, die Kräfte des konzentrierten Geistes zu preisen: "Wer nicht meditiert, kann auch keine Weisheit haben. Er mag gelegentlich in der Lage sein, sich zu
konzentrieren, aber nicht über eine nennenswerte Zeit hinweg. Sein Konzentrationsvermögen
bleibt schwach und kann nicht aufrechterhalten werden. Wer nicht meditiert, der merkt auch die Torheit der Welt nicht. Aber einer, dessen Geist entspannt und durchdringend ist, der kann
sehen, dass alles eitel ist."
18.10.2015
Das Rad und das Pünktlein
Rabbi Jizchak Meir erzählte: "Wenn einer Führer wird, müssen alle nötigen Dinge da sein, ein Lehrhaus und Zimmer und Tische und Stühle, und einer wird Verwalter, und einer wird Diener und so
fort. Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innerste Pünktlein heraus, aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter, nur das innerste Pünktlein fehlt." Der
Rabbi hob die Stimme: "Aber Gott helfe uns: man darf es nicht geschehen lassen!"
Den Vätern nachtun
Ein Schüler fragte den Zloczower Rabbi: "Es heißt, dass jeder in Israel verpflichtet ist, zu sprechen: "Wann wird mein Werk an die Werke meiner Väter Abraham, Isaak und Jakob reichen?" Wie
ist das zu verstehen? Wie dürfen wir uns erkühnen zu denken, dass wir es den Vätern gleichzutun vermöchten?"
Der Rabbi erklärte: "Wie die Väter neuen Dienst stifteten, jeder einen neuen Dienst nach seiner Eigenschaft, der eine den der Gnade, der andere den der Liebe, der dritte den der Demut, so
sollen wir, ein jeder von uns nach seiner eigenen Art, im Licht der Lehre und des Dienstes Erneuerung stiften und nicht Getanes tun, sondern noch zu Tuendes."
Verführungen
Rabbi Jechiel Michal von Zloczow sprach. "Wie der böse Trieb den Menschen zur Sünde zu verführen sucht, so sucht er ihn zu verführen, dass er allzu gerecht werde."
Der Faden der Gnade
Der Vater von Rabbi Jizchak Eisik von Zydachow fragte seinen Sohn: "Wie verstehst du das Wort unserer Weisen: "Wer sich bei Nacht mit der Lehre befasst, zu dem zieht Gott bei Tag einen Faden
der Gnade hin?" Wir stehen doch immer mitternachts auf und befassen uns mit der Lehre, und doch sind wir bei Tag in großer Not und Bedrängnis. Wo ist da der Faden der Gnade?"
Der Rabbi antwortete: "Vater, dass wir dennoch, ohne der Bedrängnis zu achten, Mitternacht um Mitternacht aufstehen und uns mit der Lehre befassen, eben das ist der Faden der Gnade."
17.10.2015
Sünde und Schwermut
Ein Chassid klagte dem Lubliner Rabbi, dass er von bösen Lüsten geplagt werde und darüber in Schwermut gefallen sei. Der Rabbi sagte ihm: "Hüte dich über alles vor der Schwermut, denn sie ist
schlimmer und verderblicher als die Sünde.
Was der böse Geist im Sinn hat, wenn er die Lüste im Menschen weckt, ist nicht, ihn in die Sünde, sondern ihn durch die Sünde in die Schwermut fallen zu lassen."
Kennen
Rabbi Levi Jizchak von Berditschew und sein Schüler Ahron waren auf einer Reise und gasteten unterwegs in Lisensk bei dem großen Rabbi Elimelech. Als der Berditschewer weiterfuhr, blieb sein
Schüler in Lisensk, setzte sich in die "Klaus", das Bet- und Lehrhaus Rabbi Elimelechs, und lernte, ohne ihm etwas davon gesagt zu haben. Als der Zaddik am Abend hin kam, bemerkte er ihn.
"Warum bist du nicht mit deinem Lehrer abgereist?" fragte er.
"Meinen Rabbi", antwortete Ahron, "kenne ich schon, und so bin ich hier geblieben, um auch Euch kennenzulernen." Rabbi Elimelech trat dich auf ihn zu und fasste ihn am Rock. "Deinen Rabbi
meinst du zu kennen? rief er, "du kennst noch nicht einmal seinen Rock!"
(Das gilt, meiner Meinung nach, auch für Wissen, Können, Tun, Gelingen...)
Der Eilige
Der Berditschewer Rabbi sah einen auf der Strasse eilen, ohne rechts und links zu schauen. "Warum rennst du so?" fragte er ihn.
"Ich gehe meinem Erwerb nach", antwortete der Mann.
"Und woher weißt du", fuhr der Rabbi fort zu fragen, "dein Erwerb laufe vor dir her, dass du ihm nachjagen musst? Vielleicht ist er dir im Rücken, und du brauchst nur innezuhalten, um ihm zu begegnen, du aber fliehst vor ihm."
15.10.2015
Flickarbeit
Ein Chassid des Rabbi Jaakob Jizchak von Lublin fastete einmal von Sabbat zu Sabbat. Am Freitagnachmittag überkam ihn so grausamer Durst, dass er meinte, sterben zu müssen. Da erblickte er
einen Brunnen, ging hin und wollte trinken. Aber sogleich besann er sich, um einer kleinen Stunde willen, die er noch zu ertragen hatte, würde er das ganze Werk dieser Woche vernichten. Er
trank nicht und entfernte sich vom Brunnen. Stolz flog ihn an, dass er die schwere Probe bestanden habe. Wie er dessen inne ward, sprach er zu sich: "Besser, ich gehe hin und trinke, als dass
mein Herz dem Hochmut verfällt." Er kehrte um und trat an den Brunnen. Schon wollte er sich darüberneigen, um Wasser zu schöpfen, da merkte er, dass der Durst von ihm gewichen war. Nach
Sabbatanbruch betrat er das Haus seines Lehrers. "Flickarbeit!", rief ihm der an der Schwelle zu.
Des Königs Haus
Der Rabbi Israel von Rizin erzählte: "Zwei Menschen kamen in den Königspalast. Der eine verweilte in jedem Saal, betrachtete mit kundigem Blick die Prunkstoffe und Kleinodien und konnte sich
nicht sattsehen. Der andere ging durch die Säle und wusste nur: Das ist des Königs Haus, das ist des Königs Gewand, noch ein paar Schritte, und ich werde meinen Herrn König schauen."
Fremde Gedanken
Einer bat den Rabbi Jaakob Jizchak von Lublin um Hilfe gegen die fremden Gedanken, die ihn beim Beten bedrängten. Der Rabbi deutete ihm an, wie er sich verhalten solle, aber der Mann
setzte ihm immer wieder zu und wollte sich nicht abfertigen lassen. Endlich sagte der Rabbi: "Ich weiß nicht, warum du mir in einem fort von fremden Gedanken vorjammerst. Wer heilige Gedanken
hat, zu dem kommt zuweilen ein unreiner, und den nennt man dann einen fremden. Aber du - es sind doch deine eigenen gewohnten Gedanken: wem willst du sie zuschreiben?"
14.10.2015
Die Wegsuche
Der Rabbi Chajim von Zans erzählte einmal: "Es hat sich einst einer im tiefen Wald verirrt. Nach einer Zeit verirrte sich ein zweiter und traf auf den ersten. Ohne zu wissen, wie es dem
ergangen war, fragte er ihn, auf welchem Weg man hinausgelange.
"Den weiß ich nicht", antwortete der erste, "aber ich kann dir die Wege zeigen, die nur noch tiefer ins Dickicht führen, und dann lass uns gemeinsam nach dem Wege suchen."
"Gemeinde!", so schloss der Rabbi Chajim seine Erzählung, "suchen wir gemeinsam den Weg!"
Das Leiden
Einer, der von schwerem Siechtum heimgesucht war, klagte Rabbi Israel von Rizin, das Leiden verstöre ihm das Lernen und Gebet.
Der Rabbi legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: "Woher weißt du denn, Freund, was Gott wohlgefälliger ist, deine Lehre oder dein Leid?"
"Triebe brechen"
Ein junger Mann gab dem Riziner ein Bittzettel, auf dem stand, Gott möge ihm beistehen, damit es ihm gelinge, die Bösen Triebe zu brechen.
Der Rabbi sah ihn lachend an: "Triebe willst du brechen? Rücken und Lenden wirst du brechen, und einen Trieb wirst du nicht brechen. Aber bete, lerne, arbeite im Ernst, dann wird das Böse an
deinen Trieb von selbst verschwinden."
13.10.2015
Das missratene Gewand
Einem Schneider, der für die Frau eines hohen Offiziers ein kostbares Kleid zu machen hatte, war es zu knapp geraten, und er war mit Schimpf aus dem Haus gejagt worden. Er kam zu Rabbi Mosche
von Kobryn und bat ihn, ihm zu sagen, was er tun solle, um nicht seine adlige Kundschaft zu verlieren.
"Geh nochmals hin," sagte der Zaddik, "und mache dich erbötig, das Kleid umzuarbeiten. Dann trenne es auf und setze die Stücke, so wie sie sind, wieder richtig zusammen."
Der Mann tat so, verrichtete bang und demütig die Arbeit noch einmal, die er in stolzer Sicherheit verpfuscht hatte, und es geriet. Diese Geschichte pflegte Rabbi Mosche sehr gern zu
erzählen.
Wie ein Gefäß
Rabbi Heschel von Apta sprach: "Der Mensch soll wie ein Gefäß sein, das willig empfängt, was sein Eigentümer drein gießt, sei es Wein, sei es Essig."
Die Wahl
"Könnten wir," sagte einmal Rabbi Nachum von Stepinescht zu den Chassidim um ihn, "unsere Leiden an den Nagel hängen, und stünde es uns frei, die zu wählen, die uns am besten gefielen, jeder
holte sich die seinen wieder, denn alle anderen würden ihn noch schlimmer bedünken."
12.10.2015
Bescheidung
Der Rabbi Chajim von Zans pflegte zu erzählen: "In meiner Jugend, als mich Gottesliebe entzündete, meinte ich, ich würde die ganze Welt zu Gott bekehren. Aber bald verstand ich, es würde
genug sein, wenn ich die Leute meiner Stadt bekehrte, und ich mühte mich lang, doch wollte es mir nicht gelingen. Da merkte ich, dass ich mir immer noch zu viel vorgenommen hatte, und ich
wandte mich meinen Hausgenossen zu.
Es ist mir nicht geglückt, sie zu bekehren. Endlich ging es mir auf: mich selbst will ich zurecht schaffen, dass ich Gott in Wahrheit diene. Aber auch diese Bekehrung habe ich nicht zustande
gebracht."
Der vollkommene Schwimmer
Als der Sohn von Rabbi Schlomo Löb von Lentschno noch ein Knabe war, sah er einst Rabbi Jizchak von Worki beten. Voller Verwunderung kam er zum Vater gelaufen und fragte ihn, wie das zugehe,
dass solch ein Zaddik ganz ruhig und schlicht ohne alle Äußerungen der Verzückung bete.
"Wer nicht gut schwimmen kann", antwortete der Vater, "muss sich heftig bewegen, um sich über Wasser zu halten. Der vollkommene Schwimmer legt sich auf die Flut und sie trägt ihn."
Das Wichtigste
Bald nach dem Tode Rabbi Mosches von Kobrun wurde einer seiner Schüler gefragt: "Was war für euren Lehrer das Wichtigste?"
Er besann sich, dann gab er zu Antwort: "Womit er sich gerade abgab."
11.10.2015
Zwei Taschen
Rabbi Bunam sprach zu seinen Schülern: "Jeder von euch muss zwei Taschen haben, nach bedarf in die eine oder andere greifen zu können: in der rechten liegt das Wort: "Um meinetwillen ist die
Welt erschaffen worden", und in der linken: "Ich bin Erde und Asche."
Das Schauspiel und der Zettel
Als Rabbi Bunam noch ein Holzhändler war, fragten ihn in Danzig etliche Kaufleute, warum er, der im Schrifttum so bewandert sei, zu den Meistern, den Zaddikim, fahre: was könnten sie ihm
sagen, was er nicht ebensogut aus seinen Büchern erfahre? Er gab ihnen Antwort, aber sie verstanden ihn nicht. Am Abend forderten sie ihn vergeblich auf, mit ihnen ins Schauspiel zu gehen.
Als sie heimkamen, erzählten sie ihm, sie hätten vieles Wunderbare gesehen.
"Die wunderbaren Dinge kenne ich auch", sagte er, "ich habe den Zettel gelesen."
"Danach", beschieden sie ihm, "könnt ihr wirklich nicht etwas davon wissen, was wir mit unseren Augen gesehen haben." "So eben verhält es sich", sprach er, "mit den Büchern und den
Zaddikim."
Das rechte Kind
Nach einem Sabbatmahl, bei dem viele Hausväter zugegen waren, sprach Rabbi Jaakob Jizchak von Pzysha: "Ach, ihr Leute! Fragt man einen von euch, weswegen er sich auf Erden mühe, antwortet ein
jeder: "Um meinen Sohn groß zu ziehen, dass er lerne und Gott diene." Und ist der Sohn herangewachsen, vergisst er, weswegen sich sein Vater auf Erden mühte, und müht sich gleichermaßen, und
fragst du ihn nach dem Zweck der Plage, dann sagt er zu dir: "Ich muss doch
meinen Sohn zu Lehre und zu guten Werken großziehen." Und so geht es, ihr Leute, von Geschlecht zu Geschlecht.
Aber wann wird man endlich das rechte Kind zu sehen bekommen?"
10.11.2015
Die Frucht der Kasteiung
Einer fragte Rabbi Bunam: "Ich habe Mal um Mal mich kasteit und alle Regeln erfüllt, der Prophet Elia ist mir noch nicht erschienen."
Zur Antwort erzählte ihm der Zaddik: "Der heilige Baalschem begab sich einmal auf eine weite Reise. Er mietete ein Zweigespann, setzte sich in den Wagen und sprach den Namen. Sogleich sprang
der Weg mit Macht den anziehenden Pferden entgegen, und kaum haben sie sich in Trab gesetzt, waren sie schon an der ersten Herberge und wussten nicht, wie ihnen geschah. Hier pflegten sie
gefüttert zu werden. Aber noch hatten sie sich nicht recht besonnen, als schon die zweite Herberge an ihnen vorbeistürmte. Schließlich verfielen die Tiere auf den Gedanken, sie seien offenbar
Menschen geworden und würden erst am Abend in der Stadt, wo übernachtet würde, Nahrung erhalten. Als aber der Wagen auch am Abend nicht anhielt, sondern von Stadt zu Stadt weiter flog, kamen
die Pferde überein, es sei nicht anders möglich, als dass sie in Engel verwandelt worden seien und weder Essens noch Trinkens mehr bedürften. Da hielt der Wagen am Ziel, sie kamen in den
Stall, kriegten ein Maß Hafer vorgeschüttet und stießen die Mäuler hinein wie ausgehungerte Pferde."
"Solang es dir ebenso ergeht," sagte Rabbi Bunam, "tätest du gut, dich zu bescheiden."
Der Trauring
Rabbi Bunam lehrte: "Wie wenn einer alles zur Hochzeit vorbereitet hat und hat vergessen, den Trauring zu kaufen, so wer sich ein langes Leben lang gemüht hat und hat vergessen, sich selber
zu heiligen - zuletzt ringt er die Hände und verzehrt sich."
Selbstgefühl
Rabbi Chanoch von Alexander erzählte: "Im Hause meines Lehrers, des Rabbi Bunam, war es der Brauch, dass am Vorabend des Versöhnungstags alle Chassidim zu ihm kamen und sich ihm in Erinnerung
brachten. Einmal, nachdem ich die Abrechnung der Seele vollzogen hatte, schämte ich mich, mich vor ihm sehen zu lassen. Dann beschloss ich aber, mitten unter den anderen zu kommen, mich ihm
in Erinnerung zu bringen und sogleich eilends von dannen zu gehen. Das tat ich auch. Sowie er mich aber zurücktreten sah, rief er mich zu sich heran. Alsbald schmeichelte es meinem Herzen,
dass der Rabbi mich anschauen wollte. In demselben Augenblick jedoch, als es meinem Herzen schmeichelte, sagte er zu mir. "Es ist nicht mehr nötig."
9.11.2015
Die widerspenstige Ehre
Einer sagte zu Rabbi Bunam: "An mir hat sich erwiesen, dass nicht wahr ist, was gesagt wird: wer vor der Ehre fliehe, dem jage sie nach, wer ihr nachjage, den fliehe sie. Denn ich bin ihr mit
rechtem Fleiß davon gerannt, sie hat aber nicht einen Schritt getan, um mich einzuholen."
"Offenbar", erwiderte der Rabbi, "hatte sie bemerkt, dass du dich umsahst, und fand nun am Spiel keinen Reiz mehr."
Der gefällige Traum
Ein ehrsüchtiger Mann kam zu Rabbi Bunam und erzählte ihm, sein Vater erscheine ihm im Traum und spreche: "Ich gebe dir kund, dass du zum Führer bestimmt bist." Der Zaddik nahm die Erzählung
schweigend hin. Bald darauf kam der Mann wieder und berichtete, der Traum habe sich wiederholt.
"Ich sehe", sagte Rabbi Bunam, "dass du zur Führerschaft bereit bist. Kommt dein Vater noch einmal, so antworte ihm, du seist bereit zu führen, aber er möchte nun auch den Leuten erscheinen,
die von dir geführt werden sollen."
Das Zeichen der Vergebung
"Woran erkennen wir wohl", fragte Rabbi Bunam seine Schüler, "in diesem Zeitalter ohne Propheten, wann uns eine Sünde vergeben ist?"
Die Schüler gaben mancherlei Antwort, aber keine gefiel dem Rabbi. "Wir erkennen es daran", sagte er, "dass wir die Sünde nicht mehr tun."
8.11.2015
Die große Schuld
Rabbi Simcha Bunam von Pzysha sprach zu seinen Chassidim: "Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht - die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering! Die große
Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut."
Götzenopfer
Man fragte Rabbi Bunam: "Was ist mit Götzenopfer gemeint? Es ist doch undenkbar, dass ein Mensch einem Götzen Opfer darbringt!"
Er sagte: "So will ich euch ein Beispiel geben. Wenn ein frommer und gerechter Mann mit den anderen bei Tisch sitzt und würde gern noch etwas mehr essen, aber seines Ansehens bei den Leuten
wegen verzichtet er darauf, das ist Götzenopfer."
Die eitle Abgeschiedenheit
Man erzählte Rabbi Bunam von einem in der Abgeschiedenheit lebenden Mann. "Mancher", sagte er, "zieht sich in die Wildnis zurück und blinzelt durchs Gestrüpp, ob ihn keiner aus der Ferne
bewundert."
7.10.2015
Woche und Sabbat
Einmal sagte Rabbi Menachem Mendel von Kozk zu Rabbi Jizchak Meir von Ger: "Ich weiß nicht, was wollen sie von mir! Die ganze Woche tut jeder, was er will, und wenn Sabbat kommt, zieht sich
jeder den schwarzen Talar an und legt den schwarzen Gürtel drum und setzt den schwarzen Pelzhut auf und ist schon auf du und du mit Gott! Ich aber sage: wie sein Wochenwerk, so sein
Sabbatwerk."
Heiligkeit
Es steht geschrieben(Exodus): "Heilige Menschen sollt ihr mir sein."
Der Kozker übertrug: "Menschlich heilig sollt ihr mir sein."
Der Narr und der Kluge
Rabbi Simcha Bunam von Pzysha sprach einmal: "Wenn ich kunstreiche Schriftdeutungen vorbringen wollte, könnte ich vieles zu besten geben. Aber der Narr sagt, was er weiß, der Kluge weiß, was
er sagt."
6.10.2015
Die Grundsätze
Rabbi Mendel von Kozk sprach einmal zur Gemeinde: "Was begehre ich denn von euch! Drei Dinge nur: aus sich nicht herausschielen, in den anderen nicht hineinschielen und sich nicht
meinen."
Du sollst nicht stehlen
Als Rabbi Jechiel Meir von Gostynin einmal am Offenbarungsfest bei seinem Lehrer in Kozk gewesen war und heimkam, fragte ihn sein Schwiegervater: "Nun, hat man bei euch die Offenbarung anders
empfangen als anderswo?"
"Gewiss", antwortete er.
"Was soll das bedeuten?" fragte jener.
"Wie versteht man bei euch zum Beispiel: Du sollst nicht stehlen?" fragte Rabbi Jechiel zurück.
"Nun eben", sagte sein Schwiegervater, "man soll seinen Mitmenschen nicht bestehlen."
"Das braucht man uns nicht mehr gebieten", sprach Rabbi Jechiel, "in Kozk erklärt es unserer Rabbi so: Man soll sich selber nicht bestehlen."
Das Gebrechen
Einer kam zum Rabbi Mendel von Kozk und brachte sein Leidwesen vor: "Die Leute nennen mich
einen Frömmler. Was ist das für ein Gebrechen, das sie mir zuschreiben? Warum ein Frömmler
und nicht ein Frommer?"
"Der Frömmler", erwiderte der Rabbi, "macht aus der Hauptsache der Frömmigkeit eine Nebensache und aus ihrer Nebensache die Hauptsache."
5.10.2015
Wie der Ochs
Ein Chassid klagte dem Rabbi Jizchak Meir von Ger: "Ich habe mich bemüht und abgemüht, und doch ergeht es mir nicht wie dem Meister eines Handwerks. Dem tut sich nach zwanzig Jahren Arbeit
doch irgendein gutes Zeichen an seinem Werke kund: dass es schöner als einst gelingt oder schneller als einst gerät.
Ich aber , wie ich vor zwanzig Jahren gebetet habe, so bete ich heut und sehe gar nichts.
Der Zaddik antwortete: " Der Mensch nehme die Lehre und Dienst an Gott auf sich wie der Ochs sein Joch und der Esel seine Last. Sieh, wie der Ochs des Morgens aus dem Stall aufs Feld geht und
pflügt und heimgeführt wird, und so Tag um Tag, und nichts ändert sich ihm, aber das gepflügte Feld bringt seine Früchte."
Der schöne Tod
Bald nach dem Tode eines Zaddiks, der ein Freund von Rabbi Mendel von Worki gewesen war, kam ein Chassid zum Rabbi und berichtete ihm, dass er dem Sterben beigewohnt hatte.
"Wie war es?" fragte Rabbi Mendel.
"Sehr schön", sagte der Chassid, "wie wenn man aus einer Stube in die andere geht."
"Aus einer Stube in die andere?" versetzte Rabbi Mendel, "nein, aus einem Winkel der Stube in den anderen."
Götzendienst
Der Rabbi Mendel von Kozk sprach: "Wenn ein Mensch ein Gesicht macht vor einem Gesicht, das kein Gesicht ist, das ist Götzendienst."
4.10.2015
Wo wohnt Gott
Als Rabbi Jizchak Meir von Ger ein kleiner Junge war, brachte ihn seine Mutter zum Rabbi Israel von Kosnitz, einem weisen Zaddik. Ein Schüler vom Rabbi fragte den Jungen: "Jizchak Meir, ich
gebe dir einen Gulden, wenn du mir sagst, wo Gott wohnt."
Der Knabe antwortete: "Und ich gebe dir zwei Gulden, wenn du mir sagen kannst, wo er nicht wohnt."
Das Motiv
Man fragte den Rabbi von Ger: "Was bedeutet es, dass Gott Kain fragt, warum sein Antlitz gefallen sei? Wie sollte es nicht gefallen sein, da Gott seine Gabe nicht angenommen hatte?"
Er antwortete: "Gott fragt Kain: "Warum ist dein Antlitz gefallen? Weil ich deine Gabe nicht angenommen habe, oder weil ich die Gabe deines Bruders angenommen habe?"
Angst vor dem Tod
Der Gerer Rabbi sprach einmal: "Warum ängstigt der Mensch sich vor seinem Tode? Er geht doch zu seinem Vater! Der Mensch ängstigt sich vor dem Augenblick, wo er von drüben alles überschaut,
was sich hier mit ihm begeben hat."
3.10.2015
Gar nichts
Man fragte Rabbi Ahron von Karlin, was er bei seinem Lehrer, dem Rabbi Dow Bär von Mesritsch, gelernt habe.
"Gar nichts", sagte er. Und als man ihn bat, dass zu erklären, fügte er hinzu. "Das Garnichts habe ich gelernt. Den Sinn des Garnichts habe ich gelernt. Ich habe gelernt, dass ich gar nichts
bin und dass ich doch bin."
Beim Mahl der sieben Hirten
An den Tisch von Rabbi Levi Jizchak von Berditschew kam öfters ein einfacher, ungelehrter Mann,
der von der Schülerschar mit abweisenden Blicken betrachtet wurde, weil er gar nicht zu fassen vermöge, was aus des Rabbis Munde kommt. Und was will der Pechsieder unter den
Salbenreibern?
Da aber dieser Mann in seiner guten Einfalt die Haltung der Schüler nicht bemerkte oder auch sich nicht durch sie anfechten ließ, sprachen sie endlich der Ehefrau des Zaddiks zu, sie möchte
den Tölpel hinwegweisen.
Sie wollte dies nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes tun. So legte sie ihm Bedenken und Bitte der Schüler vor.
Der Rabbi antwortete: "Wenn einst in der kommenden Welt die sieben Hirten beim heiligen Gelage sitzen, Adam, Set, Metuselah zur Rechten, Abraham, Jakob, Mose zur Linken, David in der
Mitte,
und ein armer Unwissender, Levi Jizchak von Berditschew, hinzutritt, dann glaube ich daran,
dass sie dem Tölpel gar noch freundlich zunicken."
Die Frage der Fragen
Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja von Annipole: " In der jenseitigen Welt wird man mich nicht fragen - "Warum bist du nicht Mose gewesen?", man wird mich fragen. "Warum bist du nicht Sussja
gewesen?"
2.10.2015
Gottes Wohnung
"Wo wohnt Gott?" Mit dieser Frage überraschte Rabbi Mendel von Kozk einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren.
Sie lachten über ihn: "Wie redet Ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!"
Er aber beantwortete die eigene Frage: "Gott wohnt, wo man ihn einlässt."
Die Sorge
Ein Chassid klagte dem Rabbi Mendel seine Armut und Bedrängnis.
"Sorge nicht", beschied ihm der Rabbi. "bete mit deinem ganzen Herzen zu Gott, und der Herr des Erbarmens wird sich deiner erbarmen."
"Ich weiß aber nicht", redete jener Chassid, "wie ich beten soll."
Mit aufwallendem Mitgefühl sah ihn der Kozker Rabbi an.
"Da hast du freilich", sprach er, "eine große Sorge."
Im Pelz
Der Kozker sagte einmal von einem berühmten Rabbi: "Das ist ein Zaddik im Pelz."
Die Schüler fragten, wie das zu verstehen sei.
"Nun", erklärte er, "einer kauft sich im Winter einen Pelz, ein andrer kauft Brennholz. Was ist der Unterschied zwischen ihnen? Jener will nur sich, dieser auch anderen Wärme spenden."
1.10.2015
Aus dem Netz
Zum Psalmvers: "Meine Augen stets zu dem Herrn hin, denn er holt aus dem Netz meine Füße",
sagte Rabbi Pinchas von Korez: "Wie wenn der Vogelsteller Speise ins Netz auslegt, und sobald der Vogel kommt, dran zu picken, zieht er den Strick an und fängt ihn den Fuß, so legt der böse
Trieb vor den Menschen all das Gute hin, das dieser vollbracht hat - Lernen, Wohltun und allerhand fromme Handlungen, um ihn im Netz des Hochmuts zu fangen. Ist dies aber ihm geglückt, dann
vermag der Mensch so wenig sich zu befreien wie der gefangene Vogel. Nun kann ihn nichts mehr retten als Hilfe Gottes."
Wonach man jagt
Rabbi Pinchas pflegte zu sagen: "Wonach man jagt, das bekommt man nicht. Aber was man werden lässt, das fliegt einem zu. Schneide einem großen Fisch den Bauch auf, da liegen die kleinen
Fische mit dem Kopf nach unten."
Mehr lieben
Rabbi Pinchas und seine Schüler haben, wenn von feindlich gesinnten Menschen die Rede war,
sich auf den Rat berufen, den der Baalschem einst dem Vater eines rebellierenden Sohnes gegeben hatte: er solle ihn mehr lieben.
"Wenn du siehst", sagten sie, "dass einer dir nicht gut gesinnt ist und dir Leid zufügt, sollst du dich stark machen und ihn mehr lieben als zuvor. Dadurch allein kannst du ihn zur Umkehr
bringen."
30.9.2015
Schön reden
Ein gelehrter Mann, der einst Sabbatsgast an Rabbi Baruch von Mesbiz Tisch war, sagte zu ihm:
"Lasst uns nun Worte der Lehre hören, Rabbi, Ihr redet so schön!"
"Ehe dass ich schön rede", antwortete der Enkel des Baalschem, "möge ich stumm werden!"
Die zwei Dochte
Rabbi Baruchs Enkel, der junge Israel, pflegte beim beten sich heftig zu bewegen und aufzuschreien.
Da sprach er zu ihm: "Mein Sohn, besinne dich auf den Unterschied zwischen einem Docht aus
Baumwolle und einem Docht aus Flachs. Der eine brennt still dahin, der andre knistert.
Glaub mir: eine einzige wahre Bewegung, und sei es der kleinen Zehe, ist genug."
Die zwiefältige Welt
Rabbi Baruch sprach einmal: "Was für eine gute und lichte Welt ist das doch, wenn man sich nicht
an sie verliert. Und was für eine finstere Welt ist das doch, wenn man sich an sie verliert!"
29.9.2015
Der wahre Weise
Einmal stand Rabbi Chajim von Sandez am Fenster und blickte auf die Gasse.
Da sah er einen Mann vorübergehen, klopfte an die Scheibe und bedeutete ihm, einzutreten.
Als jener im Zimmer war, fragte ihn Rabbi Chajim: "Sag mir, wenn Du einen Beutel mit Gold fändest,
würdest Du ihn seinem Besitzer zurückerstatten?"
Der Mann antwortete: "Gewiss würde ich den Fund ohne Verzug dem Eigentümer übergeben!"
Da sprach der Rabbi: "Du bist ein Tor!"
Wieder stellte er sich ans Fenster, rief einen anderen Vorübergehenden herein und legte ihm die gleiche Frage vor.
Der Mann sagte: "Ich bin doch kein Narr, dass ich einen Geldbeutel, der mir zugefallen ist, wieder aus der Hand gäbe!"
"Du bist ein Bösewicht!" rief der Rabbi und hieß einen dritten Mann hereinkommen.
Auf dieselbe Frage antwortete er: "Rabbi wie kann ich jetzt wissen, auf welcher Stufe ich dann stehen würde? Ob es mir gelingen würde, des bösen Triebes Herr zu werden? Vielleicht würde er
mich besiegen und ich würde mir das fremde Geld aneignen; vielleicht aber würde mir Gott beistehen und ich würde das Gefundene dem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben."
Da sagte der Rabbi: "Wie schön sind deine Worte, Du bist der wahre Weise."
Das Gebet
Als Rabbi Mendel von Witebsk ins Heilige Land kam, schrieb er seinen Freunden in der russischen Heimat: "Ich pflegte mir beständig zu wünschen, dass mir Gott helfen möge, wenigstens EIN
Gebet
in wahrer Andacht sprechen zu können. Hier aber, da mich die Luft des Heiligen Landes anwehte, erfuhr ich, dass der Mensch froh und glücklich sein müsste, wenn er ein einziges Wort richtig
aussprechen könnte."
Demut
Rabbi Jeshoschua ben Levi erklärte, die Bescheidenheit sei über allem. Das sicherste Mittel, sich vor bösen Reden zu bewahren und keine Genugtuung zu suchen, sei die Demut. Der Ausklang
dieser edlen Eigenschaft ist das liebevolle Güte, mildes Verstehen und aufrichtiges Verzeihen.
Er sagte: "Sei nicht , wie der obere Balken, den kein Mensch erreichen kann, sondern wie eine Schwelle, die von jedem betreten wird und sich nicht rührt."
28.9.2015
Der Bessere
Es war Brauch des Rabbi Meir von Przemyschlany, mit dem Morgengebet nicht zu beginnen,
bis er sich den Glauben verschafft hatte, dass jeder Mitbetende besser sei als er selbst.
So groß war seine Demut.
Jeden Tag sah er sich im Bethaus um, fasste die Leute scharf ins Auge und stets glückte es ihm:
jeder war "besser" als er.
Aber an einem Tag war es anderes. Es kam irgendein Dickbauch aus Ungarn. Der hatte von den jüdischen Bräuchen keine Ahnung. Er gab dem Rabbi fünf Silbermünzen und schlicht und unwissend wie
er war, brachte er nur einen Wunsch vor, dass seine Schweinezucht gedeihen möge.
Als man zum Gebet versammelte, konnte Rabbi Meir mit dem Gebet nicht anfangen: im Betsaal war ein Mann, von dem er wusste, dass er selbst besser als der Andere sei!
Es währte lange. Er betete nicht. Ein Unbehagen erfasste die Gemeinde. Rabbi Meir legte das Haupt in die Hände und weinte. Plötzlich erhob er sich und sprach freudig: "... Und nun frage ich
Dich, heiliger Schöpfer der Welt: wenn Meir Schweine züchtete, würde es ihm noch einfallen, zu einem Rabbi zu fahren? Dieser Bauer kam aber aus weit entfernter Gegend, um sich mit mir im
Gebet vor Dir, oh Gott, zu vereinen."
Er war beglückt und leitete in dieser Stimmung das Gebet ein.
Gut und Böse
Rabbi Sussja von Annipole legte den Satz aus dem Ersten Buch Mose - "Von oben kommt nichts Böses"- so aus: "... Nur weil wir die tiefen Zusammenhänge nicht kennen, erscheint uns manches
Geschehen böse, widerspruchsvoll und verworren. Es gibt Ereignisse im Leben, die wie ein Unglück erscheinen. Erst später stellt sich das "Gute" heraus."
27.9.2015
Überhebung
Man erzählte dem Rabbi Simcha Bunam von Pzysha von einem Mann, der Tag für Tag
die Hälfte der Psalmen hersagte und darob sehr stolz war.
Da lachte der Rabbi Bunam und sprach: "Genau in der Mitte des Psalmenbuches steht geschrieben:
"Sie heuchelten ihm aber mit ihrem Munde, und mit ihrer Zunge logen sie ihm vor."
Und wenn er schon wegen des halben Buches Aufsehen macht, wie erst wenn er das ganze Buch hersagen würde?"
Der Husten
Bei seiner Krankheit hustete Rabbi Chajim von Sandez furchtbar. Die Ärzte verordneten ihm ein Heilmittel.
Da Rabbi Chajim Bedenken hatte, dass das Mittel aus verbotenen Stoffen zusammengesetzt sein könnte, wollte er es nicht einnehmen.
Sein Sohn, Rabbi Aron, drang aber in ihn, die Medizin zu nehmen und wies darauf hin, dass bei Lebensgefahr Genuss von solchen Mittel erlaub sei. Der Rabbi Chajim rief in Verzückung: "In der
Welt des göttlichen Ausflusses braucht man keine Heilmittel!"
"Fürwahr!" sagte Rabbi Aron, "da oben braucht man keine Heilmittel, aber dort wird auch nicht gehustet!"
Darauf erwiderte Rabbi Chajim: "Das Recht ist bei Dir, mein Sohn!" und ließ sich die Arznei reichen.
26.9.2015
Die Beschaffenheit
Einst sagte Rabbi Abraham Jehoschua von Apta: "Es ist eine Gnade Gottes, dass er sich jedem Menschen nach seiner Beschaffenheit und Wesensart offenbart. Würde er sich jedem in der ganzen
Herrlichkeit offenbaren, kein Mensch würde es aushalten können."
Das Gewissen
Ein Jude kam zu Rabbi Mosche von Ujhely und klagte, er werde von schrecklichen Träumen gequält. Nacht für Nacht wiederholte sich eine furchtbare Geschichte: es komme ihm so vor, dass er in
die Hölle geworfen werde, wo er große Qualen erleiden müsse.
Der Rabbi besann sich eine Weile und sprach: "Und ist dein Gewissen ruhig? Denke nach und prüfe Dich."
"Ich habe ein ruhiges Gewissen und bin mir keiner Schuld bewusst!"
"Sieh, das ist der große Irrtum, der Dich bedrückt, dass Du Dir einbildest, ein ruhiges Gewissen zu haben. Denn der Mensch muss sich überwinden und sich stets vorhalten, dass sein Gewissen
nicht ruhig ist, und dass er immerfort nach Vollkommenheit zu streben hat."
25.9.2015
Das Lämpchen
Rabbi Sussja von Annipole kam auf seiner Wanderung eines Nachts in ein Dorf und kehrte in einer Schenke ein. Die Hausleute schliefen schon, nur ein Mädchen saß bei einem kleinen Lämpchen und
besserte einen Pelz aus. Rabbi Sussja legte sich wie gewöhnlich neben dem Ofen. Bald hörte er, wie die Großmutter ihrem Enkelkind zurief: "Sarale, richte den Pelz, ehe das Lämpchen
erlischt!"
Rabbi Sussja griff an sein Haupt. "Ach, wie schön die Worte sind." Eine Erweckung kam über ihn. Er lief im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: "Ach, wie schön die Worte sind: Richte den
Pelz, ehe das Lämpchen erlischt..." Oft pflegte er sündhafte Leute mit diesem Ausspruch zur Umkehr und Buße zu ermahnen.
Hochmut und Falschheit
Die Frau von Rabbi Pinchas von Koretz kaufte einmal einen vergoldeten Becher.
Als der Rabbi den Becher erblickte, rief er seiner Frau erregt zu: "Seit wann sind im meinem Hause goldene Geräte?"
"Siehe", rechtfertigte sie sich, "es ist kein echter, sondern ein vergoldeter Messingbecher!"
"Dann", sprach er, "hast du nicht bloß Hochmut, sondern auch Lüge und Falschheit ins Haus gebracht!"
Er wollte den Becher nicht benutzen.
24.9.2015
Der Mensch
Rabbi Levi Jizchak von Berdytschew sagte einmal: "Leute bemitleiden einen Menschen, wenn sein Hab und Gut verbrannt ist. Sieht man aber seine Seele vom Feuer der Leidenschaft verzehrt, da
rührt dies niemand. Man bedenkt nicht, dass da der MENSCH verloren geht."
Ich
"Ich stehe zwischen Gott und Euch."
Rabbi Michal von Zlotschow sprach zu diesem Schriftsatz: "Nur das ICH, das Empfinden des eigenen Ich, ist die Scheidewand zwischen uns und Gott. Denn Gottes Herrlichkeit ruht nur auf
demjenigen, der sich für nichts hält."
Ich II
Rabbi Jakob Josef von Pollenoje hatte einen Gegner, der beständig darauf sann, wie er ihm ein Leid antun könnte. Als ihm der Gegner wieder einmal großes Unrecht zugefügt hatte, verlangten
seine Schüler, dass er über dem Bösewicht den Bann aussprechen solle: er müsse, behaupteten
sie, wenn er schon auf eigene Ehre verzichten wolle, sich der Ehre Gottes und der Thora annehmen.
Schon wollte der Zaddik den Bann verkünden als er sich plötzlich besann und zu sich selber sprach."Sag mal, Jakob Josef, nimmst du dich nur der Ehre Gottes und der Thora an? Vielleicht
ist es für die Verletzung, die dir angetan wurde?"
Der Bann wurde nicht ausgesprochen.
Er hatte die Kraft, sich seines "Ich" ganz zu entäußern
23.9.2015
Die kleine Hand
Durch Rabbi Nachman von Bratzlaw ist dieser Spruch seines Urgroßvaters, des Baal-schem-tow - des Gründers des Chassidismus, überliefert:
"Siehe, die Welt ist voll gewaltiger Lichter und Geheimnisse, und der Mensch verstellt sie sich mit seiner kleinen Hand".
Grenze des Rats
Die Schüler des Baalschem hörten von einem Mann als von einem Weisen reden. Einige unter ihnen wollten diesen dann aufsuchen, um seine Lehre zu erfahren.
Der Meister gab ihnen die Erlaubnis. Sie aber fragten ihn: "Und woran sollen wir erkennen, dass er ein wahrer Zaddik ist?"
"Erbittet von ihm einen Rat, wie ihr es anzufangen habt, damit die unheiligen Gedanken euch nicht mehr beim Beten und Lernen stören. Gibt er euch einen Rat, so wisst ihr, dass er der
Nichtigen einer ist. Denn das ist der Dienst des Menschen in der Welt bis zur Todesstunde, Mal um Mal mit dem Fremden zu ringen und es Mal um Mal einzuheben."